J. Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

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 Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

Ein misslicher Unfall beim Aussteigen aus dem Zug, als er beinahe seinen Halt verpasst hätte, bringt John Foss auf das Anwesen Bragley Court von Lord Aveling, der dort eine illustre Jagdgesellschaft versammelt hat. Zwölf Gäste waren geplant und wie jeder weiß, bringt ein dreizehnter Gast Unglück. Und so kommt es auch, denn nicht nur wird ein Gemälde des berühmten Künstler Leicester Pratt zerstört, sondern auch ein Hund getötet, bevor – wie nunmehr zu erwarten – auch noch ein Mord geschieht. Dem ungebetenen und durch die Fußverletzung immobilen Gast bleibt nichts anderes übrig, als das Treiben im Haus zu beobachten und passiv die Ereignisse zu verfolgen. Doch seinem Scharfsinn entgeht nichts und er kann geschickt die Puzzleteile zusammenfügen.

Joseph Jefferson Farjeon was ein englischer Kriminalautor und Theaterschreiber, der vor allem durch die Geschichten um Detective X. Crook bekannt wurde, die in dem Magazin „Flynn’s Weekly Detective Fiction“ des ehemaligen FBI Chefs William James Flynn erschienen. „Thirteen Guests“ erschien erstmals 1936 und steht in bester Tradition klassischer britischer Krimis wie etwa der Lord Peter Wimsey Serie von Dorothy L. Sayers oder natürlich der Queen of Crime, Agatha Christie.

Der Krimi folgt einem bekannten Muster: ein abgeschiedener Ort im schottischen Nirgendwo; eine geschlossene Gemeinschaft, die sich mehr oder weniger gut kennt, aber natürlich ihre Geheimnisse hat; ein quasi außenstehender Beobachter und natürlich ein Mord, der aufgeklärt werden muss. Dabei leisten Hobbydetetktive wie hier ein Journalist und der Künstler ebenso ihren Beitrag wie all diejenigen, die gerne etwas vertuschen würden. Am Ende kommt der große Showdown, nachdem der Ermittler die Gäste separierte, um sie einzeln zu verhören, und dann alle losen Enden miteinander zu verbinden und den Täter zu präsentieren. Allerdings schenkt Frajeon dem Leser noch zwei Kapitel, die die Geschichte nochmals in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Natürlich sind Krimis aus der Entstehungszeit von „Dreizehn Gäste“ nicht mit heutigen zu vergleichen, die Erzählstruktur, das Figurenpersonal, das Erzähltempo und auch die detailreichen Schilderungen von Mord und Leiche unterscheiden sich nennenswert, weshalb es schlichtweg unfair wäre, den Roman daran zu messen. Als Fan auch der alten Storys, die vorzugsweise in der britischen Oberschicht spielen und auf ganz klassischen Motiven basieren, bei denen dem Leser im Laufe der Handlung kleine Andeutungen gemacht werden, die er hoffentlich nicht übersieht, um so seine eigenen Ermittlungen zu leiten, konnte mich Farjeon mit einem sauberen Krimi überzeugen, der auch sprachlich passend etwas angestaubt wirkt und einen subtil-ironischen Ton pflegt.

Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

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Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

Eine Horde marodender jugendlicher Zuwanderer zieht nachts durch die Innenstadt von Uppsala. Am kommenden Morgen sind nicht nur unzählige Fenster eingeschlagen, sondern ein junger Mann wird auch ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt, doch scheinbar steht der Mord nicht direkt im Zusammenhang mit den Krawallen, denn der Tote traf zufällig auf den Ex Freund seiner Geliebten, der gerade erst von der Trennung erfahren hatte. Doch dieser bestreitet die Tat. Ann Lindell glaubt ihm, sehr zum Ärger ihrer Kollegen, die auf einen schnellen Fahndungserfolg hofften.

Kjell Erikssons dritter Band aus der Reihe um die Ermittlerin Ann Lindell konnte mich leider weit weniger überzeugen als erhofft. Für mich hatte der Krimi zu viele Längen, kam nur sehr gemächlich in Fahrt und hatte einige Seitenschleifen, die für meinen Geschmack verzichtbar waren. Auch fehlte mit ein wenig das typisch skandinavische Flair und der im Klappentext angekündigte Konflikt bleibt am Ende nur eine Randnotiz.

Im Zentrum der Handlung steht ein 15-jähriger Iraner, der offenkundig in der Nacht Entscheidendes beobachtet hat, aber nun aus Angst vor der Polizei sich dieser nicht anvertrauen kann und gleichzeitig auch aus den eigenen Reihen Druck erfährt. Diese Figur war für mich noch am überzeugendsten und auch glaubwürdig in der Anlage. Ann Lindell und ihr verflossener Liebhaber, der in Thailand das Glück sucht, konnte mich leider so gar nicht begeistern; die Protagonistin ist unsympathisch, egoistisch und als Supermami taugt sie auch nicht. Der Fall war letztlich eher banal und bot keineswegs große Überraschungen und leider auch viel zu wenig Spannung, um als Krimi zu überzeugen.

Tony Parsons – #taken

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Tony Parsons – #taken

When Jessica Lyle is abducted in front of her apartment, the kidnappers obviously made a big mistake. It was not the lovely mother of a baby-boy, but her flatmate Snezia Jones who was the target since she is the mistress of London’s drug dealer number one: Harry Flowers. This is personal, the woman has been taken to get to the underworld boss who is so distressed that he comes personally to DC Max Wolfe to offer his assistance. It does not help the police that Jessica’s parents immediately go public with the case, they want their daughter back and they give their mission a hashtag to spread the word: #taken. Yet, this media hype only leads to more people who have waited a long time for their chance to take revenge on Harry Flowers. Jessica remains missing and obviously, the time is running out.

I absolutely love Tony Parson’s series about DC Max Wolfe, the sixth instalment actually was one of the best so far. The author has created a plot that can really surprise due to the astonishing twists and turns.

This time, Max Wolfe’s team really has a hard job to do since they need the cooperation of the drug dealer Harry Flowers and have to rely on his information – which not only is all but reliable but also brings Max and also his daughter Scout in the highest danger. The threat comes from a very unexpected side but it was absolutely credible from a human point of view. Apart from the missing person’s case, Max has to struggle again with his ex-wife Anne and the question of how to educate Scout. Surprisingly, the loss of Max’s lover Edie Wren which happened at the end of the last book in the series did not really play a big role even though I expected this to have a large impact on him.

Again, a masterly crafted plot around a set of very unique characters makes a great read.

Andrew Cartmel – Murder Swing

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Andrew Cartmel – Murder Swing

Eigentlich verbringt er seine Tage damit von Second Hand Shop zu Second Hand Shop zu laufen und die Neuzugänge der Vinyl Platten zu durchforsten, immer auf der Suche nach dem ultimativen akustischen Kick – und nach einem lukrativen Geschäft, denn echte Sammler sind bereit so einiges zu bezahlen für eine wertvolle Platte. Als es eines Tages unerwartet an seiner Tür klingelt, ahnt er nicht, dass die Frau, die vor ihm steht, ihn nicht nur auf die Suche nach einer außergewöhnlichen Aufnahme schicken wird, sondern auch in größte Gefahr bringt, denn plötzlich häufen sich Unfälle und mysteriöse Todesfälle in seinem Umfeld. Aber wenn das Interesse erst einmal geweckt ist und dazu so ansprechend vertreten wird wie bei Miss N. Warren, muss ein Mann ja schwach werden und den Auftrag annehmen.

Andrew Cartmel ist als Schreiber für die britische TV Serie Doctor Who bekannt geworden, von der Vinyl Detective Reihe erscheint 2019 im Original bereits Band 4. Die Tatsache, dass sich Cartmel auch als Stand-Up Comedian betätigt, merkt man seinem Roman an. Als Thriller vom Verlag angekündigt, macht er auch mich doch eher den Eindruck einer Slapstick Krimi-Komödie, was jedoch in keiner Weise negativ zu verstehen ist.

Die Geschichte lebt ganz klar von den Figuren, die alle auf ihre Art skurril aber liebenswert sind. Vorneweg natürlich der Plattensammler, der nebenbei Detektivarbeit leistet. Man kann sich seine Wohnung bildhaft vorstellen, vor allem die zwei Katzen, die das Gesamtbild charmant abrunden. Miss Warren – deren Vorname lange ein ganz eigenes Mysterium bleibt, weshalb er auch hier nicht verraten wird – die zwischen dümmlich und hochintelligent oszilliert und damit immer wieder überrascht, ebenso mit ihren herrlichen Katzendialogen. Und natürlich die ganzen Nebenfiguren: die Gegenspieler Heinz und Heidi, der Drogendealer und Tomatenmagnat Hughie, Freund Tinkler und natürlich die Taxifahrerin Clean Head. Eine Ansammlung von Kuriositäten, die zusammen einen großen Spaß fabrizieren.

Der Kriminalfall um die Originalaufnahme von „Easy Come, Easy Go“ hat mir als unbedarftem digital Musikhörer so einiges an neuem Wissen eingebracht und die Komplexität des alten Mediums Vinyl erst richtig verdeutlicht. Die Geschichte wird schließlich glaubwürdig, wenn auch mit etwas Nachhilfe von Kommissar Zufall, gelöst. Da könnte das Buch eigentlich zu Ende sein. Doch wie bei jeder Platte gibt es noch eine B Seite und hier ist es quasi der zweite Auftrag für den Vinyl Detektiv. Wie bei allen Maxi-Singles auf Vinyl kommt auf die zweite Seite das, was eben nicht so erfolgversprechend und nicht so gelungen ist. So ist es hier auch. Mit Seite A war die Geschichte erzählt und fertig. Für mich ein sauberer und gelungener Abschluss. Die zweite Geschichte ist nicht nur in sich unabhängig und mehr wie die unterschiedlichen Bände einer Serie mit der ersten verbunden, weshalb sie für meinen Geschmack auch besser als Einzelband erschienen wäre. Da dieser Teil doch gewaltig abfällt im Vergleich zum ersten, gibt es hierfür auch den Punkt Abzug in der Bewertung.

Lars Kepler – Lazarus

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Lars Kepler – Lazarus

Joona Linna ist aus dem Gefängnis entlassen und soll seinen Dienst wieder antreten als man in Oslo eine grausame Entdeckung macht: in Haus eines Mordopfers finden sich zahlreiche Leichenteile, darunter auch der Kopf von Joonas Frau, offenbar aus ihrem Grab geraubt. Für ihn kann das nur eins bedeuten: Jurek Walter hat überlebt und nimmt so Kontakt zu ihm auf. Plötzlich werden aus ganz Europa seltsame Morde gemeldet, die alle die gleiche Handschrift zeigen und sich eindeutig an ihn richten. Sein Team mag das nicht ganz glauben, Saga weiß genau, dass sie den Serienmörder erschossen hat und die Leiche hatte man ja auch identifiziert. Joona hingegen ist sich sicher, dass sie alle in größter Gefahr sind, allen voran seine Tochter. Während er den Notfallplan aktiviert und untertaucht, geht man in Schweden der Sache nur langsam nach. Eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen.

Band 7 der Serie um Hauptkommissar Linna der Stockholmer Polizei trägt die Altersempfehlung ab 16, die ich nur sehr unterstreichen kann. Der Krimi ist sowohl in physischer Hinsicht wie auch psychologisch extrem herausfordernd und das Autorenduo hinter dem Pseudonym Lars Kepler erspart dem Leser nichts. Das resultiert in Hochspannung, die tatsächlich kaum auszuhalten ist und bei zartbesaiteten Gemütern nicht ohne Alptraum-Gefahr sein dürfte.

Nach nur kurzem Vorspann beginnt die todbringende Verfolgungsjagd von Jurek Walter und Joona Linna. Die Kapitel enden meist mit geschickt platzierten Cliffhangern, die es einem quasi unmöglich machen, einfach das Buch beiseite zu legen. Es ist nicht nur das hohe Tempo der Handlung, das einem fordert, sondern auch die brutale Rücksichtslosigkeit des Mörders, die vor gar keiner noch so grausamen tat haltmacht und dieses Mal auch wirklich keine der Figuren schont. Das geht beim Lesen durchaus an die Substanz, weil man sich doch immer wieder wünscht, dass wenigsten der eine oder andere davonkommt – aber der Plan sieht anders aus.

Die Handlung ist in sich völlig stimmig und glaubwürdig, auch die Erklärung für Jureks Überleben kann man nachvollziehen, wenn ich dies auch etwas herausfordernder an die Phantasie fand. Besonders überzeugend war für mich die Figur Sagas, die unmittelbar und ganz persönlich getroffen wird von den Taten und dieses Mal ihre Grenzen überschreiten muss. Alles in allem, ausgesprochen brutal, aber kaum zu übertreffende Spannung.

Leena Lehtolainen – Die Leibwächterin

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Leena Lehtolainen – Die Leibwächterin

Als ihre Kundin Anita Nuutinen in Moskau einen Pelz aus Luchsen kaufen will, reicht es Hilja. Als Leibwächterin ist sie bereit, ihr Leben zu riskieren und vieles zu akzeptieren, was sie persönlich nicht gutheißt, aber hier hört der Spaß auf. Sie kündigt auf der Stelle und überlässt die Bauunternehmerin ihrem Schicksal. Am nächsten Tag ist Anita tot, ermordet und Hilja kann sich an die letzten zwölf Stunden nicht mehr erinnern. Zurück in Finnland beginnt sie nachzuforschen unter anderem kontaktiert sie die Politikerin Helena Lehmusvuo, die auf die russisch-finnischen Beziehungen spezialisiert ist. Da diese auch aktuell bedroht wird, engagiert sie die junge Personenschützerin, nicht ahnend, dass sie diese schon sehr bald dringend brauchen wird.

Leena Lehtolainen ist schon seit Jahrzehnten eine feste Größe in der finnischen Krimilandschaft und auch hierzulande hat sie ist sie eine der bekanntesten Stimmen ihres Landes. „Die Leibwächterin“ ist der erste Band um die unkonventionelle Hilja, die in so gar keine Schublade passen will.

Der Krimi lebt von der Protagonistin, ohne Frage. Die Autorin hat hier eine sehr eigenwillige und ungewöhnliche Figur geschaffen, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Man kann sie weder als besonders sympathisch noch als unsympathisch bezeichnen; sie ist weder feminin noch Feministin; bisweilen agiert sie kalt-abgeklärt, nur um in der nächsten Minute emotional wider besseres Wissen zu reagieren. Sie ist wie der Luchs, mit dem sie aufgewachsen ist: katzenartig sucht sie Nähe zu anderen, aber bestimmt selbst, wann es genug ist; lässt sich gerne kraulen und fährt aber gelegentlich auch die Krallen aus; wild und unbezähmbar, aber immer auf der Suche nach einem sicheren Nest.

Die Handlung ist recht komplex und bisweilen drohte ich den Überblick über all die russischen Oligarchen und ihre unterschiedlichen Motive und Manöver zu verlieren. Hier wäre mir weniger etwas lieber gewesen, aber letztlich ergibt alles ein stimmiges Bild und die Zusammenhänge werden sauber aufgelöst. Stilistisch wirkt der Roman manchmal etwas grob und hart, aber für mich passte das sowohl zur Protagonistin wie auch zum Schauplatz. Insgesamt ein lesenswerter Krimi, der solide gestrickt ist und mit ungewöhnlichen Figuren überzeugt.

Alex Pohl – Eisige Tage

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Alex Pohl – Eisige Tage

Kurz vor Weihnachten ist in Leipzig der Winter ausgebrochen, was dem Fundort einer Leiche nicht gerade zuträglich ist. Hanna Seiler und ihr Kollege Milo Novic müssen sich aber vor Ort ein Bild von dem Mann machen. Die Tatwaffe ist ungewöhnlich, eine alte Makarow, handelt es sich etwa um eine Tat aus dem Milieu? Doch ein Besuch des lokalen Unterweltboss Iwanow bleibt ergebnislos. Als sie das Handy des Toten endlich knacken, finden sie ein Video, das sie auf eine ganz andere Spur bringt: offenbar hatte er ein Faible für sehr junge Mädchen. Derweil ist Elise zum ersten Mal im Leben so richtig verliebt, so sehr, dass sie es auf einen finalen Streit mit den Eltern ankommen lässt. Aber wissen die denn schon, Aljoscha liebt sie, hat sich sogar extra wegen ihr tätowieren lassen und will mit ihr gemeinsam nach Moskau gehen. Nur manchmal, da ist er etwas seltsam, aber darüber kann man frisch verliebt locker hinwegsehen…

Alex Pohl erster Roman unter seinem Klarnamen, nachdem er bereits Erfolge mit dem Pseudonym L.C. Frey hatte, ist zugleich der Auftakt für eine Serie um die beiden ostdeutschen Ermittler Seiler und Novic. Der Plot ist vielversprechend, aber für mich war einiges noch etwas zu holprig in dem Roman. Auch die beiden Protagonisten hat er mit interessanten Facetten ausgestattet, aber so ganz rund erschienen sie mir nicht.

Vom Ende her gesehen ist der Kriminalfall in sich stimmig und auch glaubwürdig. Allerdings kam mir der Geistesblitz des Polizisten, der letztlich alle Fäden zusammenführt und die Lösung offenlegt, etwas zu unmotiviert aus dem Nichts. Vorher eiert die Polizei in allen Richtungen herum ohne wirklich eine Strategie oder Spur zu verfolgen und unerwartet durchschaut Novic plötzlich alles. Da ist sicher noch Potenzial nach oben.

Novic ist es auch, der insgesamt schwer greifbar bleibt. Traumatisiert durch seine Kindheitserfahrungen im Balkankrieg hat er ganz offenkundig so einige Schäden davongetragen; er wirkt jedoch eher autistisch, was nicht ganz zu einem posttraumatischen Belastungssyndrom passt. Auch finde ich diese halsbrecherischen Alleingänge von Ermittlern etwas ausgelutscht – hat man zu oft gelesen und ist bei der heutigen Polizeiarbeit nicht mehr angesagt. Sein Pendant dagegen ist leider auch ziemlich klischeehaft überzeichnet. Erst erscheint Hanna Seiler ziemlich dümmlich und ist von den banalsten Ermittlungsschritten ihres Kollegen völlig fasziniert, dann präsentiert sie sich sie als alleinerziehende Mutter, die ihrem Sohn nicht gerecht wird, gleichzeitig aber locker bereit ist, alle Register zu ziehen, wenn erforderlich auch mal Schmiergeld zu zahlen, und mit der Unterwelt entspannt auf Du und Du ist.

Die verschiedenen Zeitebenen sollen vermutlich die Spannung steigern, haben bei mir aber eher zu Verwirrung geführt, da sie nur wenige Tage auseinanderliegen, aber immer hin und zurückspringen ohne das genau klar wird, welches Kapitel jetzt zu welchem Tag gehört. Noch dazu hatte ich zunächst nicht beachtet, dass die Handlung gar nicht chronologisch fortschreitet.

Alles in allem durchaus eine Serie mit Potenzial, die noch einige Luft nach oben hat.

Øistein Borge – Hinterhalt

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Øistein Borge – Hinterhalt

Vier Jahre ist es her, dass Bogart Bull zuletzt bei seinem Großvater in Nordirland war, doch diesen Sommer ist es so weit, denn dem alten Mann geht es nicht gut und zudem will Bogart mit seinem Vater und Großvater der verstorbenen Mutter und Großmutter gedenken. Doch kaum ist Bull in Belfast angekommen, wird er zu einem Fall mit zwei ermordeten Norwegern hinzugezogen. Als Europol-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten hat er keine große Wahl und muss statt zu urlauben mit den lokalen Ermittlern zusammenarbeiten. Der Fall ist mysteriös, denn neben dem älteren norwegischen Ehepaar wurde auch noch eine dritte Leiche in unmittelbarer Nähe gefunden und diese Leichen weist deutliche Parallelen zu alten Fällen auf: zwei leere Augenhöhlen und darin eine Lilie. Das unverkennbare Zeichen der IRA. Hat die kriminelle Organisation sich neuformiert und den bewaffneten Kampf wieder aufgenommen?

Fall zwei für den skandinavischen Kommissar mit dem außergewöhnlichen Namen. „Kreuzschnitt“ hatte mich bereits begeistert, weshalb die Erwartungen an diesen Band der Reihe ebenfalls hoch waren. Wieder eine spannende und vor allem politisch-komplexe und interessante Geschichte, die jedoch aufgrund der nicht ganz überzeugenden persönlichen Verwicklungen Bulls nicht ganz an den Serienauftakt heranreicht.

Mit Belfast als Handlungsort ist die Nordirlandfrage quasi zwingend als Aspekt gesetzt und dies wird auch überzeugend und glaubwürdig von Øistein Borge umgesetzt.

» (…) Er stirbt niemals.«

»Was stirbt niemals?«

»Der Hass«, seufzte McKenna. »Der Frieden ist in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass beide Seiten in diesem Konflikt müde geworden waren. Es gibt alte IRA-Kämpfer, die meinen, dass Sinn Féin – also der politische Flügel der IRA mit Gerry Adams an der Spitze – den Traum verraten hat, für den Tausende von irischen Katholiken ihr Leben gegeben haben: den Bruch mit England und eine Wiedervereinigung mit der Republik im Süden.

 

Dieser Hass ist es, der Generationen überdauert und auch Jahrzehnte später noch Grundlage für Morde und Vergeltung ist. Borge greift die 2016er Brexit-Abstimmung als Ausgangspunkt auf. Was damals wie auch heute noch gleichermaßen ungewiss ist, ist der Status des geteilten Irland und die Grenze, die dank der EU-Zugehörigkeit quasi der Vergangenheit angehörte und nun mit dem Ausscheiden aus dem Bündnis wieder hochaktuell wurde. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen wird der Konflikt am Beispiel der persönlichen Betroffenheit der Figuren deutlich und verständlich.

Bulls Familiengeschichte wird hier weitergesponnen und vor allem nun die zurückliegenden Ereignisse etwas mehr ins Licht gerückt. Es bleiben jedoch noch einige Fragen, die hoffentlich in den Folgebänden etwas klarer werden. Insgesamt ein anspruchsvoller Krimi, der überzeugt.

Maria Adolfsson – Doggerland: Fehltritt

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Maria Adolfsson – Doggerland: Fehltritt

Nach dem großen Austernfest auf Doggerland kehrt die Kommissarin Karen Eiken Hornby verkatert nach Hause zurück. Sie sieht noch ihre Nachbarn Susanne aus der Ferne bevor sie in Tiefschlaf fällt aus dem sie brutal ein Anruf reißt: sie soll zum Tatort kommen, Susanne wurde ermordet. Nicht genug, dass die allein lebende Frau bestialisch hingerichtet wurde, sie ist auch noch die Ex von Karens Chef, der natürlich als einer der ersten unter Verdacht gerät. Doch er scheidet als Täter, aber nun ebenso als Ermittler aus, weshalb Karen die Verantwortung für die Aufklärung des Falls tragen muss. Keine leichte Last, denn es gibt quasi keinerlei Spuren, die zu einem Schuldigen führen könnten. Der Druck wächst auf Karen, ist sie der Aufgabe, der sie so lange entgegengesehnt hatte, doch nicht gewachsen?

Dass Schweden reihenweise hervorragende Krimiautoren hervorbringt, ist nichts Neues. Dazu gehört sicherlich auch Maria Adolfsson, die mit ihrer Doggerland Reihe ein wirklich beachtliches Debüt vorlegt. Ungewöhnlich an der Reihe – Ullstein hat bislang drei Bände angekündigt – ist der Handlungsort: die fiktiven Doggerschen Inseln, die sich in der Nordsee zwischen Dänemark, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich befinden.

In „Fehltritt“ stimmt schlicht und ergreifend alles: eine interessante Protagonistin, die weder Übermensch noch psychisch völlig am Ende ist, die ihre guten wie auch die weniger sympathischen Seiten hat, aber durch die Handlung hindurch menschlich und authentisch wirkt und zunehmend an Profil gewinnt. Ein Fall, der sehr lange offen bleibt und nur durch systematische und gute Polizeiarbeit gelöst wird und keinerlei Kommissar Zufall erfordert, der den Ermittlern mal eben aus der Patsche hilft. Die Handlung war für mich auch völlig ausgeglichen zwischen dem Privatleben der Figuren und der eigentlichen Krimihandlung, Karens Leben außerhalb des Reviers war perfekt dosiert, um sie als Figur greifbar zu machen aber nicht zu stark den Fokus vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Der Schreibstil überzeugt ebenfalls, der Roman ist kein Psychothriller mit dauerhafter Anspannung am Anschlag, sondern ein solider Krimi, bei dem die Polizeiarbeit im Vordergrund steht.

Für mich jedoch am beeindruckendsten war der Handlungsort: die Autorin hat eine fiktive Welt erschaffen, die jedoch durch und durch glaubwürdig und vorstellbar erscheint. Es ist nicht nur die Landschaft, die natürlich eine gewisse skandinavische Prägung aufweist und zu dem rauen Nordseeklima passt, sondern auch die Menschen, die als Siedler verschiedenste Einflüsse Dänemarks, Norwegens und Schwedens, aber auch der Niederlande aufweisen und die fiktive Sprache, die mit einigen Worten eingeworfen wird, so als Mischung herausbilden. Die Autorin hat Details erschaffen wie eine mystische Sage, die die Entstehung des Eilands begründet, wie auch Vorbehalte und Vorurteile zwischen den Bewohnern im Norden und im Süden. Zu keiner Sekunde hat man Zweifel daran, dass es diesen Ort real geben könnte.

Auf die weiteren Fälle wird man leider in deutscher Übersetzung noch einige Zeit warten müssen – das ist aber auch der einzige Wermutstropfen.

Tony Parsons – Die Essenz des Bösen

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Tony Parsons – Die Essenz des Bösen

Detective Max Wolfe ist nur kurz im Einkaufszentrum Lake Meadows als die Hölle über ihn hereinbricht: ein Hubschrauber, von einer Drohne abgeschossen, stürzt in das Gebäude und löst ein Inferno aus. Es dauert nicht lange, bis die beiden Khan Brüder als Täter identifiziert sind, doch bei der Festnahme kommt es zum Schusswechsel und eine Polizistin stirbt durch die Waffe des Islamisten. Die Bevölkerung ist außer sich und schwankt zwischen Trauer um die junge Polizistin und Mutter von zwei Kindern und Hass auf die Khan Familie. Die Eltern der Attentäter und eine Nichte wollen trotz ausdrücklicher Warnung nicht unter Polizeischutz bleiben, sondern in ihr altes Haus, in ihr altes Leben zurück und so passiert, was passieren muss: ein weiteres Leben wird ausgelöscht. Nur dieses Mal findet die Polizei den Täter nicht so schnell.

Auch im fünften Teil seiner Reihe um den Londoner Detective greift Tony Parsons aktuelle Themen auf und baut um diese eine überzeugende und vor allem spannende Geschichte. Pünktlich zum Erscheinungstermin könnte die Story auch kaum aktueller sein, ist doch mit London Gatwick einer der wichtigsten europäischen Flughäfen wegen wiederholter Störungen durch Drohnen für mehrere Tage lahmgelegt worden. Und an der unmittelbaren Gefahr, die von fanatischen Islamisten auch in Europa ausgeht, zweifelt inzwischen ohnehin niemand mehr.

Neben der Aktualität hat mich vor allem die Differenziertheit, mit der Parsons die Problematik darstellt, überzeugt. Einerseits jagt die Polizei Terroristen, aber nicht alle Familienmitglieder sind Täter und dürfen nicht als solche behandelt werden. Der Vater, der auf sein Recht auf sein altes Leben pocht, weil er alles für seine Integration getan hat, tut einem Leid. Neben den Opfern, die durch die Attentate zu beklagen sind, ist er der Hauptleidtragende, denn so sehr er sich auch bemüht, die englische Gesellschaft wird ihn nie aufnehmen und seine Söhne versetzen diesem Wunsch den letzten Dolchstoß. Die Polizei muss ihn vor den eigenen Leuten schützen – wahrlich kein leichtes Unterfangen, weder praktisch noch moralisch.

Auch Layla, die 16-jährige Nichte ist gefangen zwischen den Erwartungen und kann letztlich keine erfüllen. Niemand hilft ihr, nimmt sie an die Hand, um ihren Weg zu finden und so bleibt ihr nur die Verzweiflungstat als letzter Ausweg.

Auch Max Wolfe steckt in einem Dilemma: seine Ex will nach Jahren plötzlich die gemeinsame Tochter zurück. Er will sie nicht aufgeben, will aber auch ihr Bestes und ihr vor allem nichts vorenthalten. Gleichzeitig liebt er seinen Beruf – doch als alleinerziehender Vater Verbrecher jagen ist zeitlich nicht immer koordinierbar und geht unweigerlich zu Lasten des Mädchens. Was also tun?

Auch wenn Max Wolfe so einiges einstecken kann, er ist nicht der Superheld, der im Alleingang alle Gegner besiegt. Gerade sein kompliziertes Privatleben hindert ihn an dieser Rolle. Das macht aber die Reihe aus und liefert immer das kleine bisschen mehr, das Tony Parsons‘ Romane auszeichnet.