Deborah Levy – Heiße Milch

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Deborah Levy – Heiße Milch

Sofia fliegt mit ihrer Mutter nach Spanien, um dort in einer Spezialklinik endlich die richtige Therapie für sie zu erhalten. Immer wieder kann die Mutter ihre Beine nicht spüren, benötigt permanent Hilfe und erwartet von Sofia, genau diese zu liefern. Dr. Gomez‘ Klinik scheint allerdings unkonventionelle Behandlungsmethoden zu haben, was auch ein junger Mann bestätigt, den Sofia beim Schwimmen am Strand kennenlernt. Dieser lebt, ebenso wie die Deutsche Ingrid, sein Leben nach eigenen Maßstäben und lässt sich nichts vorschreiben. In Sofia beginnen die Gedanken sich zu drehen, ist die Krankheit ihrer Mutter nur eine Reaktion auf den Vater, der sie schon vor vielen Jahren verlassen hat? Bindet die Mutter sie so an sich und verhindert, dass sie endlich ihr Leben beginnt?

Ich hatte große Erwartungen an Deborah Levys neuesten Roman. Zum einen konnten mich ihre vorherigen Romane „Was ich nicht wissen will“ und „Heim schwimmen“ vollends überzeugen, zum anderen war „Heiße Milch“ 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize, wo ich normalerweise immer mich ansprechende Literatur finde. Dieses Mal jedoch empfand ich die Geschichte etwas zäh und langatmig.

Aus psychologischer Siecht hat der Roman einiges zu bieten, was interessante Figuren und Konflikte verspricht: die Erkrankung der Mutter, die offenkundig nicht rein physischer Natur ist und maßgeblich die Mutter-Tochter-Beziehung bestimmt. Die junge Frau, die planlos durch ihr Leben irrt und trotz Hochschulabschluss ihren eigenen Weg nicht findet, sich schnell zu extremen hingezogen fühlt, aber doch weitgehend passiv verharrt. Ihr Vater, zu dem sie seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr hat, der ihr als Grieche in England die zweite Sprache verwehrt hat so dass sie zwar einen griechischen Namen trägt, aber offenbar keine Verbindung zu diesem Land hat. Dann noch die Randfigur Ingrid, die Sofia fasziniert, die selbst jedoch auch eine Vorgeschichte hat, die wiederum ihr eigenes Leben maßgeblich prägte.

Die Atmosphäre des Romans ist dauergespannt. Die Figuren haben keine angemessene und lockere Art gefunden, um miteinander umzugehen. Sie beobachten sich, ja taxieren sich geradezu. Dieses Spannungsverhältnis wird zu einem beängstigenden Höhepunkt geführt, der jedoch endlich alles löst. Das Setting – einerseits im krisengeplagten Andalusien, wo die Gebäude wegen der Krise halbfertig verlassen wurden, später bei einem kurzen Intermezzo in Griechenland, wo die Lage sich noch schlimmer darstellt – ist passend gewählt zur Stimmung der Figuren.

Ohne Frage ist vieles in diesem Roman sehr stimmig und interessant, aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen. Ob es allein an der Form als Hörbuch lag, vermag ich nicht zu sagen. Svenja Pages hatte ich bislang nicht als Sprecherin gehört, sie war ein bisschen zu wenig moduliert, aber nicht in dem Maße, dass es sich beim Hören als störend gezeigt hätte.

Rafael Chirbes – Paris-Austerlitz

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Rafael Chirbes – Paris-Austerlitz

 

Eine Flucht vor der Familie, dem konservativen Leben in Madrid. Ein junger Maler ist auf der Suche nach der Realisierung seiner Träume. Ziel ist die Stadt der Liebe, Paris, wo er zunächst ohne Arbeit und ohne Wohnung bei dem älteren Michel unterkommt. Die beiden Männer verlieben sich und teilen Wohnung, Bett, Leben. Doch es bleibt immer eine Lücke, nie sind sie völlig vereint. Die Klassenunterschiede, das Alter, aber auch Michels Erwartungen an eine bedingungslose, aufopferungsvolle Liebe halten sie davon ab, völlig ineinander aufzugehen. Ein feiner Riss, der größer wird, je mehr sich der junge Maler emanzipiert und auf eigenen Beinen steht. Doch die endgültige Trennung kann nicht durch getrennte Wohnungen geschehen, nicht durch neue Partner, nicht durch Verleugnung. Erst der Tod kann sie endgültig entzweien.

Ein Roman wie ein Abschiedsbrief. Ein Brief, geschrieben aus voller Emotion und innerer Erregtheit heraus. Dies zeigt sich vor allem in der Struktur; nicht zielgerichtet chronologisch lässt Chirbes seinen Erzähler berichten, sondern sprunghaft, in konzentrischen Kreisen, die Michel im Mittelpunkt haben, sich mal näher um ihn drehen, mal weiter entfernt sind. Der regelrechte stream of consciousness lässt die aufgewühlte Stimmung, in der der Erzähler sich befindet, besonders stark hervortreten. Zunächst die unmittelbaren, zeitnahen Erinnerungen an den Geliebten, dann der Rückblick auf das Kennenlernen und wieder eine Annäherung an die Gegenwart. Teils die Beziehung analysierend, teils fast egoistisch emotionsgeladen wird auf die gemeinsame Zeit geblickt. Man kann sich kaum vorstellen, dass dies bloße Imagination des Autors sein soll, zu wirklich und real erscheinen die Gedanken.

Neben der Frage danach, wie weit Liebe gehen darf oder muss, reißt Rafael Chirbes noch eine Reihe andere Themen an. Die Lossagung von den Eltern, deren Erwartungen und die nie zu lösende Verpflichtung, die man als Kind ihnen gegenüber empfindet. Gleichzeitig auch Homosexualität und die Frage, wie diese aufgenommen wird. Verhindert der Erzähler das Treffen zwischen Michel und seiner Mutter, weil er denkt, dass er die Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt und die Enttäuschung nicht noch verstärken möchte, indem er den Partner real werden lässt? Oder schämt er sich wegen der Klassenzugehörigkeit, weil Michel nicht seinem Stand entspricht? Darf Liebe durch so etwas in Frage gestellt werden oder gar scheitern? Michels Erkrankung wird nicht namentlich genannt, es gibt gewisse Hinweise, die auf AIDS hindeuten, auch die Sorge, sich infiziert zu haben, treibt den Erzähler um. Durchaus ein Thema, was insbesondere unter Homosexuellen präsent ist.

Rafael Chirbes greift auch auf bekannte Sujets zurück. Die Großstadt, insbesondere Paris als Ziel der Träume, aufgeladen mit hohen Erwartungen an das berufliche und private Glück. Die Gare d’Austerlitz als Ankunftspunkt der Züge aus dem Süden Frankreichs, die erste Begegnung mit der Hauptstadt. Das Wandern durch die Bars, die kurzen, flüchtigen Begegnungen dort ebenso wie die Stammgäste, die sich allabendlich treffen. Auch das ist Chirbes‘ Roman und das Pariser Leben, das gegenüber den Neuankömmlingen schonungslos sein kann und seine Bewohner bisweilen hartherzig und grausam behandelt. In dieser Weise zeichnet auch der Roman kein liebestrunkenes Bild in rosarot, sondern ein buntes Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.
Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kunst für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Rafael Chirbes – Paris-Austerlitz

Roman, Rezension
Eine Flucht vor der Familie, dem konservativen Leben in Madrid. Ein junger Maler ist auf der Suche nach der Realisierung seiner Träume. Ziel ist die Stadt der Liebe, Paris, wo er zunächst ohne Arbeit und ohne Wohnung bei dem älteren Michel unterkommt. Die beiden Männer verlieben sich und teilen Wohnung, Bett, Leben. Doch es bleibt immer eine Lücke, nie sind sie völlig vereint. Die Klassenunterschiede, das Alter, aber auch Michels Erwartungen an eine bedingungslose, aufopferungsvolle Liebe halten sie davon ab, völlig ineinander aufzugehen. Ein feiner Riss, der größer wird, je mehr sich der junge Maler emanzipiert und auf eigenen Beinen steht. Doch die endgültige Trennung kann nicht durch getrennte Wohnungen geschehen, nicht durch neue Partner, nicht durch Verleugnung. Erst der Tod kann sie endgültig entzweien.
Ein Roman wie ein Abschiedsbrief. Ein Brief, geschrieben aus voller Emotion und innerer Erregtheit heraus. Dies zeigt sich vor allem in der Struktur; nicht zielgerichtet chronologisch lässt Chirbes seinen Erzähler berichten, sondern sprunghaft, in konzentrischen Kreisen, die Michel im Mittelpunkt haben, sich mal näher um ihn drehen, mal weiter entfernt sind. Der regelrechte stream of consciousness lässt die aufgewühlte Stimmung, in der der Erzähler sich befindet, besonders stark hervortreten. Zunächst die unmittelbaren, zeitnahen Erinnerungen an den Geliebten, dann der Rückblick auf das Kennenlernen und wieder eine Annäherung an die Gegenwart. Teils die Beziehung analysierend, teils fast egoistisch emotionsgeladen wird auf die gemeinsame Zeit geblickt. Man kann sich kaum vorstellen, dass dies bloße Imagination des Autors sein soll, zu wirklich und real erscheinen die Gedanken.
Neben der Frage danach, wie weit Liebe gehen darf oder muss, reißt Rafael Chirbes noch eine Reihe andere Themen an. Die Lossagung von den Eltern, deren Erwartungen und die nie zu lösende Verpflichtung, die man als Kind ihnen gegenüber empfindet. Gleichzeitig auch Homosexualität und die Frage, wie diese aufgenommen wird. Verhindert der Erzähler das Treffen zwischen Michel und seiner Mutter, weil er denkt, dass er die Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt und die Enttäuschung nicht noch verstärken möchte, indem er den Partner real werden lässt? Oder schämt er sich wegen der Klassenzugehörigkeit, weil Michel nicht seinem Stand entspricht? Darf Liebe durch so etwas in Frage gestellt werden oder gar scheitern? Michels Erkrankung wird nicht namentlich genannt, es gibt gewisse Hinweise, die auf AIDS hindeuten, auch die Sorge, sich infiziert zu haben, treibt den Erzähler um. Durchaus ein Thema, was insbesondere unter Homosexuellen präsent ist.

Rafael Chirbes greift auch auf bekannte Sujets zurück. Die Großstadt, insbesondere Paris als Ziel der Träume, aufgeladen mit hohen Erwartungen an das berufliche und private Glück. Die Gare d’Austerlitz als Ankunftspunkt der Züge aus dem Süden Frankreichs, die erste Begegnung mit der Hauptstadt. Das Wandern durch die Bars, die kurzen, flüchtigen Begegnungen dort ebenso wie die Stammgäste, die sich allabendlich treffen. Auch das ist Chirbes‘ Roman und das Pariser Leben, das gegenüber den Neuankömmlingen schonungslos sein kann und seine Bewohner bisweilen hartherzig und grausam behandelt. In dieser Weise zeichnet auch der Roman kein liebestrunkenes Bild in rosarot, sondern ein buntes Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kunst für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Javier Marías – So fängt das Schlimme an

Rezension, Roman

Juan erinnert sich zurück an die Zeit, Ende der 70er Jahre, als er direkt im Anschluss an sein Studium eine Assistentenstelle bei dem Regisseur Eduardo erhalten hatte. Er erfolgreicher und bekannter Künstler, seine Frau Beatriz als Gastgeberin und intelligente Gesprächspartnerin in der Gesellschaft geschätzt. Nach außen das perfekte Paar und eine glückliche Ehe. Als Juan jedoch in den Haushalt zieht, um seiner Arbeit stets bereits zu stehen, erlebt er auch die andere Seite dieser Partnerschaft, die so gar nicht auf Augenhöhe stattfindet. Wüsten Beschimpfungen ist Beatriz ausgesetzt, niedergemacht und gedemütigt wird sie von Eduardo. Doch weshalb? Und was hat es mit dem seltsamen Auftrag auf sich, einen Freund des Hauses zu beobachten? Ein Selbstmordversuch ändert jedoch plötzlich alles und Juan braucht noch mehr Zeit um das komplexe Zusammenspiel von Eduardo und Beatriz zu verstehen und zu durchschauen, wann und warum das Schlimme angefangen hat.

Javier Marías macht es dem Leser nicht leicht. Er spannt ihn lange auf die Folter, bis man erkennt, wie die Figuren ticken und weshalb sie in der Weise agieren, wie sie es tun. Er steigt hinab in die Abgründe der menschlichen Natur, schonungslos lässt er das Böse frei und die Menschen sich gegenseitig bekämpfen bis zum bitteren Tod. Er quält seine Figuren, weil so das Leben sein kann oder gar ist. In dieser Beziehung ist er gnadenlos ehrlich, denn beschönigt wird hier gar nichts. Er lässt auch keine Tragödie aus, die ihnen widerfahren kann und lädt ihnen allen Schuld auf an den unschönen Erlebnissen. Sprachgewaltig bringt er alles zusammen und zeichnet ein interessantes, wenn auch düsteres Bild Spaniens vor fast 40 Jahren.