Lorenz Just – Am Rand der Dächer

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Lorenz Just – Am Rand der Dächer

1990er Jahre in Berlin. Andrej wächst mit seinen beiden Brüdern und den Eltern in einer Ost-Berliner Altbauwohnung auf. Gemeinsam mit seinem Freund Simon streif der Junge durch das Viertel und beobachtet die Veränderungen, die mit der Wende langsam auf bei ihnen ankommen. Häuser stehen leer, Menschen sind einfach gegangen und haben alles so stehen und liegen lassen, wie es gerade war. Dafür kommen jetzt Besetzer, die sich dort einrichten als sei dies das Natürlichste der Welt. Die Jungen werden älter und mutiger, die abendlichen und nächtlichen Streifzüge werden zu Einbrüchen, bei denen sie auch erfahren, dass das Leben in den heimischen vier Wänden ganz anders aussehen kann. Erste Liebe und große Träume. Amerika, das Sehnsuchtsland, aber weniger konkrete Vorstellungen denn mehr Phantasien, ein Land, das sie sich in ihren Gedanken erschaffen. Die Tage, Monate, Jahre fließen gleichförmig dahin und lassen sich bald schon nicht mehr unterscheiden.

Lorenz Just schildert in seinem Debütroman eine recht typische coming-of-age-Geschichte der 1990er Jahre. Die Eltern durch die großen Umwälzungen im Land selbst überfordert und mit sich beschäftigt, tauchen nur am Rande auf. Als die Kinder noch klein sind, gibt es noch die Angst, dass sie einfach verschwinden und in das andere Land gehen könnten, wie so viele andere, dann aber werden sie zunehmend unbedeutend für die Entwicklung. Die Freundschaften sind es, die Andrej und seinen Bruder Anton prägen, sowie der Traum von dem unbekannten Land, der sie immer weiter von den Eltern entfremdet, wie dies ohnehin in diesem Alter der Fall ist.

„Amerika blieb ein Phantom, das sich ewig entzog. Auf Breakdance und BMX folgte ein jämmerlicher Versuch, Graffiti zu sprühen. (…) Unser Amerika, dem wir mit Basketball, zu groß gekaufter Kleidung und Musik näher zu kommen versuchten, war eher der Modus, den wir uns erwählt hatten, um wir selbst zu bleiben.“

Ein Lebensgefühl von Freiheit einerseits, die jedoch auf die wenigen Straßen um die elterliche Wohnung begrenzt bleibt. Die Sehnsucht nach echter Freiheit, die sich in dem diffusen Traum von Amerika und der Hoffnung auf ein Austauschjahr dort scheinbar realisiert. So intensiv die Zeit erlebt wurde, so wenig ist jedoch von ihr hängengeblieben. Einzelne Episoden, darüber hinaus nur mehr ein nicht greifbares Gefühl, das jedoch immer geprägt war von einer großen Ich-Bezogenheit.

Rückblickend stellt der Erzähler fest, dass er quasi nichts von vielen Freunden wusste, obwohl sie Stunden täglich miteinander verbrachten; dass ihn die Magersucht der eigenen Freundin völlig überrascht hat, als wenn diese aus dem nichts auftauchen habe können; dass eine gespielte Coolness sie daran hinderte über das zu reden, was wichtig gewesen wäre. Ein recht resigniertes Fazit, das jedoch für mein Empfinden zu hart ist. Die Teenagerzeit ist nun einmal so, es ist nicht die Zeit, in der Jungs über Gefühle reden oder ihre Träume hinterfragen würden.

Genau hier liegt für mich die Stärke des Romans, er wirkt unglaublich authentisch und ist nah bei den Figuren. Trotz der rückblickenden Distanz des Erzählers urteilt er nicht über sie, sondern lässt sie genau das sein, was sie sind und das hat der Autor hervorragend eingefangen. Der Roman ist nicht urkomisch, wie es Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ bisweilen ist, auch nicht so traurig wie Carmen Buttjers Roman „Levi“, der eine ähnliche Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in einer Blase lebt, einer Zeit, die es so nie mehr geben wird und die er auch nie mehr erleben kann, die intensiv war, aber von der vieles nur noch bruchstückhaft in Erinnerung geblieben ist – genauso ist es, das Leben. Aber immerhin kann man über literarische Leben nochmals in diese Zeit der Sorglosigkeit und des Glaubens an die eigenen unbegrenzten Möglichkeiten eintauchen und das ermöglicht einem Lorenz Just auf ganz eindrucksvolle Weise.

Rudolf Ruschel – Ruhet in Friedberg

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Rudolf Ruschel – Ruhet in Friedberg

Die Provinz könnte so idyllisch sein, das ist es im österreichischen Friedberg aber nicht. Wobei, zunächst eigentlich schon, der Rebhansel Wirt kümmert sich um seine „Bier Allee“, der Pfarrer Geri um seine Schäfchen, Bestatter Macho und seine Adjutanten Gustl und Hubsi um die Leichen und die Freunde Andi und Fipsi helfen bei ihnen aus, wenn sie nicht grade Romane verfassen oder in der Bier Allee dem Alkohol frönen. Doch dann läuft plötzlich alles aus dem Ruder und am Ende ist fast das ganze Dorf ausgelöscht und Interpol muss das Chaos aufräumen.

Rudolf Ruschels Erstlingswerk ist eine Räuberpistole allererster Güte. Kuriose Figuren, eine gehörige Portion gemeiner Zufälle und ein liebreizender Erzähler, der den Leser langsam an die Geheimnisse der Bewohner heranführt verschmelzen zu einem durchaus unterhaltsamen Klamauk, der jedoch bisweilen auch Mal die Schmerzgrenze tangiert. Ernstzunehmen ist hier gar nichts, völlig überzogen und absurd ist die Geschichte, was aber genau ihren Charme ausmacht und weshalb man sich köstlich amüsieren kann.

Zwei naive jugendliche Freunde, die serbische Mafia, ein schwuler Pfarrer und viel zu viel Alkohol – daraus kann nur eine abenteuerliche Geschichte gestrickt werden. Man muss sich auf den Klamauk einlassen, um den makaberen und oftmals grenzwertigen Humor zu schätzen. Keine der Figuren wird verschont, einjede Schwäche wird gnadenlos vorgeführt und geschickt in die aberwitzige Handlung eingebaut.

Es darf auch mal etwas humoriger und geradezu albern werden. An manchen Stellen war es mir persönlich etwas zu viel des Guten und derart grotesk, dass mein Humor arg strapaziert wurde. Insgesamt jedoch sicher eine schräge und ganz sicher ungewöhnliche Krimikomödie.

Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

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Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

Pippa Fitz-Amobi hat sich ein ganz besonderes Thema für ihre abschließende Projektarbeit in der Schule gesucht:  fünf Jahre zuvor verschwand in ihrer Kleinstadt Little Kilton die 17-jährige Andie Bell. Ihr Freund Sal Singh wurde des Mordes verdächtigt, was sein Selbstmord nur wenige Tage später zu bestätigen schien. Doch Pippa hat Zweifel daran, dass die Geschehnisse am 20. April 2012 wirklich so waren, wie man sie sich erzählt, vor allem, da Andies Leiche nie gefunden wurde. Sie beginnt Fragen zu stellen und dokumentiert akribisch ihre Erkenntnisse. In Ravi, Sals jüngerem Bruder, findet sie schnell einen Verbündeten und je tiefer sie in die Geschichte einsteigen, desto größer werden die Lücken, die sich in der Erzählung auftun und desto länger wird die Liste der Verdächtigen. Sie scheinen auf der richtigen Spur zu sein, denn bald schon erhält Pippa Warnungen: sie soll aufhören mit ihren Nachforschungen, sonst wird sie dies böse bereuen.

Holly Jacksons Debut Roman ist eine gelungene Mischung aus Jugendbuch und Thriller und stellt den Auftakt einer Serie dar, von der inzwischen vier Bücher auf Englisch veröffentlicht wurden. Mich hatte zunächst der Titel angesprochen, den ich witzig fand, die Geschichte versprach auch spannend zu werden und meine Erwartungen wurden voll erfüllt: die Krimihandlung wird nachvollziehbar aufgebaut und am Ende sauber gelöst, wenn ich hier auch ein paar Abstriche dafür machen würde, dass es mir ein Tick zu viel des Guten war. Die Protagonistin ist dafür eine charmante Mischung aus cleverem Mädchen mit durchaus auch humorvollen Zügen.

Die gesamte Handlung lebt letztlich von Pippas Nachforschungen. Die Mischung aus erzählender Handlung, ihren Notizen und Transkripten ihrer „Verhöre“ lockert dabei die Erzählung immer wieder auf. Akribisch verfolgt Pippa kleinste Spuren, die Tatsache, dass sie mit zahlreichen Jugendlichen befreundet ist oder wegen ihres Alters gar nicht ernst genommen wird, erlauben ihr den Zugang zu wichtigen Informationen. Dass sie bisweilen etwas naiv vorgeht, passt dabei stimmig ins Bild. Die Autorin verzichtet auf typische Klischees, die man in diesem Genre leider häufig findet, ebenso müssen die beiden jugendlichen Ermittler nicht auch noch für eine Liebesgeschichte herhalten, was den Roman auch für Erwachsene unterhaltsam macht. Eine rundum überzeugende und unterhaltsame Geschichte.

Anders de la Motte – Winterfeuernacht

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Anders de la Motte – Winterfeuernacht

Der Tod ihrer geliebten Tante Hedda führt Laura an jenen Ort zurück, der sie für ihr Leben gezeichnet hat und ihr jahrelange Alpträume bescherte. Dreißig Jahre ist die Luciafeier inzwischen her, die sie zusammen mit ihren Freunden damals beging und bei der ein Feuer ausbrach, das Lauras Rücken für immer zeichnete und ihre beste Freundin Iben das Leben kostete. Mit Tomas hatte man schnell einen Verantwortlichen und Laura war nie mehr in das Feriendorf in Gärdsnäset zurückgekehrt. Jetzt will sie auch nur die Beerdigung organisieren und den Nachlass regeln. Womit sie nicht rechnet, ist, was der Besuch in ihr auslöst – und wie die Menschen auf sie reagieren. Mit ihrer überhasteten Flucht drei Jahrzehnte zuvor blieben auch noch Fragen offen, die Laura nun beantworten muss.

Ähnlich wie auch „Sommernachtstod“ erzählt Anders de la Motte „Winterfeuernacht“ auf zwei Zeitebenen, die die Geschehnisse der Vergangenheit mit den aktuellen Ereignissen verknüpfen. Hierdurch wird zwar immer wieder etwas Tempo herausgenommen, gleichzeitig werden die Geschichte und die Charaktere der Figuren jedoch tiefgründiger. So entsteht ein Kriminalroman, der nicht durch nervenzerreißende Spannung, sondern mehr durch eine gute Geschichte punktet.

Auch wenn die Auflösung mich nicht ganz überzeugen konnte und vor dem Hintergrund von Lauras spezifischen psychologischen Fähigkeiten nicht ganz stimmig wirkt, hat mich die Story überzeugen können. Viele gut gehütete Geheimnisse werden nach und nach entlarvt und liefern neue Spekulationsgrundlagen darüber, was im Jahr 1987 tatsächlich geschehen war. Die Protagonistin gerät nach unerklärlichen Zwischenfällen in den Fokus von Ermittlungen und wird gleichzeitig zum Ziel von Angriffen, was die Spannung immer wieder befeuert.

Ein Krimi eher der Sorte Geschichte mit Spannungselementen, was jedoch keineswegs negativ zu verstehen ist.

Sebastian Kretz – Scherben

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Sebastian Kretz – Scherben

Als Kommissarin Peggy Storch nach durchfeierter Nacht mit ordentlich Alkohol und Partydroge in der Airbnb Wohnung ihres attraktiven Begleiters das Klo sucht, landet sie ungewollt in einem fremden Schlafzimmer. Das allein wäre vielleicht nur peinlich, dass der Mann dort im Bett jedoch ziemlich tot ist, lässt sie schlagartig nüchtern werden und an ihren Job erinnern. Der Junggesellenabschied der Niedersachsen ist entschieden zu sehr aus dem Ruder gelaufen und sie nun als Zeugin am Tatort. Vollgedröhnt. Da hilft ja alles nichts, sie muss ihren Kollegen Harmsen herbeordern. Das ungleiche Ermittlerduo sieht sich mit einem vertrackten Fall konfrontiert, denn niemand kann verwertbare Fakten liefern und die möglichen Spuren sind mehr als vage: steckt der Drogendealer dahinter, der nachts Nachschub lieferte? Oder die nun vorzeitig verwitwete Verlobte, mit der es offenbar kurz zuvor Streit gab? Und wie soll Peggy ihrem Freund Lars erklären, was sich in der fraglichen Nacht zugetragen hat?

Klappentext und Aufmachung des Buches lassen den Leser einen typisch deutschen Krimi aus der Hauptstadt erwarten. Vielleicht mit etwas mehr prolligen oder pampigen Figuren als in anderen Romanen, die ein wenig Neuköllner Lokalkolorit verbreiten sollen. Was man jedoch bekommt, ist ein herrlicher Spaß, der zwar immer noch einen Mordfall liefert – der sogar auch ausgesprochen knifflig und gut konstruiert ist – aber noch viel mehr von den beiden Protagonisten und vor allem dem rotzig-lakonischen Erzähler lebt.

„(..) Peggy nicht Pornodarstellerin ist, sondern Polizistin. In dem Bett liegt einer und schläft. Und zwar für immer. Die Matratze ist voller Blut, frischem, rotem Blut aus dem Hals des Toten, der offen ist, wo er zu sein sollte.“

Peggy Storch und Harm Harmsen könnten als Team kaum unterschiedlicher sein. Er bewegungsaktiv wie ein Plumplori, sie mehr so das Duracell-Häschen auf Ecstasy – auch ohne Drogen. Gemein haben sie nur den emotionalen Intelligenzquotienten von etwa null Komma irgendwas, was sie nicht zu einem besseren Gespann macht, aber immerhin auch keine weiteren Konflikte produziert, da sie wenig Erwartungen aneinander haben. Gemessen daran kommen sie quasi hervorragend miteinander aus und ergänzen sich ideal. Ihre Verschrobenheit würde sie auch mit allen anderen Partnern inkompatibel machen und so können auch diese beiden zusammen ermitteln. Und das tun sie recht erfolgreich.

Aufgrund der Anlage der Geschichte ist der Fall kein nervenaufreibender Krimi, sondern bietet eher ein Gerüst für die beiden Akteure. Einige Spuren verlaufen im Nichts, die Ermittlungen kommen ins Stocken, zum Glück verfügen die Kommissare über genügend Kreativität und kriminelle Energie, um dann doch wieder Bewegung in die Aufklärung zu bringen. Mordmotiv und Lösung sind glaubwürdig motiviert und lassen ebenfalls keine Wünsche offen.

Es ist kein pseudolustiger Klamauk, wie man ihn leider in so manchem Tatort inzwischen erdulden muss, sondern ein mit treffsicherer und pointierter Ironie und Zweideutigkeit, die jedoch nie gemein oder verletzend sind, erzählter Kriminalfall, der durch ausgesprochen individualistische und außergewöhnliche Figuren überzeugt.

Lioba Werrelmann – Hinterhaus

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Lioba Werrelmann – Hinterhaus

Als sie vom Yoga nach Hause kommt, ist alles anders: die Wohnung ist leergeräumt, Freund Jens ist weg, nur noch sieben Kartons mit ihren Habseligkeiten sind übrig geblieben. Journalistin Carolin weiß nicht wie ihr geschieht und sucht zuerst einmal Trost bei ihrer Nachbarin und Freundin Henry. Doch dort kann sie auch nicht bleiben und weil sie so neben sich steht, ist sie tags darauf auch noch arbeitslos, denn sie hat ihre Radiosendung völlig versemmelt. Ausgerechnet die schräge Mandy aus der Erdgeschosswohnung im Hinterhaus nimmt sie auf. Doch schon die erste Nacht wird zum Desaster als Carolin beim Toilettengang im Zwischengeschoss auf die Leiche eines seit 20 Jahren vermissten Jungen stößt. Und das ist erst der Anfang für eine Reihe von unglaublichen Ereignisse.

Lioba Werrelmanns Roman spielt ein wenig mit den Genregrenzen. Es gibt eine Kriminalgeschichte, sogar eine richtig gut gestrickt, was sich aber erst spät in der Handlung wirklich offenbart; bis man dahin kommt, glaubt man sich eher in einer Räuberpistole mit Slapstickeinlagen oder gar einem parodierten Splatterroman. Wenn man sich die Rezensionen anschaut, könnten die Meinungen kaum weiter auseinanderliegen, was sich gut nachvollziehen lässt; an mancher Stelle habe ich auch gedacht, dass ein bisschen weniger gut gewesen wäre.

„Hinterhaus“ ist einer der wenigen Romane, die sich kaum als Ganzes beurteilen lassen, er zwingt zur Aufschlüsselung einzelner Aspekte. Die Krimihandlung ist vom Ende her gesehen wirklich sehr gut gestrickt und traurigerweise auch sehr glaubwürdig. Die Figuren sind – positiv formuliert – eigenwillig. Allen voran Carolin, die mehrfach als ausgesprochen weltfremd und doof bezeichnet wird und genau so auch rüberkommt. Ihr fehlt jede pragmatische Kompetenz und offenbar ist sie bislang gut damit gefahren, in ihrer eigenen Welt zu leben. So wirklich warm wird man mit ihr nicht, bisweilen haben mich ihre autistischen Züge fast wahnsinnig gemacht. Mandy ist nicht viel besser, sie ist die typische Cat-Lady, die jedoch im Gegensatz zu Carolin nur verschoben wirkt, aber offenkundig recht clever ist. Alle anderen Figuren sind ebenfalls speziell auf ihre jeweils ganz eigene Weise.

Was es bisweilen wirklich schwer machte, den Roman nicht beiseite zu legen, was die Sprache. Der Text ist gespickt mit Fäkalausdrücken und die Häufigkeit und Detailgetreue, mit der Carolins Verdauung thematisiert wird, hat meine Schmerzgrenze deutlich ausgereizt. Es mag der Versuch sein, die schnodderige Berliner Schnauze darzustellen, hat mich aber nicht erreicht und bei einer Protagonistin aus Bergisch Gladbach, die in ihrer neuen Heimat ohnehin nie angekommen ist, macht dies sowieso keinen wirklichen Sinn. So wirkt dies mehr nach sehr derber Gossensprache, die doch etwas verstört, aber kein Flair schafft.

Auch mag manche Leser das wahre Gesicht vieler Figuren eher verschrecken, als dies offenkundig wird. Es fehlt jeder Hinweis darauf, wobei hier wirklich die Gradwanderung zwischen Spoilern und Triggerwarnung schwer zu lösen ist. Auch wenn sich der Krimi über weite Strecken zum Teil fast eher humoristisch liest, ist er meines Erachtens letztlich sicher nichts für zart besaitete Gemüter.

Fazit: ein ausgesprochen eigenwilliger Roman, der jeder Erwartung trotzt und für den ich letztlich dennoch eine klare Leseempfehlung aussprechen würde.

Melanie Raabe – Der Abgrund

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Melanie Raabe – Der Abgrund

Zufällig trifft Vincent beim Joggen seine alte Schulfreundin Bianca beim Joggen wieder. Spontan lädt sie ihn zu ihrer Geburtstagsfeier ein, wo er weitere alte Freunde trifft: neben Bianca und ihrem Mann Boris sind noch Sandra und Gatte Markus, sowie Katharina, Boris jüngere Schwester, mit dabei. Der Abend ist ausgelassen bis eine Kellnerin plötzlich verschreckt das Essen fallen lässt und aus dem Restaurant stürmt, nachdem sie die Gruppe gesehen hat. Sie lassen sich davon jedoch nur kurz irritieren und freuen sich schon auf das lange geplante gemeinsame Wochenende auf der Insel, wo sie ihre Schulzeit verbracht haben. Vincent hat den Ort seit 15 Jahren gemieden, doch jetzt scheint der Zeitpunkt der Rückkehr gekommen. Und der Abrechnung, denn er hat just mit dieser Gruppe noch etwas offen, das jetzt beglichen werden soll.

Melanie Raabe hat sich für ihren aktuellen Thriller ein neues Format ausgesucht, im Hörverlag ist die Geschichte als Serial in zehn Episoden veröffentlicht worden. Inzwischen steht aber der komplette Text zum Download und Anhören zur Verfügung. Als Freund von bislang weitgehend amerikanischen Serials, die ja seit einiger Zeit auch auf dem deutschen Markt mehr und mehr verfügbar sind, war ich natürlich neugierig, noch dazu wo mich Melanie Raabes Bücher „Der Schatten“ und „Die Wahrheit“ angesprochen hatten.

Insgesamt würde ich sagen ein guter Krimi nach bewährtem Muster. Ein abgeschiedener Ort, vermeintlich auch ohne Handys oder andere funktionierende Kommunikationsmöglichkeit, eine Gruppe von alten Freunden mit Geheimnissen, die es zu entlarven gilt, und ein kurzes Wochenende, das zu schnellem Handeln zwingt, dazu noch eine unheimliche Besucherin, die nicht spricht und entsprechend undurchschaubar in ihren Absichten bleibt. Zwar ist man recht schnell als Zuhörer auf der richtigen Fährte, nichtsdestotrotz fand ich die Story unterhaltsam und auch spannend gestaltet. Auch wenn ich viele Hörbücher konsumiere hatte ich doch etwas Schwierigkeiten manche der Figuren auseinanderzuhalten, dafür fehlten den beiden Ehepaare einfach zu lange das eindeutige Profil, was aber letztlich nicht weiter dramatisch war. Für mich ein gelungener Ansatz und die Hoffnung, dass noch mehr in dieser Richtung produziert wird.

Giulia Becker – Das Leben ist eins der Härtesten

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Giulia Becker – Das Leben ist eins der Härtesten

„Renate Gabor geht es schlecht. Vergangenen Freitag ist ihr Malteser-Mischling Mandarine Schatzi kopfüber in einer Punica-Flasche stecken geblieben und erstickt.”

Und allen anderen Figuren in Giulia Beckers Debutroman geht es nicht viel besser. Silke arbeitet in der Bahnhofmission von Borken, nachdem sie wegen einer Panikattacke den Nothalt eines Zugs ausgelöst und damit zahlreiche Fahrgäste verletzt hatte. Dabei war das nur der finale Punkt unter ihrer Ehe mit Roland, von dem sie sich mit 43 endlich lösen konnte. Jetzt bestimmt der Alltag am Bahnhof mit all seinen einmaligen und wiederkehrenden Gästen ihr Leben. Außerhalb dieses Universums hat sie nur wenige Freunde, Renate gehört dazu, aber die versinkt gerade in Trauer ob des dramatischen Tods ihres Hundes, und Willy-Martin, der glaubte im Internet endlich die perfekte Partnerin gefunden zu haben, was sich aber schon nach wenigen gemeinsamen Tagen als sehr kompliziert herausstellt. Ihre Nachbarin ist mit 97 auf Silkes Hilfe angewiesen, doch sie hat noch einen letzten Wunsch: sie möchte „Tropical Island“ sehen. Also brechen Silke, Renate, Willy-Martin und die betagte Dame auf zu einem gemeinsamen Urlaubswochenende.

Man merkt dem Roman an, welchen Hintergrund die Autorin hat. Giulia Becker arbeitet in Jan Böhmermanns Autorenteam des Neo Magazin Royale als Gagschreiberin und ist mit ihrem ironischen Twitter-Account „Schwester Ewald“ und als Poetry-Slammerin und Sängerin bekannt geworden. An herrlichem Wortwitz und pointierten Formulierungen fehlt es dem Roman nicht, ganz im Gegenteil, ohne diesen wäre der triste Alltag der Figuren kaum zu ertragen.

„«Das Leben ist eins der Härtesten», hatte Silkes Oma immer zu ihr gesagt, wenn die Depressionen im Winter wieder schlimmer wurden und ihr nichts anderes mehr übrigblieb, als über die ganze Sache zu lachen. Es war ein verzweifeltes Lachen, ein alternativloses, aber eben auch ein Lachen.“

Nach diesem Motto scheinen die Figuren zu leben, viel erwarten ohnehin keiner mehr von ihnen. Gemeinsam haben sie eine nicht enden wollenden Einsamkeit, die sie mit sich herumtragen. Berufliche Ziele gibt es schon lange nicht mehr und in der Münsteraner Kleinstadt befindet man sich auch nicht gerade am Nabel der Welt, so dass der Alltag eher banal verläuft und es Kleinigkeiten sind, die Sonnenstrahlen in die Tristesse schicken. Doch genau diese Abgeklärtheit und die Tatsache, dass sie nichts mehr erwarten, schweißt sie zusammen und lässt sie füreinander einstehen, egal was der andere wieder für einen Mist gebaut hat.

Sie sind keine Helden, sehen nicht atemberaubend aus, erleben keine großen Abenteuer, ändern nicht die Welt. Aber man schließt sie doch ins Herzen, gerade weil sie etwas verschroben sind. Auch die anderen Figuren, wie etwa der Leiter der Bahnhofsmission mit seinen Ambitionen für den trostlosen Anlaufpunkt der Gestrandeten, sind liebevoll gezeichnet. Giulia Becker fängt den scheinbar banalen Alltag der Durchschnittsmenschen ein, sieht aber dabei die Details, die einem beim flüchtigen Streifen leicht entgehen. Mit großartigem Wortwitz begleitet sie ihre Figuren auf ihrer Mission und lässt einem mehr als einmal schmunzeln oder gar herzhaft lachen. So lässt sich dann auch das trostloseste Dasein ertragen.

Antje Herden – Keine halben Sachen

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Antje Herden – Keine halben Sachen

Das Leben ist nicht einfach, wenn man 15 ist und große Erwartungen hat, stattdessen aber in der Kleinstadt festsitzt, den Alltag der alleinerziehenden Mutter betrachtet und einem Freunde und Lehrer anöden. Auch Robin geht es so bis er Leo trifft, der ihn aus seiner Lethargie herausreißt. Mit ihm lernt er neue Leute und ein neues Lebensgefühl kennen. Zum ersten Mal trinkt er Alkohol, zum ersten Mal kifft er und irgendwann probiert er auch noch andere Drogen, die ihn in einen unglaublichen Rausch versetzen. Durch seine neue Clique lernt er auch Anna und Karla kennen, in letztere verliebt er sich sofort und neben den ganzen neuen Emotionen, die ihm die Trips besorgen, rauscht sein Blut auch wegen der Verliebtheit. Die Welt um ihn herum gibt es nicht mehr, nur noch Karla und die Drogen.

Antje Herden hat für ihr Jugendbuch den Peter Härtling Preis erhalten, die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass sie glaubwürdig den Weg in die Drogenabhängigkeit schildert und jeden pädagogischen Eifer vermeidet. Dem kann man nur zustimmen, die Autorin lässt ihren Protagonisten immer weiter abrutschen und am Ende gar gänzlich abstürzen, vermeidet aber jeden Kommentar, der Robins Handeln wertet oder gar verurteilt oder – noch schlimmer – besserwisserisch kommentiert.

Mich hat das Buch überzeugen können. Robins Null-Bock-Haltung zu Beginn ist ebenso glaubwürdig wie sein eigentlich gutes Verhältnis zur Mutter, das er in diesem Alter natürlich nicht nach außen tragen kann. Er ist kein falscher Kerl und wirkt absolut durchschnittlich. Der Zufall führt ihn scheinbar mit Leo zusammen, der ihn zielsicher auf die schiefe Bahn leitet. Leos Verhalten ist seltsam, als erwachsener Leser ahnt man recht schnell, was es mit ihm auf sich hat, für Jugendliche dürfte sich das am Ende eher als Überraschung herausstellen, die ich in der Konstruktion so recht gelungen finde. Auch wenn der Text recht kurz ist und das Abdriften in die wirklich harten Drogen dadurch sehr schnell vonstattengeht, wirkt dies auf mich nachvollziehbar und stimmig. Vor allem die bildhaften Beschreibungen der Halluzinationen und der damit verbundenen Ängste dürften Eindruck bei jungen Lesern hinterlassen.

Ein urteilfreies Jugendbuch, das Drogenkonsum darstellt, wertungsfrei, aber doch mit einer klaren Message.

Chip Cheek – Tage in Cape May

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Chip Cheek – Tage in Cape May

Henry und Effie sind noch sehr jung als sie 1957 heiraten. Sie sind jedoch nicht nur jung, sondern auch unerfahren und müssen sich in ihren Flitterwochen fernab der Südstaatenheimat erst als Mann und Frau kennenlernen. Das verschlafene Urlaubsstädtchen Cape May ist ihr Ziel, doch im Herbst ist der Ort fast ausgestorben und die ersten Tage bestehen nur aus ihnen beiden. Mit der Ankunft von Clara und ihren glamourösen New Yorker Freunden ändert sich alles und aus der beschaulichen Ruhe wird eine aufreizende Unruhe, die Henry und Effie gleichermaßen ergreift. Sie sind fasziniert von diesen Menschen, die einen so anderen Lebensstil als sie beide pflegen, doch die Faszination droht Überhand zu nehmen und sie in den Abgrund zu stürzen.

Chip Cheeks Debütroman überzeugt für mich vor allem durch das authentische Zeitgefühl, das er erweckt. Keinen Moment zweifelt man daran, sich Ende der 1950er Jahre zu befinden und kann so auch leicht diesen Zauber nachvollziehen, den die ausschweifenden Partys der New Yorker auf die beiden Jugendlichen vom Land haben. Das Buch besticht vor allem durch die Atmosphäre und des Ortes, der quasi ausgestorben ist und es der Handlung so ermöglicht, sich ganz auf die kleine Gruppe zu konzentrieren.

Im Zentrum steht die Frage danach, was die Liebe eigentlich ausmacht. Man ist zunächst verwundert, dass Effie und Henry zueinander gefunden haben, zu unterschiedlich scheinen sie beide in Herkunft und Vorstellungen vom Leben zu sein. Doch nach und nach zeigt sich, dass sie, je näher sie sich kommen, sie immer mehr zu sich ergänzenden Partnern werden, die lediglich noch lernen müssen, als Paar zu funktionieren. Diese Idylle wird durch Henrys Faszination für die junge Alma gefährdet und nun beginnt der Roman nicht nur psychologisch spannend zu werden – wie kann der junge, frisch verheiratete Mann mit der Verwirrung seiner Gefühle umgehen? – sondern auch die anderen Facetten von Liebe zu beleuchten.

„Wir lieben uns, wir mögen uns nur nicht besonders.“

So beschreiben sie am Ende ihre Zweisamkeit. Ihre Vorstellungen von Liebe und Ehe werden schon ganz zu Beginn auf eine schwere Probe gestellt. Damit fängt Chip Cheek nicht nur die Zerrissenheit der Figuren, sondern auch den Umbruch der Zeit glaubwürdig ein. Der Roman ist Anfang und Ende zugleich, rauschend und intensiv, voller widersprüchlicher Emotionen – wie eben große Umwerfungen sind.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.