Rasha Abbas – Die Erfindung der deutschen Grammatik

Cover - Rasha Abbas - Die Erfindung der deutschen Grammatik
Rasha Abbas – Die Erfindung der deutschen Grammatik

Schon in ihrer syrischen Heimat hat sie sich für allerlei fremde Sprachen interessiert, dass es ausgerechnet das Deutsche werden sollte, dass sie mal irgendwann brauchen würde, ahnte Rasha Abbas damals, als die Welt noch in Ordnung war, nicht. Nach der Flucht über den Libanon landet sie letztlich in Neukölln, das irgendwie gar nicht so fremd ist, vor allem wundert es sie, dass sie quasi nie Deutsche trifft, sondern Türken, Italiener und sonstige Einwanderer. Aller Anfang ist schwer im neuen Land und mag man auch noch so integrierwillig sein, der Neustart hat seine Tücken: der Asylantrag, Weihnachten, der Sprachkurs – man ahnt ja gar nicht, woran man so alles scheitern kann.

Rasha Abbas ist syrische Journalistin und Autorin. Seit 2015 lebt sie in Deutschland, 2016 hat sie „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ veröffentlicht, in dem sie humorvoll ihr Ankommen in Deutschland beschreibt. Es ist aber auch eine Auseinandersetzung der Autorin mit sich selbst, ihren Erwartungen an sich und dem Umgang mit Niederlagen. Sie gibt Einblick in die andere Seite der Asyldebatte ohne politische Position zu beziehen und zu werten. Mit Ironie – auch einer gehörigen Portion Selbstironie – erlaubt sie uns einen Blick in ihre Welt.

Wie der Titel schon sagt, spielt natürlich das Erlernen der deutschen Sprache eine Rolle und diese bietet so Manches, worüber man sich wundern kann:

„Wir befinden uns nun einmal in einer Zeit, in der das feministische Bewusstsein noch nicht so ausgeprägt ist. Deshalb muss ich mich so verhalten. Lass mich noch eins draufsetzen, das verwirrt die Lernenden noch mehr: Das Wort Mädchen machen wir jetzt neutral und nicht weiblich.“

„Neutral? Werden wir jetzt etwa ein drittes Geschlecht einführen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns auf so etwas geeinigt hätten. Wozu soll das bitte gut sein?“

Aber nicht nur unsere Sprache, sondern auch unsere Kultur bieten Raum für Mutmaßungen und Verwirrung: Rasha Abbas beobachtet Hamsterkäufe, Menschenmengen, die in die Städte drängen und die Läden regelrecht leerkaufen. Und plötzlich: niemand mehr, alles ist wie ausgestorben. Was sie zunächst als Vorbereitungen auf einen Krieg deutet, sind die alljährlichen Besorgungen für das Weihnachtsfest und Silvester, die traditionell zu Hause gefeiert werden und die Innenstädte vereinsamen lassen.

Es gibt aber auch Aspekte, die mir völlig neu waren, wie etwa den Status als Asylbewerber innerhalb der Community der Landsleute zu verbergen und auf Studentenvisa u.ä. zu verweisen.

Es entstand ein neues Phänomen, eine Art Wettstreit nach dem Motto: „Wer ist weniger Flüchtling als der andere?“

Zugegebenermaßen habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob der Status als Flüchtling als Makel angesehen werden könnte, vor allem unter Landsleuten. Es mutet eigentlich fast absurd an, aber letztlich ist es doch nachvollziehbar, dass man dieses Etikett nicht zur Schau tragen möchte.

Die Autorin versucht schließlich auch in der neuen Heimat einen Text zu veröffentlichen, was an einem etwas wenig feinfühligen Lektor scheitert:

„Aber um Himmels Willen, natürlich, meine Liebe! Das Letzte, was ich Ihnen vermitteln wollte, ist, dass, gottbewahre, der Roman nichts als eine große Scheiße ist. Es gibt eine Sache, die ich persönlich äußerst inspirierend und anziehend fand: Ihren Mut. Sie haben einen wirklich bemerkenswerten Mut.“ (…) Ach, Sie sind mir aber auch ein putziges Mädchen. Ich meine Ihren Mut, ein dermaßen miserables Werk zu schreiben und es dann auch noch veröffentlichen zu wollen. Das ist sehr mutig.“

Ein Glück hat sie doch noch jemanden gefunden, der sie veröffentlicht, denn sonst wäre uns dieser kleine Schatz entgangen.

Olivier Guez – Das Verschwinden des Josef Mengele

olivier-guez-das-verschwinden-des-josef-mengele
Olivier Guez – Das Verschwinden des Josef Mengele

Josef Mengele – Todesengel von Auschwitz, der wohl grausamste und rücksichtsloseste Arzt der Geschichte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelingt ihm die Flucht über mehrere europäische Länder nach Südamerika, wo er dank der Hilfe eifriger Unterstützer und mit falscher Identität untertauchen kann. Unter Perón führt er in Argentinien zunächst ein sicheres Leben, die deutsche Community ist gut vernetzt und steht unter dem Schutz des Diktators, doch nach dessen Sturz wird die Lage unbequem. Es folgen Jahrzehnte des Irrens über mehrere Länder, immer wieder auf der Flucht und in Angst vor Entdeckung. Mehrfach sind ihm Israelis wie auch andere auf den Spuren, aber dank eines guten Netzes starker Verbündeter gelingt es dem tausendfachen Mörder immer wieder, sich seiner gerechten Strafe zu entziehen.

Olivier Guez‘ Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeichnet die Spuren eines der schlimmsten Verbrecher des Nazi-Regimes nach. Dies gelingt dem Autor eindrucksvoll und dafür wurde er 2017 völlig zurecht mit den renommierten französischen Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet. Drei Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, das auf wahren Eckdaten basiert, in weiten Teilen jedoch fiktiv bleiben muss, da bis heute das komplette Leben des Arztes nicht lückenlos dokumentiert ist.

In erster Linie besticht der Roman natürlich durch die Person des Josef Mengele. Er ist sicher eine der bekanntesten Figuren des Hitler-Regimes und viel wurde über ihn berichtet und geschrieben. Am beeindruckendsten war für mich jedoch die Haltung, die er bis zum letzten Tag standhaft beibehielt: er leugnete seine Taten nicht, aber die Bewertung dessen, was er getan hat, steht in starkem Kontrast zu Realität. Vermutlich um sich selbst zu schützen und sich nicht dem stellen zu müssen, was er verbrochen hat, sah er sich als Wissenschaftler und Forscher, der der Menschheit einen Dienst erweisen wollte:

„Was ist denn nun mit Auschwitz, Papa? Mengele weist die Schuld von sich. Er hat gekämpft, um „unbestrittene traditionelle Werte“ zu verteidigen, nie jemanden umgebracht. Im Gegenteil: Indem er bestimmte, wer arbeitsfähig ist, konnte er Leben retten. Er verspürt keinerlei Schuld.“

Seine grenzenlose Angst gerade von den Israelis entdeckt zu werden, zeigt jedoch auch, dass ihm trotz allem sehr bewusst gewesen sein muss, dass diese nicht nur Rache an ihm walten lassen würden, sondern durchaus mit guten Grund und Recht eine Verurteilung forderten. Womöglich ist das Leben in Angst schon die irdische Strafe, die ihm mehr zusetzt, als man vermuten mag:

„Nun ist er dem Fluch Kains ausgeliefert, dem ersten Mörder der Menschheit: ein Getriebener, der über die Erde irrt, wer ihm begegnet, wird ihn töten.“

Aber auch Guez Sprachgewalt ist überzeugend. Die nuancierten Zwischentöne, die die Verachtung seines Protagonisten deutlich hervortreten lassen, sind glänzend platziert. Aber auch die Kritik an den nachlässigen deutschen Behörden, die Mengele schon zeitnah nach Kriegsende hätten auffinden können, wird nachhaltig zum Ausdruck gebracht.

Man spürt eine gewisse Fassungslosigkeit ob der Haltung Mengeles, aber auch, weil auf Erden die Taten nicht gesühnt wurden. Auch wenn der Text letztlich eine fiktive Erzählung ist, was jedoch dem Erzählfluss zugutekommt, kann er als Mahnmal verstanden werden, das in breiter Masse gelesen werden sollte, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.

Delphine de Vigan – Loyalitäten

delphine-de-vigan-loyalitäten
Delphine de Vigan – Loyalitäten

Hélène merkt, dass mit ihrem Schüler Théo etwas nicht stimmt, es gibt keine äußerlichen Spuren, die auf Gewalt hinweisen würden, aber für sie sind sie sichtbar, denn man erkennt diejenigen, denen es genauso geht. Sie hat es als Kind und Jugendliche auch erlebt, die Angst vor dem brutalen Vater, das Verstecken und die Scham. Théo musste früh lernen, dass er nicht sagen kann, was erfühlt, dass er nicht erzählen kann, was er erlebt, denn zwischen seinen Eltern herrscht Krieg und im wöchentlichen Wechsel leidet er unter dem psychischen Druck durch die Mutter und der langsamen Verwahrlosung des Vaters. Der einzige Ausweg scheint der Alkohol zu sein, der bei dem 12-Jährigen das Rauschen im Ohr betäubt und ihn nichts mehr fühlen lässt. Nur mit Mathis teilt er dieses Geheimnis. Mathias weiß, dass es nicht gut ist, was sie tun, er weiß auch, was Théo erlebt, aber was kann er tun?

Wenn man das Buch am Ende des Lesens schließt, ist man sprachlos, verstört, bestürzt – es gibt kaum Adjektive, die angemessen das beschreiben, was einem durch den Kopf geht. Vor allen Dingen ist es diese Diskrepanz zwischen dem Wissen einerseits, dass Delphine de Vigan eine Geschichte beschreibt, die sich tagtäglich überall abspielen könnte, nein, die sich tagtäglich genau so abspielt und dem Gefühl von Machtlosigkeit dieser Situation gegenüber. Als erwachsener Leser identifiziert man sich am ehesten mit Hélène, auch wenn man selbst glücklicherweise keine solchen Erlebnisse machen musste. Zuzusehen, wie ein Kind dringend Hilfe benötigt, aber selbst Erwachsene, die das erkennen und helfen wollen, daran scheitern.

„Loyalitäten“ zeichnet eindrücklich das nach, was man als Mitglied einer Familie oder einer Gemeinschaft erlebt: man lernt die Codes, die Verhaltensweisen und passt sich an. Auch wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt, nicht in Ordnung ist, die Loyalität gegenüber den anderen Mitgliedern erfordert das unbedingte Aufrechterhalten der Fassade, des Scheins nach außen, der Außenstehenden keinen Einblick erlaubt und somit auch jede Form von Hilfe unmöglich macht.

„Théo lernte sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick. Man musste sich unbedingt bedeckt halten.“

Der Druck, dem gerade Kinder ausgesetzt sind, ist enorm und ebenso die Folgen: bei Théo bleibt es nicht beim Alkoholmissbrauch, der Wunsch für immer zu entfliehen, endlich tot zu sein, wird zunehmend stärker, so dass er bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen.

„Im Gehirn werden die Wirkungen am schnellsten spürbar. Angst und Sorge gehen zurück und verschwinden manchmal sogar. Sie werden von einer Art Schwindel und Erregung ersetzt, die mehrere Stunden anhalten könne.

Doch Théo möchte etwas anders.

Er möchte das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand geht. Den Zustand der Bewusstlosigkeit. Damit endlich Schluss ist mit diesem schrillen Geräusch, das nur er hört (…)“

Er träumt vom „Koma durch Ethanolvergiftung“, dem Moment des Verschwindens aus der Welt, in dem er niemandem mehr etwas schuldet.

Wie auch ihre Heldinnen in „No et moi“ oder „Jours sans faim“ (dt. „Tage ohne Hunger“) ist Théo ein Kind der modernen Gesellschaft, das all das ertragen muss, was die Erwachsenen nicht hinbekommen. Delphine de Vigan hat mit „Loyalitäten“ eine weitere literarische Klageschrift verfasst, die eindringlich und klar ist und an niemandem spurlos vorbeigehen dürfte.

Maxim Biller – Sechs Koffer

maxim-biller-sechs-koffer
Maxim Biller – Sechs Koffer

Der junge Maxim reist zu seinem Onkel in die Schweiz, er will dort ein Geheimnis ergründen, das in seiner Familie schon lange Zeit gehütet wurde und wegen welchem sein Vater schon mehr als zwei Jahrzehnte nicht mehr mit seinem Bruder gesprochen hat. Es bleibt nicht bei einem Geheimnis, das er aufdeckt, viel mehr zeichnet er die komplexe Geschichte einer Familie nach, die von der Tschechei nach Russland führt, zurück nach Prag, in Teilen in den freien Westen, in Teilen hinter dem Eisernen Vorhang; Fluchtversuche, die scheitern, Fluchtversuche, die gelingen. Nicht ausgesprochene Wahrheiten, ausgesprochene Lügen; Liebesbeziehungen, die nicht Bestand haben und solche, die Jahrzehnte überdauern. So chaotisch die Nachkriegszeit und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, so auch die Geschichte der Familie Biller – eine von vielen jüdischen Geschichten, die am Ende eine Generation von Kindern hervorbrachte, die in unzähligen Sprachen und Ländern zu Hause sind und die wissen, dass bei dem Umherirren über den Kontinent auch so manche Wahrheit verloren ging und manches wie ein nicht mehr gewolltes Kleidesstück an fernen Orten vergessen wurde.

Der Roman, der unverkennbar autobiografische Züge trägt, hat Maxim Biller eine Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 beschert. Es sind sicherlich zwei Aspekte, die dies nachvollziehbar begründen: seit nunmehr drei Jahren beherrscht das Thema Flucht die deutschen Nachrichten, wobei dies häufig als ein Problem ferner Länder und von Menschen, die es nicht schaffen, Demokratie zu leben, gesehen wird. Biller katapultiert dieses zurück nach Deutschland und führt vor, dass Flucht und Vertreibung ureuropäisch sind, diese über weite Strecken das 20. Jahrhundert bestimmten und sich in fast allen Familien auch solche Erfahrungen finden lassen. Daneben ist die komplexe Konstruktion des Romans, die nur nach und nach ein Gesamtbild offenbart, eines solchen Preises ohne Frage würdig.

Die Figurenzeichnung ist sicherlich das, was den Reiz des Romans ausmacht. Große Träume und Wünsche, die einfach zerplatzen, vieles nie ausgesprochen und schmerzlich bis ans Lebensende mit sich herumgetragen, zeigt Biller nicht die großen Helden der Geschichte, sondern die kleinen Menschen, die Spielball selbiger werden und sich immer wieder an neue Gegebenheiten anpassen müssen. Keiner ist hier nur „gut“ oder nur „böse“ um in den einfachsten Kategorien zu bleiben – aber dies gibt es ja in der Realität auch selten.

Biller umkreist das Geheimnis, nähert sich auf unterschiedliche Weise, aus verschiedenen Perspektiven, dreht Schleifen und fügt Parenthesen ein – erzählerisch überzeugend und gerade für ein Hörbuch eine Herausforderung, die man bei Christian Brückner als Vorleser jedoch gerne annimmt. Für mich das vierte Buch der diesjährigen Longlist des Buchpreises und auch bislang der eindeutige Favorit.

Hala Alyan – Häuser aus Sand

hala-alyan-häuser-aus-sand
Hala Alyan – Häuser aus Sand

In Jaffa ist sie aufgewachsen, doch sie wurden vertrieben und so wird Nablus die neue Heimat für Salma und ihre Familie. Ihre Kinder könnten kaum verschiedener sein, die in sich gekehrte Widad und die beiden modernen, lebhaften Mustafa und Alia. Kurz vor Alias Hochzeit liest Salma im Kaffeesatz und weiß, dass ihrer Tochter ein bewegtes Leben bevorsteht. Die Vorhersehung wird sich bewahrheiten, Alia, die den besten Freund ihres Bruders, Atef, heiratet, wird mit ihm und den Kindern Riham, Karam und Souad immer wieder von Neuem beginnen, vor Krieg flüchten und das Leben in einem anderen Land neuordnen müssen. Auch ihre Kinder werden in gewisser Weise zu Nomaden werden und Alias Enkel werden schließlich vor all den Einflüssen und Kulturen, der unterschiedlichsten Länder, in denen sie gelebt haben, kaum mehr wissen, wo sich ihre Wurzeln befinden.

Hala Alyan hat in ihrem Debut Roman einer Familie eine Stimme gegeben, deren Geschichte jedoch typisch ist für die vieler aus dem Nahen Osten. Über Generationen immer weiter über die Erdteile zerstreut, wegen Krieg und Vertreibung zu Flucht und Neubeginn in der Fremde gezwungen und mit jeder Generation ein Stück weiter vom eigentlichen Ursprung entfernt.

Der Aufbau des Buches hat mir unheimlich gut gefallen, es ist nicht nur die Geschichte Alias, auch wenn sie Dreh- und Angelpunkt der Handlung bleibt. Wir erleben mehrere Generationen: Kinder, die andere Werte und Ideale als die Eltern vertreten, sich entfernen und doch immer wieder zueinander finden. Es sind immer nur Momentaufnahmen, dazwischen fehlt vieles, aber das ist nicht wichtig, es ist der Moment, der zählt.

Neben der Geschichte der Familie ist der Roman auch hochpolitisch – politische Entscheidungen sind es, die die Yacoubs immer wieder vertreiben: aus Jaffa, aus Nablus, aus Kuweit, aus den USA, aus dem Libanon. Aber es sind nicht diese politischen Entwicklungen, die thematisiert werden, sondern ihre Auswirkungen auf die Menschen, das erzwungene Nomadentum, die Entwurzelung, der Sprachenmischmasch, der zwangsweise über die verschiedenen Wohnorte und Lebensläufe entsteht und die Kommunikation schon zwischen Großeltern und Enkeln erschwert. Der Roman ist keine Anklage, eher ein Zeugnis, das mahnend dasteht und für sich selbst spricht.

Als Manar am Ende wieder in Jaffa steht, dem Sehnsuchtsort ihrer Ur-Großmutter und eine Verbindung spürt, die sie nicht einordnen und schon gar nicht mit ihrer Familiengeschichte in Zusammenhang bringen kann, schließt sich der Kreis. Ein rundes Buch mit starken Figuren und überzeugend vor dem Hintergrund der Geschichte des Nahen Ostens der letzten Jahrzehnte erzählt.

Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

vendela-vida-des-tauchers-leere-kleidr
Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

Eine Frau flieht, nur weg aus Amerika. Casablanca erscheint ihr entfernt genug. Kaum im Hotel angekommen, wird ihr Rucksack mit Pass und Kreditkarten gestohlen. Das Personal macht einen engagierten Eindruck, auch die Überwachungskamera zeigt den Schuldigen. Die Polizei beruhigt sie, man wird den Täter schnell finden. Doch am nächsten Tag auf der Wache übergibt man ihr den falschen Rucksack inklusive dem Pass einer anderen Frau. Soll sie diesen annehmen und das Thema abhaken oder weiter ihren eigenen fordern? Sie greift zu und übernimmt die fremde Identität. In ihrem Hotel will sie nicht bleiben und zieht daher um. In ihrer neuen Unterkunft finden gerade Dreharbeiten mit einer berühmten Schauspielerin statt und nach dem Ausfall eines Lichtdoubles wird sie spontan engagiert. Mit einer neuen Identität eröffnet sich ein neues Leben. Aber so leicht lässt sich das alte nicht abstreifen.

Vendela Vidas Roman kann immer wieder überraschen. Nicht nur weil die Protagonistin völlig absurd und wenig nachvollziehbar agiert, sondern auch weil die Handlung immer wieder unerwartete Wendungen nimmt. Wenig an dem Roman entsprach dem, was ich von ihm erwartet hatte.

Im Zentrum steht die junge Frau, die offenbar Schreckliches erlebt hat, was sich aber erst sehr spät im Roman nach und nach offenbart, ihre Flucht aber letztlich sehr glaubhaft motiviert. Casablanca ist für sie kein reiflich überlegtes Ziel, überhaupt scheint der Ort, an den sie reist, nur am Rande relevant zu sein. So bleibt das Setting auch weitgehend beliebig und die Handlung könnte sich ziemlich überall abspielen, womit die Autorin leider eine Chance vergeben hat. Dass sie die fremde Identität annimmt und wie es dazu kommt, kann man entweder als völlig unglaubwürdig oder ausgesprochen klischeehaft einordnen – beides ist nicht besonders befriedigend.

Den größten Teil der Handlung nehmen die Begegnung mit der Schauspielerin und die Dreharbeiten ein. Zugegebenermaßen hat mich der Ablauf an einem Filmset herzlich wenig interessiert, dies wird aber detailliert ausgeführt. Die Schauspielerin selbst ist eine durchaus interessant angelegte Figur, bleibt aber oftmals zu skizzenhaft, um real zu wirken.

Auch das Ende lässt mich etwas unzufrieden zurück. Überstürzt flüchtet sie immer weiter und es ist nicht abzusehen, ob und wie sie sich ihrem Leben wieder stellen will. Mittlerweile gänzlich ohne Papiere und Habseligkeiten, irrt sie umher. Dies erscheint dann doch etwas arg überzogen.

Interessant am Roman war der Schreibstil. Die Autorin hat sich für eine ungewöhnliche Erzählperspektive entschieden, wie folgende Passage verdeutlicht:

Du schlägst den Pass auf und siehst, dass dir das Foto zwar ähnelt – die Frau hat glatte braune Haare und helle, weit auseinanderstehende Augen –, dass es aber nicht dein Pass ist. Er gehört, wie du siehst, einer Frau namens Sabine Alyse. Der Polizeichef legt dir ein rotes Portemonnaie hin.

Diese Du-Erzählung in der der Erzähler die Protagonistin adressiert ist gewöhnungsbedürftig und vermutlich nicht umsonst eher selten.

Das Gesamturteil fällt gemischt aus. Die guten Ansätze können die verschenkten Chancen nicht aufwiegen und die Erzählperspektive gestaltete das Lesen doch etwas holprig.

Atia Abawi – A Land of Permanent Goodbyes

ata-abawi-a-land-of-permanent-goodbyes
Atia Abawi – A Land of Permanent Goodbyes

The family is at home, even if it is war outside, they still have themselves; Tareq, his younger brother Salim, the girls Farrah and Susan and the baby twins. He respected his mother Nour and his father Fayed and of course also his grand-mother. When a bomb hits their house, only Tareq and Susan can be saved, luckily their father was at work and is also alive. They decide it is time to leave the country, after such a loss, what is it that keeps them still there? But first, they need to go to Raqqa where Fayed’s brother lives who can lend them money. Yet, Raqqa is deep in the Daesh controlled area and going there is highly risky. But this is only the beginning of a journey which hopefully ends somewhere in Europe in peace and safety.

Atia Abawi, an American journalist who spent many years in the middle east as a correspondent and is a daughter of Afghan refugees, has chosen the number one topic in the news of the last two years for her second novel. It is her background, both personal and professional, which can be found throughout the novel; you feel in every line that she knows what she is writing about and that neither the emotions she puts in her characters nor the experiences they make are just invented, but exactly what people undergo. At times, the style of the novel has some traces of journalistic work, leaves the pure fiction, but this does not reduce the quality of the novel at all.

First of all, what I really appreciated was the fact that she does not victimize her characters. Already at the beginning of the novel, they are hit by a major loss, but they keep on fighting and do not rely on others. The risk a lot, see evil deeds committed by Daesh fighters, but still remain human themselves. The part I found especially interesting was Tareq’s time in Turkey. It is not only the large number of Syrians being stranded there and setting up a kind of community parallel to the Turkish, but first and foremost the way they are exploited, how people are trying to make profit from their fate which is annoying. Yet, I guess this is just reality.

It is just the story of one family, however, it represents what many people all over the world go through. None of them wanted to leave their country, none of them wants to live in another country of which they neither know the language nor the culture, many of them believe that those who have died are blessed because they do not have to undergo this. Considering all the negative news about refugees, we should not forget their perspective. Atia Abawi has given them a beautiful and engrossing voice.

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha-Wodin-sie-kam-aus-mariupol
Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Schon jung hat sie ihre Mutter verloren, die offenbar aufgrund von Depressionen den Freitod wählte. Jahrzehnte lang hat sie sich gefragt, was hinter der Geschichte der eigenen Mutter steckt, doch erst im fortgeschrittenen Alter begibt sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen. Diese Suche nach der Familie und der Vergangenheit hat sie in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ festgehalten.

Entstanden ist eine recht typische Geschichte einer Familie, die einst unter den Zaren zur gebildeten Oberschicht gehörte, sogar recht vermögend war, aber durch den Übergang zum Stalinismus nicht nur an sozialem Rang verlor, sondern einem Leben ausgesetzt war, auf das sie nicht vorbereitet war. Aber umgekehrt gab es in Natascha Wodins Familie auch starke Frauen, die sich den Obrigkeiten widersetzt haben und ihren Weg gingen, die clevere Entscheidungen getroffen haben, die sie im Leben voranbrachten.

Eine Geschichte einer Familie, wie man sie in Europa tausendfach findet. Geprägt von Verlust und Vertreibung, vom Neuanfang in der Fremde, der in jeder Generation aufs Neue begangen werden muss. Auch das Schicksal der Vertriebenen aus dem Osten, die oftmals hinter den jüdischen Opfern zurückstehen und deren Leid kaum Beachtung gefunden hat.

Auch wenn die Geschichte keine wirkliche Spannung hat, bleibt das Hörbuch doch über viele Stunden hinweg fesselnd und interessant. Natascha Wodin ermöglicht sehr persönliche und private Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die auf so manche Randnotiz der Geschichte ein anderes Licht werfen.

Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

img_0101
Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

Wie berichtet man über einen der schlimmsten Schandflecken in der Europäischen Union mit einem objektiv-neutralen Blick? Der französische Autor Emmanuel Carrère will sich aufmachen nach Calais, um dort aus dem berüchtigten „Jungle“ zu berichten, in dem tausende Flüchtlinge hausen und tagtäglich die gefährliche Überfahrt nach England wagen. Noch bevor Carrère seine Reise anritt, erhält er einen Brief von Marguerite Bellefille, vorgeblich einer Zoowärterin aus Calais, die sein Vorhaben kritisiert und infragestellt. Dies nimmt er als Ausgangspunkt, um ein Bild der Bewohner zu zeichnen, jener Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des europäischen Versagens leben.

Entstanden ist ein Bericht, der die Sorgen und Ängste der Menschen ernstnimmt, ihnen eine Stimme verleiht und den moralischen Zwiespalt aufzeigt. Calais liegt in einer wirtschaftlich schwachen Region, der größte Arbeitgeber hat schon lange die Tore geschlossen und nach dem Bau des Eurotunnels ist auch die Bedeutung des Hafens nach und nach zurückgegangen. Die alten Bewohner haben keine Perspektive, ihre Kinder suchen das Glück anderenorts und durch den schlechten Ruf des Flüchtlingslagers sind ihre Häuser wertlos geworden; ein Verkauf nicht nur unrentabel, sondern unmöglich. Dass der Front National hier leichtes Spiel hat, ist offenkundig und sogar nachvollziehbar. Einzige Einnahmequelle der Hotels nicht mehr die Sommergäste, sondern die Journalisten, die über die Misere berichten.

Carrère setzt sein Vorhaben um, er fokussiert nicht das Lager in seinem Bericht, die Begründung ist einleuchtend:

Ich werde von diesem Besuch hier nicht erzählen. Ich habe es versucht, aber es schluckt alles andere. Es nimmt sofort zu viel Raum ein, man kann es nicht in die Grenzen von ein paar Absätzen zwängen.

Nichtsdestotrotz sind sie immer da, die Bewohner des Jungles, sie sind die Kulisse vor der sich der Alltag abspielt, sie bestimmen den Rahmen und Inhalte seiner Gespräche, denn außer ihnen gibt es kaum mehr etwas zu berichten. Not und Leid der Geflüchteten sind offensichtlich, doch es gibt einen Unterschied zwischen ihrer Situation und der der Bewohner von Calais:

Die Lage eines kleinen Weißen, der in Beau-Marais von Sozialhilfe lebt, ist weniger prekär, aber in gewisser Weise verfahrener und endgültiger, und ich frage mich, ob nicht das mehr oder weniger bewusst der eigentliche Grund für sein Ressentiment ist.

Vieles ist objektiv nicht beleg- oder nachprüfbar, sondern wird von Emotionen geleitet:

Die gefühlte Unsicherheit – gefühlt, so wie man von gefühlter Kälte spricht –, wird je nach Gesprächspartner unterschiedlich angegeben. Doch selbst Leute wie meine Pierre Rabhi lesenden Freunde, die aus ideologischen Gründen dazu neigen sie herunterzuspielen, geben zu, dass eine bedrohliche Atmosphäre auf der Stadt laste.

Sind nicht nur die Geflüchteten ignoriert und vergessen, sondern auch Calais als Stadt? Es scheint so.

Inzwischen hat sich die Lage verändert, der Jungle wurde geräumt und die Bewohner umgesiedelt. Die Einwohner Calais‘ sind geblieben, vielleicht weniger bedroht, aber genauso perspektivenlos. Carrère gelingt ein Portrait einer verlorenen Stadt wie es viele in Europa gibt und deren Bewohner maßgeblich durch ihre prekäre Lage das europäische Projekt bedrohen.

Négar Djavadi – Desorientale

négar-djavadi-desorientale
Négar Djavadi – Desorientale

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»

«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»

«Und ob ich existiere!»

«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»

Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde.