Arnaldur Indriðason – Der Reisende

 

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Arnaldur Indriðason – Der Reisende

Ein Mann wird erschossen in seiner Wohnung aufgefunden. Doch schnell muss der Ermittler Flóvent erkennen, dass es sich gar nicht um Felix Lunden, den Mieter der Wohnung handelt, sondern um einen Kollegen, der wie Felix als Handelsreisender in ganz Island unterwegs war. Die Art der Hinrichtung weist darauf hin, dass ein Soldat der Täter sin könnte, weshalb Flóvent den Kanadier Thorson an seine Seite bekommt. Gemeinsam ermitteln sie in dem kleinen Land, das während der Kriegsjahre unter gleich mehrfacher Spannung steht und dessen Bewohner nicht nur gegenüber Fremden, sondern auch gegenüber der Polizei skeptisch sind.

Arnaldur Indriðason setzt mit „Der Reisende“ seine Kriegszeit Reihe fort, die sich doch sehr von den bekannten Bänden um Inspektor Erlendur unterscheidet. Der für mich größte Unterschied ist auch das, was ich als deutlichsten Mangel beim Lesen empfunden habe: mir fehlte die typisch isländische Atmosphäre. Die Insel, die so sehr von ihrem außergewöhnlichen Klima geprägt ist, deren insbesondere kalte Jahreszeit sich tief in die Eigenart der Menschen eingräbt, kommt in diesem Roman gar nicht durch. Fast könnte er überall spielen, denn nur wenig macht das typisch Isländische aus.

Der Mordfall an sich ist vielschichtig und komplex und lässt die beiden Ermittler gleich in mehrere Richtungen nach Hintergründen der Tat suchen. Obwohl hier auch die politische Lage und insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkrieges eine wesentliche Rolle spielt, sind es doch wieder einmal die Menschen selbst, die die Handlung befeuern und mit ihren ganz persönlichen Motiven Angst und Schrecken verbreiten. Indriðason verwebt die einzelnen Stränge geschickt und lässt den Leser so lange im Unklaren, worin nun das tatsächliche Motiv lag und wer der Täter ist. Dass er einer der besten aktuellen Krimiautoren ist, stellt er hier einmal mehr unter Beweis.

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Tony Parsons – In eisiger Nacht

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Tony Parsons – In eisiger Nacht

Als die Polizei zu einem verlassenen LKW im Londoner Chinatown gerufen wird, können sie nur noch den Tot von elf jungen Frauen feststellen. Eine einzige hat die Fahrt in dem Kühltransporter überlebt, aber die Chancen für Hana sind ebenfalls schlecht und nur wenige Stunden später erliegt auch sie den Erfrierungen. Detective Max Wolfe muss ermitteln und kommt schnell einer Bande von Menschenschmugglern auf die Spur. Offenbar wurden die Frauen illegal ins Land gebracht, um in Bordellen zu arbeiten und die Wünsche der Freier zu erfüllen. Die Handlanger sind schnell ausgemacht, aber an die Hintermänner zu kommen wird ein gefährliches Unterfangen, das den Ermittlern alles abverlangt.

Band 4 um den alleinerziehenden Londoner Ermittler kann nahtlos an die Vorgänger anknüpfen und überzeugt einmal mehr mit einem starken Protagonisten, der erfreulicherweise so gar nicht die gängigen Klischees bedient, und einer ebenso komplexen wie sauber gelösten Geschichte.

Tony Parsons greift ein aktuelles Thema auf: der Wunsch vieler junger Menschen, insbesondere junger Frauen, in Westeuropa ein besseres Leben zu finden. Unter falschen Versprechungen vertrauen sie sich skrupellosen Schmugglern an, denen das einzelne Menschenleben egal ist, da nur das Geld zählt, das sie mit der Ware machen können. Dass der Traum von ehrlicher und guter Arbeit sich selten erfüllt und oftmals zum Alptraum in Prostitution und ähnlichem wird, ist hinlänglich bekannt. Wie verzweifelt die illegalen Einwanderer sind, dass sie ihr Leben riskieren und wie prekär ihre Lage ist, sofern sie die Reise überhaupt überstehen, wird an vielen Stellen des Krimis deutlich. Dass sie aber nur kleine Rädchen in einem großen Gebilde sind, kann man sich denken und so kommt es auch hier, dass der Anlass der Ermittlungen in immer neue Richtungen führt und so manch unerwartete Überraschung zu bieten hat.

Für mich war einmal mehr die Figur von Max Wolfe am stärksten. Schon die Anlage als alleinerziehender Vater, der permanent zwischen Tochter und Beruf zerrissen ist und sich Vorwürfe macht, das Kind zu vernachlässigen – ein sehr modernes Bild, das man in Krimis selten findet. Seine Sensibilität gegenüber den Kollegen ist ebenfalls bemerkenswert, vor allem, weil sie authentisch und nicht kitschig wirkt. Ein insgesamt stimmiger und runder Krimi, der mit soliden Figuren und guter Story punkten kann und auf effekthascheriger Cliffhanger und übertriebene Spannungsmomente verzichtet.

Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

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Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

Nach einem schrecklichen Vorfall verlässt der Psychologe Arne Eriksen Berlin, um in der norwegischen Heimat seines Vater Entspannung und Abstand zu finden. Doch kaum ist er angekommen, wird er um Mithilfe in einem Mordfall gebeten: der Sohn des wichtigsten Zeitungsverlegers wurde ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt mit Hochdruck, kann jedoch keine nennenswerten Spuren finden. Arne soll sie mit einem Täterprofil unterstützen, doch der Psychologe wird immer wieder durch seine Panikattacken gelähmt. Er muss erst diese überwinden, um wieder klar sehen und die Lösung für den Fall erkennen zu können.

Nachdem ich vor einigen Monaten bereits den dritten Band der Reihe um Arne Eriksen gelesen hatte, der mich mit interessanten Charakteren und spannenden Handlung überzeugen konnte, habe ich mir nun den Auftakt der Serie gegönnt. Leider ist dieser etwas holpriger als Band drei geraten.

Der Kriminalfall, zu dem der Protagonist etwas überraschend kommt, ist vom Ende her gesehen, überzeugend konstruiert, glaubwürdig motiviert und wird sauber gelöst ohne irgendwelche Fragen offen zu lassen. Dass neben der Suche nach einem Mörder hier auch übersinnliche bzw. paranormale Phänomene einen Platz finden, hebt die Reihe ein wenig aus der Masse skandinavischer Krimis ab und ist für mich nachvollziehbar mit der besonderen Umwelt Nordnorwegens durchaus gut vereinbar.

Ärgerlich fand ich jedoch zahlreiche Unstimmigkeiten im Roman. Mal stammt Arnes Vater aus Oslo, dann wiederum aus Bergen. Zu Beginn betont Arne immer wieder, dass er zwar ganz gut Norwegisch verstehen, es aber kaum sprechen kann. Dies hält aber weder ihn noch die Polizei davon ab, ihn an komplexen Ermittlungen, die eine hohe sprachliche Kompetenz gerade von einem Psychologen erfordern, zu beteiligen. Allerdings treten die mangelnden Sprachkenntnisse nach den ersten Seiten nie mehr zu Tage und er kommuniziert reibungslos und ausgesprochen differenziert mit allen Beteiligten. Der Protagonist erscheint als geschätzter Psychologe, verhält sich aber diametral zur guten Praxis seines Berufsstandes – auch ohne ein traumatisierendes Erlebnis wäre Supervision bei seinem Job zwingend erforderlich und würde auch von jedem halbwegs professionellen Psychologen selbstverständlich angenommen. Daneben unsinnige Wortschöpfungen wie „Mitkommilitone“, die einem beim Lesen stolpern lassen. Zwar kann die Handlung überzeugen, diese Nachlässigkeiten sind jedoch schon ein Ärgernis.

Jo Nesbø – The Snowman

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Jo Nesbø – The Snowman

Es ist relativ ruhig in Oslo als zwei vermisste Frauen die Aufmerksamkeit von Harry Hole wecken. Ein anonymer Brief, den er wenige Wochen zuvor erhalten hat, ließ ihn damals noch etwas ratlos zurück, doch jetzt fürchtet er, dass ein Serienkiller am Werk sein könnte. Außer seinem Team ist niemand so recht von der Idee überzeugt, aber vor allem Katrine Bratt, die Neue, findet schnell weitere Hinweise, die diese These stützen. Gemeinsam haben die ungeklärten Fälle immer eine Sache: am Tag des ersten Schneefalls wird eine Frau Opfer und immer findet sich in der Nähe des Tatorts ein Schneemann. Die fieberhafte Suche nach dem Täter beginnt, doch das Team ahnt nicht, in welche Richtung die Ermittlungen führen werden.

Band 7 der Reihe um den norwegischen Kriminalkommissar Harry Hole erfüllt einmal mehr alle Erwartungen: ein komplexer Fall, ein interessanter Protagonist, eine gelungene Mischung von Kriminalfall und persönlichem Schicksal. Hole ist gerade trocken und dabei sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, als er mit diesem Fall konfrontiert wird, aber die Geister der Vergangenheit lauern an jeder Ecke, was ihn zugleich beruflich wie privat an seine Grenzen bringt.

Was mich einmal mehr bei Jo Nesbø überzeugen kann, ist die Atmosphäre, in der er seinen Roman ansiedelt. Der norwegische Winter spielt im „Snowman“ eine entscheidende Rolle und dringt auch zum Leser durch. Die Kälte, die man zu dieser Jahreszeit vermutet wird gepaart mit jener, die durch den Grusel vor den Taten entsteht. Dazu ist der Autor ein Meister im Spuren legen und lesen, so manches, was man nebenbei überlesen könnte, stellt sich hinterher als wesentliches Element heraus, man ist gefordert als Leser und wird dafür bestens unterhalten.

 

Vitu Falconi – Das korsische Begräbnis

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Vitu Falconi – Das korsische Begräbnis

Eine Schreibblockade bringt den Pariser Autor Eric Marchand nach Korsika, wo er in der Natur ausspannen und wieder zu seinem Buch finden will. Aber es gibt noch einen zweiten Grund: in den Hinterlassenschaften seiner verstorbenen Mutter hat er unter anderem ein Tagebuch und ein Amulett gefunden; nie haben seine Eltern über ihre Vergangenheit auf der Insel gesprochen, nie war er als Kind dort, noch weiß er etwas über Verwandte. Wenn er schon einmal dort ist, kann er auch ein paar Nachforschungen anstellen. Ein falscher Schritt beim Wandern macht ihn rasch mit der Heilerin Laurine bekannt – und mit dem Nachfolger eines der brutalsten Mafia-Clans. Marchand nimmt die Dinge nicht so ernst, Blutfehde, Jahrhunderte alte Traditionen – das ist doch längst alles überkommen. Doch er täuscht sich und bald schon ist seine Anwesenheit auf der Insel für viele Bewohner ein Problem – doch warum?

Noch eine Reihe Krimis in der französischen Provinz – mein erster Gedanke. Allein aufgrund der Anzahl der Serien über Ermittler abseits der Metropolen muss man ja den Eindruck gewinnen, dass man in unserem Nachbarland nicht sicher sein kann. Leider leiden auch viele der Krimis an stereotypen Ermittlern, flachen Geschichten und viel zu viel Landschafts-, Essens- und Weinbeschreibungen. Vitu Falconi, Pseudonym des Autors Thomas Thiemeyer, der bisher vorwiegend mit Jugendbüchern bekannt wurde, bildet hier eine lobenswerte Ausnahme. Im Zentrum stehen der Fall und die Figuren, das liebliche Wohlfühl-Frankreich und ausufernde Liebschaften des Protagonisten sucht man vergeblich. Dafür gibt es einen klassischen Mafia-Krimi mit Spannung und rasantem Finish.

Das Setting als solches ist überzeugend, Korsika ist eine Insel mit eigener Sprache und eigenen Gesetzen, ideal für die Handlung um einen alten Clan und Fehden, die nie ein Ende nehmen werden. Für den Außenstehenden nicht durchschaubar und somit tappt der Leser gemeinsam mit Marchand zunächst im Dunkeln. Die Figur des Autors ist ebenfalls recht plausibel gestaltet, sowohl sein Hintergrund wie auch seine Motivation sind stimmig. Dass er nach einem beinahe tödlichen Unfall mit Rippenbruch etc. trotzdem jung und fit durch die Berge klettern kann, sei ihm verziehen. Die Handlung lebt von den Ereignissen in der Vergangenheit, die nach und nach erarbeitet werden müssen, besticht bisweilen mit kuriosen Ritualen und wird glaubwürdig zu Ende geführt. So entsteht ein runder Krimi, der die Erwartungen erfüllt.

Alexander Oetker – Retour

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Alexander Oetker – Retour

Da sein Vater schwer krank ist, lässt sich Commissaire Luc Verlain von Paris in seine Heimat in Aquitaine zurückversetzen. Dort hofft er auf eine ruhige Zeit und die Möglichkeit, sich um seinen Vater zu kümmern. Doch kaum ist er angekommen, wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden, erschlagen am Strand. Der Stiefvater ist sich sicher, dass es der junge algerische Freund war, den sie verlassen hatte und der ihr immer noch hinterherlief. Die Indizien, die zunächst gegen Hakim sprechen, erweisen sich jedoch schnell als entlastend und so rückt der unbekannte reiche Liebhaber des Mädchens in den Fokus der Ermittlungen.

Die Liste der Ermittler in der französischen Provinz wird immer länger. Alexander Oetker hat mit Luc Verlain nun einen weiteren Kommissar ins Rennen um die Gunst der deutschen Leser geschickt und setzt dabei auf bewährte Versatzstücke: aus Paris in die Provinz versetzt; dort schwieriger Start mit den Kollegen; den Fall kann der Superermittler quasi im Alleingang lösen, auch acht teilweise bewaffnete Gegner sind für ihn kein Problem und zwischendurch wird viel über Weinberge, Wein und Essen geredet. Natürlich darf die hübsche junge Frau aus der Provinz, die dem gestandenen Ermittler aus der Großstadt den Kopf verdreht, auch nicht fehlen. Viel Neues war hier leider nicht zu entdecken.

Der Fall selbst ist recht vorhersehbar, zwar mit ein zwei vermeintlichen Fährten gespickt, ist es jedoch recht schnell offenkundig, wer hier welches Spiel spielt. Die Figurenzeichnung beschränkt sich weitgehend auf stereotype Schwarz-Weiß-Malerei, so etwa der böse Bulle, der in Korruption verstrickt war als Widersacher des Helden – der sich allerdings recht schnell selbst ins Aus schießt. Anouk, die zwar zunächst als talentierte Polizistin eingeführt wird, dann aber nur noch in Form des assistierenden Häschens auftreten darf und deren Relevanz und Beschreibung sich auf ihren Hintern, Busen und Haare und den Wunsch Verlains, sie endlich ins Bett zu zerren, beschränkt. Für ihr berufliches Geschick bleibt leider bei dem Ego des Protagonisten nicht viel Platz.

Dieser trotzt nur so vor Klischees, an kaum einer Frau kommt er vorbei, ohne ausführlich ihre optischen Qualitäten zu eruieren und bei Gelegenheit mit ihr das Bett zu teilen. Natürlich hat er in Paris auch noch eine Partnerin, die sich aber auf einen Kurzurlaub seinerseits beschränken muss und ansonsten nicht einmal eine SMS verdient hat. Ausnahmslos alle Frauen werfen sich an seinen Hals, er bleibt dabei aber der coole rauchende Surfer, der sich auf nichts Festes einlassen will. Ach ja, da war ja noch sein Vater, wegen dessen Krankheit er die Versetzung erwirkte. Der muss sich mit einem wenige Minuten dauernden Besuch mehrere Tage nach seiner Ankunft zufriedengeben.

Für mich keine Reihe, die ich weiter verfolgen werde, zu platt Handlung wie Figuren und viel zu viel sexistische Flachheit, um daran Gefallen zu finden.

Marybeth Mayhew Whalen – The Things We Wish Were True

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Marybeth Mayhew Whalen – The Things We Wish Were True

Die Bewohner von Sycamore Glen in North Carolina haben sich in ihrem Leben eingerichtet. Jeder kennt jeden, weiß alles über die anderen und so geht jeden Morgen die Sonne auf und abends wieder unter. Als Jencey nach vielen Jahren plötzlich wieder zurückkehrt, irritiert das ihre früheren Freunde. Urplötzlich hatte sie den Ort verlassen, niemand wusste wohin und was in der Zwischenzeit aus ihr geworden war. Dass sie nun mit zwei Kindern aber ohne Vater wieder bei der Mutter wohnt, weckt Fragen. Ihre damals beste Freundin Bryte hat Jenceys Ex-Freund Everett geheiratet und einen wundervollen Sohn mit ihm bekommen, als Hausfrau und Mutter lebt sie ein beneidenswertes und sorgenfreies Leben. Ein schrecklicher Unfall würfelt die berechenbare und überschaubare Ordnung der Kleinstadt durcheinander, neue Verbindungen reißen alte Wunden auf und bringen ungeahnte und wohl gehütete Geheimnisse an die Oberfläche. Und siehe da: mehr als einer der biederen Bewohner hat eine Leiche im Keller.

Marybeth Mayhew Whalens Roman folgt dem Rhythmus des heißen Südstaatensommers. Eigentlich wollen alle ihre Sorgen vergessen und beim Baden im Pool die Zeit genießen. Doch genau dieser friedliebende Ort ist Ausgangspunkt für das Drama, dass die Kleinstadt einholen wird. Man lernt die Figuren kennen, doch bald schon sind es die kleinen, geradezu nebensächlich dahingeworfenen Andeutungen, die einen aufhorchen und schon ahnen lassen, dass hinter den Fassaden noch eine ganz andere Geschichte lauert. In gemächlichem Tempo nähert sich die Autorin den Figuren, keineswegs zu langsam oder gar langweilig, sondern clever aufgebaut, den Leser in Sicherheit wiegend, bevor eine nach der anderen Keule ausgepackt wird.

Das Figurenkabinett ist breit gefächert und psychologisch durchdacht und überzeugend. Die ehemals besten Freundinnen, die jedoch der anderen schon immer vieles neideten und ihre Freundlichkeit nur vorgeschoben haben; die Mütter, die lieber wegschauen und leugnen, als sich der harten Realität zu stellen; Väter, denen die Rolle sichtlich zu groß ist und natürlich jede Menge Nachbarn, die gerne hilfsbereit sind, aber noch lieber herumschnüffeln, um die kleinen und großen Geheimnisse aufzudecken.

Ein unterhaltsamer Roman über normale, durchschnittliche Menschen, die den äußeren Schein zu wahren versuchen und sich plötzlich doch der Realität stellen müssen.

Keith Nixon – Totengrab

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Keith Nixon – Totengrab

In dem englischen Provinzstädtchen Margate stürzt sich ein Teenager von einem Balkon. Selbstmord, so die erste Erkenntnis der Polizei. Doch Detective Sergeant Solomon Gray hat ein ungutes Gefühl, könnte der Jugendliche sein seit 10 Jahren vermisster Sohn sein? Noch immer ist er auf der Suche nach dem Jungen, von dem seither jede Spur fehlt und der noch irgendwo da draußen sein muss. Vor allem ist es seltsam, dass der Tote auf seinem Handy die Nummer Grays gespeichert hatte. Was hat dies zu bedeuten? Bei der Suche nach Angehörigen stößt Gray bald auf einen alten Bekannten, der den Fall in einem anderen Licht erscheinen lässt. Doch die Entwicklungen fordern ihren Tribut und mehr und mehr versinkt Gray wieder in der Depression, die ihn schon seit Jahren im Griff hat.

Der Ansatz des Krimis klingt fesselnd und hat viel Potenzial. Leider wurde dieses für meinen Geschmack in der Umsetzung verspielt, so dass nur ein durchschnittlicher Roman mit überschaubarere Spannung entstanden ist. Die Parallelen zwischen dem toten Jugendlichen und dem vermissten Sohn des Polizisten bieten eigentlich viel Raum für Spekulation und nervenzerreißende Ermittlungen, aber dies wird zu schnell aufgegeben.

Die Ermittlungen verlaufen insgesamt nicht sehr zielstrebig und wenig überzeugend. Steht zunächst vor allem für seine Vorgesetzten die Frage im Raum, welche Verbindung es zwischen dem Jungen und Gray gibt, wird dies irgendwann einfach nicht mehr verfolgt und letztlich ignoriert. Auch wird ein großer Skandal angelegt, der jedoch ebenfalls auf der Strecke bleibt und nicht den vermuteten und erhofften großen Knall bringt. Aus dem Nichts taucht derweil ein zweiter Fall und zahlreiche Ermordetet auf – hier fehlt mir die Plausibilität, das Handeln der Figuren ist nicht überzeugend motiviert und zu zufällig, um gerade zu diesem Zeitpunkt wirklich diesen Verlauf zu nehmen.

Der Protagonist hat zwar mit der Anlage seiner Vorgeschichte einige Facetten, die mit in die Handlung einspielen, aber mir bleibt er zu eindimensional und schablonenhaft. Zu oft hat man von dem vom Schicksal schwer getroffenen Ermittler gelesen, der depressiv wird und sich mit Alkohol derart zudröhnt, dass er sich an seine eigenen Handlungen nicht mehr erinnern kann und in geistiger Umnebelung schwere Straftaten begeht – was ihn aber nicht daran hindert im Alleingang dennoch den Fall aufzuklären. Solomon Gray kann mich nicht als Fan gewinnen.

Alles in allem durchaus lesbar, aber kein Krimi, der für mich so überzeugend ist, dass ich weitere Bände aus der Reihe lesen wollen würde.

Juli Zeh – Leere Herzen

Leere Herzen von Juli Zeh
Juli Zeh – Leere Herzen

Terrorismus als buchbare Dienstleistung. Kann es so etwas geben? Natürlich, denn wie „Brücke“, das Projekt von Britta Söldner und ihrem Geschäftspartner Babak beweist, ist dies eine Marktlücke, mit der man sehr viel Geld verdienen kann. Was umfasst das Angebot der beiden? Rekrutierung und Training der Anwärter. Gezielte Auswahl und Überprüfung in einem 12-stufigen Verfahren. Garantierte Dienstleistung mit 100%-iger Erfolgsquote. Davon lässt sich gut leben, auch wenn weder Brittas Mann noch ihre Freunde genau wissen, was sie tut. Expandieren wäre zu gefährlich, den Ball flach halten und nicht auffallen ist die Devise. Doch irgendjemand hat ein Auge auf das erfolgreiche Geschäft mit den Attentaten geworfen und mischt sich ein. Britta und Babak bekommen Angst. Wer ist ihr Gegner, der offenbar nicht nur mächtig, sondern vor allem skrupellos ist?

Juli Zehs aktueller Roman ist eine Art dystopische Gesellschaftskritik. Die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, jedoch in der Post-Merkelschen Ära, wenn eine neue Partei das Ruder übernommen hat und langsam die Demokratie und den Glauben an Europa zerstört. Mehr und mehr werden die Freiheiten der Bürger beschnitten, die dies jedoch als träge Masse hinnehmen und sich in ihrem Wohlstand ausruhen. Das Refugium des Privaten, wo man möglichst wenig Gedanken an die Politik verschwendet, ist das neue Lieblingsziel der Mittelschicht. Gestört wird dieses Idyll nur durch gelegentliche wohl platzierte und kontrollierte Anschläge, die kurz aufpoppen, dank geringer Personen- und Sachschäden jedoch genauso schnell wieder verpuffen.

Auch wenn ich das Grundkonzept mit einer Agentur für Attentäter eine recht innovative Idee finde, bleibt vieles doch so abgehoben unrealistisch, dass es mir nicht authentisch genug erscheint, um mich gänzlich zu überzeugen. Vor allem die Bekämpfung des politischen Systems, an sich spannend und interessant, verliert an Brisanz durch die geringe Konkretheit der politischen Verhältnisse. Das Private der Figuren dominiert so stark, dass man sich nur schemenhaft ein Bild der Gesamtgesellschaft machen kann. Die einzelnen Aspekte sind zu vage, um wirklich eine angreifbare Vorstellung zu schaffen.

Wo das personenübergreifende, gesellschaftliche Ganze zu schemenhaft bleibt, bekommt man einen sehr intensiven Eindruck der Figuren. Diese, allen voran Britta und Janina, sind vielschichtig gezeichnet und wirken lebendig und authentisch. Für mich war Juli Zeh auch vor allem in der Eingangsszene mit dem Abendessen der befreundeten Familien am stärksten, sie ist eine begnadete Erzählerin, der es immer wieder gelingt Atmosphären zu schaffen und den Leser in die Handlung eintauchen zu lassen. Je kritischer die Situation für die Agentur wird, desto höher wird das Tempo und desto passender verlieren die Figuren ihre Selbstsicherheit und Ruhe. Das ist alles sehr stimmig, auch die Spannung steigt kontinuierlich Richtung Ende. Hier wiederum war ich etwas irritiert, so ganz passend und überzeugend war die Lösung für mich nicht. Auch waren mir die Namen eher zu platt – die Söldnerin für das Heer der Attentäter und Babak, der kleine Vater des Supercomputers – hier hätte man kreativer sein können.

Alles in allem daher eine unterhaltsame Geschichte, die zwar erzählerisch gelungen ist, bei der sich aber auch gewisse Schwächen nicht verleugnen lassen.

Øistein Borge – Kreuzschnitt

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Øistein Borge – Kreuzschnitt

Der Mord an einem schwerreichen norwegischen Unternehmer bringt den Osloer Kommissar Bogart Bull an die Côte d’Azur. Der alte Axel Krogh wurde jedoch nicht nur einfach ermordet, sondern seine Leiche auch noch mit einem Kreuz geschändet. Ein einfacher Raubüberfall war es offenkundig nicht, denn aus der Villa wurde nur ein kleines, scheinbar unbedeutendes Gemälde gestohlen. Bull und sein französischer Kollege Moulin tappen im Dunkeln, spätestens als wenige Tage später die Tochter des Millionärs ebenfalls ermordet wird, steigt der Druck auf die beiden Ermittler durch die Behörden und die Öffentlichkeit ins Unermessliche. Es gibt keine Spuren, aber die Kreuze auf den Rücken der Toten lassen Bull ahnen, dass mehr als Geldgier hinter den Morden steckt.

Øistein Borge ist die neue Entdeckung am skandinavischen Krimiautorenhimmel. Sein Debüt, das bereits im vergangenen Jahr in Norwegen begeistert aufgenommen wurde, lässt noch einiges von dem Regisseur und Texter erwarten. Er kann hier mit einer cleveren Geschichte, die viele unerwartete Wendungen nimmt und am Ende sauber gelöst wird, überzeugen. Auch sein Protagonist Bogart Bull hat einiges an Potenzial für noch folgende Romane.

Was dem Roman gänzlich fehlt, ist das nordische Flair, was aber im Wesentlichen durch den Handlungsort in Südfrankreich bedingt ist. Erfreulicherweise werden wir nicht mit ausgiebigen Diners gelangweilt und die Landschaftsbeschreibungen sind ebenfalls kein seitenfüllendes Accessoire der Handlung. Hier schon einmal ein großer Pluspunkt gegenüber der überbordenden Masse an Frankreich-Krimis der letzten Jahre. Kommissar Zufall hat nur eine winzige Rolle bei der Lösung des Falls, wenn leider auch entscheidend für die Aufklärung, aber irgendwoher müssen die Impulse ja kommen und es hat hier zumindest die Glaubwürdigkeit des Plots nicht nachhaltig geschädigt. Einziger Makel waren für mich die langen Erzählungen in der Kriegszeit. Zwar waren sie für die Motivation des Mörders essentiell, aber leider für meinen Geschmack etwas zu ausführlich und nur begrenzt spannend und interessant.

Alles in allem jedoch ein überzeugender Krimi, den man in einem Zug durchliest und der die Erwartungen weitgehend erfüllen kann.