Robert Hültner- Lazare und die Spuren des Todes

Robert Hültner – Lazare und die Spuren des Todes

Kommissar Lazare wird einmal mehr von Montpellier ins beschauliche Sète abgeordnet, um dort das Verschwinden einer jungen Frau aufzuklären. Eigentlich ein Fall für die lokale Polizei, weshalb er sich darum kümmern muss, kann der Ermittler nicht nachvollziehen. Doch er muss sich nicht lange um den vermeintlich simplen Fall kümmern, denn schnell schon wird er bei seinen Ermittlungen Opfer eines heimtückischen Überfalls, der ihn beinahe das Leben kostet. Frisch aus der Klinik entlassen beschließt er, sich in seiner Hütte in den Bergen zu erholen und alte Freunde zu besuchen. Doch auch in den abgelegenen Dörfern hat das Verbrechen Einzug gehalten und bald schon sieht er sich mit allerlei kriminellen Machenschaften konfrontiert.

Der zweite Fall für den südfranzösischen Ermittler ist ein komplexer Politkrimi, bei dem sich mehrere zunächst scheinbar isolierte Handlungsstränge erst spät zu einem Gesamtbild fügen. Auch wenn Robert Hültner die malerische Szenerie Südfrankreichs als Kulisse für die Geschichte wählt, hat diese nur wenig mit den typischen cosy crime Romanen zu tun, in denen hauptsächlich viel gegessen und getrunken und die Zeit dazwischen mit Landschaftsbewunderung gefüllt wird. Die Natur ist nicht unwesentlich für die Geschehnisse, der Autor baut diese jedoch überzeugend und sinnhaft ein, so dass sie nicht nur austauschbares Requisit bleibt, sondern ganz entscheidend zu dem Fall und dessen Lösung beiträgt.

Gleich mehrere parallel verlaufende Geschichten stehen zunächst lose nebeneinander. Zum einen das Verschwinden des muslimischen Mädchens Nadia, auf das sich niemand einen Reim machen kann und das erst nach dem Übergriff auf Lazare eine gewisse Brisanz erhält. Zum anderen der alte Siset, der schon seit Jahrzehnten eine abgelegene Hütte der Lazares bewohnt, nachdem er als spanischer Widerstandskämpfer nach Frankeich fliehen musste und nun plötzlich Besuch von einem alten Weggefährten erhält. Und dann ist da noch der Aussteiger Corentin Arnal, der ein bescheidenes Leben als Ökobauer abseits des Dorfes führen wollte und gegen den sich die ganze Welt verschworen zu haben scheint, obwohl die drohende Umweltkatastrophe für alle dramatische Folgen haben würde. Auch die ermittelnden Polizisten scheinen ihre eigene Agenda zu haben und weichen nicht mehr von den schnell festgelegten Tatvorgängen ab – warum bloß?

Robert Hültner wurde mir vor allem als Hörspielautor für die Radio-Tatort Folgen aus dem fiktiven bayerischen Bruck am Inn ein Begriff. Mit viel Liebe für Details hat er dort sympathische Charaktere geschaffen, die einem im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind. Gleichermaßen präsentiert er in seiner Lazare Reihe ebenfalls eigenwillige Figuren, die den komplexen Fall um heitere Momente ergänzen und so auflockern. Alles in allem die perfekte Sommerlektüre im Krimigenre.

Jennifer Clement – Gun Love

jennifer clement gun love
Jennifer Clement – Gun Love

Pearl weiß nicht, wie es sich anfühlt, in einem Haus zu leben. Seit ihrer Geburt wohnt sie mit ihrer Mutter auf dem Parkplatz eines Trailerparks in Florida in einem alten Auto. Viel zu früh war Margot schwanger geworden und ist dann mit ihrem Kind verschwunden. Die kleine Welt ist gut geordnet, Pearls beste Freundin April May lebt mit ihren Eltern dort, einen Kriegsveteranen, der für Ordnung sorgt und ihrer Mutter, die ihm selben Krankenhaus wie Pearls Mutter arbeitet. Daneben gibt es noch die verrückte Noelle mit ihrer Mutter und das mexikanische Pärchen Corazón und Ray. Pastor Rex sorgt sich um das Seelenheil der kleinen Gemeinschaft am Rande einer verseuchten Mülldeponie, zu deren gewohnten Gefahren die Alligatoren des nahen Flusses und die allgegenwärtigen Schusswaffen gehören. Als Eli Redmond auftaucht, gerät das fein austarierte Gleichgewicht ins Wanken, denn Margot verliebt sich in ihn und binnen kürzester Zeit hat der Unbekannte sie in seiner Hand.

Jennifer Clement greift in ihrem Roman gleich zwei ganz heiße Eisen der USA an: Obdachlosigkeit und Waffenbesitz. Beides wird in der Geschichte jedoch als so völlig normal dargestellt, dass es von den Figuren gar nicht hinterfragt wird. Dass Kinder zwischen giftigem Müll aufwachsen und den Umgang mit Waffen erlernen, scheint niemanden zu wundern. Sie haben ihr eigenes Konzept von Normalität entwickelt, aus dem sie weder versuchen zu fliehen noch es beklagen. Die Erzählperspektive durch die Augen des Mädchens, das nie etwas anderes gesehen hat, unterstützt diesen Eindruck nachhaltig.

Wenn man die letzten Seiten gelesen hat, bleibt man ratlos zurück. Die Ereignisse, die in die Katastrophe führen, hat man kommen sehen, nicht ernsthaft erwartet man, dass es anders ausgehen könnte. Es ist die Emotionslosigkeit, mit der alles hingenommen wird, die einem verzweifeln lässt. So ist der Lauf der Dinge nun einmal und hin und wieder kostet es eben auch ein Leben oder zwei. Aus westeuropäischer Sicht ist vieles, was geschildert wird, schier unglaublich, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hingegen ist eben auch ein solches Leben möglich.

Besonders herausfordernd bleibt dabei, dass es Zuneigung und Fürsorge zwischen den Menschen gibt und man gar nicht mal den Eindruck hat, dass die kleine Pearl wirklich vernachlässigt ist, auch wenn die Rahmenbedingungen ihres Lebens kaum ärger sein könnten.

Die Autorin erlaubt den Blick in eine Welt von Außenseitern, die am Rande der Gesellschaft stehen und die man gerne verdrängt. Sie schildert ihre Existenz aus der Innensicht und schafft es so, ganz gemischte Emotionen beim Leser hervorzurufen ohne auch nur die geringste Wertung vorzunehmen. Ein außergewöhnliches Buch, das hart in der Thematik, aber geradezu poetisch in der Sprache ist.