Janna Steenfatt – Die Überflüssigkeit der Dinge

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Janna Steenfatt – Die Überflüssigkeit der Dinge

Sie sind kein Liebespaar, aber auch mehr als die typische WG. Als Ina sich bei Falk das zu vermietende Zimmer ansieht, wissen sie sofort, dass sie zueinander passen. Der introvertierte Falk und die planlose Mitzwanzigerin, die zwar ihr Studium beendet, aber keinerlei Zukunftspläne hat. In Hamburg streifen sie durch die Nachtszene bis Inas Mutter, zu der das Verhältnis immer schwierig war, unerwartet stirbt und Ina von der Vergangenheit eingeholt wird. Doch nicht so sehr die Trauer ist es, die sie überwältigt, sondern die Erkenntnis, wer ihr Vater ist und dass dieser womöglich gar nichts von ihrer Existenz weiß. Doch just in diesem Moment kommt der Regisseur in die Stadt und so tut sich für Ina die Chance auf, ihm am Theater näherzukommen. Als Küchenkraft beäugt sie ihn aus der Ferne, wie immer schon in ihrem Leben, auf den richtigen Moment wartend, um ihn zu konfrontieren.

Es ist nicht leicht, Ina sympathisch zu finden, nein, eigentlich ist es sogar ausgesprochen schwierig, die junge Frau zu verstehen und zu mögen. Janna Steenfatt hat einen komplexen Charakter geschaffen, dem zwar jedes Charisma fehlt und der auch für die anderen Figuren kaum liebenswert erscheint, der jedoch aus psychologischer Sicht durchaus seinen Reiz hat. Schon als kleines Kind leidet sie unter ihrer dominanten Mutter, die als Schauspielerin immer die öffentliche wie auch private Anerkennung und Bewunderung sucht. Besonders ausgeprägt sind ihre mütterlichen Instinkte nicht, was in einer emotionalen Vernachlässigung des Kindes endet. Auch die Tatsache, dass sie Vater und Tochter die gemeinsame Beziehung vorenthält, ist eine egoistische Entscheidung mit weitreichenden Folgen.

Ina internalisiert den Wunsch zu gefallen, es ihr Recht zu machen, was ihr jedoch kaum gelingt, mehr als süffisante Verachtung hat ihre Mutter selten für sie übrig. Als Erwachsene ist ihre Persönlichkeit durch Unentschlossenheit und Unsicherheit geprägt, dies geht so weit, dass sie einen Job weit unter ihrer Qualifikation annimmt. Beziehungen und Freundschaften gibt es nicht wirklich in ihrem Leben, mit Falk verbindet sie ein eigenartiges Band, beide sind introvertiert und gehen ungern auf andere zu. Auch der Beziehungsversuch mit der Schauspielerin Paula scheitert kläglich. Liebe ist für sie nichts, das einfach geschieht und dann gedankenlos gelebt werden kann, was dann letztlich auch erwartungsgemäß zu großen Problemen führt.

„Die Überflüssigkeit der Dinge“ ist ein endloses Warten darauf, dass das Leben irgendwann beginnt. Das Leben, das die Figuren eigentlich leben wollen. Bis dahin leben sie eben ein anderes, fremdes, das sie sich nicht selbst ausgesucht haben, sondern eines, das sie gefunden hat. Ein sperriger Roman, der auch im Leser einiges bewegt, nicht einfach zu fassen bleibt und an dem man sich reibt, wenn nicht gar aufreiben kann.

Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

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Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

Kommissar William Wisting wird vom Generalstaatsanwalt zu einem vertraulichen Gespräch gebeten. In der Sommerhütte des kürzlich verstorbenen ehemaligen Außenministers Bernhard Clausen wurden Umzugskisten mit mehreren Millionen Kronen in Fremdwährung gefunden. Der Ermittler soll herausfinden, was es damit auf sich hat, bevor die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mortensen und seiner Tochter Lina beginnt er die geheimen Ermittlungen. Schnell können sie Verbindungen herstellen zu einem Überfall auf einen Geldtransport, offenbar steht auch ein alter Vermisstenfall in Zusammenhang mit dem ehemaligen Minister, der nicht nur allseits beliebt, sondern auch völlig unbescholten war. Als die Hütte in Flammen aufgeht, kurz nachdem Wisting und sein Team alle wichtigen Dokumente herausgeholt haben, wird ihnen klar, dass es hier um eine deutlich größere Sache geht als zunächst vermutet.

Der zweite Fall der Cold Case Reihe für den norwegischen Ermittler führt ihn ebenso in die heiklen Kreise der Politik wie auch ins brutale Osloer Milieu, wo ein Menschenleben nicht viel zählt. Jørn Lier Horst bietet dabei wieder einmal einen ausgesprochen komplexen Fall mit mehreren Unterfällen, die langsam miteinander verwoben werden. Wie auch schon in anderen Fällen kombiniert er dabei geschickt klassische Polizeiarbeit mit der investigativen Arbeit der Journalistin Lina, was schön die Parallelen, aber auch Unterschiede aufzeigt.

Kommissar Wistings aktueller Fall hat mich restlos überzeugen können. Die Arbeit der Ermittler geht strategisch und logisch voran, sie sind nicht auf Kommissar Zufall angewiesen, sondern werten vorhandene Informationen systematisch aus und nähern sich so der Auflösung. Die Figuren erscheinen erfreulich authentisch, Jørn Lier Horst verzichtet auf die typischen Klischees bei deinem Team und dank Enkeltochter Amalie stören auch immer wieder ganz banale Alltagsprobleme wie gesicherte Kinderbetreuung oder Quengelei die Arbeit, was der Handlung seinen sympathisch normalen Touch verleiht.

Der Fall ist spannend angelegt und startet zunächst mit vielen vermeintlichen Sackgassen, was die Ermittler schon fast verzweifeln lässt. Doch dann – um Wistings Metapher zu verwenden – finden sich langsam die Schlüssel und Schlösser und Türen beginnen sich zu öffnen. Das Tempo steigert sich gegen Ende und aus dem sehr klassischen Cold Case wird ein unter hohem Zeitdruck geführter akuter Fall mit realer Bedrohung.

Für mich stimmt bei der Serie einfach alles, daher ganz eindeutig eine Leseempfehlung.

Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten

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Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten

Als der Buchhändler Laurent eines Morgens eine verlassene Handtasche auf der Straße findet, ist seien Neugier geweckt. Wem mag sie gehören? Der Inhalt verrät viel über die Unbekannte, aber nur wenig Greifbares. Ihrem Notizbuch kann er ihren Vornamen entnehmen: Laure. Offenbar besitzt sie auch eine Katze und hat ein Kleid in einer Reinigung. Fasziniert von dieser mysteriösen Frau begibt er sich auf die Suche. Laure liegt unterdessen im Koma, sie ist überfallen worden und ein Schlag auf den Hinterkopf hat sie temporär außer Gefecht gesetzt. Zwei Fremde in Paris, die plötzlich miteinander verbunden werden, doch das Band ist unsichtbar, lässt sie aber nicht mehr los.

Einen Roman von Antoine Laurain zu lesen ist wie an einem nasskalten Herbsttag ein wohlig warmes Haus betreten und einen dampfenden Kaffee oder Tee gereicht zu bekommen. Man lässt sich niedersinken und die ungemütliche Welt draußen ist vergessen. Man weiß, dass alles gut ausgehen wird und genießt das Eintauchen in diese pastellfarbene Zuckerwelt.

„Die Tasche hatte viele Innenfächer, mit Reißverschluss oder ohne. Laurent hätte niemals gedacht, dass eine Frauentasche so viele Ecken und Winkel haben konnte. Es war noch komplizierter als das Sezieren eines Tintenfischs auf dem Küchentisch.“

Mit viel Liebe zeichnet der Autor einmal mehr seine Protagonisten, die einerseits völlige Durchschnittsmenschen sind, andererseits aber das bisschen an Zauber und Magie, das der Alltag zu bieten hat, in ihrem Leben zulassen. Es sind nicht die Lauten, Extrovertierten, sondern die eher Schüchternen, die einen Anstoß von außen brauchen. Ob die Geschichte dabei realistisch ist, die Figuren authentisch und facettenreich wirken – egal, Antoine Laurain schenkt einem ein paar wundervolle Lesestunden, die man einfach genießen sollte, ganz ohne literarische Analyse und nach tiefgründigen Aussagen zu suchen.

Doris Knecht – weg

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Doris Knecht – weg

Charlotte meldet sich nicht mehr. Klar, sie ist nun Studentin und hat in Berlin ihr eigenes Leben, doch nach einigen Tagen wird ihre Mutter Heidi unruhig. Sie fragt bei ihrem Ex-Mann Georg, Lottes Vater, nach, aber auch er hat schon länger nichts mehr von der jungen Frau gehört. Heidi macht sich Sorgen, hat Lotte etwa ihre Medikamente nicht genommen, ist sie in ernsten Schwierigkeiten? So wie damals als Teenager, als das ganze Unglück mit ihren Psychosen begann? Doch dann hat Lottes Mitbewohnerin einen Tipp: sie scheint mit ihrem Freund in Vietnam zu sein. Kurzerhand machen sich Heidi und Georg auf die Reise nach Asien, nach all den Jahren zum ersten Mal als Eltern gemeinsam.

Doris Knecht verbindet in ihrem Roman ganz unterschiedliche Themen, die sie in den zahlreichen Rückblenden und unterschiedlichen Erzählperspektiven einfließen lässt. Die psychische Erkrankung des Mädchens, wie sie langsam und unbemerkt begann und sich dann beinahe im Unglück endete. Heidis aktuelle Beziehungsprobleme mit ihrem Mann, der nach dem Jobverlust aus der Spur geworfen wurde und im Extremsport nun die Erfüllung findet, sich damit aber immer weiter von seiner Familie entfernt. Auch Georg und Leas Beziehung steht unter Anspannung: ist der Landgasthof wirklich das, wovon sie als junges Paar in Wien geträumt haben? Und dann natürlich die Fremde, der sich Heidi und Georg in Vietnam und Kambodscha ausgeliefert sehen: sie als reiche Europäer – dabei geht es ihnen ja gar nicht übermäßig gut – im Kontrast zu den ärmlichen Verhältnissen vor Ort, müssen sie Mitleid haben oder sich gar ihrer privilegierten Lebensverhältnisse schämen?

Viele ganz verschiedene Aspekte fließen ein ohne dass man dabei den Eindruck hätte, dass sich die Handlung verliert. Der rote Faden ist durch die Suche nach Lotte immer gegeben und die Einschübe der Gedanken wirken glaubhaft motiviert, so wie sie eben plötzlich auftauchen und einem sinnieren lassen. Keine perfekten Charaktere, aber auch nicht völlig abgedreht, die erfrischende Normalität der Figuren, die auch mal Fehler machen und ihre Unzulänglichkeiten haben, überzeugte mich. Der Sprecherin Oda Thormeyer folgt man dabei mit ihrer angenehmen Stimme ebenfalls gerne.

Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

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Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

Nur die Eltern und die beiden Kinder. So lautet die klare Ansage von Mutter Lauren Malegarde, als sie Linden und Tilia bittet nach Paris zu kommen, um den 70. Geburtstag von Vater Paul zu feiern. Ein ungewöhnlicher Ort, wohnen die Eltern doch im Département Drôme, aber dem Wunsch der Mutter ist Folge zu leisten. Allerdings empfängt die Hauptstadt die Familie nicht mit dem gewohnten Charme, ein Hochwasser historischen Ausmaßes droht die Stadt zu überschwemmen und es regnet unerlässlich. Das Programm wird angepasst, doch bald schon müssen sie noch mehr Planänderungen vornehmen, denn beim gemeinsamen Abendessen bricht Paul mit einem Schlaganfall zusammen und die Erkältung der Mutter stellt sich als schwere Lungenentzündung heraus. Während in ganz Paris der Ausnahmezustand herrscht, ereilt dieser ganz im Kleinen auch die Familie Malegarde.

Von Beginn der Geschichte an wählt die französisch-amerikanische Schriftstellerin, die in beiden Sprachen ihre Bücher verfasst, ein starkes Symbol: das Wasser der Seine steigt im gleichen Maße wie auch die Lage in der Familie sich zuspitzt, vor allem der Gesundheitszustand des Vaters läuft auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Es wird einen Scheitelpunkt geben müssen, der entscheidet, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Trotz der gerade einmal 300 Seiten bringt Tatiana de Rosnay unzählige Themen in ihrem Roman unter, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Doch keineswegs wirkt die Handlung überladen, im Gegenteil, der Fokus auf die engste Familie und insbesondere auf Linden lässt sie nie den roten Faden verlieren. Es ist das Verhältnis der beiden Geschwister zu einander, jenes zwischen Eltern und Kindern, glückliche und gescheiterte Beziehungen und vor allem die hohe Sensibilität der Malegarde Männer, die immer wieder hervortreten. Paul Malegarde kam als „Treeman“ zu Weltruhm, nichts gibt es, das er nicht über Bäume zu wissen scheint, überall fragt man nach ihm, wenn die Natur übermächtig zu werden scheint. Er ist ein Baumflüsterer, doch wo seine enge Verbundenheit herführt, ist ein Geheimnis, das erst spät gelüftet wird. Lindens besonderes Gespür für Menschen äußert sich in seinem Talent als Fotograf. Er hat den Blick für den ultimativen Ausdruck, kann mit Bildern das ausdrücken, wozu ihm die Worte fehlen.

Die Familie birgt jedoch auch Konfliktpotenzial, das sich besonders gerne zu Feierlichkeiten entlädt. Auch bei den Malegardes ist dies nicht anders und so manches Geheimnis und bis dato Unausgesprochenes will nun trotz oder gerade wegen der Ausnahmesituation an die Oberfläche. Nicht immer war man nett zu einander, hat sich unterstützt; es gab Neid und Groll, man fühlte sich missverstanden und nicht anerkannt. All das erzählt Tatiana de Rosnay in einem fast poetisch anmutenden Ton, der außerordentlich die Empfindsamkeit und Emotionen der Figuren einfängt und wiedergibt. Trotz der tristen Szenerie und Dramatik des Settings, schlichtweg ein großartiger Roman.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite des Random House Verlags. 

Leon de Winter – Malibu

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Leon de Winter – Malibu

Am Morgen gratuliert Joop Koopman seiner Tochter Mirjam noch zum 17. Geburtstag und die Welt ist in Ordnung. Nur wenige Stunden später sieht er sich einem Angebot des Mossad ausgesetzt und seine Tochter ist nicht mehr am Leben. Während Koopman noch versucht, den tödlichen Unfall zu verstehen – wobei God, der sich mitschuldig daran fühlt ihm zunächst auf die Pelle rückt, dann aber unterstützt – muss er gleichzeitig eine wichtige Mission erfüllen und einen vermeintlichen Terroristen aushorchen. Ganz nebenbei taucht auch eine alte Bekannte wieder auf, die sich der Spiritualität verschrieben und angeblich wichtige Hinweise zu Koopmans Vergangenheit aufgetan hat. Das einst geordnete Leben des niederländischen Drehbuchaustors gerät vollends aus den Fugen.

De Winter ist für mich ohne Frage einer der besten Gegenwartsautoren, der Spannung und anspruchsvolle, komplexe Handlung geschickt zu verknüpfen weiß. Auch „Malibu“ ist so angelegt, aber dennoch beschlich mich bisweilen der Verdacht, dass er hier etwas zu viel gewollt hat: die jüdische Weltverschwörung, der Lone Wolf Terrorist, der von den Saudis finanziert wird, der mysteriöse Tod der Tochter zu genau diesem Zeitpunkt, die vermeintliche Seelenwanderung eines Schweizer Bankiers und dann auch noch ein Fitness Trainer namens „God“ – ja, irgendwie findet alles seinen Platz und wird miteinander verknüpft, aber etwas weniger hätte auch gereicht. Die subtilen Anspielungen – Koopman, der Kaufmann, der sich in Venice Beach den Künstlernamen „Merchant“ gegeben hat und als Jude Gegenspieler zu God und dem muslimischen Terroristen wird, man kann drüber schmunzeln und dass das berühmt Pfund Fleisch dann auch noch auftaucht… nun ja: unterhaltsam, durchaus durchdacht, aber doch a bit too much.

Amélie Nothomb – Frappe-toi le cœur

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Amélie Nothomb – Frappe-toi le cœur

Diane ist ein sensibles und hochbegabtes Mädchen. Von ihrer Mutter Marie wird sie vom ersten Tag an mit strenger Härte und ohne Zuwendung erzogen, denn ihre Liebe benötigt diese für Dianes Bruder und Schwester. In der Schule findet sie jedoch eine gute Freundin, deren Familie sie nach dem Tod ihrer Eltern aufnimmt. Für Diane ist schon in jungen Jahren klar, dass es nur einen Beruf geben kann: den des Arztes, genaugenommen kann sie nur Kardiologin werden, denn das Herz, das sie in ihrer eigenen Familie vermisst hat, fasziniert sie zeitlebens. An der Universität trifft sie auf die Dozentin Olivia, die sie bewundert und der sie nacheifert – nicht ahnend, dass der Preis für die Bewunderung, die sie der Frau entgegenbringt, hoch sein wird.

Amélie Nothombs Bücher sind immer etwas überraschend und auf ihre ganz eigene Weise treffen sie ins Schwarze, das sich genau da befindet, wo es besonders weh tut. Wie auch schon in anderen Romanen schreibt sie in „Frappe-toi le cœur“ von Beziehungen, die nicht gelingen oder gar als Nicht-Beziehungen bezeichnet werden könnten. Das Böse, Kaltherzige des Menschen bringt sie zum Vorschein, ebenso wie die große Einsamkeit, der dieses Mal ihre junge Protagonistin ausgesetzt ist.

Es braucht nicht viel, um Diane ins Herz zu schließen, ein sensibles Mädchen, das in einem kalten familiären Umfeld aufwächst. Es verwundert nicht, dass sie in Olivia eine Frau findet, die das verkörpert, was ihre Mutter nicht ist. Die sie ermutigt, ihre Stärken sieht und fördert und die Zuwendung entgegenbringt, zu der Marie nie fähig war. Diane hätte die Gefahr womöglich sehen können, basierend auf ihren Kindheitserfahrungen, aber was blendet man nicht alles aus, wenn der Blick vernebelt ist.

Die belgische Schriftstellerin kreiert immer wieder psychologisch interessante Konstellationen in ihren Romanen. Dieses Mal sind es die schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, die sie unter die Lupe nimmt und seziert. Männer sind weitgehend abwesend, nur am Rande treten sie in Erscheinung, aber für die Handlung sind sie irrelevant. Vor allem die jungen Frauen sind gefordert, Diane ebenso wie Olivias Tochter, sie müssen sich befreien und ihren Weg finden. Und dieser liegt erfreulicherweise nicht im plötzlich auftauchenden Prinz Charming, den sie passiv erwarten und der sie errettet.

Elisabeth Norebäck – Das Schweigemädchen

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Elisabeth Norebäck – Das Schweigemädchen

Als eine neue Patientin zu der Psychotherapeutin Stella Widstrand kommt, traut sie ihren Augen nicht: Isabelle sieht aus wie ihre Tochter heute aussehen würde, genau so hätte sich Alice entwickelt, wenn sie nicht vor zwanzig Jahren verschwunden wäre. Stellas Umfeld glaubt nicht daran, vor allem nachdem sie einige Jahre zuvor schon einmal nach der vermeintlichen Wiederentdeckung ihrer Tochter völlig aus der Bahn geworfen worden war. Ihre Familie macht sich Sorgen, Stella ist völlig durch den Wind, verwirrt und abwesend und offenbar ist ihr nicht klar, auf welchem Weg sie sich wieder befindet. Das weiß sie in der Tat nicht, denn jemand möchte unbedingt den Kontakt zwischen Isabelle und Stella verhindern.

Elisabeth Norebäcks Debütroman kann auf der ganzen Linie überzeugen und hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Es gelingt der Autorin, viele Spuren zu legen, so dass man lange Zeit verunsichert bleibt und nicht weiß, welchen Reim man sich auf die Vorgänge machen soll. Wird Stella tatsächlich bedroht, hat sie doch eine Psychose, die Wahnvorstellungen auslöst und die sie alles falsch deuten lässt? Am Ende folgt eine saubere und glaubwürdige Auflösung, die keine Frage unbeantwortet lässt.

Die Handlung folgt im Wesentlichen den Ereignissen um Stella. Durch das Fehlen der Perspektiven der Figuren um sie herum, ist man auch als Leser eingeschränkt in dem, was man weiß und kann nur Stellas Deutungen folgen. Mit dem Risiko, auch ihren Denkfehlern oder Fehleinordnungen zu folgen. Gelegentlich werden Abschnitte über Isabelle eingeschoben, die junge Studentin, die nach dem Tod des Vaters psychologische Unterstützung sucht. Es würde zu viel verraten hier ins Detail zu gehen, aber vom Ende her gesehen, sind diese Abschnitte ungemein clever gestaltet und tragen entscheidend zur Spannung bei.

Fazit: ein stimmiger Skandinavien-Krimi, der geschickt mit den Ängsten und Sorgen der Figuren und der Leser spielt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Elena Ferrante – Lästige Liebe

Laestige Liebe von Elena Ferrante
Elena Ferrante – Lästige Liebe

Als Delia vom Tod ihrer Mutter Amalia erfährt, eilt sie von Rom nach Neapel, wo sie aufgewachsen ist. Was geschah am Abend des 23. Mai und weshalb hat man ihre Mutter nur mit einem BH bekleidet aus dem Wasser gezogen? Sie beginnt die letzten Wochen und Monate ihrer Mutter zu erforschen und stößt auf einen Mann, der offenbar ihrer Liebhaber war. Caserta kommt ihr bekannt vor, eine vage Erinnerung aus ihrer Kindheit. War dieser Mann nicht mit ihrem gewalttätigen Vater befreundet, von dem sich die Mutter einst trennte und sich mit drei kleinen Töchtern fortan lieber alleine durchschlug? Ihre Fragen werden nicht gerne gesehen im Stadtviertel und je mehr sie in das Leben von Amalia eintaucht, desto deutlicher werden für Delia auch die Ähnlichkeiten mit sich selbst.

Elena Ferrantes erster Roman erschien schon 1992 im Original und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. Nach dem großen Erfolg der neapolitanischen Saga um die zwei Mädchen Lila und Elena hat man sich nun der älteren Romane angenommen und nochmals von Karin Krieger übersetzen lassen, die auch die neuen Werke übertrug. „Lästige Liebe“ spielt ebenfalls in dem neapolitanischen Stadtteil, der aus der Tetralogie bekannt ist und ganz eigenen Regeln folgt.

Die Grundidee des Romans hat mir gut gefallen, vor allem da auch ein spannendes Element dabei war und man wissen wollte, weshalb eine ältere Frau so aufgefunden wird. Allerdings verliert sich Ferrante immer wieder in der Geschichte. Ebenso wie Delia durch Neapel irrt, hatte ich bisweilen das Gefühl durch den Roman zu irren und nicht zu wissen, wo ich eigentlich bin und wo der Weg hinführen wird. Das Handeln der Protagonistin erschien mir oftmals wenig durchdacht – was nach so einem Schock durchaus in einem gewissen Maße nachvollziehbar ist, hier aber eher seltsam wirkte und so gar nicht zu dem Charakter der Figur zu passen scheint. Auch der Fokus auf Äußerlichkeiten hat mich eher irritiert, ja, es spielt eine Rolle, dass Delia ein bestimmtes Kleid trägt, aber dass dieses immer und immer wieder hervorgehoben werden muss, war doch seltsam – oder es fehlte mir die Visualisierung um zu verstehen, weshalb es wirklich so auffällig war.

Man kann schon erkennen, dass Ferrante Potenzial hat, aber dieser Roman ist noch weit von den späteren Werken entfernt. Weder Handlung noch Figurenzeichnung konnten wich wirklich überzeugen und so bleibt ein sehr mittelmäßiges Fazit.