Alexa Hennig von Lange – Die Weihnachstgeschwister

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Alexa Hennig von Lange – Die Weihnachstgeschwister

Wie jedes Jahr zieht es die drei Schwedthelm-Geschwister zu Weihnachten zu den Eltern nach Hause. Tamara, Elisabeth und Ingmar sind inzwischen erwachsen und haben eigene Familien, die sie mitbringen, um die Feiertage gemeinsam zu verbringen. In den letzten Jahren war jedoch nicht viel mit Besinnlichkeit, zu sehr haben sie sich zerstritten und aneinander herumkritisiert. Auch dieses Jahr steht unter keinem guten Stern und schon beim gemeinsamen Mittagessen am Vortag des Heiligabends sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt. Doch dieses Jahr werden sich nicht alle der Feindseligkeiten der Geschwister ergeben.

Alexa Hennig von Lange fängt den für viele Familien kritischen Moment des Jahres auf den Punkt genau ein: die großen Erwartungen, die mit dem Fest verbunden sind, alles soll perfekt sein, endlich mal raus aus dem Alltagshamsterrad und dann passiert genau das, was niemand möchte: es bricht aus allen heraus und die Fassaden bröckeln und hemmungslos stürzen sich alle in den offenen Krieg.

Trotz der Kürze des Romans werden die verschiedenen Charaktere der drei erwachsenen Kinder und ihrer Partner deutlich, vor allem jedoch immer noch die Beziehungsstrukturen, Rivalitäten, die sie auch mit rund 40 Jahren immer noch mit sich herumtragen und von denen sie sich nicht lösen können. Die Konfrontation mit der Familie ist auch eine Konfrontation mit dem eigenen Ich: was hätte werden können, wie das eigene Leben hätte anders, besser verlaufen können, die schonungslose Frage nach dem „was hast du aus dir gemacht?“ im Vergleich zu den anderen. Es braucht nicht viel, um wieder in kindliche Muster zu verfallen und sich zurück in die Kindheit zu katapultieren.

Einziger Abzug gibt es für das Ende, das mir doch etwas zu kitschig war, wenn auch durchaus passend für ein Weihnachtsbuch.

Jakuta Alikavazovic – Das Fortschreiten der Nacht

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Jakuta Alikavazovic – Das Fortschreiten der Nacht

Das Architekturstudium in Paris bringt ihn in eine ganz neue Welt. Paul ist fasziniert und genauso wie er an der Universität alles aufsaugt, verliert er sich auch in der mysteriösen Amélia. Gerüchte umgeben sie, sie würde in einem Hotel leben und genau dort sieht er sie auch bei seinem Job als Nachtportier, der ihm das Studieren erst ermöglicht. Eine blinde Amour fou beginnt, die beide aus der irdischen Welt entfernt und nur noch den Blick aufeinander richten lässt. Einzig ihre Professorin Albers hat Zugang zu beiden, die Stararchitektin war bereits mit Amélias Mutter befreundet, die das Mädchen und ihren Vater schon vor langer Zeit verlassen hat und eine Lücke riss. Genau diese ist es auch, die Amélia schließlich von Paul wegtreibt. Es fehlt ihr etwas Unbestimmtes, das sie suchen muss, es treibt sie auch wieder zurück, denn das Band, das sie beide verbindet, lässt sich nicht so einfach kappen.

„Sie, Amélia Dehr, war eine Romanfigur und offensichtlich auch entschlossen, es zu bleiben. Und ob sie diese Figur selbst erschaffen hatte oder ob sie das Werk von jemand Anderem war, war nicht ganz sicher, blieb noch herauszufinden.“

Amélia ist eine schwer zu greifende Figur, die mich stark an André Bretons Nadja erinnert, die ebenfalls eine undefinierte Faszination ausübt und immer wieder aus dem Nichts auftaucht, nur um dann doch wieder zu verschwinden. Genauso wie die surrealistische Liebe Bretons, der klassischen Amour fou, kann in „Das Fortschreiten der Nacht“ nur exzessiv und intensiv gelebt werden, eine Art, die nicht alltagstauglich ist und von einer Frau ausgeht, die Menschen bezaubert und in ihren Bann zieht, die selbst aber nur begrenzt liebensfähig ist.

„(…) was sie schließlich später, viel zu spät, verstehen würde: Paul hatte sie geliebt und er hatte nur sie geliebt, und selbst als er sagte, dass er sie nicht liebte, als er sie nicht lieben wollte, liebte er sie immer noch. Sie war das Herz, das in seiner Brust schlug, dieses kräftige Herz, scheinbar unermüdlich, während sie, Amélia, so erschöpft war.“

Beide sind Kinder ihrer Eltern und tragen das in sich, was ihnen wissentlich oder unwissend mitgegeben wurde. Pauls einfach Herkunft, die er in jungen Jahren verschämt verbirgt, wird er später als Geschenk erkennen und in seinem Vater einen Fixpunkt sehen, der ihm viele Jahre fehlte. Amélia ist durch die Abwesenheit der Mutter geprägt, so wie diese von der Grausamkeit des Krieges angezogen wurde, sucht auch die Tochter das Unheil und nimmt es in sich auf.

Die Missglückte Liebe zwischen Paul und Amélia steht im Zentrum der Handlung, dieses singuläre Beispiel ist aber letztlich nur der Spiegel einer Gesellschaft von zerrissenen Menschen, die Kriege und Flucht erleben und sich auch ihrer Vergangenheit und jener ihrer Eltern nicht entziehen können. Wie kann mit dem, was heutige Generationen in sich tragen, überhaupt noch eine Beziehung auf Augenhöhe und frei von all diesem Ballast gelingen? Ein intensiver Roman, der vor allem durch die überzeugende sprachliche Umsetzung der Emotionen und die zirkuläre Struktur überzeugt.

Marko Dinić – Die guten Tage

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Marko Dinić – Die guten Tage

Wien-Belgrad. Die Gastarbeiterstrecke, die täglich mehrfach von auseinanderfallenden Bussen bedient wird. Hier verkehrt auch der Erzähler, der nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in seine Heimatstadt muss, da seine Großmutter gestorben ist und mit ihr der Ehering begraben werden soll, den er vor vielen Jahren von ihr erhalten hatte. Die unwirkliche Szenerie im Bus, zwischen grölenden Arbeitern und Grenzkontrollen lenkt nur bedingt von dem ab, was plötzlich an Erinnerungen in ihm hochkommt. Die Schulzeit. Der Krieg. Aber auch die Verachtung der Eltern, ihr kleinbürgerliches Leben und die Verehrung der Verbrecher. Er will nicht zurück und wird doch angezogen von dieser Stadt, die der Legende nach 43 Mal niedergebrannt wurde. Was wird ihn dort erwarten? Und was wird die Stadt mit ihm machen?

Marko Dinić‘ Roman über die Zerrissenheit der traumatisierten jugoslawischen Kinder der 90er ist nominiert auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises. Thematisch streift er eine ähnliche Problematik wie Ivna Žic, die mit „Die Nachkommende“ auf der Longlist des Preises steht und ebenfalls über die schwierige Rückkehr in das Heimatland schreibt, das früher mal Jugoslawien hieß, oder auch Saša Stanišić, der in „Herkunft“ nach seinen Wurzeln sucht und dafür auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht. Eine Generation, die den Krieg erlebte, vor ihm flüchtete und jetzt in der Diaspora lebt – zwar in Sicherheit und Frieden, aber immer auch mit den Folgen der Erlebnisse und den Auswirkungen auf ihre Familien und vor allem die Elterngeneration.

Die zufällig zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft des Buses folgt ihren ganz eigenen Regeln, die man kennt und akzeptiert. Sie alle müssen sich der günstigsten Art zu reisen unterwerfen und die Mitfahrer hingeben, egal wie sehr sie grölen und nach Alkohol stinken. Das lebende Klischee, in denen man jedoch auch die Menschen seiner eigenen Familie wiedererkennt. So dauert es nicht lange, bis die Gedanken des Erzählers beginnen zu wandern, zu seiner Kindheit, zu seinen Eltern, zu seiner Heimatstadt und der Schulzeit. Der Krieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern Gräben geschaffen zwischen den Generationen und zwischen jenen, die geflüchtet sind und jenen, die dablieben. Die größte Angst ist jedoch, dass plötzlich Wehmut aufkommt und die so klare Entscheidung, das Land zu verlassen, von den Emotionen in Frage gestellt wird. Während der Flüchtlingsstrom über die Balkanroute gen Norden drängt, fährt der Erzähler die entgegengesetzte Richtung. Aber egal wie rum er fährt, er kommt nicht an, denn für ihn gibt es keinen Ort mehr, der Heimat sein kann.

Der Autor erschafft eine lebendige Szenerie, sowohl die Geschehnisse im Bus wie auch seine Wanderschaft durch Belgrad kann man förmlich riechen und fühlen. Ebenso eindrücklich werden die widersprüchlichen Gefühle deutlich, kritisch gegenüber Nationalismus und Kriegsverbrecherverehrung und zugleich beschämt ob der Flucht. Obwohl in der alten Heimat nie eine Zukunft lag und die Daheimgebliebenen dies – sofern sie überhaupt noch leben – eindrucksvoll unterstreichen, erscheint plötzlich doch ein großes Fragezeichen über dem eigenen Lebensweg. Eine persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Heimatlandes, die diejenige einer ganzen Generation ist, die jetzt die passenden Worte für das Erlebte findet.

Ivna Žic – Die Nachkommende

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Ivna Žic – Die Nachkommende

Auf dem Weg zurück nach Kroatien, das bei ihrer Geburt noch Jugoslawien war, davor hieß es auch schon einmal Kroatien. Das Land, aus dem der Großvater einst vor dem Krieg flüchten wollte, die Eltern vor einem anderen Krieg flohen und das sie nur noch in den Ferien bereist. Um die Großeltern zu sehen, die Verwandten, die Kindheitsfreundinnen, zu denen sie aber weitgehend den Kontakt verloren hat. Quer durch Europa, über mehrere Grenzen, mehrere Sprachen hinweg. Und doch finden sich in ihr die Geschichten der früheren Generationen, spürt sie das, das da ist, über das man nie gesprochen hat, über das man nicht mehr sprechen will. Doch es bleiben Bilder und Erinnerungen, die sie in sich trägt und die auch sie überdauern werden.

Ivna Žics Roman ist für den Österreichischen Buchpreis 2019 nominiert und bietet genau das, was man von einem Kandidaten für diese Auszeichnung erwarten würde: ein Text, den man sich erarbeiten muss, der nicht unmittelbar und leicht zugänglich ist, der aber, wenn man sich daran macht ihn zu entfalten, viele Schichten an Denkanstößen bietet und trotz der Kürze eine unheimliche Tiefe erreicht. Es ist die Geschichte einer Generation, in deren Leben nichts stabil zu sein scheint. Weder Beziehungen noch Orte bieten Halt, immer auf der Reise zu oder weg von etwas, ohne genau zu wissen, wo man herkommt und wohin man geht.

„Jede Ankunft und jede Abreise lassen diese alte Geschichte noch älter werden. Und zugleich von vorne beginnen.“

Der sommerliche Familienbesuch der Erzählerin bietet den Hintergrund der Erzählung. Abfahren, Ankommen, die Zeit dazwischen zusammengepfercht mit Fremden in Bus oder Zug aushalten. Immer wieder dasselbe Spiel im Sommer, zu Ostern, zu Weihnachten, zu Beerdigungen und Hochzeiten. Zurück zu einer Kindheit, die langsam verblasst, in eine inzwischen fremde Welt. Die Häuser haben die Geschichte konserviert, unter vielen Lagen Farbe findet sich die vielen Lagen der politischen Systeme, der rivalisierenden Gruppen, der immer wieder neu beginnenden Zeit. Nur die Menschen schweigen:

„Der Großvater und dieses Land schwiegen bis zum nächsten Krieg und der Großvater noch etwas länger. Die Eltern, die Verwandten, alle, die gefragt werden, hören weg, winken müde ab (…)“

Die spezifische Beziehung zwischen Mensch und Raum, die dem Begriff „Heimat“ ihren individuellen Sinn verleiht, ist für diese Generation im Schwebezustand. Früh entwurzelt, um dem Krieg zu entkommen, fehlt den älteren Generationen die Kraft, ihnen das mitzugeben, was sie verorten könnte. Ganz anders als Saša Stanišić, der in seinem Roman „Herkunft“ dieselbe Thematik aufgreift – und dafür auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht – beleuchtet Ivna Žic das Schicksal der Generation von Kindern aus allen Teilen des früheren Jugoslawien, die heute über die Welt verstreut sind. In das öffentliche Bewusstsein dringt dies nicht vor, zu sehr sind sie an die neuen Länder angepasst und inzwischen von anderen Kriegsgeflüchteten abgelöst worden. Aber in der Literatur scheint ihr Thema wenigstens einen Ort zu finden.

Eric Ambler – Epitaph for a Spy

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Eric Ambler – Epitaph for a Spy

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gönnt sich Josef Vadassy seinen ersten Urlaub seit vielen Jahren. Lange lebte der Sprachenlehrer in England, die zunehmend schwierige politische Lage brachte ihn schließlich nach Paris und nun an die Côte d‘Azur. Der gebürtige Jugoslawe mit ungarischem Pass will seine geliebte Kamera testen, auf die er lange gespart hat. Als er jedoch seine entwickelten Bilder abholen will, wird er verhaftet. Auf den Bildern waren nämlich nicht nur Eidechsen, wie er angab, sondern auch Aufnahmen von militärischen Einrichtungen, was den Mann mit der ungeklärten Nationalität sehr verdächtig macht. Offenkundig hat jemand die Kameras vertauscht und wenn er kein Spion ist, dann muss es einer der anderen Gäste sein. Der französische Geheimdienst zwingt ihn zur Zusammenarbeit und droht mit der Deportation, die unweigerlich im Tod enden wird. Josef Vadassys Ermittlertätigkeiten sind mehr als dilettantisch und statt dem wahren Täter auf die Spur zukommen, scheint er viel eher sein eigenes Grab zu schaufeln.

Eric Ambler gehört zu den Erfindern der Spionageromane, die sich insbesondere durch einen hohen Grad an Realismus auszeichnen. „Epitaph for a Spy“ (in der ersten Übersetzung „Die Stunde des Spions“, in der späteren „Nachruf auf einen Spion“) war sein dritter Roman, den er 1938 verfasste und der die angespannte Lage auf den europäischen Kontinent authentisch einfängt. Kein Urlaubsgast kann einfach mehr die französische Riviera genießen, alle beobachten argwöhnisch die Mitbewohner und stellen Vermutungen über deren Hintergründe und Motive an.

Der Roman folgt erwartungsgemäß einem sehr klassischen Setting und sowohl die Figuren wie auch das Setting sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Der über allem drohende Weltkrieg macht die Hotelgäste nervös. Die schweizer Besitzerin führt offenbar mit dem deutschen Schimler oder Heimberger – weshalb benutzt er zwei Namen? verdächtig! – etwas im Schilde, die Geschwister Skelton werden plötzlich küssend am Strand gesehen, die Liste der Verdächtigen wird immer länger, je näher Vadassy sie kennenlernt. Auch wenn die Geschichte klar ein Spionageroman ist, muss man doch immer wieder über die Unfähigkeit des Protagonisten, aber auch über das seltsame Vorgehen der scheinbar korrumpierten Polizei schmunzeln. Allein schon der Gedanke eine Person wie Vadassy ermitteln zu lassen, erscheint absurd. Doch die wahre Verstrickung zeigt sich erst am Ende der Geschichte und alle Fragen lösen sich sauber auf.

Unterhaltsamer Krimi aus längst vergangener Zeit. Eher mit humorvollen Passagen und auch durch die politischen Anspielungen überzeugend als durch eine hochspannende und komplexe Story. Erwartungen dennoch voll erfüllt.

Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

Eigentlich lebt Mina Wolf in einer ruhigen Berliner Straße, in der die Journalistin auch gut von zu Hause arbeiten kann. Seit einiger Zeit wird der Frieden jedoch erheblich durch eine Frau des Nachbarhauses gestört: lauthals singt sie auf ihrem Balkon und treibt mit ihrer krächzenden Stimme die anderen Anwohner langsam in den Wahnsinn. Auch Mina leidet darunter, muss sie doch fristgerecht einen Artikel über den 30-Jährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt verfassen. Kurzerhand entschließt sie sich ihren Rhythmus zu ändern und nun nachts zu arbeiten, da sie nur wenige Sozialkontakte pflegt, ist das nicht weiter problematisch und es soll ja auch nur für die Zeit dieser Arbeit sein. Die Lage verschlimmert sich zunehmend und als die Sängerin ihre musikalische Darbietung schließlich auch noch mit technischer Unterstützung verstärkt, droht die völlige Eskalation, denn man kann nichts gegen sie tun, die Frau ist krank und kann nicht anders. Mina droht langsam auch verrückt zu werden und dass sie sich nächtens mit einer Krähe, die sie Munin getauft hat, über die Menschen und Kriege philosophisch austauscht, bestärkt sie in dieser Ahnung nur noch mehr.

Die Berliner Autorin Monika Maron hat ihren Roman für die Hörbuchvariante selbst eingesprochen, was ich zunächst eher ungewöhnlich finde. Auch auf Lesungen habe ich schon wiederholt erleben müssen, dass gute Autoren nicht unbedingt auch gute Leser sind. Hier jedoch passt beides hervorragend zusammen und die Stimme der Autorin ist wie gemacht für die der Erzählerin Mina, man ist sogar schnell geneigt, beide für identisch zu halten, Wohnort und Beruf stimmen überein, darüber hinaus dürften die Parallelen aber vermutlich überschaubar bleiben.

„Munin oder Chaos im Kopf“ greift viele Alltagsthemen auf, die dem Leser oder Zuhörer gut bekannt sein könnten: das Zusammenleben in der Großstadt, die Eigenarten mancher Mitmenschen, die einem geradezu in den Wahnsinn treiben könnten, die Anonymität der Großstadt, aber auch aktuelle Themen wie die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland 2015 und der dadurch aufkeimende Nationalismus mit all seinen absurden Zügen und Vorurteilen und ganz zentral die Frage, weshalb die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt und von einem Krieg in den nächsten zieht. Aktueller könnte ein Roman kaum sein und doch wirkt nichts gezwungen oder konstruiert, sondern es fließt genau so wie dies auch im Alltag geschieht von einem Thema ins nächste, springt zurück und wendet sich etwas anderem zu.

Monika Marons Erzählerin erkennt in ihrer Arbeit über den 30-Jährigen Krieg Parallelen zu aktuellen politischen Lage und gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Deutschland sich bereits in der „Vorkriegszeit“ befinde. Dies dürfte die vermutlich streitbarste Aussage des Romans sein. Die Zeichen stehen ohne Frage auf Sturm, gerade die letzten Wochen haben dies deutlich unterstrichen. Aber würde man der Erzählerin hier zustimmen? Man möchte es ganz sicher nicht glauben, aber die Erkenntnis, dass gerade in Deutschland sehr viel Zeit gewesen wäre, um den 2. Weltkrieg zu verhindern, wenn doch nur ein paar mehr Menschen mutiger gewesen wären, ist auch eine Tatsache und man möchte sich gar nicht vorstellen, in einigen Jahrzehnten vor einem Scherbenhaufen zu stehen und sich selbst Untätigkeit vorwerfen zu müssen. Auch Minas Dispute mit Munin bieten reichlich Anlass selbst den Gedanken nachzuhängen – ein Roman, der nachwirkt.

Zaza Burchuladze – Adibas

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Zaza Burchuladze – Adibas

Stell Dir vor, es ist Krieg und niemand interessiert es. Die Fernseh- und Radionachrichten melden es, doch eigentlich schert sich keiner drum. Die Russen sind einmarschiert? Stehen kurz vor Tiflis? Egal, das Leben geht weiter. Man tut das, was man in den Jahren davor auch schon getan hat, man zieht um die Häuser, hat Sex, konsumiert was an Drogen so verfügbar ist und versucht an coole Klamotten zu kommen. Designerware. Also nicht die, die man für teures Geld in Westeuropa verkauft, sondern das, was für das kleine Portemonnaie auf den Straßen von Georgien den Besitzer wechselt. Was soll man auch sonst tun? Zukunft hat keiner und wenn die Russen tatsächlich einmarschieren, kann das Leben ohnehin ganz schnell vorbei sein, da sollte man die kostbare Zeit nicht mit ernsthaften Dingen verplempern.

Zaza Burchuladze lebt seit einigen Jahren in Deutschland, nachdem er in seiner georgischen Heimat angegriffen und bedroht wurde. Er gilt als eine der wichtigsten jungen Stimmen des Landes und seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. „Adibas“ entstand als Reaktion auf den Kaukasuskrieg im August 2008 als dessen Folge die Regionen Südossetien und Abchasien die Unabhängigkeit erlangten.

Der Roman hat eigentlich keine wirkliche Handlung, womit auch schon viel über insbesondere die Jugend in dem Land zwischen West und Ost gesagt ist. „Adibas“ steht – wie sich leicht auch am Cover erkennen lässt – für Fake-Ware, die meist in asiatischen Ländern produziert und illegal in Europa verkauft wird. Es geht jedoch noch darüber hinaus und wird somit symptomatisch für die Generation, über die Burchuladze schreibt: nichts ist mehr echt, weder Gefühle, noch die Nachrichten, man kann den Menschen unmittelbar um einen herum genauso wenig Glauben schenken, wie der Presse.

So müssen die Figuren mit den Widersprüchen des Alltags umgehen, sie hören und sehen Gefechte, ihre Politiker leugnen sie. Auch wenn es sie beunruhigt, sie bleiben cool und wahren den Schein der Unbekümmertheit. Mehr bleibt ihnen auch nicht, denn sie alle kennen die georgische Weisheit:

  1. Was gut anfängt, endet schlecht;
  2. Was schlecht anfängt, endet schrecklich;
  3. Was schrecklich anfängt, endet nie.

Die 90er sind vorbei, die Zeit des Aufbruchs hatte den meisten nichts zu bieten und oftmals geht es den Menschen nach der Jahrtausendwende schlechter als zu Sowjetzeiten. Und so fliegen die Tage dahin, ohne dass etwas passiert, was sie aus der Lethargie erwecken könnte.

In diesem Jahr ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Ich bin gespannt auf mehr Literatur aus dem kleinen Land, von dem man hierzulande so gut wie nie etwas erfährt.

Robert Prosser – Phantome

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Robert Prosser- Phantome

2015, Wien. Sara und ihr Freund kennen die Geschichte von Saras Mutter Anisa nur aus deren Erzählungen. Die Flucht aus Bosnien, wegen des Krieges aus der Heimat vertrieben. Der Konflikt, der plötzlich Nachbarn zu Feinden machte und Familien auseinanderriss. Die beiden Jugendlichen machen sich auf nachzuforschen, vor Ort, im Süden, da wo einst ein Land war und was inzwischen in unzählige Kleinstaaten zersplittet ist. Schnell wird das Leben von damals wieder lebendig und der Leser befindet plötzlich im Jahr 1992 und auf der Flucht vor dem Krieg. Anisa, die als Flüchtling hofft in Sicherheit zu kommen und ihr Freund Jovan, der von der Armee eingezogen werden soll und zwischen die Fronten gerät. Anisa kann die schrecklichen Kriegserlebnisse auch im fernen Wien nicht hinter sich lassen, die Ungewissheit, was mit dem Freund und dem Vater ist, lähmt sie immer wieder. Doch sie muss auch nach vorne blicken, sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen – doch wie?

Robert Prosser greift in seinem Roman, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 stand, einen Konflikt auf, den man in Europa nur zu gerne verdrängt, weil es der erste Krieg auf europäischen Boden nach Ende des Zweiten Weltkrieges war. Dieser Konflikt hat jedoch auch unzählige Menschen gen Norden flüchten lassen und sie vor die schwierige Aufgabe gestellt, in der Fremde ein neues Leben beginnen zu müssen, obwohl das alte weder abgeschlossen war noch man dieses freiwillig aufgegeben hatte.

Die Schilderungen der Kriegserlebnisse von Anisa und ihrem jungen Freund sind grausam. Der Autor gibt sich nicht mit Andeutungen zufrieden, sondern schildert das, was sich in solchen Zeiten nun einmal zuträgt schonungslos und direkt. Auch das Leben im Flüchtlingsheim, wo man das Schlimmste eigentlich hinter sich gelassen hat, ist kein angenehmes und entspanntes Dasein. Andere Konflikte und Sorgen bestimmten den Alltag und soziale Gruppenprozesse, wie sie auch in jeder Dorfgemeinschaft zu finden sind, greifen auch dort und setzen den Bewohnern zusätzlich zu.

Im Rückblick etwas verwunderlich der Vorspann des Romans, der sehr auf den Graffiti sprayenden Freund von Anisas Tochter fokussiert und dessen nächtlichen illegalen Aktionen sehr ausufernd schildert. Ob es der Kontrast sein soll zwischen den beiden jungen Pärchen? Das eine, das den Nervenkitzel sucht, weil das Leben womöglich nicht genug zu bieten hat, das andere, das unmittelbare Kriegserfahrung machen muss – ich weiß es nicht, aber vom Ende an blickend ist dieser ganze Abschnitt eigentlich irrelevant.

Was jedoch auf jeden Fall gelungen ist, ist das Thema Balkan und die vielen ungelösten Fragen aufzugreifen und zu mahnen, dass man nicht nur die aktuellen Krisen im Blick haben sollte, sondern auch die vor unserer Haustür befindlichen, die auch 20 Jahre nach dem Friedensschluss noch immer nicht aufgearbeitet sind und liebsten offenbar vergessen wären. Aber viele der Betroffenen leben unter uns und sollten viel mehr daran erinnern.

Ein thematisch interessantes und sprachlich eindringliches Buch, das für mich nicht unbedingt durch besondere literarische Kniffe oder eine auffällige Sprache punkten kann, sondern das mit einer authentisch wirkenden Geschichte und politischer Relevanz überzeugt.

Gitta Mikati – Berlin Beirut. Eine Lüge zu viel.

Wenn der Krieg plötzlich Gesichter bekommt und sich schwarz und weiß in Grautöne auflösen…

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Gitta Mikati – Berlin Beirut. Eine Lüge zu viel.

Im Sommer 2011 stößt Jasmin im Garten auf die Überreste einer Leiche. Ihre Mutter und ihr Großonkel reagieren nicht sehr überrascht, ach ja, die Leiche, die hatten sie völlig vergessen. Um zu erklären, wer der Tote ist und wie er in ihrem Garten kommt, müssen Ali und Maria weit ausholen und zurück auf die 70er Jahren in Westberlin blicken. Die Zeit, als sie mit Menschenhandel und Asylbewerbern ihr Geld verdienten. Die Zeit als im Libanon Krieg herrschte und die Menschen Zuflucht in der DDR suchen. Die Zeit, als sich Maria in Mahmoud verliebte und von ihm schwanger wurde.

Gitta Mikatis Roman „Berlin-Beirut“ erzählt eine Geschichte von Schmuggel, von den brutalen Zeiten des Krieges und von dem Geld, dass mit Leben und Handel von Menschen und Asylbetrug verdient werden konnte. Die Autorin erzählt auch eine Liebesgeschichte, die voller Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft und ein legales Dasein beginnt und im schlimmstmöglichen Ausgang endet.

Am interessantesten fand ich die Beschreibungen der illegalen Wege, wie aus dem Leid und der Ausweglosigkeit eine ganze Industrie entsteht, die wie geschmiert funktioniert und offenbar auch unglaubliche Summen umsetzt. Es ist nicht schwer zu erraten, dass dieselben Mechanismen auch heute noch funktionieren dürften und die großen Flüchtlingsströme der vergangenen Monate reichlich Kohle in so manche Tasche gespült haben dürften. Jedoch werden hier im Roman den Schleusern Gesichter verliehen und sie bleiben nicht in banaler schwarz-weiß-Zeichnung als nur böse zurück. Ganz im Gegenteil, Ali und Maria sind die eher positiv besetzten Figuren, die vermeintlichen Opfer sind schließlich diejenigen, die brutal und rücksichtslos verhaftet sind in verkrusteten Familienstrukturen und Fehden, die jede Menschlichkeit vermissen lassen.