John le Carré – Federball

John le Carré – Federball

Viele Jahrzehnte hat Nat für seinen Dienst wertvolle Arbeit im Ausland geleistet, Quellen geführt und dazu beigetragen, dass die Lage zwischen Ost und West nicht eskaliert. Seine Frau Prue hat derweil in England die Stellung gehalten, die gemeinsame Tochter großgezogen und sich eine Karriere als Anwältin aufgebaut. Nach seiner Heimkehr ins Mutterland hat Nat auf einen renommierten Posten in der Russlandabteilung gesetzt, aber man schiebt ihn in die schon aufgegebene Unterabteilung „Oase“ ab, ein Euphemismus, der seinesgleichen sucht. Dort trifft er auf Florence, eine etwas spröde aber ausgesprochen begabte junge Agentin, die bald auch schon mit einer herausragenden Operation ankommt, die jedoch abgebügelt wird. So sehr ihn seine berufliche Situation anödet, so gut läuft es privat, in Ed hat er auch unerwartet einen ebenbürtigen Badmintongegner gefunden. Auch wenn der junge Mann bisweilen seltsame Züge aufweist, fühlt Nat sich doch auch geschmeichelt, ihm auf dem Court noch immer das Wasser reichen zu können. Der Gedanke, dass dies seine Sinne etwas trügen mag, kommt ihm derweil jedoch fatalerweise nicht.

John le Carré schreibt einmal mehr über das, was er am besten kann: Geheimagent, Doppelagenten, Quellen Anwerbung und Aufrechterhaltung, geheime Treffen mit anderen Diensten und dabei einmal mehr ein Protagonist, der zwar treu der Krone gegenüber ist, aber nicht unbedingt jede Vorschrift seines Dienstes billigt und befolgt. Der Roman ist von Beginn an als beichtender Rückblick konzipiert, so dass einem als Leser schnell klar ist, welche Figuren nicht so harmlos sind, wie sie zunächst erscheinen mögen, es bleibt jedoch die spannende Frage, was sie tun werden und vor allem wie sie die Welt der Agenten aufmischen.

Auch im inzwischen sehr fortgeschrittenen Alter hat le Carré kein bisschen nachgelassen und einen spannenden Spionageroman nach recht klassischen Muster, aber mit brandaktueller Thematik vorgelegt. Das globale Mächtegleichgewicht hat sich verschoben und sein Heimatland ist dank des Brexit in eine durchaus prekäre Sicherheitslage geraten. Der Austritt aus der Europäischen Union und damit verbunden die Abkehr von den kontinentalen Freunden stellt das Land vor die Aufgabe, neue Allianzen einzugehen bzw. alte festzuzurren. Unter einem Präsident Trumpf durch aus ein zweischneidiges Vorhaben, das nicht von allen mit Begeisterung aufgenommen wird, schon gar nicht von einem ehemaligen Agenten, der den Kalten Krieg erlebt hat und bekennender Europäer ist.

Vor diesem Hintergrund lässt er seinen alternden Agenten Nat eine neue Aufgabe übernehmen, deutlich unter dem Spektrum, das er bis dato auszufüllen hatte. Man kann ihm Befugnisse wegnehmen, aber sein Spürsinn ist gut wie eh und je und so kann er auch dank alter Kontakte die unglaublichen Pläne aufdecken, die ihm keine Alternative lassen, als selbst aktiv zu handeln und beherzt das zu tun, was für seine Heimat am besten ist.

Kein besonders charmantes Bild seiner Heimat und seines ehemaligen Arbeitgebers zeichnet le Carré, aber wieder einmal hat man keine Zweifel daran, dass all das, was er als Fiktion verpackt genauso auch morgen in den Zeitungen stehen könnte: korrupte Beamte, die zweifelhafte Allianzen eingehen und denen die eigenen Schäfchen näher sind als das Wohl des Landes. Vielleicht nicht ganz so stark wie seine Romane um George Smiley, aber dennoch restlos überzeugend.

Volker Kutscher – Der stumme Tod

Quelle: ARD

Auch im zweiten Teil um den Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath im Berlin Anfang der 1930er Jahre wird der unkonventionelle Ermittler voll gefordert. Bei den Aufnahmen zu einem der ersten Tonfilme wird die Hauptdarstellerin Betty Winter von einem herabstürzenden Scheinwerfer erst verletzt und dann durch einen von Löschwasser ausgelösten Stromschlag getötet. Schnell wird die Sabotage offenkundig und die Konkurrenz, die an einem sehr ähnlichen Film arbeitet, gerät in Raths Fadenkreuz. Als eine zweite Darstellerin verschwindet und kurz danach ebenfalls tot aufgefunden wird und der beste Zeuge ebenfalls ums Leben kommt, mehren sich die Zeichen, dass hier ein größerer Mordplan akribisch verfolgt wird. Unterdessen bittet Raths Vater den Sohn ebenfalls um Hilfe für den befreundeten Konrad Adenauer, der erpresst wird.

Kutschers Serie war bereits in Buch-Form ausgesprochen erfolgreich, verbindet der Autor doch die politischen Entwicklungen zu Ende der Weimarer Republik und das Aufsteigen der Nationalsozialisten mit spannenden Kriminalfällen und auch einer Liebesgeschichte um Rath und die Jurastudentin Charlotte Ritter, die im zweiten Teil jedoch nur geringfügig fortgeführt wird. Auch die ersten beiden Staffeln der Serie, die in Kooperation von der ARD und Sky unter dem Titel „Babylon Berlin“ produziert wurden, sind von den Zuschauern wie auch den Kritikern begeistert aufgenommen worden. Parallel wurde die Hörspiel-Version „Der nasse Fisch“ produziert, die mich bereits überzeugen konnte, ebenso wie nun die Fortsetzung.

Zu dem Fall gibt es nicht viel zu sagen ohne durch Spoiler etwas zu verderben. Besonders gut hat mir gefallen, wie der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm für die Handlung genutzt wurde und wie die Verunsicherung und die unterschiedlichen Einstellungen der betroffenen Akteure deutlich wurde. Im März 1930 lassen sich die Agitation der NSDAP schon nicht mehr übersehen, was dieses Mal in Form von Horst Wessels Ermordung und den folgenden Ausschreitungen aufgegriffen wird. Auch die Verlegung der Ford-Werke von Berlin nach Köln, die wesentlich die Nebenhandlung um Adenauer befeuern, basieren auf historischen Fakten.

Das Hörspiel kann vor allem wieder durch eine bestechende Atmosphäre punkten. Mit passender Musik fühlt man sich unmittelbar ins Berlin der Roaring Twenties versetzt. Der Fall wird passend für eine Hörspielversion von immerhin auch 6 Teilen etwas gestrafft, so dass man gut folgen kann und die Geschichte rund wird. Auch wenn ich grundsätzlich ein großer Fan von Hörspielen bin, zählt diese Serie doch ganz sicher mit zum Besten, was das deutsche Radio zu bieten hat. Aktuell laufen die Folgen in den verschiedenen Regionalsendern, sind aber auch online und als Podcast verfügbar. Mehr dazu auf der Internetpräsenz der ARD zu der Serie.

Agatha Christie – Evil Under the Sun/Murder in Mesopotamia

Agatha Christie – Evil Under the Sun / Murder in Mesopotamia

In diesen sehr speziellen Zeiten fällt es mir manchmal schwer, mich auf außergewöhnliche Geschichten einzulassen, wenn der Alltag schon sehr anstrengend ist, soll es wenigsten bei Büchern etwas entspannter zugehen und da sind die Klassiker wieder ganz weit vorne. Mit Agatha Christie und vor allem den John Moffatt Hörspiel-Versionen ist gute Unterhaltung jedenfalls gesichert.

In „Evil Under the Sun“ urlaubt der belgische Privatdetektiv in einem exklusiven englischen Seebad, wo jedoch nach der Ankunft der Schauspielerin Arlena Stuart die Ruhe empfindlich gestört wird. Nicht nur drehen sich alle Männer nach ihr um, ihr unerwartetes Ableben bringt die Urlaubspläne Poirots dann vollends durcheinander. Ein Hotelgast nach dem anderen wird verhört und genauestens durchleuchtet bis der Schuldige und sein perfider Mord schließlich offengelegt werden.

Einen ganz anderen Schauplatz wählt Christie für den Mord an Louise Leidner, die bereits seit einiger Zeit fantasierte und scheinbar Geister sah: die nervöse Ehefrau eines Archäologen befindet sich bei einer Ausgrabungsstätte in Mesopotamien und ist erleichtert über die Ankunft von Krankenschwester Amy Leatheran, der sie sofort vertraut. Doch auch diese neue Freundschaft kann die Bluttat nicht verhindern. Glücklicherweise befindet sich Poirot in der Nähe auf Durchreise und kann zu dem ungewöhnlichen Fall hinzugezogen werden. Klar ist: nur einer aus dem Ausgrabungsteam kommt als Mörder in Frage.

Die BBC hat insgesamt 25 Krimis der Grande Dame mit John Moffatt intoniert, in denen der Schauspieler in die Rolle des berühmten Ermittlers schlüpft. Mit charmantem Akzent und der gewohnt zurückhaltend aber dennoch überlegenen Art nähert er sich souverän der Lösung und deckt jede Lüge auf, die man ihm unverfroren präsentiert. „Murder in Mesopotamia“ fand ich insgesamt etwas raffinierter und allein schon aufgrund des Handlungsortes in der irakischen Wüste interessanter. Noch dazu bietet Poirot am Ende eine herrliche Querverbindung zu anderen Werken: er plane nun, nachdem der Fall aufgeklärt ist, zurück nach England zu kehren. In Istanbul will er den berühmten Orient Express nehmen, ein wenig Luxus soll man sich ja gönnen. Dass der bekannte Mord in selbigen bereits Jahre zuvor beschrieben wurde, kann man hier getrost ignorieren.

Martin Edwards – Gallows Court

Martin Edwards – Gallows Court

Mehrere ungewöhnliche Todesfälle erschüttern das London des Jahres 1930. Ein Journalist wird angefahren und tödlich verletzt, ein angesehener Banker richtet sich selbst, nachdem sein Mord an einer jungen Frau scheinbar aufgedeckt wurde. Der aufstrebende Reporter Jacob Flint von „The Clarion“ ist nach anonymen Tipps wiederholt zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kann darüber berichtet. Bald schon entdeckt er, dass diese und weitere mysteriöse Todesfälle mit der unnahbaren Miss Rachel Savernake zusammenzuhängen scheinen, jener Frau, die jüngst einen spektakulären Fall lösen konnte, an dem die Polizei sich die Zähne ausbiss. Flint ahnt nicht, dass er nur Mittel zum Zweck ist und ebenso schnell wieder geopfert werden soll, wie er die Chance zum großen Durchbruch bekommt. Denn die Fälle sind kein Zufall, sie haben eine Verbindung, die unter allen Umständen geheim bleiben soll, denn niemand darf wissen, was im Gallows Court vor sich geht.

Martin Edwards, seit 2015 Präsident des Detetction Club, jenes illustren Zirkels von Kriminalroman-Autoren des Golden Age of Crime Fiction, schreibt in guter Tradition seines Clubs. Teil 1 der Serie um Rachel Savernake ist eine komplizierte Geschichte um einen Geheimbund, die als unzählige lose Fäden beginnt und sich langsam zu einem Netz von Intrigen und allerlei Verbrechen zusammenwebt. Die Menge an Figuren auseinanderzuhalten und bei den mannigfaltigen Beziehungen nicht den Überblick zu verlieren, ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach, aber es lohnt sich, denn am Ende liegt eine clever konstruierte Geschichte vor einem, deren Lösung herausfordert aber gleichermaßen unterhält.

Ganz in der Tradition von Autoren wie Agatha Christie oder Georges Simenon liegen auf dem Weg der Handlung zahlreiche Hinweise und Spuren, die man als Leser fleißig einsammelt und wie Puzzlestücke versucht zusammenzusetzen. Interessanterweise greifen jedoch naheliegende Annahmen – die Herren der besseren Gesellschaft sind böse, die Damen sind die bedauernswerten Opfer – schnell zu kurz und gerade der Kontrast von Gut und Böse wird immer wieder herausgefordert, denn so klar ist keineswegs, wer auf welcher Seite steht. Am Ende werden jedoch alle Unklarheiten restlos geklärt und der Fall sauber gelöst.

Ein traditioneller Krimi mit zahlreichen Toten jedoch ohne detaillierte Grausamkeiten, der vor allem mit der Figurenzeichnung punkten kann.

Georges Simenon – Madame Maigrets Liebhaber

Georges Simenon – Madame Maigrets Liebhaber

Madame Maigret betrügt ihren Gatten? Unvorstellbar! Und auch nicht wahr, wie schon im ersten Kapitel schnell aufgelöst wird. Der Kommissar neckt seine Gattin lediglich damit, denn seit Tagen beobachtet sie vom Fenster ihrer Wohnung aus einen Mann, der täglich morgens über die Place des Vosges spaziert und nachmittags stundenlang regungslos auf einer Bank sitzt. Auch Maigret kann einen Blick auf ihn werfen, etwas kommt ihm jedoch seltsam vor und tatsächlich: der Mann ist nicht mehr nur regungslos, sondern mausetot. Am helllichten Tag inmitten von spielenden Kindern und Dienstmädchen erschossen. Ein Mord direkt vor seiner Haustür und dieses Mal ist die wichtigste Zeugin genau jene Frau, die er am besten kennt: seine Gattin. Diese nutzt die seltene Gelegenheit und wird zur Assistenzkommissarin im Viertel.

Der vielversprechende Titel sowie das Cover – zwei nicht erkennbare Personen, die sich in einem Metrogang innig küssen – scheinen so gar nicht zu den biederen Kommissar Maigret Geschichten zu passen. Einen schönen Spaß hat sich der Autor mit dem irreführenden Titel da für seine Novelle erlaubt, die ansonsten im typischen Stil des französischen Polizisten gehalten ist. Eine Podcastfolge von „Shedunnit“ hat in mir die Lust auf einen klassischen Krimi geweckt. In Folge 45„The Detection Club“ berichtet Caroline Crampton von einer Vereinigung Krimiautoren, die sich Ende der 20er Jahre regelmäßig zu exklusiven Dinner Meetings trafen und die klare Regeln für das Genre aufstellten. Unter den Gründungsmitgliedern waren so prominente Namen wie Agatha Christie, G.K. Chesterton und Dorothy L. Sayers. Auch wenn Simenon kein Mitglied war, erfüllt sein Werk doch ziemlich perfekt Ronald Knox‘ 10 Anforderungen an einen fairen Kriminalroman.

»Nein, nein und noch mal nein!«, rief er, sich halb im Bett aufrichtend. »Fang gar nicht erst an, mir gute Ratschläge zu erteilen, nur weil du beinahe die richtige Fährte aufgenommen hast. Jetzt ist es an der Zeit, zu schlafen …«

Maigret erlebt eine ungewöhnliche Herausforderung, nicht nur geschieht ein Mord direkt vor seiner Nase und Wohnung, nein, seine Gattin ermittelt mindestens genauso geschickt wie er, was er natürlich nicht zugeben kann. So höflich und liebeswürdig er sie behandelt, das würde nun wahrlich zu weit gehen. Zu dem Fall lässt sich nur wenig sagen ohne zu viel zu verraten: ein Mord, klassische Befragung, Lesen von Spuren und zielgerichtete Lösung des Falles. Herausragend dieses Mal die Rolle von Madame, die sogar einen Tick flotter ist als ihr Mann.

Ein schnelles Vergnügen, das keine Wünsche offenlässt.

Anders Roslund – Geburtstagskind

Anders Roslund – Geburtstagskind

Siebzehn Jahre ist es her, dass ein unglaublicher Mord an einer Familie Kommissar Ewert Grens beschäftigte. Alle außer der kleinen Zana wurden hingerichtet und diese saß drei Tage neben den Leichen und der Torte zu ihrem 5. Geburtstag. Jetzt kommt es in Stockholm wieder zu Morden nach demselben Muster, sind die Täter etwa zurückgekehrt? Grens muss Zana schützen, die inzwischen unter einer neuen Identität lebt. Auch der Undercover Agent Piet Hoffmann ist besorgt, nach Jahren der Ruhe muss er mit seiner Familie wieder untertauchen, wenn er überleben will. Die beiden Männer kämpfen gegen einen unbekannten Feind, der sowohl das Milieu wie auch die Polizei unterwandert zu haben scheint.

Anders Roslund ist zusammen mit Börge Hellström und ihrer Serie um Grens und Hoffmann („3 Sekunden“, „3 Minuten“ und „3 Stunden“) bekannt und inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Sein erster Solo-Titel setzt die Reihe fort und überzeugt durch eine rasante Handlung und eine komplexe Geschichte, die den Leser lange rätseln lässt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht.

Die beiden Handlungsstränge um die Kriminalpolizei einerseits und den mehr oder weniger einsamen V-Man, der seine Familie beschützen will, verlaufen parallel. Dass sie zusammenhängen, wird schnell klar, die Frage bleibt jedoch: wie? Es entfaltet sich eine spannende Geschichte, die von zwei ungewöhnlichen Figuren dominiert werden, die einerseits typische Alleingänger sind und nur schwer Vertrauen fassen, andererseits aber auch wissen, dass sich manche Probleme eben nicht im Alleingang lösen lassen.

Ein routiniert erzählter Krimi mit viel Spannung und interessanten Verstrickungen, der aber vor allem durch die psychologischen Komponenten überzeugt.

Sabine Kunz – Die Saubermacherin

Sabine Kunz – Die Saubermacherin

Millie ist Expertin im Reinigen, egal ob Küche, Wäsche oder Bad, bei ihr wird alles blitzblank. Dabei ist die serbische Frau mit den buschigen Augenbrauen auch noch diskret und kaum zu hören bei der Arbeit. Das ist auch gut so, es soll ja niemand mitbekommen, wie sie ihre Arbeitgeber ausspioniert. Das tut sie allerdings nicht aus reiner Neugier, sondern für ihre Agentur, die den Putzservice nur als Vorwand nutzt. Tatsächlich sind die Damen ausgebildete Agentinnen, die international auf höchstem Niveau agieren. Der aktuelle Fall gilt den Lobbyisten eines manipulierten Saatguts, das per EU Verordnung den Weg nach Europa finden soll. Mitten in ihrem Auftrag lernt Millie Max kennen, zu dem sie sich unmittelbar hingezogen fühlt, aber kann sie ihm trauen? Und ein weiterer Mann taucht auf der Bildfläche auf, doch bei den Gefühlen zu ihm muss Millie nicht lange analysieren: ihr Leben lang schon hasst sie den Schlächter, dem sie einst nur knapp entkommen konnte.

Es passiert mir eher selten, dass ein Buch meine Aufmerksamkeit durch das Cover erregen kann, in diesem Fall war es aber so, denn das abgebildete klassische Waschbecken erinnerte mich an ein ähnliches, das im Hausflur meines Wiener Apartments hing und daher sofort Sympathien weckte. „Putzfrauen-Krimi“ klang dazu amüsant und in der Tat konnte der Roman meine Erwartungen erfüllen: ein Kriminalfall der ziemlich ungewöhnlichen Art, der auch eine gehörige Portion Humor bietet und die perfekte Balance zwischen Spannung und leichter Unterhaltung schafft.

Die Protagonistin wird zunächst unter ihrer Under-Cover-Identität vorgestellt: als etwas einfältige Putzfrau mit begrenzten Sprachkenntnissen und demütiger Haltung. Dass sie eine wahre „Jane Bond“ ist, zeigt sich jedoch schnell, nicht nur ist sie in Computerspionage perfekt ausgebildet, sie kann auch mit entsprechenden Kampftechniken aufwarten und Feind ebenso wie Freund kurzerhand außer Gefecht setzen. Die Geschichte um das manipulierte Saatgut erscheint mir zwar etwas abenteuerlich, aber letztlich war dies nur der Auslöser für das Kräftemessen zwischen der Agentur der Putzfrauen und der Geheimorganisation der TEA-BAGs.

Interessanter jedoch als dieses Kräftemessen fand ich Millies Erinnerungen an ihre Kindheit, die von den Erlebnissen des zerfallenden Jugoslawiens und den Gräueltaten des Krieges geprägt sind. Auch wenn viel Slapstick und Komik immer wieder zum Schmunzeln einladen, sind es diese Episoden, die auch nachdenklich stimmen und durchaus glaubhaft erläutern, wie ein Mensch ziemlich abgestumpft gegenüber Gewalt werden kann und diese als notwendiges Überlebensmittel zu akzeptieren weiß.

Ein Debüt, das nicht an Klischees spart und dem mit dem Genremix durchaus eine bemerkenswerte Geschichte gelingt.

Anthony Horowitz – Moonflower Murders

Anthony Horowitz – Moonflower Murders

Former editor Susan Ryeland is running a hotel on Crete with her partner when one day she is contacted by the Trehearnes who themselves also run a hotel in England. On their premises, a dreadful murder had taken place years ago which was used by writer Alan Conway as the basis for a successful novel. Since Susan edited Conway’s novels before he died, she might help them because their daughter Cecily has vanished. Immediately before her disappearance, she had read Conway’s novel and obviously was come across some important information related to the crime. As his editor, Susan must know the novel very well so she might be the one to help solve the case. Since she is rather short of money, she consents to come to Suffolk to investigate the circumstances.

After the “Magpie Murders”, “Moonflower Murders” is the second instalment in the Susan Ryeland series featuring the literary detective Atticus Pünd invented by the deceased novelist Alan Conway. Just like in the first novel, we have a novel within a novel which helps to solve a mystery and links two lines of narration. As a reader, you really have to pay attention not to mix up everything since you have a bunch of fictional characters who are represented in the second narration.

Over the last couple of years, Anthony Horowitz has become one of my favourite authors who never disappoints me. He most certainly is a master of complex plots which pay homage to the great crime writers and the Golden Age of crime fiction by respecting Ronald Knox’ “Ten Commandments” of mysteries.

Just as expected, masterly crafted and even though I liked “Magpie Murders” a bit more, an enjoyable read I can only recommend.

Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

christian von ditfurth mann ohne makel
Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

Schon längst hätte der Historiker Josef Maria Stachelmann seine Habilitation abschließen können und müssen, erst als sein Chef ihm droht und eine jüngere Kollegin ihm seinen Platz streitig machen könnte, merkt er, dass es Zeit wird. Als ein ehemaliger Kommilitone sich bei ihm meldet, ist er zunächst verwundert, Ossi Winter arbeitet inzwischen als Kommissar und er hat eine Reihe von Morden, bei denen er glaubt, mit Stachelmanns Hilfe weiterzukommen. Der Immobilienmakler Holler hat Frau und Kind durch einen Mörder verloren; Stachelmann glaubt tatsächlich den Namen im Zusammenhang mit seiner Forschung über Konzentrationslager schon einmal gehört zu haben, vielleicht liegt das der entscheidende Punkt, gar nicht bei Holliger selbst, sondern bei seinem Vater, der nach dem Krieg das kleine Imperium aufbaute, indem er alle Konkurrenten aufgekauft hat. Bei einer Forschungsreise nach Berlin, um dort in Archiven die letzten Informationen zusammentragen, wird Stachelmann nicht nur beobachtet, sondern man versucht ihn zu töten. Offenbar war seine Vermutung mehr als richtig.

Christian von Ditfurth greift in seinem Krimi nicht nur auf das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, sondern thematisiert vor allem den Umgang mit der Schuld in der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Er lässt dabei alle Stimmen zu Wort kommen, auch die des Mörders, der erzählt, wie er die Zeit als jüdisches Kind erlebt hat, dessen Familie ausgelöscht und der selbst zu einer Pflegefamilie ins Ausland geschickt wurde. Dagegen stehen die Leugner, diejenigen, die sich versuchen rauszureden, um ihr Gewissen zu entlasten. Doch wirklich vor der eigenen Vergangenheit weglaufen kann niemand.

„Mann ohne Makel“ ist der erste Band der Reihe um den Historiker und Hobbyermittler Stachelmann, inzwischen ist die Reihe bei Band 7 angekommen. Für mich ein solider Krimi mit interessanten und facettenreichen Figuren, die das Potenzial haben, über viele Fälle zu tragen. Besonders freut mich, dass es weniger um Gewalt und exzessive Darstellung selbiger geht, sondern die Verbindung von Geschichte und Psychologie zur Lösung führt. Ein klarer Fall von: hier hat sich der Griff auf den SUB zu einem älteren Buch wirklich gelohnt.

Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

mons kallentoft verschollen in palma
Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

Tim Blanck konnte es nicht ertragen. Spurlos ist seine Tochter Emme auf Mallorca verschwunden und die Polizei scheint nicht gerade bemüht nach dem 16-jährigen Mädchen zu suchen. Also kündigt er seinen Job und reist selbst auf die Balearen-Insel. Drei Jahre sind inzwischen vergangen und Spuren gibt es keine. Als Privatermittler verdient er inzwischen sein Geld, sein neuer Fall schein einfach: der deutsche Unternehmer Peter Kant hat ein anonymes Schreiben erhalten, demzufolge ihn seine Frau Natascha betrügt. Es dauert nur wenige Stunden, bis Tim den Beweis dafür hat. Als er dem Auftraggeber die Fotos vorlegt, scheint dieser relativ gefasst, gewillt, mit Natascha wieder alles ins Reine zu bringen. Doch nur kurze Zeit später wird Kant verhaftet: seine Frau ist spurlos verschwunden und ihr Liebhaber tot. Ein klassischer Fall von Eifersuchtsmord. Doch Kant beteuert glaubhaft seine Unschuld und Tim will diese beweisen, vor allem nachdem Kant in der Zelle scheinbar Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief mit Geständnis hinterlassen hat. Doch die Schrift ist sicher nicht seine. Tim beginnt zu wühlen und ahnt nicht, mit wem er sich anlegt.

Mons Kallentoft ist seit vielen Jahren eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Größe unter den schwedischen Krimiautoren, mich konnte er vor allem mit seinen Malin Fors und Zack Herry Reihen begeistern, die beide mit starken Figuren und komplexen Handlungen überzeugen. „Verschollen in Palma“ ist der Beginn einer womöglich neuen Reihe um den schwedischen Privatermittler auf der Mittelmeer-Insel.

Zunächst scheint völlig klar, worum es bei der Handlung geht: ein verzweifelter Vater ist auf der Suche nach seiner Tochter, hofft auch nach Jahren noch auf ein Lebenszeichen und will diese nicht aufgeben, solange es keine Gewissheit über ihren Tod gibt. Sein Job als Privatermittler scheint nur ein Nebenschauplatz, der sich dann jedoch rasant zu einem komplexen Fall ausweitete, der schlichtweg nichts auslässt: Korruption in allen Bereichen der Verwaltung und Polizei, Vetternwirtschaft schlimmster Sorte, Drogen, zwielichtige Partys, bei denen die High Society der Insel nicht nur alle Arten von Drogen konsumiert, sondern vor allem auch sehr junge Mädchen misshandelt. Es ist ein wahrer Sumpf, in den der Protagonist förmlich hineinfällt. Glaubwürdig wird das Ausmaß der Verstrickungen und des Abgrunds immer weiter ausgedehnt, bis es zu dem notwendigen Showdown kommt.

Geschickt hat der Autor den Kriminalfall aufgezogen und vor allem völlig unerwartet in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Das Tempo nimmt in der Erzählung stetig zu und die Geschichte wird routiniert zu einem passenden Ende geführt. Einzig, es fehlt der Schlusspunkt. Ein interessanter Aspekt, der offen lässt, was an dieser Stelle gesagt wird – auch wenn man es sich denken kann – aber auch, ob die Handlung fortgeführt werden wird. Gewohnt routiniert erzählt, aber im Vergleich zu den beiden Reihen um Malin Fors und Zack Herry für mich nicht ganz so stark.