Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Manja Präkels - Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Mimi Schulz wird in die geordnete Welt einer Kleinstadt im Havelland hineingeboren. Der äußere Rahmen wird durch die DDR bestimmt, der familiäre durch die Krankheit des Vaters und die Linientreue der Lehrerinnen-Mutter. Als Kind spielt Mimi gerne mit Oliver, er wohnt nebenan und so verbringen sie die Freizeit und Familienfeste zusammen, bei denen sie den Erwachsenen die Schnapskirschen klauen. Doch mit dem Mauerfall ändert sich einiges in der Ordnung der Stadt. Die vormals Begünstigten haben plötzlich das Nachsehen, viele fühlen sich von der neuen BRD und ihrem Kapitalismus im Stich gelassen, wozu noch Pläne machen für eine Zukunft, die außer Ungewissheit nichts mehr bietet? Plötzlich tauchen Nazis auf, Schlägergruppen, die auf alles eindreschen, was nicht rechtzeitig davonlaufen kann. Oliver gehört auch zu ihnen, er ist jedoch kein Mitläufer, sondern ihr Anführer, ehrenvoll „Hitler“ genannt. Und so wird der Kindheitsfreund plötzlich zum ärgsten Feind.

Manja Präkels hat für ihren Debütroman den Deutschen Jugendliteraturpreis sowie den Anna-Seghers-Preis 2018 erhalten. Ich hätte das Buch nicht per se als Jugendbuch klassifiziert, auch wenn es sicherlich auch Jugendliche anspricht. Dass es jedoch beide Auszeichnungen verdient hat, steht völlig außer Frage, denn der Autorin ist gelungen, sowohl die kindlich-verklärte DDR-Idylle wie auch die Wende und die schwierigen 90er Jahre einzufangen ohne zu werten und ohne die Figuren für ihre Gedanken oder ihr Handeln abzuurteilen.

Mimis Kindheit ist recht sorgenfrei, wie dies glücklicherweise für die meisten der Fall ist. Die großen Zusammenhänge bleiben ihr verborgen, sie ist zwar eine fleißige Schülerin, was sie aber nicht von gelegentlichen Ausrutscher und Ausbrüchen bewahrt. Sie wächst heran zur Jugendlichen, die ersten näheren Begegnungen mit Jungs verlaufen eher weniger zufriedenstellend und die Dimension der Wende erschließt sich ihr eher im Kleinen mit veränderten Zukunftsplänen als in ihrer globalen Relevanz. Doch plötzlich wird die Idylle durchbrochen: die Menschen verändern sich, der Einfluss des Westens wird sichtbar und Mimi fragt sich:

Was mit unserem Land, der DDR, geschah, war aus der Froschperspektive schwer zu überblicken. Niemand sprach mehr von ihr. Waren wir noch da? Es hatte freie Wahlen gegeben. Mein neuer Reisepass wies mich als Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik aus. Aber alle redeten nur von Deutschland und meinten die BRD. Karl-Marx-Stadt hieß jetzt Chemnitz.

Doch diese Verunsicherung ist es nicht, die alles ändern wird, sondern das, was ihr Freund Zottel treffsicher auf den Punkt bringt:

Die Südafrikaner hatten gerade die Apartheid abgeschafft, aber, wie Zottel bei jedem unserer Treffen zu bemerken pflegte: »Bei uns jibt’s jetz endlich wieder Nazis. Prost!«

Zunächst sind nur die Ausländer Ziel ihrer Angriffe, dann aber auch zunehmend all jene, die den alten Staat verkörpern oder die nicht zu ihnen gehören. So wie Mimi. Es sind nicht irgendwelche Leute, die sie beschimpfen und jagen. Es sind junge Erwachsene, die sie kennt, mit denen sie als Kind gespielt und in der Jugend gelacht hat. Es dauert, bis ihr die Lage wirklich bewusst wird und als sie sich der Thematik journalistisch nähert, bringt sie sich in Lebensgefahr.

Es fällt nicht schwer mit Mimi zu sympathisieren, auch ihr Staunen ob der Veränderungen und ihre Verunsicherung und Orientierungslosigkeit sind leicht nachzuvollziehen und werden von Manja Präkels authentisch und glaubwürdig geschildert. Die Jagdszenen der Neonazis sind nicht einfach zu ertragen, man erinnert sich an die Bilder aus den 90ern und starrt umso ungläubiger auf die aktuellen Nachrichten. Wenn Literatur etwas bewegen kann, dann solche Bücher, die keine Ideologie vorgeben, nicht mit erhobenem Zeigefinger den rechten (und nicht politisch rechts-außen) Weg zeigen, sondern alternative Denkweisen anbieten und Raum für Emotionen lassen, die in Zeiten großer Verunsicherung nun einmal nicht zu leugnen sind.

Auch wenn die Thematik an Ernsthaftigkeit kaum zu überbieten ist, ist er doch über weite Strecken auch leicht und unterhaltsam. Auch wegen der Thematik erinnert er mich an die Romane von Thomas Brussig, der ebenfalls das Verbindung von unterhaltsam und dennoch relevant leichtfüßig gelingt. Ein rundum überzeugender Roman, der weiteren Werken der Autorin gespannt entgegenblicken lässt.

Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

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Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

Sie waren immer zu dritt, Alex, Paul und Nina genannt Ratte. Drei Freunde, die sich alles erzählten, den Kummer teilten und sich trösteten. Sie haben ihre eigenen Spiele, die niemand sonst versteht und die sie nicht teilen. Doch dann kommt der neue Referendar und plötzlich sind da vier. Alex freut sich auf jede Stunde bei ihm, Paul teilt mit ihm die Interessen für Kunst und Ratte verbringt mehr und mehr Zeit mit S. Immer mehr entfernen sie sich, aus dem festen Molekül der Freundschaft werden wieder Atome, andere Moleküle. Doch eine Klassenfahrt wird sie wieder zusammenschweißen, bis das Unglaubliche passiert, das Ungehörige, über das jeder sprechen wird und das die letzten Wochen und Monate in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Lena Gorelik findet in „Mehr Schwarz als Lila“ ebenso die Stimme von Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenen, wie ihr das auch schon in „Null bis unendlich“ überzeugend geglückt ist. Dieses Mal sind es die widersprüchlichen Emotionen, das Zueinanderfinden und sich verlieben, das die jugendlichen Protagonisten ehrausfordert. Die Erwachsenen taugen dabei auch nur bedingt als Vorbild: Alex‘ Vater trauert immer noch seiner Frau nach, die seit inzwischen fast zehn Jahren tot ist. Alex muss ohne Mutter groß werden, ohne jemandem, mit dem sie über das sprechen könnte, was sie verwirrt, ihr Papagei ist da nur ein schwacher Ersatz. Auch „Johnny“ wie sie den Referendar privat nennen, ist selbst noch mehr auf der Suche als dass er Hilfe bieten könnte.

Die Ich-Erzählerin Alex spricht nicht nur zum Leser, sondern sie spricht auch den Menschen an, den sie zu lieben glaubt. Es dauert etwas, bis man durschaut, dass sie ihren Lehrer damit meint. Auch das Zeitkonstrukt erschließt sich erst beim Lesen, beginnt sie doch damit, dass Paul verschwunden ist, warum dies geschah, muss jedoch erst rückblickend aufgelöst werden. Beides lenkt jedoch nicht von der emotionalen Achterbahn der 17-Jährigen ab, die ihre Gefühle nur schwer einordnen kann und so fokussiert auf sich ist, dass vieles um sie herum geschieht, ohne dass sie sich dessen bewusst wäre. Diese Blindheit für die Umwelt ist so typisch für das Alter und doch so singulär eingefangen in diesem Roman.

Klingt die Geschichte fast banal, hundertfach erzählt in immer wieder neuen Varianten desselben Stoffes, ist Lena Goreliks Roman doch viel mehr als ein durchschnittliches Jugendbuch über die erste Liebe. Es ist vor allem die sprachliche Versiertheit der Autorin, die den Roman aus der Masse der Coming-of-Age-Jugendbücher hervorhebt, denn ihre Protagonistin geht vorsichtig mit der Sprache um, analysiert sie beim Erzählen und drängt immer wie das Was hinter das Wie zurück.

Marieke Nijkamp – Before I let go

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Marieke Nijkamp – Before I let Go

For sixteen years, Corey and Kyra have been friends. Together they roamed the forests of Lost Creek, Alaska, went to school together and spent their free time together. Then, six months ago, Corey moved away with her mother and younger brother and left Kyra alone. Alone in a town who hated the girl because she was different. Her maniac-depressive behaviour irritated the 250 inhabitants of the small city; she was at best invisible, at worst an outsider. Two days before Corey is due to visit, Kyra is found dead. Beneath the ice of a lake in mid-winter. For Corey this is not only a shock, but unbelievable. Kyra cannot be dead and she would never have killed herself so shortly before her arrival. Her suspicion grows the closer she comes to her former hometown and finally there, she is not greeted with unanimous joy.

Marieke Nijkamp’s novel is set against the Alaskan winter which perfectly reflects the mood of the novel. The atmosphere is gloomy and often spooky throughout the story and at times it actually gave me the creeps. It is a wonderful merge of a young adult novel and a thriller.

Yet, first of all, it is a novel about friendship. Corey remembers her time with Kyra, the good ones and the bad ones and she is ruminating about the question if she has left her friend, left her alone with the ill-natured people of Lost Creek who resented her with her escapades. Could she have prevented a possible suicide or even murder of her friend? A tough question for a sixteen-year-old girl alone and face to face with a whole hostile town.

On the other hand, it is a novel about life in a reclusive community who considers people who moved away outsiders after only a short time and who are hard to anybody who does not fit in their world-view. Where people do not talk much to somebody who does not belong to the inner circle. And a community who lives to its own laws and values. After only a couple of months, Corey does not understand them anymore, does not recognise the people she once loved anymore.

Looming above all this is the question what happened to Kyra. Did she really change after Corey left? Did the people actually change in the last couple of weeks? Or is this just the story Corey is told to hide the truth.

The author has a great talent in making you feel with the protagonist, I experienced this when I read her novel “This is where it ends” about a school shooting, too. “Before I let go” is a quick read that I enjoyed a lot.

Gideon Samson – Der Himmel kann noch warten

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Gideon Samson – Der Himmel kann noch warten

Viel passiert nicht rund um Belle, wie auch, immerhin liegt sie im Krankenhaus und wird dort auch noch einige Wochen bleiben müssen. Aber auch in einem abgeschiedenen Ort kann man das, was sich tut, festhalten und vielleicht sogar berühmt werden, so wie Anne Frank. Deshalb schreibt sie ihre Gedanken und Erinnerungen auf. Vor allem Erinnerungen aus der Zeit als ihre Eltern noch zusammen waren, es aber schon Anzeichen dafür gab, dass es nicht mehr gut läuft. Besuch erhält sie vor allem von ihrer Mutter, die es immer noch nicht geschafft hat, das Rauchen aufzugeben und auf keinen Fall Belles Vater begegnen will. Der kommt auch regelmäßig vorbei, ein Ausbruch aus seinem neuen Leben. Als Jan zu Belle ins Zimmer gelegt wird, wird sie mit der Frage konfrontiert, was nach dem Leben auf der Erde kommt. Jan ist trotz seines jungen Alters überzeugt, dass es einen Himmel gibt – und dass er nicht mehr lange warten muss, bis er dort auch sein wird.

Obwohl die Krankheit Belles zentral in ihrem Leben ist, wird diese im Buch gar nicht thematisiert. Immer wieder geht es ihr schlecht, sie muss sich übergeben, was sie aber genau hat, bleibt ungesagt, man weiß nur, dass es eine Operation gab und es Belle eigentlich von Tag zu Tag bessergehen sollte. Sie geht tatsächlich mit ihrer Situation besser um, als die Erwachsenen, die sie besuchen kommen. Ihre Mutter ist völlig überfordert, ihre Lebenssituation gibt ihr auch wenig Halt und außer der Tochter hat sie offenbar kaum jemanden, der sie stützen kann. Der Vater scheint im Umgang mit dem langsam zum Teenager heranreifenden Mädchen insgesamt nicht entspannt umgehen zu können. Den Großeltern fällt dies noch am leichtesten, sie akzeptieren das Schicksal und was es mit sich bringt., Leben und Tod gehören nun einmal zusammen, aber man muss ja nicht gleich das Schlimmste erwarten.

Bellas Freundschaften hingegen werden durch ihre Abwesenheit fragil, ihre Freundinnen entfremden sich, die Freundschaft wird infrage gestellt. In einem Alter, in dem physische Nähe zum Erhalt der Verbindung essentiell ist, kann eine wochen- oder gar monatelange Trennung Risse und einen Bruch verursachen. Belle hat noch viel vor, die hat noch nie geliebt, noch nie geküsst, aber sie weiß auch, dass sie das möglicherweise nie erleben wird, auch wenn ihre Familie versucht Optimismus auszustrahlen.

Ein kurzes und intensives Buch, dass für mich sehr glaubwürdig die Stimme einer 12-Jährigen einfängt, mit all ihren Sorgen, Wünschen und Träumen. Immer vor dem Hintergrund, dass das junge Leben womöglich schon bald ausgelöscht wird.

Lois Lowry – The Giver

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Lois Lowry – The Giver

Jonas erwartet sehnsüchtig, aber auch mit etwas Angst seinen 12. Geburtstag. Wie alle Kinder in seiner Stadt wird auch er an diesem Tag seine zukünftige Bestimmung erfahren. Über Jahre hat der Ältestenrat sie beobachtet, ihre Stärken und Schwächen analysiert, um dann zu einem Ergebnis zu kommen. Bei der großen Zeremonie wird Jonas jedoch übergangen, Unruhe macht sich breit, so etwas gab es noch nie, doch am Ende wird klar, weshalb: Jonas wird zum Receiver of Memory, einem Hüter der Erinnerung, ernannt. Davon gibt es nur einen und er hat für die Gemeinschaft eine wichtige Funktion. Wie wichtig erfährt Jonas schon bald nachdem er seine Ausbildung begonnen hat. In einer Umgebung, die frei ist von Farbe, in der alle gleich sind, in der es weder Krankheit noch Krieg gibt, muss ein einziger Mensch alles aushalten, was die gesamte Menschheit je erlebt hat. Die neuen Erfahrungen sind faszinierend und erschreckend zugleich und bald schon stellt sich Jonas die Frage, ob der Verzicht auf Emotionen wirklich das erstrebenswerteste Ziel sein sollte.

Lois Lowry hat in ihrem dystopischen Jugendbuch die Sicht eines Kindes gewählt, um eine scheinbar perfekte Welt zu dekonstruieren. Sowohl der Beginn wie auch das Ende des Lebens werden staatlich verordnet, Familien sind nur temporäre Konstrukte, die eine gesellschaftliche Funktion erfüllen und nicht durch Zuneigung und Liebe bestehen. Außerhalb dieser kleinen Einheit läuft das Leben absolut konform. Bis hin zur Sprache ist alles vereinheitlicht, so sehr, dass die Menschen in all der Gleichheit schon gar keine Unterschiede zwischen sich mehr wahrnehmen können. Obwohl die negativen Aspekte des Lebens eliminiert sind, allen geht es gleichermaßen gut, alle scheinen mit ihrem Schicksal zufrieden, ist doch offenkundig, dass etwas fehlt, auch wenn dies zu Beginn noch nicht greifbar ist. Die Schwere des Eingriffs durch die absente Regierung wird erst durch Jonas‘ Training offenkundig, wenn er plötzlich Zugang zu Gefühlen – positiv wie negativ – erhält. Zwar leidet er nun auch, aber die Kraft dieser Schwankungen, die das Leben so viel erfüllter macht, überwältigt ihn.

The Giver kann sicherlich nicht mit den ganz großen Dystopien wie Brave New World, Fahrenheit 451 oder 1984 mithalten, dafür ist er zu wenig komplex in seiner politisch-gesellschaftlichen Ausgestaltung. Nichtsdestotrotz ist er für die junge Zielgruppe ein guter Einstieg in das Genre, da wichtige Aspekte thematisiert werden – Relevanz von Erinnerungen, Verbindung von Schmerz und Freude, Individualität vs. Gleichheit, Umgang mit Leben und Tod. Die Sprache ist ebenfalls passend gewählt, wenig Ironie, Verzicht auf sublime Anspielungen und gleichzeitig spiegelt sie auch die Vorgaben dieser gleichgeschalteten Welt wieder, die möglichst präzise und direkt sein sollte. So ist der Roman in sich stimmig und durchaus eine lohnende Lektüre.

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

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Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

Mitten in die Mathearbeit platzt die Durchsage, dass es einen Vorfall gäbe und die Klassen die Türen verschließen und auf weitere Anweisungen warten sollen. Was ist los? Doch nicht etwas ein Amoklauf? An die Klausur ist nicht mehr zu denken. Herr Filler, selbst mir 32 noch recht jung, weiß auch nicht, was zu tun ist. Auf so etwas wurde er nicht vorbereitet. Mark ist froh, dass wenigstens die Arbeit ausfällt, wohingegen Fiona durch die Situation mehr als irritiert ist. Als es an der Tür klopft und offenbar ein junges Mädchen Hilfe sucht, öffnen sie und müssen schnell ihren Fehler erkennen: nun ist der Amokläufer mit ihnen im Raum und er hat ein perfides Spiel vorbereitet, damit dieser Tag für alle zum unvergesslichen Trauma wird.

Lea-Lina Oppermann greift in ihrem Debütroman auf ein immer noch aktuelles Thema zurück, das viele Schüler bewegt und vor dem sie eine schwer greifbare Angst empfinden: einen Angriff auf die Schule, dem Ort, wo sie Schutz finden und in Ruhe lernen sollten und der sich schlagartig in einen Tatort der schlimmsten Sorte verwandeln kann. Reale Vorbilder geben genügend Ideen, was alles geschehen kann.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven des Lehrers und der beiden Schüler. Alle anderen Figuren lernen wir nur durch ihre Augen und Kommentare kennen. Diese Konstruktion bietet zwar eine gewisse Abwechslung und erhöht auch das Tempo, allerdings blieben mir beim Lesen die Figuren fremd. Dies lang vor allem daran, dass sie für mein Empfinden überhaupt nicht adäquat auf die Situation reagiert haben. Eigentlich müssten sie voller Angst und Panik sein, bleiben aber erstaunlich gelassen und gar mutig. Die Bedrohung, die sie an den Rand der Handlungsfähigkeit bringen und im Normalfall klares Denken verhindern müsste, hindert diese drei nicht daran, ganz normal weiterzumachen. Schnell wird die Gesamtlage auf von dem vermeintlichen „Spiel“ des Täters überlagert und auch die anderen Figuren sind mehr auf sich konzentriert und die Aufgaben als auf die Gefahr, die von dem Menschen mit den Schusswaffen ausgeht.

Die Emotionen, die bei diesem Setting das wichtigste sind, verlagern sich auf alltägliche Schulkinkerlitzlichen, den üblichen Streitigkeiten unter Jugendlichen, den Sorgen darum, wer am hübschesten und am schlanksten ist.  Diese haben zwar in Jugendbüchern auch ihre Berechtigung sind hier aber völlig deplatziert. Der Lehrer ist ebenfalls gänzlich überzeichnet in seinem egoistischen Streben nach akademischen Weihen und seiner Verachtung für und Belustigung über alle Schüler.

Es gibt viele Vorbilder in der Jugendliteratur, die dieses Thema ebenfalls behandelt haben und die ich allesamt deutlich gelungener finde. Anna Seidl hat in „Es wird keine Helden geben“ sehr eindrücklich die Situation aus der Sicht einer Überlebenden geschildert, die das Erlebte kaum verarbeiten kann. Marieke Nijkamp wählt in „This is where it ends“ eine minutiöse Beschreibung eines Überfalls, der unmittelbar die Angst der Betroffenen einfängt, ähnlich wie auch Heather Gudenkauf in „One Breath Away“, die mich beide viel betroffener machten als Lea-Lina Oppermanns kurzer Roman.

Zoe Whittall – The Best Kind of People

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Zoe Whittall – The Best Kind of People

Avalon Hills, Connecticut. The Woodbury family is a kind of an institution in the small community. George’s father has helped to set up the town, George himself is a popular teacher and a hero since he prevented a school shooting ten years ago. His wife Joan works as a nurse and actively contributes to different kinds of charity work, their son Andrew is a successful lawyer in New York and their 17-year-old daughter Sadie a real prodigy. Their life is just perfect. Until one day, a bomb explodes and blows up their whole life: some underage girls accuse George of having tried to rape them during a school trip. What seems to be unbelievable is taken serious by the police and George has to go to prison. Slowly, the family’s confidence in the father’s innocence falls apart. Is he really the man they believed he was?

Zoe Whittall’s novel is a masterpiece in character study. She does not focus on sensationalist facts, actually the accusations, the arguments and the evidence brought forward to support George’s guilt just play a random role in the novel. The centre are Joan and Sadie, wife and daughter who are confronted with the question if they have been fooled and who have to struggle with conflicting emotions within themselves. Their development from absolute supporter, via sceptical but still loyal to building a life without him is remarkably and convincingly portrayed.

It is especially Sadie who can persuade me as a reader. A teenager who is completely knocked off the track, whose life was well organised, everything prearranged and clear in every respect has now to cope with uncertainties, with shades of grey, gets to know her former friends from a completely new and absolutely hostile side. Confused over whom and what to believe, she loses contact to her inner self, tries out pot and pills to numb down her irritating feelings. Strong only for hours or moments, then thrown back again. She is a very authentic character and her struggles appear to be quite authentic.

Since we only get one perspective, the one of the family, we do not really know what actually happened, we never really hear George’s point of view and thus the reader is kept in the dark throughout the novel. There are hints that all might have been set up, yet, then, there is evidence that George is guilty and has not been faithful – in this way, there is an underlying suspense which keeps you going on reading. I enjoyed the novel, for me, it absolutely fulfilled the expectations.

Gabriel Tallent – My Absolute Darling

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Gabriel Tallent – My Absolute Darling

It’s just the two of them, 14-year old Julia, called Turtle, and her father Martin. Her mother ran away a long time ago. And there’s her grandfather living close to them, but staying mainly apart. Her father loves her, more than anything else in the world, she can feel it, despite his strange way of showing his affection. He hurts her sometimes, but only because she has not been nice and provoked him. And he loves her, like a man loves a woman. She likes being close to him, that’s normal, isn’t it? But as Turtle is getting older, somewhere deep inside her doubts start to grow. Is all this correct? When she meets Jacob and gets to like him more and more, suddenly the fragile family construction of Martin and Turtle is threatened, even more when Martin brings the small girl Cayenne to their home. Turtle finally realised that she has to do something because nothing is right in their home.

Gabriel Tallent’s debut novel has a weird fascination just like accidents have. On the one hand, you do not want to look (or in this case: read on), because it is all to awful and you know that you had better not read this. On the other hand, you want to see what’s happening and this drags you back to the novel again and again.

Surely, this is nothing to read for highly sensitive readers. It is about child abuse, violence and psychological pressure of the worst kind. However, even though from an outsider’s point of view, this is horrible and unbearable, Gabriel Tallent manages also to convey another perspective which, it remains to be feared, is only too real and can be found in many victims. Julia loves her father, she loves his tenderness and warmth and even the physical contact isn’t something she loathes, quite the contrary. If she did something against it, she’d lose him and thus she has to calculate very accurately what she is doing. This is not easy to understand and even worse to support in a novel, but at a realistic view, this might be a quite common interpretation of the situation.

All in all, not a novel you enjoy to read, but one that takes an interesting perspective and might add something to our understanding.

Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

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Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Samantha Kingstons Leben ist perfekt: sie gehört zur angesagten Clique der High-School, hat mit Rob einen Freund, um den sie viele beneiden, ist hübsch und reich. Der 12. Februar soll alles perfekt machen: morgens die Valentinstagsgrüße in der Schule und abends wird sie endlich mit Rob schlafen. Alles beginnt ganz normal: die Schule hat nichts Ungewöhnliches zu bieten, dann bereitet sie sich mit den Freundinnen auf eine Party vor. Doch der Abend endet anders als geplant: bei einem Unfall kommen sie ums Leben. Doch am nächsten Morgen wacht Sam wieder auf. Es ist nochmal der 12. Februar und sie kann ihren letzten Tag nochmals erleben und vielleicht was ändern. Sieben Mal wird sich dies für sie wiederholen.

Das Grundkonzept ist eher ungewöhnlich, wenn auch nicht wirklich innovativ, allerdings hat die Autorin genug Humor, die Protagonistin selbst auf „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hinweisen zu lassen. Ansonsten bietet der Roman alles, was das Young Adult Herz begehrt: die High-School mit ihren typischen Alltagssorgen, die von allen bewunderte Mädchen-Clique, die erste große Liebe, viel Gerede über Klamotten und Schminke. Und natürlich der obligatorische erhobene Zeigefinger, dass man doch bitte nicht gemein, sondern nett zu den Mitmenschen sein soll und sich für die Außenseiter einsetzen muss. Alle Stereotypen erfüllt, Leser des Genres werden es danken.

Was jedoch auffällt, ist die Figurenzeichnung, wobei ich mich gefragt habe, ob ich einfach zu alt bin, um die Figuren so wahrzunehmen, wie sie sein sollen. Für mich ist die Protagonistin einfach ein verwöhntes Gör, dem es viel zu gut geht und die in ihren Egotrip sieben Mal erfolgreich durchzieht und dafür auch noch belohnt wird. Vermutlich soll sie cool und bewundernswert wirken, dabei wirken ihre Kleidungsbeschreibungen auf mich eher billig bis nuttig und dass sie sich permanent darüber beklagt, dass sie von den Eltern zu kurzgehalten wird (man bedenke: sie bekommt im Jahr nur zweimal 500 Euro zum Kleidershoppen!), macht sie auch nicht gerade sympathischer. Da ihre Empathiefähigkeit nur gering ausgebildet ist, braucht sie auch mehrere Anläufe um zu verstehen, dass sie genau das ist, was ein anderes Mädchen ihr vorwirft: ein Miststück. Selbst als ihr langsam aufgeht, dass ihr Verhalten vielleicht eher suboptimal ist, wird ihr Handeln immer noch von dem Gedanken geleitet, möglichst selbst zu profitieren oder zumindest kein ganz so schlechtes Gewissen mehr haben zu müssen. Das macht das Lesen zu einer gewaltigen Quälerei, da man permanent den Gedanken hegt, dass die Welt einfach eine bessere wäre, wenn sie endlich tot wär. Dass die anderen ihr da in nichts nachstehen, macht es kaum besser.

Alles in allem ein Buch, dass hervorragend auf die zu liefernden Klischees abgestimmt ist, durch besonders widerwärtige Figuren besticht und weiter nichts zu bieten hat, was für eine Leseempfehlung sprechen würde.

Shannon McCrimmon – The Summer I Learned to Dive

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Shannon McCrimmon – The Summer I Learned to Dive

Was sind die typischen Versatzstücke von Young Adult Romanen?

  1. die Protagonistin:

– sehr strebsam und intelligent

– sehr hübsch, ohne sich dessen bewusst zu sein

– lebt fernab der Realität und ist sich des Lebens eines Teenagers nicht bewusst

– keinerlei Erfahrung mit Alkohol, Jungs, Sex, Partys etc.

  1. Der Protagonist:

– schüchterner Junge, auf den alle Mädchen stehen, der aber auf „die Eine“ wartet

– makelloser Charakter

– würde nie Alkohol anrühren

– absolut selbstlos gegenüber seiner Familie

  1. die Handlung:

– Protagonistin kommt an fremden Ort, wo Protagonist lebt

– gerät zunächst an die falschen Freunde, Protagonist muss sie retten

– macht erste Erfahrungen im echten Leben, lernt: Alkohol ist böse

– durchlebt Familienkrise, Protagonist steht zu ihr

– Krise war eigentlich nur ein Missverständnis und wird so schnell erfolgreich gemeistert

– am Ende: alles Friede, Freude, Eierkuchen

Prüft man Shannon McCrimmons Roman „The Summer I Learned to Dive“ auf diese Punkte, erhält sie vollen Zuschlag. Die 18-jähige Finn erfährt zufällig von einem lange gehüteten Familiengeheimnis. Sie reist nachts heimlich ab, um ihre unbekannten Großeltern zu besuchen. Dort verliebt sie sich in den wunderbaren Jesse und erlebt im Schnelldurchlauf alles, was Teenager sonst in ein paar Jahren durchmachen. Gegen Ende noch großes Familiendrama, lange Aussprache, alles gut.

Da es ein amerikanischer Roman war noch die üblichen Moralpredigten: Alkohol ist böse, vergib Deinen Liebsten auch wenn sie dich jahrelang belogen haben, kein Sex im Teenagerroman.

Der Roman bietet wenig Überraschungen und ist so locker geschrieben, dass er sich entspannt an einem Nachmittag lesen lässt. Wie er zu 900 3-5 Sterne Bewertungen auf Goodreads kommt, bleibt für mich jedoch schleierhaft. Überbordende Lobeshymnen über das Buch, das so anders ist als all die anderen im Genre (?!?).

Berechtigte Frage: warum liest jemand ein YA Roman, wenn er das Genre offenbar doof findet? Kurz vorm Zubettgehen habe ich gestern einen neuen Roman benötigt und lustlos meinen Kindle nach etwas Leichtem und Sommertauglichen durchblättert. Das Cover war hübsch (und so passend zum Sommer) und wenn ich schon mal angefangen habe, lese ich ein Buch auch fertig, noch dazu wenn es so kurz ist. Fazit: manche Prinzipien sollte man vielleicht über Bord werfen.