Marko Dinić – Die guten Tage

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Marko Dinić – Die guten Tage

Wien-Belgrad. Die Gastarbeiterstrecke, die täglich mehrfach von auseinanderfallenden Bussen bedient wird. Hier verkehrt auch der Erzähler, der nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in seine Heimatstadt muss, da seine Großmutter gestorben ist und mit ihr der Ehering begraben werden soll, den er vor vielen Jahren von ihr erhalten hatte. Die unwirkliche Szenerie im Bus, zwischen grölenden Arbeitern und Grenzkontrollen lenkt nur bedingt von dem ab, was plötzlich an Erinnerungen in ihm hochkommt. Die Schulzeit. Der Krieg. Aber auch die Verachtung der Eltern, ihr kleinbürgerliches Leben und die Verehrung der Verbrecher. Er will nicht zurück und wird doch angezogen von dieser Stadt, die der Legende nach 43 Mal niedergebrannt wurde. Was wird ihn dort erwarten? Und was wird die Stadt mit ihm machen?

Marko Dinić‘ Roman über die Zerrissenheit der traumatisierten jugoslawischen Kinder der 90er ist nominiert auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises. Thematisch streift er eine ähnliche Problematik wie Ivna Žic, die mit „Die Nachkommende“ auf der Longlist des Preises steht und ebenfalls über die schwierige Rückkehr in das Heimatland schreibt, das früher mal Jugoslawien hieß, oder auch Saša Stanišić, der in „Herkunft“ nach seinen Wurzeln sucht und dafür auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht. Eine Generation, die den Krieg erlebte, vor ihm flüchtete und jetzt in der Diaspora lebt – zwar in Sicherheit und Frieden, aber immer auch mit den Folgen der Erlebnisse und den Auswirkungen auf ihre Familien und vor allem die Elterngeneration.

Die zufällig zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft des Buses folgt ihren ganz eigenen Regeln, die man kennt und akzeptiert. Sie alle müssen sich der günstigsten Art zu reisen unterwerfen und die Mitfahrer hingeben, egal wie sehr sie grölen und nach Alkohol stinken. Das lebende Klischee, in denen man jedoch auch die Menschen seiner eigenen Familie wiedererkennt. So dauert es nicht lange, bis die Gedanken des Erzählers beginnen zu wandern, zu seiner Kindheit, zu seinen Eltern, zu seiner Heimatstadt und der Schulzeit. Der Krieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern Gräben geschaffen zwischen den Generationen und zwischen jenen, die geflüchtet sind und jenen, die dablieben. Die größte Angst ist jedoch, dass plötzlich Wehmut aufkommt und die so klare Entscheidung, das Land zu verlassen, von den Emotionen in Frage gestellt wird. Während der Flüchtlingsstrom über die Balkanroute gen Norden drängt, fährt der Erzähler die entgegengesetzte Richtung. Aber egal wie rum er fährt, er kommt nicht an, denn für ihn gibt es keinen Ort mehr, der Heimat sein kann.

Der Autor erschafft eine lebendige Szenerie, sowohl die Geschehnisse im Bus wie auch seine Wanderschaft durch Belgrad kann man förmlich riechen und fühlen. Ebenso eindrücklich werden die widersprüchlichen Gefühle deutlich, kritisch gegenüber Nationalismus und Kriegsverbrecherverehrung und zugleich beschämt ob der Flucht. Obwohl in der alten Heimat nie eine Zukunft lag und die Daheimgebliebenen dies – sofern sie überhaupt noch leben – eindrucksvoll unterstreichen, erscheint plötzlich doch ein großes Fragezeichen über dem eigenen Lebensweg. Eine persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Heimatlandes, die diejenige einer ganzen Generation ist, die jetzt die passenden Worte für das Erlebte findet.

Alina Bronsky – Der Zopf meiner Großmutter

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Alina Bronsky – Der Zopf meiner Großmutter

Die Sowjetunion ist nicht mehr das, was sie mal war, genaugenommen ist sie ja gar nicht mehr, und vom neuen Russland erwarten sie nicht viel. Es bleibt den beiden Großeltern also nicht viel anderes übrig, als mit dem kränkelnden Enkelkind Max auch nach Deutschland auszureisen. Irgendein Onkel hatte bestimmt ein Schwager, der Jude war oder so. Im Flüchtlingswohnheim angekommen herrscht die Großmutter jedoch wie eh und je. Max darf nichts anfassen und schon gar nichts essen, der Magen, das Immunsystem, einfach gar nichts will bei dem Jungen richtig funktionieren. Und überall lauern Gefahren. Die größte jedoch geht von Nina aus, die mit ihrer Tochter Vera ebenfalls das Glück im neuen Land sucht. Als der Großvater sie zum ersten Mal sah, war es um ihn geschehen. Aber vor so vielen neuen Eindrücken, hat die Großmutter das noch gar nicht gemerkt.

Alina Bronsky wanderte selbst als Kind mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland ein und ist bereits seit einigen Jahren eine feste Größe in der hiesigen Literaturwelt. Ihr letzter Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ war für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert und hat sie für mich zu einer Autorin gemacht, bei der ich mich auf jeden neuen Roman gespannt freue. Auch der aktuelle hat meine Erwartungen nicht enttäuscht, im Gegenteil, hier passt einfach alles zusammen.

Die Geschehnisse werden aus der Sicht des kleinen Max geschildert, der zu Beginn noch im Kindergartenalter ist, dann allmählich zum Teenager heranwächst. Im Gegensatz zu den Annahmen der Oma ist er weder krank noch dumm, mit durchaus kindlichem, aber messerscharfem Blick beobachtet er das Treiben der Erwachsenen und entwickelt ein gutes Gespür für ihre Befindlichkeiten. Die Autorin trifft für meinen Geschmack hervorragend den Ton des Buben, der durchaus auch mal kritisch wird, aber meist doch mit rücksichtsvoller Liebe die Unzulänglichkeiten seiner Angehörigen hinnimmt und sie nicht bloßstellt.

Die Charaktere sind allesamt außergewöhnliche Unikate, die trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Eigenarten und ihres bisweilen absurden Verhaltens liebenswerte Figuren sind. Die Not in der Fremde schweißt sie zusammen und irgendwie hat man doch den Eindruck, dass es ihnen, bei allen Widrigkeiten, die die Orientierung in der neuen Heimat mit sich bringt, gut geht und sie ohne Frage immer für einander da sind.

Nach „Baba Dunja“ ein weiterer Roman von Alina Bronksy, der mit feinem Humor geschrieben ist und aus dem ganz viel Liebe fürs Detail und die einfachen, wenn auch etwas verschrobenen Menschen spricht.