Nele Pollatschek – Dear Oxbridge

nele-pollatschek-dear-oxbridge
Nele Pollatschek – Dear Oxbridge

Der Brexit ist nach jahrelangem Tauziehen seit 31. Januar vollzogen – Zeit also, auf unsere nicht mehr ganz so geliebten Nachbarn jenseits des Kanals zu blicken. Nele Pollatschek kennt sie gut, die Engländer, wobei das eigentlich nicht ganz stimmt. Mit Studium und Promotion in Cambridge und Oxford – kurz Oxbridge – hat sie Einblick in die Welt der Eliteinstitutionen gewonnen, die die Geschehnisse im Land maßgeblich bestimmen. Kaum ein führender Politiker oder Wirtschaftsboss, der nicht die exklusive Bildung einer der beiden Universitäten genossen hat, der sich nicht diese ganz eigene Mentalität angeeignet hätte, die die Absolventen schon von weitem erkennbar von ihren Mitbürgern unterscheidet. Es ist ein Mikrokosmos, der dort entstanden ist, der jedoch nur wenig mit dem Rest des Landes gemein hat. Da er aber der Nährboden für politische Entscheidungen ist und vor allem all jene, die den Brexit letztlich verantworten, hervorgebracht hat, lohnt der Blick auf diese ganz eigene Welt.

Nele Pollatschek beginnt mit dem schicksalsvollen Tag, dem 23. Juni 2016, der fortan die Nachrichten bestimmen würde. Sie ganz persönlich war von der Entscheidung, die EU zu verlassen betroffen. Nicht so sehr, weil sie als Deutsche nun um ihren Aufenthaltstitel bangen musste, sondern weil sie über Jahre hohe Schulden durch das teure Studium angehäuft hat, die durch den Absturz des Pfunds schlagartig reduziert wurden. Es gab also individuell doch auch ganz positive Aspekte des Brexit. Auf diese Anekdote folgt jedoch der Blick auf die harte Realität: der Weg an die exklusiven Universitäten ist steinig und war auch für sie zunächst von Misserfolg gezeichnet. Endlich angekommen, lernt sie eine völlig andere akademische Welt kennen als die, in der sie in Deutschland lernte. Aber nicht nur das Studium folgte eigenen Gesetzen, auch der Wohnungsmarkt hat seine Tücken. Es folgen eine Reihe von kurzweiligen Episoden über die kleinen aber feinen Unterschiede der beiden Länder, die man nur dann erkennen kann, wenn man lange genug in die fremde Kultur eintaucht und so manches Vorurteil entpuppt sich dann doch eher als weit verbreiteter gesellschaftlicher Wesenszug.

Es sind viele Versuche unternommen worden, das fatale Wahlergebnis jenes Junitages zu erklären. Vielfach wurde der Blick auf den vermeintlich „einfachen“ Bürger gerichtet, der gar nicht verstanden habe, was er eigentlich entscheidet oder gar gleich zu faul war, überhaupt an die Urne zu treten. Insofern ist Nele Pollatscheks Ansatz ein gänzlich anderer, blickt sie doch auf das andere Ende der sozialen Klasse, jenen kleinen Teil, der sich seit Jahrhunderten abschottet und selbst reproduziert. Genau hierin liegt eines der Probleme: es fehlt vielen Absolventen der Bezug zur Realität der sozialen Mittel- und Unterschicht, sie sind jedoch diejenigen, die wesentliche Entscheidungen über deren Alltag treffen. Dies klingt nun viel geißelnder als Pollatschek dies beschreibt, ihr Buch ist keine Klageschrift, sondern eine scharfsinnige Beobachtung, aus der sie schlichtweg die richtigen Schlüsse zieht. Der Brexit ist natürlich ein ganz zentraler Punkt, aber letztlich nur eins von vielen Phänomenen, die die beiden renommierten Universitäten hervorgebracht hat.

„Dear Oxbridge. Liebesbrief an England“ trägt den passenden Untertitel. Trotz all der Marotten der Briten, die sie nerven und die sie erst mühsam erkennen und erlernen musste, liebt sie dieses Land und die kleine Welt von Oxford und Cambridge. Besonders gefallen haben mir der unterhaltsam leichte Plauderton, mit dem sie ihre Erfahrungen schildert, witzig und auch mit einem Schuss Selbstironie schildert sie Erfolg wie Niederlage. Bei all der Kritik an der Exklusivität der Bildung kann sie aber auch überzeugend darlegen, warum genau die Art, wie dort gelehrt wird, sich eben drastisch von anderen Universitäten unterscheidet und diesen letztlich überlegen ist. Sie schließt ihren Bericht mit einem Kapitel über „kindness“, einen im deutschen nur schwer wiederzugebenden Begriff. Aber es ist genau diese Milde oder liebenswerte Güte, die wir in der aktuellen Situation gegenüber unseren britischen, jetzt etwas entfernteren Nachbarn walten lassen sollten.

Amaryllis Fox – Life Undercover

amaryllis-fox-life-undercover
Amaryllis Fox – Life Undercover

Jeder kennt sie, die Bücher und Filme über die Agenten, die für CIA, MI6, DGSE oder Mossad gefährliche Aufträge ausführen und die Welt vor den Schurken bewahren. Doch die schillernden Figuren der Unterhaltungsindustrie zeigen nur die eine Seite, auf der sie stark und unverwundbar sind und von einem Kampf in den nächsten ziehen. Ihre Zweifel sieht man selten und noch viel weniger weiß man darüber, wo sie herkommen und wie sie zu dem geworden sind, was uns beim Zusehen so fasziniert. Amaryllis Fox ist eine von ihnen, ein Jahrzehnt ihres Lebens hat sie in den Dienst der CIA gestellt, geheime Missionen unternommen, um ihr Land vor Anschlägen zu schützen. Ein Leben mit fremden Identitäten, die sie selbst vor ihrer Familie und Partner geheim halten musste.

„Einen Garten anzulegen ist der höchste Akt des Glaubens an ein Morgen.“

Dieses Zitat, das die Agentin schon als kleinen Mädchen an einem Schild im Nachbarsgarten gelesen hat, bringt ihre Motivation auf den Punkt: sie will die Welt ein bisschen besser machen, ihren Beitrag zum Frieden leisten. Sie wächst auf zwischen den USA und Großbritannien, der Vater ist beruflich viel unterwegs und Umzüge alle paar Jahre gehören zum Alltag. Schon früh beginnt sie sich für Politik zu interessieren und eine Schulaufgabe über Aung San SUU Kyi, damals gewaltfreie Kämpferin für die Demokratie in ihrer Heimat Myanmar, wird bestimmend für den Weg sein, den sie einschlägt.

Es braucht die Erzählung über ihre Kindheit und Jugend, um zu verstehen, weshalb Amaryllis Fox sich für diese Karriere und gegen die Arbeit bei Hilfsorganisationen entscheidet. Die Ausbildung ist intensiv und anstrengend, immer überschattet von der Angst, doch noch aussortiert zu werden, es nicht zu schaffen, den Anforderungen nicht zu genügen. Und doch können diese Monate und Jahre sie nicht auf das echte Leben vorbereiten, wenn plötzlich Beruf und Privatleben – und in ihrem Fall auch noch ein Kind – unter einen Hut gebracht werden müssen.

Fox schildert die Seite, die sonst verborgen bleibt. Die Angst, die omnipräsent ist und drohend über ihr und ihrer Familie schwebt. Sie stellt ihr Tun auch infrage und im Laufe der Jahre, insbesondere nachdem sie Mutter geworden ist, nehmen menschliche Aspekte zunehmend mehr Raum bei der Beurteilung einer Lage ein. Es ist ein Bericht aus dem Innersten der CIA, sie gibt Einblick in strategische Denkweisen und die bisweilen zermürbende Detailarbeit, die zu dem Job gehört, der in der Realität viel weniger glamourös ist als auf der Leinwand.

Sicherlich ist Amaryllis Fox eine ungewöhnliche Frau, mit nicht einmal zwanzig Jahren wurde sie rekrutiert und gehört allein schon wegen ihres Geschlechts zu einer absoluten Minderheit. „Life Undercover“ sind eine Art Memoiren, die keine Abrechnung mit dem Geheimdienst sind; sie hat sich aus nachvollziehbaren Gründen für diese Arbeit entschieden und daran ändern auch Jahre mit falscher Identität nichts. Ihre analytischen Fähigkeiten erlauben es ihr auch hier Emotionen unter Kontrolle zu halten, die sie in der Zusammenarbeit mit ausländischen Informanten braucht, um Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, die bisweilen ihr einziger Schutz sind.

Spannende Einblicke in die Arbeit der CIA, die jedoch viel mehr die interessante Frage danach beantwortet, was diese mit den Menschen macht als dass spektakuläre Geheimnisse offenbart würden.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Roxane Gay – Hunger

roxane-gay-hunger
Roxane Gay – Hunger

„Je erfolgreicher ich werde, desto öfter werde ich daran erinnert, dass ich für sehr viele Menschen niemals mehr sein werde als mein Körper. Egal, was ich leiste, zuallererst werde ich immer dick sein.”

Wenn die Menschen den Namen Roxane Gay hören oder lesen, weiß zumindest das US-amerikanische Publikum, dass es sich um eine sehr erfolgreiche Autorin, Professorin und Feministin handelt. Wenn sie dem Menschen Roxane Gay zum ersten Mal begegnen, sind viele jedoch erschrocken, denn mit dieser Person haben sie nicht gerechnet. Roxane Gay ist nicht nur schwarz, sondern auch noch dick. Sehr dick. Weit über das Maß von adipös hinaus. Vergessen ist in diesem Moment, was sie an intellektueller Leistung erbringt, es zählt nur noch der Körper, der alles andere verdrängt und ein finales Urteil beim Betrachter auslöst. Meist kein sehr schmeichelhaftes. Die Autorin ist sich dessen bewusst, schon lange lebt sie damit, doch nun erzählt sie ihre Geschichte hinter dem Gewicht. Die Geschichte eines Mädchens, das mit 12 Jahren brutal von mehreren Jungs vergewaltigt wird und danach beginnt, ihren Körper zu hassen.

 

„Ich habe angefangen zu essen, um meinen Körper zu verändern. Das hatte ich wirklich gewollt. Ein paar Jungs hatten mich zerstört, und ich hatte es fast nicht überlebt. Ich wusste, ich würde keinen zweiten Übergriff dieser Art ertragen, und deshalb habe ich gegessen, weil ich dachte, wenn mein Körper abstoßend wäre, würde das die Männer von mir fernhalten.”

Die junge Roxane fühlt sich schuldig und sieht sich nicht in der Lage, mit jemandem über das zu reden, was ihr geschehen ist. Es beginnen Jahres des Martyriums. Als Teenager versucht sie, sie hinter ihrem Körper zu verstecken, ein Schutzschild aufzubauen und Menschen nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Ihr Umfeld sieht nur die Kilos und versucht mit zweifelhaften guten Tipps ihre Lage zu verbessern.

In ihren 20ern gerät ihr Leben völlig aus dem Ruder. Neben der unkontrollierten Nahrungsaufnahme behandelt sie ihren Köper wenig rücksichtsvoll, geradezu fahrlässig begibt sie sich in Gefahr und verliert jede Bindung zu ihm. Erst jenseits der 30 kann sie langsam in einem stabilen Leben beginnen, das aufzuarbeiten, was geschehen ist. Sie kann nicht ungeschehen machen, was man ihr angetan hat und ebenso kommt sie nicht aus diesem Körper heraus, der auf sie wie ein Käfig wirkt, in dem sie gefangen ist. Sie sieht, was möglich wäre, aber ihr Leben ist das, was sie erlebt hat und was es aus ihr gemacht hat.

Erst fast 30 Jahre nach den Ereignissen kann sie dieses Buch schreiben. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, man merkt, dass der Schreibprozess Teil der Verarbeitung ist. Doch die dadurch lebendige Erzählung lässt den Bericht authentisch wirken, ihre Wut und Verzweiflung wirken so eindrücklicher als bei einem glatt gebügelten Text. „Hunger“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit ihr, sondern auch mit der Gesellschaft und deren Reaktion auf Dicke. Sie schreibt von sensationslüsternen Sendungen wie „The Biggest Loser“ und absurden Diätprogrammen über alltägliche Probleme in Restaurants oder beim Kleidung kaufen; von dem Versuch Körperkontakt um jeden Preis zu vermeiden und dafür gesundheitliche Schäden in Kauf zu nehmen, nur um den Arztbesuch zu vermeiden; von Vorurteilen und dem schwierigen Umgang mit dem Selbsthass, den sie empfindet.

Roxane Gay konfrontiert den Leser mit allerhand, das macht das Buch nicht immer einfach, aber sie bricht eine Lanze für all diejenigen, denen nicht die Chance gegeben wird, das zu sagen, was sie zu sagen hätten, wenn man hinter die Fassade blicken würde.

Marina Keegan – Das Gegenteil von Einsamkeit

Marina-Keegan-Das-Gegeneil-von-Einsamkeit
Marina Keegan – Das Gegenteil von Einsamkeit

Wenn ein junger Mensch bei einem Autounfall stirbt, ist das immer tragisch. Wenn es sich dabei um ein Ausnahmetalent handelt, das eine große Zukunft vor sich hatte, ist dies umso bedauerlicher. Nur wenige Tage nach ihrem Abschluss in Yale starb Marina Keegan, eine junge Frau, die bereits in vielen Bereichen Aufmerksamkeit erregt hatte und sicher eine global bedeutsame Stimme geworden wäre. Egal ob Schreiben, Schauspielern oder auch als politische Aktivistin in der Occupy Yale Bewegung und im Wahlkampfteam von Obama – Marina hat Spuren hinterlassen. „Das Gegenteil von Einsamkeit“ ist eine posthum erschienene Sammlung von Essays und Kurzgeschichten, die ihre Eltern und Professoren als ihr Erbe veröffentlichten.

„Marina war geistreich, freundlich und idealistisch; ich hoffe, ich vergesse nie, dass sie auch wütend, gereizt und provokant war. Ein bisschen wild. Mehr als ein bisschen nonkonformistisch. Wenn man es geruhsam haben wollte, war Marina nicht die Richtige.“

Das schreibt ihre Anne Fadiman, eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin, bei der Marina Keegan in Yale einen Kurs im Schreiben besuchte und die das Vorwort der Sammlung verfasste. So gegensätzlich wie die Beschreibung der jungen Autorin sind auch die Texte. Es beginnt mit „Das Gegenteil von Einsamkeit“, ihrer Abschlussrede für den Jahrgang 2012 in Yale, in der sie sowohl die Zeit an der Elite-Universität Revue passieren lässt wie auch über die ungewisse aber vielversprechende Zukunft sinniert. Ganz verschiedene Themen reißt sie an, von Soldaten im Einsatz, über Adoption und erste Liebe, von der Kunst und der Karriereplanung spricht sie, fiktive Geschichten und reale Begebenheiten teilt sie mit dem Leser.

Es ist die Stimme einer Studentin, die klingt wie eine Studentin. Lebensdurst und Unsicherheit sprechen gleichermaßen aus ihr, große Träume und reflektierte Introspektion – Marina Keegan wollte schreiben und obwohl sie wusste, oder vielleicht gerade weil sie wusste, dass dies ein harter Weg werden würde, hat sie es getan und immer an sich gearbeitet und doch gezweifelt, ob ihr Talent reichen würde. Wissend um ihren Unfall, erscheint folgende Passage in einem anderen Licht als dies vielleicht gewesen wäre, würde sie noch leben:

„Ich bin so neidisch. Lachhaft neidisch. Neidisch auf jeden, der vielleicht die Gelegenheit hat, aus dem Grab zu sprechen. Ich habe meine Chronik bis über die Apokalypse hinaus verlängert, und ungläubig, wie ich bin, schätze ich die Möglichkeit, dass etwas Handfestes von mir bleibt. Wie vermessen! Überhaupt davon auszugehen, jemand könnte besonders sein.“

Es ist etwas von ihr geblieben und man kann nur bedauern, dass wir nicht mehr von ihr haben, denn man liest die Studentin aus ihren Zeilen, aber die Stimme der erwachsenen Marina haben wir nie zu hören bekommen, dabei hätte auch die uns sicher sehr viel sagen und erzählen können.

Philippe Lançon – Der Fetzen

philippe-lancon-der-fetzen
Philippe Lançon – Der Fetzen

„Vier in dem einen, eins im anderen Krankenhaus: Das sind die Zimmer, in denen ich vom 8. Januar 2015 bis zum 17. Oktober 2015 rund um die Uhr geblieben bin, was insgesamt, wenn ich richtig rechne, 282 Tage ergibt. Gefangene zählen und oft auch Kranke, weil sie am liebsten fliehen und verschwinden würden. Ich war weder gefangen noch krank: Ich war ein Opfer, ein Verletzter (…)“

Philippe Lançon, Reporter und Kritiker, der am Morgen des 7. Januar 2015 an der Redaktionssitzung von Charlie Hebdo teilnahm, der Wochenzeitung, die in den letzten Zügen lag und deren unabwendbarer Tod nur noch eine Frage von wenigen Ausgaben war. Der Tod sollte kommen, aber nicht für die satirische Wochenzeitung, sondern für ihre Macher, in Form der Brüder Kouachi, die bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und um sich schossen. Elf Tote und zahlreiche Verletze ist die Bilanz, die global Schlagzeilen machte. Eines der Opfer war Philippe Lançon, der erst begreifen musste, das er Teil eines großen Ereignisses wurde und sein Leben von nun an in eine Zeit vor dem 7. Januar und eine Zeit nach dem 7. Januar 2015 getrennt werden würde.

„Der Fetzen“, in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Spezialpreis des renommierten Prix Renaudot, der eigentlich Belletristik ehrt, ist eine Biographie der besonderen Art. Sie beschränkt sich auf wenige Monate, die Zeit von dem Anschlag auf Charlie Hebdo und sie endet auch mit einem Anschlag, dem auf das Bataclan am 13. November desselben Jahres. Es ist die Zeit für Philippe Lançon zwischen Tod und Rückkehr ins Leben, die Zeit von 17 Operationen und einem alles andere als optimal verlaufenden Heilungsprozess, den er minutiös mit dem Leser teilt. Letztlich ist es der Versuch etwas zu verstehen und zu verarbeiten, was weder verstehbar noch vergessbar ist. Es ist die persönliche Seite eines globalen medialen Großereignisses, das die Aspekte darstellt, die dem fernen Beobachter üblicherweise vorenthalten bleiben.

Mich hat Philippe Lançons Bericht schwer beeindruckt. Zum einen die Offenheit, mit der er die wiederholten Niederschläge im Heilungsprozess schildert, die Widrigkeiten während des Krankenhausaufenthaltes – es sind die Dinge, über die wir eigentlich nicht sprechen, die in unserer von ansprechender Optik dominierten Welt keinen Platz haben. Es sind aber vor allem auch seine persönlichen Beziehungen, die nach dem Attentat nicht mehr dieselben sind. Nicht nur ihn hat das Ereignis verändert, es wirkt auch sekundär auf sein Umfeld und er muss erkennen, dass nicht jeder mit der neuen Situation umgehen kann.

Der Autor ist ein außerordentlich reflektierter Mensch, was man dem Buch auf jeder Seite anmerkt. Er versucht nicht, einen tieferen, gar religiösen Sinn darin zu erkennen, dass gerade er Opfer wurde. Ebenso spielen seine Emotionen in Bezug auf die Attentäter keinerlei Rolle. Er lebt im Hier und Jetzt, aber er kann nicht mehr einfach irgendetwas lesen, es sind Proust und Kafka, die ihn ansprechen. Wie Prousts Protagonist wird auch er von Erinnerungsfetzen aus seiner Vergangenheit geplagt und kann bisweilen nur mit einer distanzierenden Ironie die kafkaesken Gegebenheiten ertragen. Es ist eine subjektive Verarbeitung, die keinen größeren Zusammenhang schafft, die Banalitäten – steht sein Fahrrad immer noch vor der Redaktion? Wo ist sein Stoffbeutel? – in den Fokus rückt und einem den Autor dadurch nah bringt.

Philippe Lançon ist Charlie Hebdo – mehr als alle, die sich den Slogan zu eigen gemacht haben. Aber er will nicht die Stimme oder das Gesicht sein, dafür ist er zu bescheiden. Er ist ein Überlebender, der das Überleben erst wieder zu schätzen lernen musste und dem, auch wenn man ihm über lange Zeit die Stimme raubte, doch nie die Worte ausgingen, was ein Glücksfall ist.

Aloïs Guinut – Dress like a Parisian. Der Style-Guide für perfekten französischen Chic

alois-guinet-dress-like-a-parisian
Aloïs Guinut – Dress like a Parisian

Wer hat sie nicht schon einmal bewundert, die aparten Französinnen, die so lässig unglaublich chic daherkommen und den Eindruck erwecken, als wenn sie gar nichts für ihr Aussehen und Styling tun müssten. Nicht umsonst gelten sie weltweit als Modeinstanz, die neidisch von den Geschlechtsgenossinnen beäugt und von den Männern begehrt wird. „How to be Parisian wherever you are“ von Anne Berest, Caroline De Maigret, Audrey Diwan und Sophie Mas schlug 2015 bereits große Wellen, nun also Aloïs Guinuts Anleitung, die zunächst stark in Aufmachung und Titel an den Bestseller erinnert, aber inhaltlich doch ganz andere Wege geht.

Die Autorin ist nicht nur Pariserin – was sie natürlich vorm Zug für diese Aufgabe qualifiziert – sondern hat auch am Institut Français de la Mode studiert und ist seit Jahren in der Modebranche unterwegs. Als Stylecoach begleitet sie ihre Kunden bei der Zusammenstellung der perfekten Garderobe und dem jeweils passenden Outfit.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einführung darüber, was eigentlich die typischen Kennzeichen der französischen Mode sind: von lässigem Chic über Eleganz und Individualität bis hin zum Bruch mit verfestigten Regeln. Danach folgen sehr praktisch orientierte Kapitel zu Farben, Mustern, Stoffen und Schnitt bevor sie sich den erforderlichen Basics und Accessoires zuwendet. Jede Entscheidung für oder gegen ein Kleidungsstück fällt zwingend mit der Figur der Trägerin, weshalb auch dieser ein Kapitel gewidmet wurde bevor das Buch mit den Geheimnissen der Pariserinnen endet.

Die Texte sind kurz und informativ gehalten und mit passenden Illustrationen oder Fotos bebildert. Mir gefällt die Aufmachung sehr gut, auch die Tatsache, dass immer wieder Interviews und Portraits von Frauen aus der Modebranche eingeschoben wurden. Es ist keine Anleitung, die man von vorne bis hinten durchliest, sondern die einlädt, immer mal wieder reinzulesen und Neues zu entdecken.

Pure Unterhaltung oder taugt das Buch tatsächlich was? Ganz klare Antwort: auf jeden Fall. In Ermangelung von natürlichem Talent und tiefgehendem Interesse an Mode bevorzuge ich beruflich wie privat den konservativen Büro-Look aus Rock plus Bluse und Pumps in den bekannten Farbkombinationen schwarz-weiß-grau-dunkelblau. Erfordert morgens nicht viel Nachdenken und passt immer. Ist aber auch etwas langweilig. Ich habe tatsächlich einige Anregungen gefunden, wie ich meine Outfits etwas aufpeppen kann und sie trotzdem arbeits- und alltagstauglich bleiben. Bekanntermaßen sind es ja die kleinen Dinge, die den Unterschied machen, die muss man aber erst einmal erkennen. Damit hält das Buch genau das, was es auch verspricht.

Das perfekte Geschenk für Frauen, die nicht jedem Modetrend hinterherrennen, sondern sich zeitlos-chic und dennoch modisch kleiden und ein gewisses Faible für Styling haben.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und den Prestel Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Sarah Baxter – Literary Places

sarah-baxter-literary-places
Sarah Baxter – Literary Places

Why do you read book? To enjoy yourself, be entertained by a good story and – at least for me – to travel via the novel to another place and learn something about culture, habits and life in general there. Due to lack of time and money, I cannot visit all the places I would like to see with my own eyes, thus, the fictional world set in real places is often the only alternative available. Especially when it comes to time travel which, of course, will just remain a dream.

Sarah Baxter’s traveller’s guide leads you to 25 famous places of novels, among them Paris, London, St Petersburg, New York and Berlin. She briefly describes the setting of the novel and then compares the presentation as we get it in the book with what to find there today. Some places are almost identical and what you see through the eyes of the protagonist is what you can see yourself when travelling there. Others have changed a lot and the place now only exists between the covers of the book.

The text is accompanied by illustrations by Amy Grimes and even though they are mostly abstract, they wonderfully transport the atmosphere evoked in the novels. When reading make sure you either got a hard copy of the book or an electronic version in colour. I’d be a pity to have them just in black and white.

A beautiful collection which reminded me of novels I read a long time ago and which I definitely want to look at again now.

Reni Eddo-Lodge – Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

reni-eddo-lodge-warum
Reni Eddo-Lodge – Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

Europa zu Jahresbeginn 2019: die Briten versuchen krampfhaft am Brexit festzuhalten und sich gegenüber dem Rest der Welt abzuschotten. In Frankreich toben Gelbwesten gegen die herrschende Elite. In weiten Teilen des Rests des Kontinents erfreuen sich Parteien mit rechten, ausländerfeindlichen und rückwärtsgewandten Parolen großer Zustimmung. Liberale, multikulturelle Ideen der 1990er und des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends haben ausgedient. Die fragile weltpolitische und prekäre ökonomische Lage vieler befördern scheinbar alte Ressentiments und Rassismus. Aber war der Rassismus jemals wirklich überwunden?

Die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge bezieht eine deutliche Position in ihrer Streitschrift. Nicht nur war der Rassismus nie überwunden, im Gegenteil, das sogenannte White Priviledge ist immanenter, struktureller Bestanteil der britischen Gesellschaft. Nach einem historischen Abriss und der Definition dessen, was sie unter White Priviledge versteht, widmet sie sich auch der Feminismusfrage und der sozialen Klasse unter diesem Gesichtspunkt. Ihr Fazit ist ernüchternd. Und bisweilen schwierig auszuhalten.

Differenziert legt sie ihre These dar, nachvollziehbar erläutert sie, wie sie und andere persons of colour im Alltag Rassismus und Benachteiligung erleben, auf welchen Grundlagen diese basieren und wieso manchmal gut gemeinte Absichten doch unterschwellig rassistisch sind. Es ist für beide Seiten ein schmaler Grat, weder will sie allen Weißen Rassismus unterstellen, noch negiert sie die Nachteile, die auch Weiße Frauen oder Arbeiter erleben. Aber sie unterstreicht doch, wie leicht Menschen mit weißer Hautfarbe über ihr Privileg hinwegsehen, es als gegeben hinnehmen, dass die Helden in Film und Literatur selbstverständlich weiß sind, dass ihnen die Vorstellungskraft fehlt, um das nachzuvollziehen, was BME (black and minority ethnic) erleben und dass die Rassenfrage oft auf die USA begrenzt ist und die europäische Dimension ausgeblendet wird.

Es ist nicht leicht, sich beim Lesen des Buchs nicht angegriffen und ungerecht behandelt zu fühlen. Man möchte der Autorin an vielen Stellen laut widersprechen, Einhalt gebieten und ihre Thesen verwerfen. Viele der Beispiele sind jedoch auch wiederum so eindeutig, dass man reflexartig zu Scham neigt und sich fragt, wie es so weit kommen konnte. Aber letztlich ist das Paradoxon des Titels und des Inhalts ein ganz wesentlicher Punkt: wir müssen darüber reden.

Veikko Bartel – Mörderinnen

veikko-bartel-mörderinnen
Veikko Bartel – Mörderinnen

Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder und schuldig. So einfach. Und manchmal genauso falsch. Veikko Bartel ist Strafverteidiger und schildert vier Fälle von Frauen, die ohne Frage einem Menschen das Leben genommen haben, aber die Frage nach ihrer Schuld ist keineswegs so einfach zu beantworten. Elvira P. tötet ihr Kind, ein grausames und verabscheuungswürdiges Verbrechen, doch was vor Gericht geschieht, lässt ihr Leben und die Tat in einem anderen Licht erscheinen. Hertha F. ist schon jenseits der 70, als sie den Mord an ihrem Mann begeht – doch wirklich daran erinnern kann sich die einstige Karrierefrau nicht mehr. Gina S. hingegen weiß sehr genau, was sie getan hat, aber die Sichtweise des Opfers ihres Mordversuchs verblüfft die Ermittler. Und Natascha G. scheint ebenfalls zwei Gesichter zu haben: das, das die Polizei sieht und das, das die Männer in ihrem Leben sehen wollen. Vier eindeutige Fälle, bei denen am Ende gar nichts mehr eindeutig ist.

„So unterschiedlich die Fälle, so verschieden meine Mandanten in Alter, Motiven, Lebensläufen waren, auf welchem Wege sie wem das Leben nahmen – eine Erkenntnis ist allumfassend: Jeder Mensch kann töten. Und er wird es tun, kommt er nur an eine ganz bestimmte Grenze.”

Das Zitat stammt aus der Einleitung des Buchs und zu diesem Zeitpunkt mag man es dem Autor noch nicht ganz glauben. Die Fälle jedoch, die er beschreibt, sind eindeutige Belege hierfür. Keine der Frauen war durch und durch böse, keine hatte Tötungsabsichten aus reiner Mordlust. Sie alle vier sind das Ergebnis der Umstände, in denen sie aufgewachsen sind bzw. leben. Sie begehen Taten, die sie sich selbst vermutlich nie hätten träumen lassen und die kaum zu dem Bild passen, das man sonst von ihnen hat. Der erste Eindruck, nachdem man von der Tat hört, muss revidiert werden und am Ende des Prozesses fragt man sich tatsächlich, ob nicht die Täterinnen die eigentlichen Opfer sind.

„Fast 20 Jahre Strafverteidigung haben mir zwei fundamentale Erkenntnisse beschert. Zum einen (das ist mein vollster Ernst): Das Gute wird siegen. Immer.
Zum anderen: Es gibt Paralleluniversen. Wenn ich am Tag nach einem Prozess, in dem ich verteidigt hatte, die Zeitungsberichte über genau dieses Verfahren las, wusste ich oft: In diesem Verfahren habe ich definitiv nicht verteidigt.”

Dies ist die andere Erkenntnis, zu der Bartel kommt und die man leicht nachvollziehen kann. Der voyeuristische Boulevard benötigt Meldungen, die in ein bestimmtes Schema passen und die sensationelle Schlagzeilen produzieren. Die Fälle der Frauen passen nicht dazu, weshalb die Darstellung in der Presse entweder verkürzt und zugespitzt wird, so dass man die Menschen dahinter gar nicht mehr erkennen kann, oder die Fälle verschwinden genauso schnell wieder in der Schublade wie sie aufgepoppt waren.

Ein lesenswertes Buch, das zwar viele intime Details offenlegt, aber den Schmalen Grat zwischen Voyeurismus und erläuternder Darstellung locker meistert. Für mich nicht nur informativ und interessant, sondern vor allem bereichernd und zum Nachdenken anregend.

Jan Stocklassa – Stieg Larssons Erbe

jan-stocklassa-stieg-larssons-erbe
Jan Stocklassa – Stieg Larssons Erbe

Der 28. Februar 1986 ändert vieles im schwedischen Bewusstsein: auf offener Straße wird Premierminister Olof Palme erschossen und er erliegt am Tatort den Verletzungen. Auch dreißig Jahre nach der Tat sind weder der Täter dingfest gemacht noch die genauen Geschehnisse des Tatabends geklärt. Der Journalist Jan Stocklassa stößt bei seinen Nachforschungen für ein Buch über Tatorte auf die Aufzeichnungen von Stieg Larsson, heute aufgrund der Millennium-Trilogie als Thriller-Autor weltweit bekannt, in den 80er Jahren jedoch in Schweden geschätzter Journalist und Illustrator, der sein Leben lang gegen den Rechtsextremismus anschrieb. Auch Larsson hat bis zu seinem Tod 2004 akribisch geforscht, um den Mordfall Olof Palme aufzuklären. Stocklassa nimmt die Spurensuche wieder auf und vervollständigt Larssons Vorarbeit. Am Ende bleibt die Frage offen, was die schwedische Polizei aus dem Material machen wird.

„Stieg Larssons Erbe“ ist eine detailreiche Dokumentation nicht nur der unmittelbaren Ereignisse vom 28.2.1986, sondern es beschreibt auch wichtige politische Zusammenhänge und Ereignisse, die wesentlich für die Tat sein könnten, und ebenso die geradezu erschrecken komplizierte und von Streitigkeiten geprägte Struktur des Polizei- und Juristereiapparats. Obwohl das Buch einen weitgehend dokumentarischen und beschreibenden Charakter hat, Stocklassa legt auch seine und Larssons Arbeitsweise ausführlich dar, um ihre Gedankengänge und Vorgehen nachvollziehbar zu machen, liest sich das Buch dennoch unheimlich gut und wirkt an keiner Stelle ermüdend oder gar dröge.

Sicherlich hat es einen guten, von Marketing-Gesichtspunkten geprägten Sinn, dass der Name Stieg Larssons im Titel erscheint. Für mein Empfinden verschiebt das leider etwas den Fokus und lenkt potenzielle Leser in eine falsche Richtung. Dies ist besonders schade, da es einen ausgesprochen hohen informativen Wert hat, unterhaltsam zu lesen ist und auch ohne den bekannten Namen wirken kann. „True Crime“ – ja, natürlich, aber faktisch ist es eine Aufarbeitung des Falls Olof Palme, der unheimlich komplex und dadurch enorm interessant ist. Für mich eine sehr lohnende Lektüre, da mir der Fall nur rudimentär bekannt war und ich die Hintergründe und Zusammenhänge nicht wirklich kannte. Sowohl das Vorgehen des Autors bei der Recherche war dabei für mich aufschlussreich zu lesen, aber auch die Situation des Extremismus und Terrorismus in Schweden, was mir bis dato gänzlich unbekannt war.

Fazit: ein Buch, das vor allem durch den Einblick in qualitativ hochwertige journalistische Arbeit überzeugt und für ein Sachbuch in einem hohen Maße ansprechend verfasst wurde.