Zoë Beck – Paradise City

Zoë Beck Paradise City
Zoë Beck – Paradise City

Erst ihr Chef und Liebhaber Yassin, dann auch noch Kaya, eine weitere investigative Journalistin. Liina und Özlem wird schmerzlich bewusst, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie arbeiten in einer geheimen Agentur, die sich der Wahrheit verpflichtet hat und das veröffentlicht, was die Staatspresse versucht zu verheimlichen. Wie den seltsamen Tod einer Frau in der Uckermark, die scheinbar von einem wilden Tier zu Tode gebissen wurde. Doch vor Ort wollen die spärlichen Informationen, die sie zusammentragen können, einfach kein stimmiges Bild ergeben. Es muss mehr dahinterstecken. Für Liina wird der Stress lebensbedrohlich, denn ihre Herzschwäche verträgt Unregelmäßigkeiten nicht gut und gerade sie muss besonders aufpassen, denn in ihrem Körper schlägt ein ganz besonderes Organ, von dem ebenfalls wiederum niemand etwas wissen darf.

Zoë Becks neuester Roman verbindet unterschiedlichste aktuelle Themen der letzten Jahre: die zunehmende Technologisierung, die eine totale Überwachung der Bevölkerung ermöglichen könnte; ein Staat, der die Presse und Informationsveröffentlichung kontrolliert, um so die Bürger in Schach zu halten; ein Gesundheitsglaube, der alles, was nicht der optimierten Norm entspricht, versucht auszusortieren; die Folgen des Klimawandels, die weite Teile der Küstengebiete unbewohnbar machen; medizinische Forschung, die die Grenzen des ethisch vertretbaren immer weiter ausreizen. Im Zentrum eine rebellische junge Frau, die ihr Leben riskiert, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen und die all jene Ideale vertritt, die man mit Gruppierungen wie Anonymus oder Extinction Rebellion in Verbindung bringt.

Die lange Aufzählung lässt bereits erahnen, dass das alles zu viel ist für einen Thriller, der nicht einmal 300 Seiten hat. Die dystopische Anlage des Staates bleibt für mein Empfinden zu diffus, um zu überzeugen. Es gibt nur noch Megacities, deren Entstehung sich nicht wirklich erklärt, auch ist nicht ganz klar, wo die Grenzen des Staates verlaufen, was drumherum ist, wo Konstrukte wie die EU geblieben sind oder weshalb sie verschwanden. Ist dieser nebulöse Staat mit seiner Totalüberwachung und Pressekontrolle das böse Feindbild oder ist dies doch eher die medizinische Forschung? Angedeutet werden Massen- und Grippepandemien, aber sie bleiben zu nebensächlich, genauso wie die Gruppe der „Parallelen“, die sich rebellisch der verordneten Lebensweise entziehen.

Die Protagonistin Liina ist durchaus interessant angelegt, steckt sie ganz persönlich in dem Konflikt rund um die medizinische Versorgung, hat einerseits davon profitiert, wird aber auch zu deren Opfer. Sie genauso wie ihre Kollegen der geheimen Journalisten können mich jedoch nicht wirklich für sich gewinnen, sie sind mir zu schemenhaft und oberflächlich gezeichnet, um authentisch und überzeugend zu wirken.

Es entsteht zwar so etwas wie Spannung, aber ich hatte mehr den Eindruck wie ein blindes Huhn mal in diese, mal in jene Richtung zu rennen, nichts wirklich zu erkennen und plötzlich vor einem großen Verschwörungsfinale zu stehen. Das Grundgerüst der Handlung hätte mehr hergegeben, so hat es auf mich wie eine etwas lieblose Aneinanderreihung von zu vielen Themen gewirkt, die einfach nicht zu einer unterhaltsamen, spannenden Geschichte verschmelzen wollen.

Victoria Mas – Die Tanzenden

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Victoria Mas – Die Tanzenden

Ende des 19. Jahrhunderts ist das Hôpital de la Salpêtrière Heimat und Gefängnis für all diejenigen Frauen, die als nervenkrank, hysterisch, geistesgestört, epileptisch oder einfach für die Gesellschaft gefährlich eingestuft wurden – bzw. derer man sich entledigen wollte. Auch die junge Eugénie landet dort, nachdem sie ihrer Großmutter offenbarte, dass sie Geister sehen und mit ihnen kommunizieren kann. Dem strengen Vater bleibt keine andere Wahl als das Kind wegsperren zu lassen. Doch Eugénie ist nicht krank, das merkt auch die Aufseherin Geneviève schnell. Den anderen Mädchen und Frauen, die regelmäßig der interessierten Öffentlichkeit vorgeführt werden und für die es kaum eine Hoffnung auf ein Leben in Freiheit gibt, bleibt ebenfalls nicht verborgen, dass der Neuzugang anders ist. Aber in den Vorbereitungen des jährlichen Bal des Folles, bei dem die Verrückten ihren großen Auftritt haben, sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Victoria Mas beschreibt in ihrem Roman eine gängige Praxis des 19. Jahrhunderts. Die an Erkenntnis interessierte Medizin, das wachsende Interesse an der Psyche, nachdem der Körper weitgehend studiert wurde, und zugleich das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und der Leichtigkeit, mit welcher letztere als psychisch krank deklariert werden konnten, öffneten den Weg für nicht nur fragwürdige, sondern menschenunwürdige Machenschaften unter dem Deckmäntelchen der Forschung und des Fortschritts. Eugénie sieht das Vorführen der Patientinnen wie in einem Zoo, in den man geht, um die wilden Tiere aus sicherer Entfernung fasziniert und abgeschreckt zugleich zu bestaunen. Jeglicher Menschlichkeit und Würde beraubt, sind die oft jungen Mädchen schutzlos ausgeliefert.

Pointiert und treffsicher lässt die Autorin ihre Protagonistin das Treiben hinter den dicken Mauern des altehrwürdigen Krankenhauses beschreiben. Sie weigert sich, zum Tier degradiert zu werden, das der Pariser Prominenz wie im Zirkus dressiert vorgeführt wird. Ihr unabhängiges Denken und ihre Neugier haben sie in die Kreise der Spiritisten gebracht, wodurch sie ihre Gabe erkennt, die ihr zum Verhängnis wird. Eugénie ist zu fortschrittlich für ihre Zeit, sie erkennt sie scheinbar naturgegebene Vormachtstellung und Überlegenheit der Männer nicht an und sowohl der Vater wie auch die Ärzte unterstreichen mit ihrem Verhalten die Zweifel, die man an ihnen haben kann.

Auch Louise und Thérèse sind Opfer männlicher Gewalt geworden, die ihre Spuren auf den Seelen der beiden Frauen hinterlassen haben. Sicherlich haben sie deutliche Anzeichen von diagnostizierbaren psychischen Krankheiten. Diese sind jedoch die unmittelbaren Folgen dessen, was sie erleiden mussten und keineswegs Zeichen für einen fehlenden Verstand. Gerade die ältere Thérèse hat dies durchschaut und erkannt, dass für sie Freiheit und Schutz nur innerhalb der geschlossenen Anstalt existieren, der Welt draußen will sie nie mehr ausgeliefert sein. Ihre Erlebnisse, keineswegs untypisch für ihre Zeit, waren so furchtbar, dass sie lieber zweifelhafte Behandlungsmethoden und Degradierung in Kauf nimmt.

Den Gegenpol bildet Geneviève, die als Aufseherin für Ruhe und Ordnung sorgt. Ihr analytisch-wissenschaftlicher Blick lässt sie vieles mit einer gewissen Distanz betrachten und ertragen. Doch auch sie wird zum Opfer männlicher Hybris und deutlich in ihre Schranken gewiesen: als Frau ist ihre Meinung schlichtweg irrelevant.

Der Roman liest sich wie eine herausragend erzählte Geschichte, die Sympathien für die jungen Frauen weckt und aufmuntert, sich gegen vermeintlich überlegene Obrigkeiten aufzulehnen. Daneben ist er jedoch auch eine Dokumentation dessen, was sich real zugetragen hat und nicht nur reine Fiktion. Mit wachsender Wut liest man, welche fragwürdigen Methoden angewandt wurden und wie schamlos sich die Männer verhielten. So dass man sich am Ende unweigerlich die Frage stellt, wer eigentlich der gestörte ist.

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

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Wer war H.G. Kachelbad? In den 1980ern tauchte er in Los Angeles auf, arbeitete offenbar im Bereich der Kryonik, aber so wie er aus dem Nichts plötzlich da war, ist er auch wieder verschwunden. Menschen erinnern sich an ihn und berichten von diesem. Die junge Rosary, die er in die USA holte, um bei den Suspensionen zu helfen, ein Liebhaber, der mit ihm den Ausbruch der Aids Epidemie erlebte, der Autor Shabbatz Krekov, dem ein zweites Leben geschenkt wurde. Alle glaubten sie an den Traum vom ewigen Leben dank der Kryonik. Doch ist die Zeit dafür schon gekommen?

Hendrik Otremba ist künstlerisch in vielen Bereichen unterwegs, ebenso sein Roman, der sich von verschiedenen Seiten her an seinen Protagonisten annähert, ohne ihn jedoch wirklich greifen zu können. Auch die Themen sind breit aufgestellt, von Zukunftssträumen der Technik über Medizin bis zu ganz persönlichen zwischenmenschlichen Aspekten und Ängsten touchiert der Roman die Bandbreite des Lebens.

ich sehe, dass sich zeit meines Lebens nichts getan hat, nichts zum Guten gewandt hat, dass die Menschen wider besseres Wissen, trotz der Erfahrung, trotz der ganzen verdammten Geschichte, weiter und weiter auf den Abgrund zurast. (…)Es müsste etwas Drastisches passieren, dann vielleicht gäbe es noch eine Chance. Aber so? Gib es doch zu, Kachelbad, wir sind verloren.“

Krekov hat die Nazis in Europa gesehen, den Kalten Krieg und den Ausbruch von Aids. Er kann nur zu dem zitierten Urteil über die Menschheit kommen. Dies überschattet auch die Atmosphäre des Romans. Trotz des Fortschritts, das dem onimösen Chinesen gelungen ist, der mit seiner Firma Menschen für ein Leben in einer besseren Zeit konserviert, überlagert die düstere und fatale Stimmung alles. Die wenigsten der erzählenden Figuren waren in ihrem Leben bis dato vom Glück verfolgt, immerhin gibt das Zusammentreffen mit Kachelbad ihnen wieder ein Funken Hoffnung und seine Zuneigung, obwohl diese mit viel Reserviertheit wohldosiert ist, lässt sie am Leben festhalten.

Die Handlung ist schwer zu greifen, die achronologische und multiperspektivische Erzählweise stehen diesem zu sehr im Wege. Die Figurenzeichnung wiederum ist Otremba fantastisch gelungen, die Erzähler offenbaren sich in ihren Notizen, von Kachelbad werden ganz unterschiedliche Seiten aufgezeigt, eben genau jene, die die einzelnen von ihm zu sehen bekommen. Erzählerisch überzeugt mich der Autor, man versinkt direkt in der Geschichte und kann diese nicht mehr loslassen. In vielerlei Hinsicht ein beachtenswerter Roman.

I.L. Callis – Das Alphabet der Schöpfung

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I.L. Callis – Das Alphabet der Schöpfung

Alexander Lindahl ist einigermaßen frustriert über seinen Job bei einem Hamburger Magazin. Als sein Kindheitsfreund Max van Damme ihn kontaktiert und ihm ein attraktives Angebot macht, muss er dann auch nicht lange nachdenken, packt seine Sachen und zieht nach Berlin. Er soll ein Buch über Max‘ Start-up Phoenix schreiben, das unglaubliche Visionen im Bereich der Gentechnik hat. Von Biologie hat Alexander keine Ahnung, aber man möchte die Entwicklungen der breiten Bevölkerung zugänglich machen und da wäre zu viel Fachwissen eher hinderlich. Alexander bekommt unbeschränkten Zugang zu allen Abteilungen, bald schon keimt in ihm jedoch ein ungutes Gefühl auf und nicht nur die Anzahl der seltsamen Unfälle der Mitarbeiter beunruhigt ihn, sondern auch die Tatsache, dass er diffuse Warnungen erhält. Wie weit geht die Genforschung in den Laboren wirklich und was hat es mit dem ominösen Projekt Lazarus auf sich, das scheinbar ganz Berlin in ungeahnte Gefahr bringen wird.

I.L. Callis hat mit dem Thriller „Das Alphabet der Schöpfung“ ein medizinisch-technisch hochaktuelles Thema literarisch umgesetzt, das vor allem durch die ethisch-moralischen Fragen, die eng damit verknüpft sind, besticht. Wie weit darf die Forschung gehen, wer kann den Wissenschaftlern Grenzen setzen, was geschieht in den geheimen Laboren dieser Welt und welche Gefahr geht von ihr Forschung für uns alle aus? Vieles davon wird in dem Thriller angesprochen und regt damit auch entschieden zum Nachdenken über das Buch hinaus an.

Die Handlung dreht sich im Wesentlichen um den jungen Journalisten, der aufgrund der langjährigen Freundschaft zu dem Inhaber der Firma schnell in eine Zwickmühle gerät, denn seine journalistische Objektivität ist dadurch in Gefahr. Die Forschung fand ich überzeugend und spannend geschildert, vor allem die Begründung der recht skrupellosen Haltung der Wissenschaftler war schwer zu ertragen, aber in deren Weltsicht glaubwürdig und überzeugend motiviert. Bisweilen fehlte mir jedoch ein wenig der Fokus, da der parallel zur Geschichte um Alexander erzählte Vermisstenfall immer wieder fortgeführt, aber nicht konsequent verfolgt wird, dabei hätte dieser insbesondere ein spannendes Potenzial gehabt. Auch der Protagonist erschien mir an mancher Stelle etwas zu naiv und leichtsinnig, um in seiner Funktion als Reporter zu überzeugen. Das Ende passend zum Genre Action-geladen und explosiv – vielleicht der leichteste Ausweg, aber nicht unbedingt der eleganteste, das Thema hätte sicher noch mehr hergegeben. Trotz der kritischen Punkte ein fesselnder und spannender Thriller mit interessanter Thematik.