Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

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Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

Ottila McGregor hat sich viel vorgenommen für 2014, sie will nicht nur vom Alkohol loskommen, sondern glücklich werden, verdammt glücklich. Doch das Leben macht es ihr nicht einfach, zum einen wird ihre Schwester in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie hochgradig selbstmordgefährdet ist und Ottila sich fragt, inwieweit ihr Verhalten dazu geführt hat, dass Mina nicht mehr leben möchte. Zum anderen muss sie feststellen, dass sie eine Affäre mit der Schwester von Thales, ihrer aktuellen Flamme, hatte. Mit Hilfe ihres „Kleinen Buchs vom Glück“, in dem sie ihren Alkoholkonsum und ihre Gedanken notiert, und ihrer Therapeutin will sie alles auf die Reihe bekommen, aber so einfach wie gedacht ist das nicht.

Ottila McGregor erinnert zunächst stark an Bidget Jones, die ihre kleinen Sorgen und Nöte mit ihrem Tagebuch teilt und ebenfalls in einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef feststeckt und viel zu gerne viel zu viel Alkohol konsumiert. Noch stärker jedoch als bei Helen Fieldings Heldin gestaltet Anneliese Mackintosh ihren Debütroman jedoch als Kaleidoskop verschiedenster Textsorten – Tagebucheinträge, E-Mails zwischen Mutter und Tochter, Textnachrichten, Transkripte der Therapiesitzung etc. – aus denen sich erst die Handlung konstruiert. Und auch wenn humorvolle Passagen und urkomische Dialoge vorkommen, dominieren für mich in „Verdammt perfekt und furchtbar glücklich“ doch die ernsthaften Aspekte.

In erster Linie sind es Ottilas schwierige Beziehungen, zum einen mit ihrem Vater bzw. dem nicht verarbeiteten Tod des Vaters. Aber auch zu ihrer psychisch kranken Schwester und der Frage, ob sie etwas für sie hätte tun können oder gar die Situation durch ihr Verhalten verschlimmert hat. Vorwürfe, die sie sich selbst macht und die nur bedingt entkräftet werden können. Auch die Therapieformen, die Mina ausgesetzt wird, werden durchaus kritisch angesprochen, vor allem der Aspekt, dass die Angehörigen zwar informiert werden, aber letztlich doch passiv zuschauen müssen, hat einen etwas faden Beigeschmack. Wie viele Frauen Anfang 30 will Ottila eigentlich nur eine funktionierende Beziehung, die ihr Stabilität und Sicherheit gibt, doch den passenden Partner zu finden scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Art, wie Mackintosh den Leser in Ottilas Leben blicken lässt, gestaltet Roman authentisch und lebendig. Die Protagonistin ist sympathisch, gerade weil sie weit davon entfernt ist, perfekt zu sein und dies eigentlich auch gar nicht anstrebt. Sie hätte nur gerne ein kleines Stück vom Glück – wer würde ihr das übelnehmen wollen?

Anita Brookner – Ein Start ins Leben

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Anita Brookner – Ein Start ins Leben

Wenn doch das Leben nur so einfach wäre wie die Literatur – aber so sind die Dinge nun einmal nicht für Ruth Weiss. Ihre Mutter trauert immer noch der Schauspielkarriere nach, die sie aus Altergründen unfreiwillig aufgeben musste, der Vater war Buchhändler, hat sich aber auch zurückgezogen und Ruths ehemaliges Kindermädchen lässt sich auch eher durchfüttern als im Haushalt etwas zu erledigen. Doch trotz dieser aberwitzigen Familienverhältnisse gelingt es Ruth nicht, sich freizuschwimmen, ihre Männerbekanntschaften sind alle zum Scheitern verurteilt und auch ein halbherzig versuchter Umzug in eine eigene Wohnung gibt sie bald wieder auf. Nur der bereits lange gehegte Traum sich in Paris niederzulassen und die Lebensorte ihrer literarischen Heldinnen selbst zu erleben, erscheint ihr die Möglichkeit, endlich ihr eigenes Leben in Angriff zu nehmen.

Anita Brookners Roman ist bereits 1981 erschienen und gilt als eines der Hauptwerke der 2016 verstorbenen Autorin. Sie war die erste Frau, die die Position des Slade Professor of Fine Art an der Universität von Cambridge innehatte. Schon ihr Debut behandelt die zentralen Themen der Autorin: die emotionalen Schwierigkeiten von intellektuellen Frauen den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und mit den Enttäuschungen im Liebesleben zurechtzukommen.

Genau hierunter leidet auch die Protagonistin Ruth. Letztlich akademisch erfolgreich bleibt ihr Privatleben doch eine Art offene Wunde, die völlige Zufriedenheit verhindert und sie immer wieder schmerzlich an ihr Versagen erinnert. Sie denkt zurück an ihre Kindheit und Jugend, das prägende Elternhaus und die ersten Liebesbeziehungen, die allesamt im Desaster endeten.

Ruth wird dabei immer wieder an ihrer literarischen Lieblingsfigur Eugénie Grandet gespiegelt, die ebenfalls in einem lieblosen Elternhaus aufwächst und die Erfahrung macht als Tochter nur Mittel zum Zweck zu sein und die Erwartungen der Eltern erfüllen zu müssen. Zwar erkennt Ruth irgendwann, dass die Tugendhaftigkeit der Balzac’chen Frauen sie im Leben auch nicht weiterbringt und dennoch endet sie sehr vergleichbar mit Eugénie in einer lieblosen Ehe, die noch dazu von kurzer Dauer ist.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Autorin einerseits eine klassische Geschichte einer jungen Frau erzählt, die in ähnlicher Weise auch im 18. oder 19. Jahrhundert hätte stattfinden können, und zugleich eine Frau mit modernen Ansprüchen zeigt, die 1981 ihrer Zeit schon voraus war. Dabei verleiht die ausdrucksstarke Sprache der Geschichte ein besonderes Gewicht; der bisweilen lakonische Stil, der wiederum auf den Punkt sitzt und Mitten ins Schwarze trifft, zeigt sich schon im ersten Satz, dem literarisch bekanntermaßen eine Schlüsselrolle zukommt und der bei großen Werken schon die ganze Dramatik des im folgenden dargebotenen Dramas in sich konzentriert:

„Im Alter von vierzig Jahren wurde Dr. Weiss klar, dass die Literatur ihr Leben ruiniert hatte.“

Dass dieser Roman erst jetzt in deutscher Übersetzung erscheint, ist eigentlich nicht zu glauben, ebenso, dass diese wunderbare Autorin fast in Vergessenheit geraten ist, der mit unglaublicher Leichtigkeit eine tragische und zugleich komische Geschichte gelungen ist.

Graham Swift – Ein Festtag

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Graham Swift – Ein Festtag

Wie alle Hausmädchen hat auch Jane Fairchild am Muttertag des Jahres 1924 frei. Nur hat sie keine Mutter, zu der sie fahren könnte; als Kind ausgesetzt, wuchs sie in einem Heim auf, bevor sie ihre erste Anstellung aus Hausmädchen annahm. Doch an diesem Tag hat sie etwas vor, sie wird sich mit Paul Sheringham treffen, dem Sohn eines befreundeten Ehepaares ihrer Arbeitsgeber, den Nivens. Es wird vermutlich eines der letzten Treffen mit Paul sein, denn in zwei Wochen wird er Emma Hobday heiraten, ein Mädchen, das aus denselben Kreisen stammt und eine angemessene Gattin sein wird. Paul hat sie gebeten zu ihm zu kommen, ganz offiziell auch den Vordereingang zu benutzen. Ihr Treffen wird etwas Besonderes werden, das spürt Jane und ahnt noch nicht, dass sie diesen Tag in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen wird.

Graham Swift zählt zu den bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, seine Romane erhielten zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Booker Prize, den James Tait Black Memorial Prize und „Ein Festtag“ (Im Original „Mothering Sunday“) wurde mit dem Hawthornden Prize, einem der ältesten britischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Bemerkenswert an der Erzählung fand ich vor allem den Stil, den Swift findet. Der ganze Text erscheint sprachlich geradezu aus der Zeit gefallen und passt ganz hervorragend in das Jahr 1924, in dem die Handlung angesiedelt ist. Dabei gelingt ihm eine stilistisch bemerkenswerte Vermischung zwischen Introspektion der Protagonistin und zeitlichen Brüchen, die immer wieder in eine ferne Zukunft springen und ein Licht auf das werfen, was Jane erwarten wird, wenn dieser Tag vorbei und diese Episode ihres Lebens abgeschlossen ist.

Trotz zahlreicher Wiederholungen und Schleifen, minutiösen Detailbeschreibungen und bei realistischer Betrachtung sehr wenig Handlung bleibt der Roman immer lebendig und wird nie langatmig. Es ist dieser eine entscheidende Moment im Leben von Jane, der sich einbrennt und eine Wendung herbeiführt. Noch ist für sie alles wie gehabt, die Welt draußen ist jedoch schon einen Schritt weitergegangen, was sie noch nicht weiß. Der Leser ahnt schon, was sich zugetragen haben muss, gönnt Jane aber diese kurze Pause, die die Standesunterschiede aufhebt und ihr einen Vorgeschmack auf ihr späteres Leben gibt. Ein Leben, in dem sie viel von sich offenbaren wird, aber nicht diesen Tag im März 1924.

Graham Swift konnte mich mit diesem Roman, eher eine Novelle, vollends überzeugen. Sein Schreibstil erinnert an Ian McEwan, ebenso unaufgeregt kann er intensiv beschreiben, was seine Figur bewegt. Das Hörbuch wird von Iris Berben gelesen, was sehr gut zur reifen rückblickenden Jane passt, die die notwendige Lebenserfahrung und Weitsicht hat zu wissen, was man offenbart und was man besser als Gemeinsinns für sich bewahrt.

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

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Sarah Perry – Die Schlange von Essex

Man erinnert sich 1893 im kleinen Dorf Aldwinter in Essex, dass dieses schon einmal von einem unheimlichen Seemonster heimgesucht wurde und nun scheint dieses zurückgekehrt und versetzt die Bewohner in Angst und Schrecken. Weit über die Dorfgrenzen hinaus verbreitet sich die Geschichte und lockt auch Cora Seaborne an. Die Witwe, die sich für Naturwissenschaften und die Erkenntnisse von Darwin begeistert, will die Fossilien erforschen und einen Blick auf das Seemonster werfen. Gemeinsame Freunde machen sie mit dem örtlichen Pfarrer William Ransome und dessen Familie bekannt. Dieser ist besorgt über den Aberglauben seiner Gemeinde, die mehr und mehr vom guten Glauben abzufallen scheint. Die Suche nach der Lösung des Mysteriums bringen William und Cora näher, eine Liebe, die nicht sein kann, weil sie nicht sein darf.

Sarah Perrys Roman war einer der großen britischen Erfolge 2016 und nominiert für zahlreiche namhafte Literaturpreise. Der Grund mag darin liegen, dass es der Autorin gelingt, eine längst vergangene Zeit zu Ende des 19. Jahrhundert einzufangen und einen Schreibstil zu finden, der an die bekannten Autoren der damaligen Zeit erinnert.

Um die Geschichte der ominösen Schlange herum reißt sie eine Vielzahl an Themen an: von der Rolle der Frau, über Gesellschaft- und sozialkritische Themen wie die Wohnsituation der Arbeiter in London bis hin zum Streit zwischen Naturwissenschaften und Religion um die Vorherrschaft. Das ganze vor dem Hintergrund einer recht modernen und resoluten Protagonistin, die ihren Weg geht und dafür auch Rückschläge und Niederlagen in Kauf nimmt.

Trotz der gewaltigen Bilder, die Sarah Perry mit ihrer poetischen Sprache erweckt, konnte mich der Roman nur zum Teil überzeugen. Die Liebesgeschichte zwischen Cora und William nahm mir zu viel Raum ein, der für die wirklich relevanten Themen hätte verwendet werden könne. Das Mysterium um die Schlange wird zwar glaubwürdig und überzeugend gelöst, hätte aber gerade wegen der düsteren Nebelumgebung, die Perry immer wieder schafft und die ihre Kunst, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen, deutlich belegt, spannender werden können. So bleibt eine nette Geschichte, die leider ihr inhaltliches Potenzial nicht ausschöpft.