Heidi Furre – Macht

Heidi Furre – Macht

Das schreckliche Ereignis ist bereits Jahre her. Liv war noch Studentin, als sie vergewaltigt wurde und doch verfolgt das Erlebnis sie als erwachsene Frau und Mutter immer noch. Sie wollte nie Opfer sein, hat andere für die öffentliche Zurschautragung ihres Leids verachtet, aber den schönen Schein zu wahren, kostet sie enorm viel Energie. Das Kopfkino, die rasenden Gedanken im Zaum zu halten und nicht durchzudrehen. Es war nicht nur in dieser Situation, dass der Mann Macht über sie hatte, er hat sie immer noch, ohne dabei in seinem Familienidyll etwas davon zu ahnen.

„Manchmal ist es schlimmer zu sagen, ich bin vergewaltigt worden, als tatsächlich vergewaltigt zu werden. Als würde man eine Todesnachricht überbringen.“

Die norwegische Fotografin und Autorin Hedi Furre verleiht in ihrem Roman einer Frau eine Stimme, die eigentlich keine haben will. Am Beispiel von Liv wird deutlich, wie gesellschaftliche Normen das Opfer einer Straftat nochmals strafen, indem sie Mitschuld erhält (auch selbst zugeschrieben), indem sie verdrängt, was ihr passiert ist, weil es niemand hören und sehen will und schon gar nicht mit so etwas Schrecklichem belästigt werden möchte. Es sind nicht nur die äußerlichen Wunden, die Leid verursachen, „Macht“ zeigt sehr deutlich, wie schlimm die innerlichen, nicht so leicht erkennbaren Wunden schmerzen und eben nicht verheilen.

Es sind die kleinen Einschränkungen des Alltags, an denen sich tagtäglich die Auswirkungen eines jahrelang zurückliegenden Ereignisses zeigen. Die Ängste, beispielsweise im Dunkeln nach Hause zu laufen, bestimmte Texturen, die an den Tag erinnern, die alle in sich nicht schlimm sind, in der Summe jedoch lebensbestimmend werden. Immer wieder versucht sie, die Kontrolle zurückzugewinnen, es gelingt jedoch nur mäßig.

Es ist ein Buch, das sich nicht leicht aushalten lässt, das für manche Leserinnen wie ein Trigger für böse Erinnerungen wirken könnte und doch ist es wichtig, da es etwas zum Thema macht, über das gesprochen können werden muss. Das einen öffentlichen Raum braucht, damit es Opfern von Gewalttaten eben genau nicht geht wie der Protagonistin.

Claire Thomas – Die Feuer

Claire Thomas – Die Feuer

Samuel Becketts Theaterstück „Glückliche Tage“ wird im Theater in Melbourne aufgeführt. Es ist nicht nur ein glühend heißer Sommertag, draußen wüten auch Buschfeuer, die alles zerfressen, was sich ihnen in den Weg stellt. Summer, Schauspielschülerin und an jenem Abend Platzanweiserin, hätte gerne eine bessere Position, um mehr von dem Stück mitzubekommen. Professorin Margot Pierce kann sich als Zuschauerin kaum auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren, zu sehr sind ihre Gedanken noch bei einem unangenehmen Gespräch mit ihren Vorgesetzten. Auch Ivy Parker ist abgelenkt, beobachtet ihre Freundin Hilary neben sich, die ganz in das Geschehen versunken zu sein scheint, während in ihrem Kopf die Gedanken rasen.

Der zweite Roman der australischen Autorin Claire Thomas ist eine Hommage an Samuel Beckett und an die Verbundenheit von Menschen und die verschiedenen Lebensstadien von Frauen. „Die Feuer“ spielt geschickt mit den Ebenen zwischen Bühne und Zuschauerraum, die sich spiegeln, Parallelen aufweisen und tragikomisch die womöglich letzten Tage der Menschheit beschwören – zumindest die letzten vorpandemischen, in denen man noch einfach so eine Aufführung besuchen konnte.

Im Laufe der Geschichte wechselt immer wieder die Perspektive. Margot, Summer und Ivy erlauben nacheinander Einblicke in ihre Gedankenwelt, wobei sie letztlich auch eine einzige Frau sein könnten zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Lebens. Zum einen die junge Studentin, die unsicher ist in sozialen Interaktionen und sich in ihrer Bildung als defizitär empfindet. Ivy steht mit knapp über 40 voll im Leben, ist erfolgreiche Managerin und wird als solche geschätzt und anerkannt. Der Weg dahin war jedoch steinig und hart und die Dramen ihres Privatlebens bleiben der Öffentlichkeit verborgen. Margot muss niemandem mehr etwas beweisen, als angesehene Professorin steht sie am Ende des Berufslebens und beginnt gerade damit, sich von Konventionen zu lösen, die sie Jahrzehnte lang eingeschränkt haben.

In Becketts Stück befinden sich die letzten beiden Menschen bereits auf einem Grabhügel, von Winnie ist kaum mehr zu sehen als nur der Kopf, sie kann nicht mehr weg, sondern steckt fest und ist ausgeliefert. Ihr Mann Willie kann sie auch nicht retten, spricht mehr aus dem Off als dass er zu sehen wäre. All dies unter der Hitze der gleißenden Sonne. Hilflos sind sie dem Schicksal ausgeliefert, ähnlich wie die drei Frauen, die mit ihren ganz individuellen großen Fragen alleingelassen sind: wie soll Margot mit der fortschreitenden Erkrankung ihres Mannes umgehen? wird Summer je erfahren, wer ihr Vater ist? kann Ivy den Tod ihres ersten Kindes endlich überwinden?

Es könnten die letzten glücklichen Tage sein, bevor die Buschfeuer sie ganz unmittelbar bedrohen. Der Planet und damit die Existenz der Menschheit ist bereits im letzten Stadium angekommen, Zeit also die Frage nach dem Sinn zu stellen, wenn das Ende naht. Es muss etwas getan werden, aber die Ängste, die alle drei Frauen in sich tragen, führen zu einer Starre – ähnlich wie Winnie auf der Bühne, die zusehends bewegungsloser wird – die nur noch das Gedankenkreisen erlaubt.

Ein Roman vollgepackt mit Denkanstößen ganz unterschiedlicher Art, die literarisch clever umgesetzt zu einem großartigen Gesamtwerk werden.

Judith Kuckart – Café der Unsichtbaren

Judith Kuckart – Café der Unsichtbaren

Die Freiwilligenarbeit beim Sorgentelefon hat sie zusammengeführt. Ganz unterschiedliche Menschen, die sich die Sorgen und Nöte anderer anhören. Die Theologiestudentin Rieke, die sich in den Muslim Arian verliebt. Matthias, der auf Baustellen arbeitet und sich schon am ersten Tag der Fortbildung in Emilia verliebt. Buchhalterin Marianne, DDR-Museumssammlerin Wanda, Lorentz und die Erzählerin von Schrey gehören ebenfalls zu dem Team, das abwechselnd die Anrufe entgegennimmt. In den Anrufen spiegeln sie sich jedoch auch selbst, denn auch sie sind nicht ohne die kleinen und großen Sorgen des Alltags und des Lebens.

„nehmen Sie Platz an diesem traurigen Café der Unsichtbaren, und lassen Sie am Ende des Besuchs nicht eine gesicherte Erzählung, sondern die Unsicherheit mit uns sehen“

Judith Kuckart öffnet die Türen für den Blick auf ihre Figuren von Gründonnerstag bis Ostermontag. Die Frühschicht geht über in den Nachmittag, in den Abend und dann in die kritischen Nachtstunden. Während sie ihren Anrufern zuhören, horchen sie jedoch auch in ihr Inneres und lassen die Gedanken streifen. Es sind keine Figuren, die im Alltag auffallen würden, es sind die unscheinbaren Gesichter, die einem auf der Straße begegnen und deren Geschichte man nicht kennt, die die Autorin in „Café der Unsichtbaren“ erzählt. Wie in einem Café kommen sie zufällig zusammen, bleiben einander fremd und sind doch zumindest temporär eine Gemeinschaft.

„Jede Situation hat eine Geschichte, die man kennen muss, um das Woher und Wieso zu verstehen, hat sie einmal zusammengefasst, jeder Augenblick hat seine Biografie und jede Biografie ihre Rätsel.“

Fünf Tage, die symbolisch Leiden, Sterben und Auferstehung gedenken und damit kondensiert Ende und Anfang darstellen. Es ist ein Sammelsurium von Figuren, die sich eigentlich nicht begegnen können und doch schon seit Jahren immer wieder aufeinander treffen und eine Gemeinschaft geworden sind. So wie das Telefonat einen Blick in die Welt der Anrufer erlaubt, breitet der Roman in das Leben dieser Unsichtbaren vor dem Leser aus.

In der Erzählung spiegelt die Autorin die Arbeit bei dem Hilfetelefon. Mal längere, mal kürzere Einblicke, so wie sich manche Anrufer immer wieder melden und eine Verbindung zu den Mitarbeitenden aufbauen, tauchen die Figuren wieder auf und fügen weitere Facetten zu ihrem Charakter hinzu. Verpasste Chancen, falsche Entscheidungen, Enttäuschungen – es sind womöglich ihre eigenen Erfahrungen, die sie an diesen Ort geführt haben, wo das Leid durch das Teilen ein bisschen kleiner wird.

Es ist schwer auf den Punkt zu bringen, was den Roman ausmacht, so wie auch die Figuren bleibt er etwas flüchtig, schärft jedoch den Blick für das, was sonst vielleicht unbemerkt vorüberhuscht und schon wieder vorbei ist, bevor man es wahrgenommen hat. Die Symbolik des Osterfests hat sich mir für den Roman nicht wirklich erschlossen, außer Rieke hat keine Figuren einen deutlich christlichen Bezug. Auch als Zeit des Lichtfests, in der der Klammergriff des Winters sich langsam löst und die Tage wieder wärmer und länger werden, passt die Metapher für mich nicht wirklich.  Ein Roman zum Innehalten, der unbestritten Fragen hinterlässt.