Mick Herron – The Drop

mick-herron-the-drop
Mick Herron – The Drop

Solomon Dortmund knows his business; he’s been doing this for so many decades that nothing can surprise him anymore. But observing a classic drop in a café is something that rarely ever happens these days. He is sure about what he has seen and reports it back to Regent’s Park. There, this is not a total surprise since the woman involved is a double agent whom the Germans believe to be their mole with the British. But Hannah Weiss has her own agenda and she knows whom she is working for. When service analyst Lech Wicinski is doing a favour for an old acquaintance, he sets in motion a chain of events that will make himself one of the tragic victims.

Mick Herron’s The Slough House series has won several awards and was shortlisted for many more, among them the Ian Fleming Steel Dagger Award, the British Book Award and the Gold Dagger. “The Drop” – a rather short novella only slightly liked to the series – is the latest instalment of it. Yet, it is much more a classic spy novel than the rest of the series since it has in my humble view a much more traditional setting with double and triple agents and members of the service operating in the field.

There is not much to say about the plot, it is quite straight forwards without any side lines or too much detail about the characters. As a reader, you dispose of information from both sides, i.e. the English as well as the Germans, and thus can observe both services operating. It is common in those kinds of operations that innocent bystanders become necessary victims and thus, also in “The Drop” we see people fall without having made the slightest mistake. The novella mainly serves as a backstory for the latest member of the Slough House team and I liked the quick read a lot for its atmosphere of old-times spy novels.

Stefan Ahnhem – Victim without a Face [Und morgen du]

stefan-ahnhem-victim-without-a-face
Stefan Ahnhem – Victim without a Face 

Kommissar Fabian Risk zieht mit seiner Familie von Stockholm zurück in seine Heimatstadt Helsingborg. Gemeinsam wollen sie noch einige Wochen Urlaub machen, bevor er seinen Dienst antreten muss. Doch seine Chefin kontaktiert ihn schon am Umzugstag wegen einem mysteriösen Doppelmord: zwei ehemalige Klassenkameraden Fabians wurden bestialisch getötet. Schnell ist klar, dass sich jemand rächen will und ein lange zurückliegendes Mobbing scheint das Motiv. Fabian ist dem vermeintlichen Täter unmittelbar auf den Fersen – bis auch dieser tot aufgefunden wird. Offenbar haben sie den falschen im Visier und irgendwen der alten Klasse übersehen. Unterdessen geht das Morden unaufhaltsam weiter.

Stefan Ahnhems Debüt ist ein Psychothriller, der gleich mehrere urmenschliche Themen aufgreift: zentral ist das Motiv der Morde, die Auswirkungen, die schulisches Mobbing auch noch Jahre später haben kann und von dem sich manche unter Umständen nie erholen. Aber auch in den ermittelnden Teams spielen psychologische Fragen wesentliche Rollen: wie gut ist man als Teamplayer bzw. wer kann sich nicht integrieren, wie geht man mit Schwächen und Fehlern um, wie wirkt sich Machtbesessenheit aus und wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um den äußeren Schein aufrecht zu halten? Daneben kann die clevere Konstruktion durch viele falsche Fährten und immer wieder unerwartete Wendungen punkten.

Die Charaktere konnten mich überzeugen, vor allem, da auch die private und menschliche Seite der Ermittler zum Tragen kommt. Auch wenn sie einen Mord zu lösen haben, findet beispielsweise ihr geplantes gemeinsames Grillen statt. Fabian Risk ist mir persönlich zwar etwas zu sehr Einzelkämpfer, was ich auch nicht immer ganz glaubwürdig finde – ebenso wie seine Heldentaten kurz nach schweren Verletzungen – aber dafür fand ich die Frauenfiguren sehr differenziert und überzeugend. Vor allem ihre Reaktionen, nachdem sie verletzt oder misshandelt wurden, wirken authentisch.

Alles in allem ein recht typischer Schwedenkrimi, der auf der ganzen Linie überzeugen kann.

Tito Topin – Casablanca im Fieber

tito-topin-casablanca-im-fieber
Tito Topin – Casablanca im Fieber

Die Stimmung in der marokkanischen Hafenstadt ist 1955 kurz vor dem Abzug der französischen Besatzer erhitzt, die Fronten zwischen Arabern und Franzosen verhärtet, der Hass wird offen zutage getragen und man schenkt sich nichts. Als Georges Bellanger die junge Spanierin Ginette vergewaltigt und beinahe tötet, versteht sich von selbst, dass man dies den Arabern unterschiebt, vor allem, da Bellangers Mutter, Ärztin im Krankenhaus, in dem Ginette behandelt wird, ein Verhältnis mit dem Zivilgouverneur hat, der jede Ermittlung sofort unterbinden wird. Als Ginettes Verlobter Manu aus dem Krieg zurückkehrt, sinnt er auf Rache und will Georges stellen. Dieser zieht derweil eine Spur der Verwüstung hinter sich her: rücksichtslos nimmt er sich, was er möchte, sicher, dass er unter mächtigem Schutz steht. Die ohnehin hitzige Stimmung spitzt sich immer weiter zu und Casablanca rast auf eine Katastrophe zu.

Tito Topin ist ein französischer Autor, Illustrator und Drehbuchschreiber, der 1932 in Casablanca geboren wurde. „Casablanca im Fieber“, sein dritter Roman, erschien bereits 1983 in Gallimards Série noire unter dem Titel „55 de fièvre“ und wurde mit dem Prix Mystère de la Critique ausgezeichnet. Seine Romane, denen der Filmcharakter deutlich anzumerken ist, sind häufig in Nordafrika angesiedelt und haben neben dem Fall auch immer eine sozialkritische Komponente, weshalb sie trotz des späten Erscheinens geradezu idealtypisch für den Roman noir sind.

Die Handlung spielt sich vor dem Hintergrund der hochproblematischen politischen Lage ab, diese wird jedoch nicht offen thematisiert, sondern die beiden verfeindeten Parteien durch das Agieren der Figuren gegenüber gestellt. Bemerkenswert ist, dass die Zuordnung von „gut“ und „böse“ schlichtweg nicht möglich ist, sowohl bei den Franzosen, insbesondere bei der Polizei, wie auch bei den Arabern findet man beides und die Grenzen zwischen Ordnungsmacht und Milieu vermischen zunehmend.

Aber nicht nur die arabisch-stämmige Bevölkerung wird verachtet, Georges Mutter findet auch klare Worte bezüglich Ginette:

«Vergewaltigt! Du Dummkopf, du hast dich reinlegen lassen … Vergewaltigt! Als ob man diese Mädchen vergewaltigen könnte … Sie spreizen die Beine breit wie ein Arc de Triomphe und werfen sich in die Arme von Söhnen aus gutem Hause, und danach schreien sie Vergewaltigung!»

Damit auch nichts schief läuft, erhält Ginette die passenden Medikamente, die ihre Erinnerung leiden lassen. Das Vorgehen der Polizei wird auch schon früh deutlich charakterisiert:

«Ich bestehe darauf, Guglielmi. Ich will einen Schuldigen! Wen auch immer, Hauptsache Araber! Da wird kein Europäer rein verwickelt.»

Die Suche nach dem Schuldigen beginnt gar nicht erst, er steht bereits fest ohne dass auch nur klar ist, was überhaupt geschehen war. Es gibt aber auch nachdenkliche Stimmen, beispielsweise von Manu, der die Gesamtsituation zwischen Franzosen und Arabern bedenklich findet:

«Was mich schockiert, ist, dass ich in diesem Land geboren bin und nicht in der Lage bin, mich mit zwei Kindern zu verständigen, weil ich nicht einmal die Sprache dieses Landes spreche! Ich bin ein Krüppel, verstehst du … ein Krüppel! Sie müssen mich für einen Marsmenschen halten.»

«Nein, einfach nur für einen Franzosen. Frankreich ist für sie schon so weit weg, dass sie sich keinen anderen Planeten vorzustellen brauchen. »

Tito Topins Roman überzeugt in jeder Hinsicht: ein Ermittlungsfall in hardboiled Qualität eines Raymond Chandler oder Léo Malet, der sich nur aufgrund der spezifisch gesellschaftspolitischen Lage Marokkos in dieser Weise entwickeln kann. Mit gerade einmal 220 Seiten kurz und auf den Punkt – für langatmige Ausschweifungen bleibt dabei keine Zeit.

Joe Fischler – Veilchens Feuer

joe-fischler-veilchens-feuer
Joe Fischler – Veilchens Feuer

Valerie Mausers zweiter Fall führt sie in die Szene der Deutschrocker und Musikstars. Wolf Rock kehrt in seine Tiroler Heimat zurück, um dort ein Konzert zu geben. Doch eine diffuse Drohung, die auf einen Vorfall Ende der 1970er Bezug nimmt, vermiest schnell die Stimmung. Der Star kann sich an keine Vorkommnisse erinnern, in diesem Jahrzehnt war er dank Alkohol und Drogen permanent so zugedröhnt, dass die Zeit nur als Nebel in seinem Gehirn vorhanden ist. Aber nicht nur das beschäftigt die Polizei, sondern auch der Ort des Konzerts: Im Bergiselstadion hat wenige Jahre zuvor bei einer Großveranstaltung durch Massenpanik bereits mehrere Todesopfer gegeben, weil zu viele Leute auf zu geringem Raum drängten und jetzt sollen noch mehr ins Stadion gelassen werden, um Wolf Rock zuzujubeln.

„Veilchens Feuer“ ist ein recht typischer Regionalkrimi aus den Alpen und bedient auch alle Klischees: geistig eingeschränkte Figuren mit überschaubarem Horizont; jeder kennt jeden schon immer und weiß auch irgendwie alles; eine Art von Humor und Witz, die vermutlich nur Hinterwäldlern zugänglich ist; ein Fall, der sehr überschaubar komplex ist und schon früh vom Leser problemlos zu lösen ist, während die Ermittler noch kopflos umherirren.

Zugegebenermaßen bin ich kein Fan von Regionalkrimis, weil sie meist doch sehr schematisch und banal sind – allen voran die französischen, in denen über weite Strecken nur gegessen und Wein getrunken wird und der Kommissar dank irgendwelcher alter Tantchen im Dorf seinen Fall löst. Nun ein Alpenkrimi um einen vermeintlichen Rockstar, der mich aber eher ganz stark an die typischen Künstler aus dem Schlager-Milieu erinnert, was die Sache jetzt nicht leichter erträglich macht. Auch das Ermittlungsteam besticht durch Einfältigkeit und Figuren, die vermutlich kurios und einzigartig wirken sollen, aber leider eher dümmlich und überzeichnet wirken. Allen voran „Veilchen“, bei der ich mich sogar gefragt habe, ob der Autor nicht ernsthaft Frauen hasst, wenn eine so plakative Figur erschafft: kein Hirn, permanente Reduzierung auf ihr Aussehen (wenigstens da kann sie punkten, wobei einem das Geseier der männlichen Figuren irgendwann auch böse nervt) und offenkundige Überforderung bei jeder Aufgabe, der mehr als zwei Hirnzellen erfordert. Was will er uns damit sagen?

Ach ja, eigentlich soll es ja ein Krimi sein; nun ja, es gibt einen Fall, sogar eine Tote, aber die Spannung versteckt sich geschickt hinter den Bergen und kommt nicht zum Vorschein. Wäre aber auch schwierig, denn so offenkundig ist schon nach wenigen Seiten, was in den 70ern geschehen sein muss, dass nur eine große Überraschung, die es aber nicht gibt, einen anderen als den vorhersehbaren Verlauf ermöglicht hätte. Fazit: puuh, man muss diese Art Krimis schon sehr mögen, um dem Buch etwas Gutes abgewinnen zu können.

Fred Vargas – Der Zorn der Einsiedlerin

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas
Fred Vargas . Der Zorn der Einsiedlerin

Der Mord an einer Frau holt Kommissar Adamsberg von Island zurück an den Pariser Schreibtisch. Der Fall ist schnell geklärt und so ist die Aufmerksamkeit des Ermittlers schon bald bei einer anderen Geschichte. Im Süden des Landes sind drei Männer durch den Biss einer Spinne gestorben. Das Gift des Tieres genügt eigentlich nicht, um einem Menschen ernsthaft zu schaden, auch wenn die Opfer schon recht betagt waren. Adamsbergs Neugierde ist geweckt und er sucht einen Arachnologen auf. Mit ihm wartet eine ältere Dame aus der Region der Toten auf den Experten, die sich offenkundig seit Jahren mit den Tieren beschäftigt. Immer tiefer steigt Adamsberg in die Materie ein, er ahnt, dass er etwas auf der Spur ist und auch wenn nicht alle aus seinem Team hinter ihm stehen, folgt er unbeirrt den Spuren im Nebel und stößt auf eine ungeheuerliche Mordserie.

„Loxosceles reclusa“ ist der wissenschaftliche Name des Tieres, um das sich alles in „Der Zorn der Einsiedlerin“ dreht. Die Einsiedlerspinne braucht jedoch einige Zeit bis zu ihrem großen Auftritt, vorher muss Adamsberg noch zwei kleinere Fälle lösen, bevor er sich ihr ganz widmen kann. Fred Vargas startet ausgesprochen langsam und ausladend in den neunten Fall für ihren Pariser Kommissar. Doch es lohnt sich am Ball zu bleiben, denn sowohl Mordmotiv wie auch Umsetzung sind typisch Vargas komplex konstruiert und geradezu genial erdacht.

Adamsberg ermittelt auf seine gewohnt unkonventionelle Art, bei der er sich von Eingebungen – oder besser: Gedankenblasen – leiten lässt und die ihn, wenn auch mit mancher Schleife, doch zielsicher ins Schwarze treffen lassen. Leider kann die clevere Auflösung in der deutschen Übersetzung nicht ganz mit den Original mithalten, da sich manche Spuren nicht so offenkundig zeigen, wie dies für französische Leser der Fall sein dürfte, aber alle Zusammenhänge werden erklärt und die kurze Verzögerung tut der Spannung keinen Abbruch.

Dass dieses Mal ein Konflikt innerhalb des Teams die Ermittlungen belasten, bringt eine weitere Komponente ins Spiel, die vor allem viel über Adamsberg offenlegt, der als charismatischer Anführer seine Leute nicht nur im Griff hat, sondern unangefochtener Leitwolf ist. Diese Rolle übernimmt er, ebenso die Verantwortung, die damit einhergeht, und das macht ihn für mich ungemein sympathisch und hebt ihn von so vielen eigenbrötlerischen, egoistischen und sozial inkompetenten Ermittlern deutlich ab. Er kümmert sich um seine Leute, kennt sie gut und weiß vor allem um ihre Schwächen, die er schützt und deren Grenzen er nicht überschreitet.

Ein rundum gelungener Roman, einzig der große Zufall, den es braucht, um die Handlung ins Rollen zu bringen und letztlich auch die Lösung herbeizuführen passt nicht ganz zu Vargas Stil. Aber das kann ich verzeihen, schließlich hat sie ansonsten eine wirklich außergewöhnliche Geschichte geschaffen, was bei der Masse der Krimis, die doch häufig bekannten Mustern folgen, kein leichtes Unterfangen ist.

Andreas Eschbach – NSA

andreas-eschbach-nsa
Andreas Eschbach – NSA

Helene Bodenkamp ist in den 1930er Jahren eine gute Schülerin, nur in den Haushaltsfächern zeigt sie sich nicht nur unwillig, sondern auch völlig talentfrei. Daher entscheidet sie sich für das Fach Programmieren, eine typische Frauenarbeit, ist das Erstellen von Programmen doch direkt vergleichbar mit dem Stricken nach Muster. Sie ist begabt und so bietet man ihr zum Ende der Schulzeit einen Job im NSA an, wo sie für die Analysten Abfragen erstellt und Daten aufbereitet. Bei der Entwicklung der Komputertechnik ist Deutschland führend und täglich werden Unmengen an Informationen über die Einwohner gesammelt – wenn diese ihr Handy benutzen oder bargeldlos bezahlen – die ausgewertet und für die Planungen und Sicherheit benutzt werden können. Lange Zeit sieht Helene ihre Arbeit unkritisch, bis ihr während des Zweiten Weltkrieges klar wird, dass die Statistiken, die sie erstellt, direkte Auswirkungen auf die Menschen haben und diese sogar in Lebensgefahr bringen können.

Andreas Eschbach hat ein heute realistisches Szenario – die globale Vernetzung und die quasi totale Überwachung der Menschen über das Internet und elektronische Geräte – in die Zeit der Nazi-Herrschaft verlegt. Ein interessantes Konstrukt, da er sich so von den gängigen Dystopien in diesem Themenrahmen unterscheidet und zudem noch viel realistischer die Auswirkungen der technischen Möglichkeiten herausstellen kann. Sehr überraschend für mich das Ende, das einen völlig unerwarteten Ausgang nimmt, der mich gänzlich unvorbereitet getroffen hat, wenn dieser auch im Rückblick konsequent angelegt war.

Die Figur Helenes kann den Roman leicht tragen. Dank ihrer Herkunft hat sie nicht nur Zugang zu höherer Bildung, sondern auch zu Wissen, das den Durchschnittsbürgern vorenthalten bleibt. Ihre zunächst eher unkritische Haltung wird durch persönliche Erfahrungen plötzlich auf die Probe gestellt und so mutiert sie zur Widerstandskämpferin im Kleinen, die das System unterwandert und doch zugleich stützt. Ihr Gegenspieler Eugen Lettke weist wenig positive Eigenschaften auf, kleinlich und rachsüchtig geht er seinen Weg und so hat man auch wenig Mitleid mit ihm als der Sturz droht.

Trotz der Länge des Romans bleibt die Handlung durchgängig spannend und wird wohldosiert mit neuen Ereignissen angetrieben. Eschbach hat die technischen Neuerungen, die historisch nicht existierten, überzeugend in den geschichtlichen Kontext integriert, so dass diese sich reibungslos einfügen und die Handlung authentisch wirkt. Es kann im Nazi-Regime keine Mächte-Gleichgewicht geben und doch sieht man, wie ein einziger Mensch einen Einfluss auf Entwicklungen haben und durchaus innerhalb seines Rahmens eine Gegenwehr erzeugen kann. Für mich ein runder Roman mit einer ausgewogenen Balance zwischen Spannung, Figurenentwicklung und dystopischen Elementen.

Max Bronski – Schneekönig

max-bronski-schneekönig
Max Bronski – Schneekönig

Nach einem kalten Abend auf dem Münchner Christkindlmarkt ist Wilhelm Gossec auf dem Weg nach Hause zu seinem Trödelladen als er plötzlich angefahren wird. Zwischen Sein und Nichtsein schwebend scheint man ihm noch eine Chance zu geben und schickt ihn zurück auf die Erde, wo er vor seinem Laden ein Paar in Not findet. Er nimmt die beiden mit zu sich und kurz danach assistiert er Mariella auch schon bei der Geburt ihres Sohnes Joshua. Ein ungutes Gefühl hatte sie davon abgehalten in die Klinik zu gehen, in der just in dieser Nacht zwei neugeborene Jungen ermordet wurden. Mariella druckst herum, ihr Begleiter ist nicht der Vater des Kindes, schnell wird Gossec klar, dass die Frau in höchster Gefahr ist. Derweil bricht der Winter über die bayerische Hauptstadt herein und das Leben kommt zum Erliegen – nicht jedoch für Gossec, der neben der Findelfamilie auch noch seine eigene Bleibe retten muss und dann war da ja auch noch die Frage, ob er jetzt gen Himmel reisen darf oder doch noch ein paar Jahre irdisches Dasein genießen soll…

Max Bronskis sechster Fall um den Trödelhändler ist kein bierernster Krimi, sondern recht humorvoll in Handlung und Sprache und durch die schon wenig realistische Ausgangssituation eine eher unterhaltsame denn spannende Angelegenheit. Nichtsdestotrotz gibt es eine gut konstruierte und durchaus knifflige Krimihandlung, die nebenbei um das ernste Thema der Immobilienhaie und die schwierige Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt ergänzt wird.

Gossec ist als Figur kauzig angelegt und kann dank seiner Menschenkenntnis den Fall eher unkonventionell angehen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Tage erscheint mir auch das Vorgehen der saudischen Prinzen auch keineswegs mehr so abwegig wie das vielleicht noch vor Kurzem der Fall gewesen wäre. Dass Mariella und das Baby in ernsthafter Gefahr schweben, wenn ein Killerkommando nach ihnen sucht, ist leicht vorstellbar. Neben dieser Haupthandlung fand ich jedoch die Problematik um die alte Immobilie, in der Gossec und seine Nachbarn wohnen, nicht nur überzeugend eingebaut, sondern auch als reale Bedrohung der normalen Bürger gut gewählt. So entsteht eine gelungene und unterhaltsame Mischung aus Spannung und Humor, die man aufgrund der Kürze des Romans an einem entspannten Sonntagnachmittag genießen kann.

Daniel Silva – Der Drahtzieher

daniel-silva-der-drahtzieher
Daniel Silva – Der Drahtzieher

Schon wieder ein Anschlag des IS auf britischem Boden, hunderte Tote und Verletzte, das Westend in Schutt und Asche. Drahtzieher ist offenkundig Saladin, der Islamist, den es nicht gelungen war zu eliminieren nach dem Angriff auf das Weinberg Center in Paris. Gabriel Allon, inzwischen Chef des israelischen Geheimdienstes, will ihn endlich unschädlich machen und stellt eine nie gesehene internationale Koalition zusammen: MI5 und MI6 aus England, der französische Geheimdienst und sogar die USA, selbst Opfer Saladins geworden, erklären sich zur Zusammenarbeit bereit, um dem größten Feind des Westens mit vereinten Kräften zu begegnen. Die Spuren führen nach Marseille, Einfallsort für die Drogenversorgung Europas. Als Lockvögel werden der beste Spion der Briten und alter Bekannter Allons, sowie Natalie, die Saladin bereits schon einmal sehr nah kam und ihm damals das Leben rettete, auf den Kontaktmann angesetzt. Dann ist Warten angesagt, bis sich die Chance ergeben wird.

Band 17 der Gabriel Allon Reihe setzt nahtlos da an, wo der Vorgänger aufhörte. Immer noch ist der Islamist Saladin das Ziel des Israelis. Auslöser für alle Aktivität ist wieder einmal ein Attentat in Europa, dem die westlichen Sicherheitskräfte nichts entgegensetzen konnten.

Insgesamt legt „Der Drahtzieher“ über weite Strecken ein recht gemächliches Tempo an den Tag. Der Fokus liegt dieses Mal ganz entschieden auf der Arbeit der Geheimdienste, was jedoch kein bisschen an Spannung einbüßt. Anwerbung, Ausbildung, Kontrolle im Hintergrund – detailliert schildert Silva, wie eine große Operation geplant und umgesetzt wird, was dazu erforderlich ist und was offenkundig so alles bewegt werden kann. Ebenso interessant sind natürlich die Befindlichkeiten der einzelnen Länder, wie jeder den großen Sieg einfahren möchte, wie alte Animositäten fast die ganze Aktion gefährden. Hier bewegt sich Silva tatsächlich im klassischen Spionage-Milieu und kann an einen John LeCarré heranreichen.

So interessant dies alles ist, führt es jedoch unweigerlich auch dazu, dass die Handlung langsamer verläuft als man das von Silva gewöhnt ist. So manche Länge bleibt ebenfalls nicht aus. Auch Gabriel Allon bleibt dieses Mal im Hintergrund, die tragenden Figuren sind die Agenten und ihre Zielpersonen. Diese sind überzeugend gezeichnet und auch lebendig in ihrem Handeln. Allerdings habe ich mich doch gefragt, ob sich zwielichtige Personen tatsächlich so leicht anwerben lassen und uneigennützig kooperieren würden. Auch der finale Showdown in Marokko war zwar rasant und einem Thriller würdig, aber hatte doch mehr Hollywood Potential als Überzeugungskraft.

Insgesamt eine solide Fortsetzung mit großem Unterhaltungswert, die die Erwartungen an die Reihe voll erfüllt.

Michael Böhm/Dieter Hentzschel – Dinner mit Elch

michael-böhm-dinner-mit-elch
Michael Böhm/Dieter Hentzschel – Dinner mit Elch

Die beiden Werbeagenturinhaber Olov und sein Sohn Göran wollen ein Wochenende in ihrem abgelegenen Blockhaus verbringen. Sie laden den Mitarbeiter Erik und dessen Freundin Nadja zu sich ein, die noch eine weitere Freundin, Alina, mitbringen. Fernab der Zivilisation beginnt das Wochenende gemütlich, dass es unentwegt schneit, stört die kleine Gemeinschaft nicht weiter, mit guten Essen und Sauna lässt sich die Zeit schon aushalten. Als Olov jedoch längere Zeit draußen verschwindet, werden die anderen unruhig, sie finden den alten Mann verletzt und bewusstlos. Treibt sich jemand in der Nähe rum? Die Frage wird bald schon durch die Ankunft eines zwielichtigen Fremden beantwortet.

Das erste gemeinsame Schreibprojekt von Michael Böhm und Dieter Hentzschel konnte mich leider so gar nicht überzeugen. Dem Krimi fehlte es insgesamt an Spannung, was vor allem der Tatsache geschuldet war, dass ich mich über die Handlung wunderte, irritiert nach Zusammenhängen suchte und ob der unglaubwürdigen Wendungen verzweifelt auf das Ende hoffte.

Die Figuren bleiben leider ziemlich blass, es gibt einen wirklichen Protagonisten und außer den Ereignissen in der Hütte weiß man auch kaum etwas über sie, was es schwierig macht, Sympathien aufzubauen. Dass sie alle sehr schroff und abweisend kommunizieren, hilft hier auch nicht weiter. Vieles in ihrer Anlage ist auch nur wenig nachvollziehbar –  Göran giert offen nach Erics Freundin, weshalb dieser dann einem Wochenende mit Sauna zustimmt, ist schon schräg. Warum Nadja eine Schwangerschaft vortäuscht, hat sich mir ebenso wenig erschlossen. Olovs Tod, der von der kleinen Gemeinschaft sofort dem Fremden zugeschrieben wurde, obwohl weder Motiv noch Möglichkeit gegeben waren, war dann nur der erste seltsame Höhepunkt dieser Geschichte.

Nach dem ersten vermeintlichen (?) Mord driftet die Handlung völlig ins Abstruse und ist in keiner Weise mehr nachvollziehbar. Wie sich die Hütte plötzlich in militärischen Sperrbezirk befinden soll, was es mit den seltsamen Wilderern auf sich hat, die mysteriös auftauchen und dann nie wieder eine Rolle spielen und dass urplötzlich internationale Drogenkartelle und ein sensationeller Raub als Triebfeder für die ganzen Vorgänge herhalten sollen – hier wird es nun doch zu abenteuerlich, um noch Sinn zu ergeben.

Flache Figuren gepaart mit einem aberwitzigen und haarsträubenden Plot – so etwas habe ich lange nicht gelesen.

Petra Reski – Palermo Connection

petra-reski-palermo-connection.png
Petra Reski – Palermo Connection

Mutig stellt sich die sizilianische Staatsanwältin Serena Vitale der Mafia entgegen und endlich scheinen ihre Bemühungen Früchte zu tragen. Nur ihr Privatleben bleibt weiterhin chaotisch. Der deutsche Journalist Wienecke nimmt derweil Kontakt zu ihr auf, da er hofft mit einer Mafiageschichte endlich wieder sein Standing im Magazin verbessern zu können. Und tatsächlich gelingt es ihm, zu einem Mafia-Boss Kontakt aufzunehmen und eine aufsehenerregende Geschichte zu veröffentlichen. Er forscht auch über Serena Vitale nach und entdeckt dunkle Spuren in ihrer Vergangenheit.

Ich hatte mir spannende Unterhaltung und eine komplexe Mafia-Geschichte erwartet. Bekommen habe ich einen Roman, dessen roten Faden ich bis zum Ende nicht gefunden habe und der so vollgestopft mit Klischees ist, dass es bisweilen fast schmerzhaft war:

  1. Die gutaussehende Staatsanwältin, die aber eigentlich nur das liebe Frauchen spielen und geliebt werden will, andererseits aber keine Probleme hat, am selben Abend gleich mit zwei Männern ins Bett zu steigen, wobei bei Männern Intellekt egal zu sein scheint, der Körper ist das einzige, was sie interessiert – neben ihren Fingernägeln und den aufwändigen Friseurbesuchen.

  1. Der Mafia-Boss machte den Eindruck zu oft „Der Pate“ geschaut zu haben, aber nie den Charme und Haltung eines Corleones überzeugend kopieren zu können. Natürlich trifft er sich nur in Abrissbauten und Lagerhallen mit dem Journalisten – dem vorher noch ein Sack über den Kopf gezogen werden muss, damit er sich den ohnehin unbekannten Weg auf Sizilien nicht merkt. Als Deko hat er immer auch ein paar grimmig dreinschauende Leibwächter um sich herum drapiert.

  1. Die Italiener als solches scheinen nur rumzusitzen, Pizza zu essen, Kaffee zu trinken und die Mafia machen zu lassen, was sie wollen. Rechtschaffene Menschen sucht man vergeblich.

  1. Die ausgewanderten Italiener in Deutschland waschen derweil alle das Mafiageld in den hiesigen Pizzerien.

  1. Der Journalist ist eine ganz große Nummer, dass er dumm wie Brot ist und bei jedem Schritt an die Hand genommen werden muss, scheint für die Autorin nicht in Widerspruch zu stehen. Dass er sich als toller Hecht fühlt, macht ihn auch nicht sympathischer.

Die Fragmente von Handlung um Prozesse von Mafiaverbrechern bleibt völlig nebulös und ist irgendwann auch egal, weil es nur noch um den Journalisten und das Privatleben der Staatsanwältin geht. Dass ein gekränktes Männerego dann auch noch ziemlich kleinkariert Rache an der Frau nimmt, die ihn nicht so toll fand wie er sich selbst, setzt dem Ganzen dann nur noch das Macho-Kränchen auf.