Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

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Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Schon jung hat sie ihre Mutter verloren, die offenbar aufgrund von Depressionen den Freitod wählte. Jahrzehnte lang hat sie sich gefragt, was hinter der Geschichte der eigenen Mutter steckt, doch erst im fortgeschrittenen Alter begibt sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen. Diese Suche nach der Familie und der Vergangenheit hat sie in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ festgehalten.

Entstanden ist eine recht typische Geschichte einer Familie, die einst unter den Zaren zur gebildeten Oberschicht gehörte, sogar recht vermögend war, aber durch den Übergang zum Stalinismus nicht nur an sozialem Rang verlor, sondern einem Leben ausgesetzt war, auf das sie nicht vorbereitet war. Aber umgekehrt gab es in Natascha Wodins Familie auch starke Frauen, die sich den Obrigkeiten widersetzt haben und ihren Weg gingen, die clevere Entscheidungen getroffen haben, die sie im Leben voranbrachten.

Eine Geschichte einer Familie, wie man sie in Europa tausendfach findet. Geprägt von Verlust und Vertreibung, vom Neuanfang in der Fremde, der in jeder Generation aufs Neue begangen werden muss. Auch das Schicksal der Vertriebenen aus dem Osten, die oftmals hinter den jüdischen Opfern zurückstehen und deren Leid kaum Beachtung gefunden hat.

Auch wenn die Geschichte keine wirkliche Spannung hat, bleibt das Hörbuch doch über viele Stunden hinweg fesselnd und interessant. Natascha Wodin ermöglicht sehr persönliche und private Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die auf so manche Randnotiz der Geschichte ein anderes Licht werfen.

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Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

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Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

Wie berichtet man über einen der schlimmsten Schandflecken in der Europäischen Union mit einem objektiv-neutralen Blick? Der französische Autor Emmanuel Carrère will sich aufmachen nach Calais, um dort aus dem berüchtigten „Jungle“ zu berichten, in dem tausende Flüchtlinge hausen und tagtäglich die gefährliche Überfahrt nach England wagen. Noch bevor Carrère seine Reise anritt, erhält er einen Brief von Marguerite Bellefille, vorgeblich einer Zoowärterin aus Calais, die sein Vorhaben kritisiert und infragestellt. Dies nimmt er als Ausgangspunkt, um ein Bild der Bewohner zu zeichnen, jener Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des europäischen Versagens leben.

Entstanden ist ein Bericht, der die Sorgen und Ängste der Menschen ernstnimmt, ihnen eine Stimme verleiht und den moralischen Zwiespalt aufzeigt. Calais liegt in einer wirtschaftlich schwachen Region, der größte Arbeitgeber hat schon lange die Tore geschlossen und nach dem Bau des Eurotunnels ist auch die Bedeutung des Hafens nach und nach zurückgegangen. Die alten Bewohner haben keine Perspektive, ihre Kinder suchen das Glück anderenorts und durch den schlechten Ruf des Flüchtlingslagers sind ihre Häuser wertlos geworden; ein Verkauf nicht nur unrentabel, sondern unmöglich. Dass der Front National hier leichtes Spiel hat, ist offenkundig und sogar nachvollziehbar. Einzige Einnahmequelle der Hotels nicht mehr die Sommergäste, sondern die Journalisten, die über die Misere berichten.

Carrère setzt sein Vorhaben um, er fokussiert nicht das Lager in seinem Bericht, die Begründung ist einleuchtend:

Ich werde von diesem Besuch hier nicht erzählen. Ich habe es versucht, aber es schluckt alles andere. Es nimmt sofort zu viel Raum ein, man kann es nicht in die Grenzen von ein paar Absätzen zwängen.

Nichtsdestotrotz sind sie immer da, die Bewohner des Jungles, sie sind die Kulisse vor der sich der Alltag abspielt, sie bestimmen den Rahmen und Inhalte seiner Gespräche, denn außer ihnen gibt es kaum mehr etwas zu berichten. Not und Leid der Geflüchteten sind offensichtlich, doch es gibt einen Unterschied zwischen ihrer Situation und der der Bewohner von Calais:

Die Lage eines kleinen Weißen, der in Beau-Marais von Sozialhilfe lebt, ist weniger prekär, aber in gewisser Weise verfahrener und endgültiger, und ich frage mich, ob nicht das mehr oder weniger bewusst der eigentliche Grund für sein Ressentiment ist.

Vieles ist objektiv nicht beleg- oder nachprüfbar, sondern wird von Emotionen geleitet:

Die gefühlte Unsicherheit – gefühlt, so wie man von gefühlter Kälte spricht –, wird je nach Gesprächspartner unterschiedlich angegeben. Doch selbst Leute wie meine Pierre Rabhi lesenden Freunde, die aus ideologischen Gründen dazu neigen sie herunterzuspielen, geben zu, dass eine bedrohliche Atmosphäre auf der Stadt laste.

Sind nicht nur die Geflüchteten ignoriert und vergessen, sondern auch Calais als Stadt? Es scheint so.

Inzwischen hat sich die Lage verändert, der Jungle wurde geräumt und die Bewohner umgesiedelt. Die Einwohner Calais‘ sind geblieben, vielleicht weniger bedroht, aber genauso perspektivenlos. Carrère gelingt ein Portrait einer verlorenen Stadt wie es viele in Europa gibt und deren Bewohner maßgeblich durch ihre prekäre Lage das europäische Projekt bedrohen.

Négar Djavadi – Desorientale

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Négar Djavadi – Desorientale

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»

«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»

«Und ob ich existiere!»

«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»

Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde.

Gaël Faye – Petit Pays

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Gaël Faye – Petit Pays

Anfang der 1990er Jahre, Burundi. Gabriel lebt mit seiner kleinen Schwester Ana und den Eltern in einer großen Villa. Sein Vater ist Exilfranzose aus dem Jura, seine Mutter kommt ursprünglich aus Ruanda. Das fröhliche Kinderleben wird durch die Trennung der Eltern jäh unterbrochen. Warum genau die Ehe in die Brüche ging, hat er damals nicht verstanden. Vielleicht haben sie einfach über ihre Verliebtheit übersehen, welches Erbe sie mit sich bringen und die Unterschiede ignoriert. An einem Tag plötzlich ändert sich das Leben schlagartig: die Präsidenten von Burundi und Ruanda werden ermordet, im Nachbarland Ruanda bricht der Bürgerkrieg aus und die Frage, zu welcher Ethnie man gehört wird ein entscheidender Faktor in einem multiethnischen Land.

Gaël Faye erzählt die Geschichte seines Landes, nicht seine Geschichte, wie der französische Musiker und Autor stets betont, aber eine, die von seinen eigenen Erfahrungen beeinflusst wurde. Als Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter musste er 1995 vor dem Krieg nach Frankreich fliehen.

Es sind diese Themen, die einem in den Nachrichten oftmals drohen überdrüssig zu werden, ein Bürgerkrieg weit entfernt in Afrika. Über Tage, Wochen, gar Monate scheint immer wieder dieselbe Meldung durchzukommen. Die Schicksale der Menschen dahinter bleiben oftmals verborgen oder gar vergessen. Gaël Faye gibt einen Einblick in das Leben in Burundi, das uns doch sehr fremd ist. Durch die Augen eines Kindes erleben wir den Konflikt. Diese Perspektive ermöglicht es, die großen politischen Fragen auszuklammern, dafür ist Gabriel zu klein, sie sind auch nicht interessant, das alltägliche Leben ist viel (be)greifbarer. Nichtsdestotrotz werden die wichtigen Fragen angerissen, schon im Prolog entfaltet sich ein Dialog, der – wenn die Geschichte nicht so traurig wäre – geradezu herrlich ist: der Vater erklärt den Kinder das Prinzip der Ethnien und sie stellen fest, dass Tutsi und Hutu im selben Land leben, dieselbe Sprache sprechen, denselben Gott anbeten und sich doch bekriegen. Warum? Na weil sie unterschiedliche Nasen haben, sieht man doch. Auch der Briefwechsel mit der französischen Brieffreundin lässt die Kinder in ihrer unverblümten Naivität schreiben, aus Erwachsenensicht kann man darüber sehr schmunzeln.

So wie die ganze Region durch den Ausbruch der Kämpfe erschüttert wird, ist es auch die Familie, die am Zerbrechen ist. Die Unterschiede zwischen dem französischen Vater, der sich in Afrika wohl fühlt und immer wieder betont, dass auch Frankreich nicht das Paradies ist, unterdessen aber völlig verkennt, dass er kein wirklich afrikanisches Leben lebt und der Mutter, die unter dem Exil leidet, den Wohlstand nicht genießen kann, weil sie – genau wie ihre Mutter – die Verbundenheit zu den Ahnen spürt und in der Fremde nie eine Heimat finden wird. Für die Kinder sind diese widersprüchlichen Gefühle und Aussagen oft unbegreifbar, erst später selbst in der Fremde, wird auch Gabriel bewusst, wie stark ihn und seine Gedanken das Leben in Afrika geprägt hat.

Sowohl der Erzählton wie auch die Umsetzung des Themas sind außergewöhnlich gelungen. Nicht umsonst war der Roman in der Endrunde des Prix Goncourt 2016 und wurde mit dem Goncourt des Lycéens, dem Prix du premier roman und des Prix des étudiants France Culture geehrt. Ein Stück afrikanische Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die deutsche Übersetzung wird im Oktober bei Piper erscheinen.

Mascha Dabić – Reibungsverluste

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Mascha Dabić – Reibungsverluste

Ein normaler Morgen und schon wieder ist Nora zu spät dran. Sie wird wieder nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen, einmal mehr. Dabei geht ohne sie nichts, denn sie ist die Dolmetscherin, die den Geflüchteten eine Stimme bei den Therapeuten verleiht, ihre Geschichten in verstehbare Worte verwandelt. Dabei versteht sie manchmal ihr eigenes Leben nicht. Ihre Zeit in Russland, die überstürzte Flucht nach Wien. Sie muss neutral bleiben, auch wenn sie von schlimmen Gräueltaten hört. Sie darf nicht kommentieren, auch wenn sie die Methoden der Therapeutin seltsam findet. Sie muss die Balance finden zwischen dem wörtlich Gesagten und dem Gemeinten. Und nebenbei das Chaos in ihrem eigenen Leben ordnen. Den ganzen Tag spricht sie, aber es sind nicht ihre Worte, denn das, was sie bewegt, bleibt in ihr und findet keinen Weg, in Worte gefasst zu werden.

Die Flüchtingsthematik ist nach wie vor aktuell und bestimmt die Nachrichtenlage. Zunehmend wird das Thema auch literarisch aufgegriffen und verarbeitet. Meist stehen die Geflüchteten selbst im Zentrum, wie etwa in Jenny Erpenbecks „Gehen, Ging, Gegangen“, Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“, Mohsin Hamids „Exit West“ oder in Abbas Khiders „Ohrfeige“. Diejenigen, die Mitten in diesem Prozess sind, aber hinter den Kulissen arbeiten, bleiben weitgehend auch literarisch im Hintergrund. Mascha Dabić verleiht einer Dolmetscherin eine Stimme und schildert in ähnlicher Weise die seltsame Zwischenstellung, die diese einnehmen, wie auch Shumona Sinha in „Erschlagt die Armen“.

Nora ist keine Heldin und kein Mensch, der sich der guten Sache wegen aufopfert. Das Dolmetschen hat sie nach der Rückkehr zu ihrem Beruf gemacht. Was ich sehr gelungen fand, war, dass innerhalb des Romans nebenbei mit gängigen Fehlern aufgeräumt wird, wie etwa der Tatsache, dass übersetzen und dolmetschen keine Synonyme sind, sondern zwei unterschiedliche Tätigkeiten und dass es unmöglich ist, wörtlich zu übersetzen, da dies oftmals keinen Sinn ergeben würde. Sie beschreibt das Dolmetschen als einen

„alchemischen Prozess, im Zuge dessen das Gesagte in einer bestimmten Wortkombination durch den Gehörgang in ihren Kopf eindrang und in einer anderen Form, möglichst unbeschadet und so wenig wie möglich durch Reibungsverluste in Mitleidenschaft gezogen, durch den Mund wieder verließ. Der etwaige Schaden, den der Kanal, also Noras Kopf, durch diese Transaktion möglicherweise nahm, interessierte nicht. Reibungslos sollte die Kommunikation ablaufen,”

An den russischen Beispielen zeigen sich immer wieder die Problematiken der Translationswissenschaft und wie viel kulturelles und gesellschaftliches Wissen es erfordert, das Gesagte tatsächlich zu verstehen und angemessen in der anderen Sprache wiederzugeben. Allein für diese Leistung hat der Roman schon eine Beachtung verdient.

Aber auch die Figurenzeichnung ist für mich sehr überzeugend. Nora ist nicht eindimensional, sondern gebrochen und vielschichtig. Manchmal genügt ihr auch nicht eine Sprache, um ihren emotionalen Zustand zu erfassen. Dabei verharrt sie nicht passiv und liefert sich aus, sondern unternimmt durchaus Versuche, ihr Leben emotional und organisatorisch zu sortieren. Sie ist in mancherlei Beziehung sehr typisch für ihre Generation, die Menschen um die 30, die kosmopolitisch denken und leben und sich dadurch verlieren.

Daneben die Geschichten der Geflüchteten, kleine Einblicke in ihr Leben vor der Ankunft in Deutschland, in Denkstrukturen und Ordnungsmuster, die uns völlig fremd sind und in die Schwierigkeit, sich in einem fremden Land ein Leben aufzubauen, das immer droht durch einen ablehnenden Asylbescheid von heute auf morgen beendet zu werden.

Ein beachtenswerter Roman, der einen anderen Blick auf das vorherrschende Thema der Jahre 2015 bis 2017 wirft.

Mohamed Amjahid – Unter Weißen

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Mohamed Amjahid – Unter Weißen

Wie tolerant und fremdenfreundlich ist die deutsche Gesellschaft wirklich? Nach dem großen Hype um die weltweit beachtete Willkommenskultur und der vorbildlichen Aufnahme hunderttausender Geflüchteter, stellt Mohamed Amjahid die Frage, inwieweit dieses Selbstbild der „Biodeutschen“ in der Realität Stand hält. Als Sohn marokkanischer Gastarbeiter wird er in Deutschland geboren, verlässt als Kind aber schon wieder das Land, weil seine Eltern enttäuscht waren und ihre Integrationsanstrengungen nicht den gewünschten Erfolg brachten. Das Studium führt Amjahid zurück und heute arbeitet er als Journalist für unterschiedliche Medien. Mit seinem Migrationshintergrund ist er in diesem Beruf eine Ausnahme und sein Bildungsgrad ist ebenfalls nicht repräsentativ. Umso mehr kann er jedoch den Blickwinkel des Fremden einnehmen und die oftmals unbewusste Alltagsdiskriminierung aufzeigen.

Vieles in Amjahids Buch kommt einem bekannt vor, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt hat. Dennoch ist einem nicht immer bewusst, welche Wirkung manche Aussagen auf Betroffene haben und wie schlimm diese tatsächlich wahrgenommen werden. Amjahid fokussiert hierbei nicht nur auf Ausländer, sondern stellt diese in eine Reihe mit Homosexuellen und auch Frauen, denen gleichermaßen im Alltag Diskriminierung wiederfährt.

Sehr gut nachvollziehbar für mich sind die verstörenden Erfahrungen, wenn Menschen auf sein Äußeren reagieren und z.B. in der U-Bahn ihre Tasche fester zu sich ziehen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob man dies zwingend unter offenem Rassismus verbuchen muss; vielleicht steht auch eine unbeabsichtigte Angst dahinter, die sicherlich antrainiert wurde, sich aber nicht einfach lösen lässt. Womöglich ist es vielen nicht einmal bewusst, was sie damit tun. Die Privilegien-Fragen wiederum waren erschreckend deutlich in ihrem Ausmaß und sind sehr prägnant, um zu verdeutlichen, wie stark die Herkunft über Zukunftschancen bestimmt – weit über das bekannte Klischee der Akademikerkinder, die statistisch signifikant häufiger aufs Gymnasium kommen hinaus.

Pseudohilfe in Afrika, „man wird doch mal sagen dürfen“ und „man muss das nicht so verbissen sehen“ – nein, das geht gar nicht und wird zurecht hier offen ausgesprochen. Assoziationen, die sich von klein auf eingeprägt haben und womöglich nie hinterfragt werden – hier muss jeder einzelne bei sich ansetzen.

Der Autor ist wütend und bringt dies auch zum Ausdruck. Man kann sich jetzt angegriffen fühlen und ihn als beleidigten Einzelfall abtun. Man hat aber auch die Chance, sich selbst und sein Menschenbild zu hinterfragen und zu reflektieren, wo man Schwächen hat und wie man diese vielleicht überwinden kann. Jede noch so kleine Diskriminierung, die jemandem nicht wiederfährt, ist ein Gewinn für alle.

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

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Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Aus der pfälzischen Provinz begibt sich eine Familie nicht ganz freiwillig auf eine Reise. Mit den drei Kindern im Gepäck geht es zunächst nach Südfrankreich, wo sie aufleben und das Dasein in einer Villa oberhalb der Côte d’Azur genießen. Doch das süße Leben währt nicht lange und bald schon steht die Weiterreise an, Portugal ist dieses Mal das Ziel. An den Rand Europas führt sie die Flucht und allmählich schwant den Kindern, dass diese Reise nicht ganz freiwillig ist und dass ihr liebender Vater kein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern ein gesuchter Ganove ist, der sich samt Familie vor der Polizei versteckt. Doch da droht schon wieder der nächste Aufbruch, nach Paris wird angesteuert, wo alles besser werden soll – oder doch alles plötzlich ein Ende findet?

Beim Lesen des Buchs schwankt man zwischen Entsetzen und Vergnügen. Ganz wunderbar gefällt mir der junge Erzähler, der in glaubwürdig naiver Weise seine Eltern beobachtet und vieles sieht, aber nicht verstehen oder einordnen kann. So manches schwant dem Leser recht schnell, aber es wird durch die noch kindliche Sicht auf die Dinge in eine Leichtigkeit versetzt, die einem immer wieder schmunzeln lässt. Der Vergleich mit den Klassenkameraden beispielsweise, die Markenkleidung tragen und deren Eltern hohe Posten begleiten, während er als „Sohn eines Wimpelhändlers von der Ausfallstraße“ nicht mithalten kann. Auch kann er nicht verstehen, was dieses ominöse „Dédé Air“ eigentlich ist, er vermutet ein französisches Protektorat, auch wenn dort irgendwelche Deutschen offenbar wohnen. Ein Highlight auch der Besuch des Betzenbergs mit dem Opa, der zugleich eine wichtige Lektion fürs Leben parat hat:

„Wenn um dich herum die Massen eine bestimmte Meinung haben, dann musst du auf deiner eigenen Meinung beharren. Dann ganz besonders, verstehst du? Die Masse wird dann aber meistens sauer. Und dann ist es besser, man verzieht sich.“ (Pos. 801)

Die kriminelle Energie der Eltern wird lange Zeit nicht offen thematisiert, für die Kinder ist die Reise in die Fremde spannend und ein Spaß zugleich. Dass das Verhalten verantwortungslos und indiskutabel ist, steht außer Frage; jedoch spürt man auch die Verzweiflung, der vergebliche Versuch irgendwie wieder auf die Beine zu kommen und die Sorgen von den Kindern fernzuhalten, ihnen trotz der Widrigkeiten ein gutes und sorgenfreies Leben zu bieten. In diesem Punkt kann man den Eltern kaum einen Vorwurf machen, bis zum Ende sind sie um das Wohl der drei bemüht und besorgt, aber es geht ihnen die Luft aus. Man ist kritisch ihnen gegenüber und kann doch nicht umhin, auch Sympathien zu entwickeln, gerade ob der Bauernschläue, die Vater Jürgen an den Tag legt. In Portugal erläutert er seinem Sohn sein Konzept von Wahrheit, als sie bei dem Concierge Mitleid wecken wollen. Entsetzt fragt der junge Arno, ob der Vater die Wahrheit erzählt habe: „Aber natürlich. Manchmal muss man einfach ehrlich sein. (…) – das ist doch gar nicht die Wahrheit. – Für ihn jetzt schon.“ (Pos. 3087).

Viele spannende Themen werden bei diesem ungewöhnlichen Roadtrip verarbeitet. Das Erwachsenwerden und der Blick auf die Eltern und die Realisierung, dass diese vielleicht nicht die Personen sind, für die man sie hält. Das fragile Gebilde einer Ehe, die durch die Umstände strapaziert wird. Das Zurechtfinden an anderen Orten, in anderen Ländern. Und die Frage, wieviel eine Familie aushalten kann und muss und ob es eine Grenze des Zumutbaren gibt.

Ein Roman, der gekonnt zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit balanciert.

Shumona Sinha – Erschlagt die Armen!

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Shumona Sinha – Erschlagt die Armen!

Eine junge Frau wird in Gewahrsam genommen, die hat einen Mann attackiert und verletzt. Herr K. befragt sie und sie erzählt. Von ihrer Arbeit als Übersetzerin. Als Mittlerin zwischen Asylsuchenden und Behörde, als Brücke zwischen Vergangenheit und einer möglichen Zukunft, als Beispiel für den gelungenen Anfang im neuen Land. Sie soll einfach nur die Worte wiedergeben, wie eine Maschine neutral sein und nicht kommentieren, was sie hört. Offenkundige Lügen und gut getarnte Schwindeleien, brutale Vergewaltigungen und Anweisungen der Anwälte, die richtigen Worte zu wählen, um das Verfahren nicht zu gefährden. Tagtäglich ist sie nicht nur dem Leid, sondern auch den Anfeindungen ausgesetzt, dabei soll sie unsichtbar sein und vor allem außerhalb des Büros verschwinden. Für die einen ist sie nur ein Hilfsmittel, um die Sprachbarriere zu überwinden, für die anderen ist sie der Dreh- und Angelpunkt, der über ihr Leben entscheidet und eben auch schuld ist, wenn das Verfahren nicht wie gewünscht ausgeht.

Der Titel des Romans ist schon Provokation und der folgende Text steht diesem in nichts nach. Auch wenn er auf ein Prosagedicht Charles Baudelaires zurückgeht („Assommons les pauvres!“), bleibt er doch hart und verheißt nichts Gutes. In ihrer fiktiven Erzählung greift die indisch-stämmige Shumona Sinha auf ihre realen Erfahrungen als Dolmetscherin bei der französischen Migrationsbehörde zurück. Man kann davon ausgehen, dass viele der geschilderten Episoden auf wahren Begebenheiten beruhen und Einblick in eine bisher weitgehend unbeleuchtete Perspektive in der Flüchtlingsdiskussion geben.

Sie berichtet von der Not zu lügen, denn nur wer politisch oder religiös motivierte Verfolgung in der Heimat erlebt, hat eine Chance auf ein Bleiberecht. Dass die passenden Geschichten bisweilen jeglicher Glaubwürdigkeit entbehren, die Vortragenden nicht einmal die wichtigsten Feiern ihrer vorgeblichen Religion kennen – es ist fast komisch und so geht es auch der Dolmetscherin, die ob der Absurdität einmal einen Lachanfall bekommt. Aber sie berichtet auch von der Verachtung, die ihr als Frau widerfährt, die plötzlich über das Leben von Männern entscheiden kann:

„Sie durften meine Arbeit kritisieren, weil eine echte Frau nicht arbeitet. Keine Frau, die sie von Nahem oder Weitem kannten, keine Nachbarin im Dorf, war so tief gesunken, dass sie sich der Welt aussetzte und ihren Lebensunterhalt mühevoll alleine verdiente, als gäbe es auf der Welt keine Männer mehr!“

Mehr noch als mit der gelegentlichen Verachtung hat sie mit ihrer Rolle zu kämpfen. Sie erkennt sich in diesen Menschen nicht wieder, obwohl sie aus demselben Land stammt. Sie hört tagtäglich unheimliche Geschichten, hat aber keinen Raum, um ihre eigene Last abzuladen und das gehörte wieder loszuwerden. Der Zwiespalt zwischen dem Verständnis für die Asylsuchenden, deren Situation sie nur zu gut kennt und denen sie sich verpflichtet fühlt, aber auch der Loyalität zur neuen Heimat, bringt sie in eine permanente Anspannung, die sich nicht lösen lässt und die letztlich ihre eigene Identität in Frage stellt.

Das Thema Flucht und Asyl wurde zuletzt vielfach literarisch verarbeitet, Mohsin Hamid hat mit „Exit West“ und Imbolo Mbue mit „Behold the Dreamers“ einen hervorragenden Romane hierzu geschrieben. Auch Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“, Gitta Mikatis „Berlin Beirut“ und Abbas Khiders „Ohrfeige“ beleuchten die Situation aus Sicht der Geflüchteten sehr gelungen. Shumona Sinha wählt eine gänzlich andere Perspektive und deutlich kritischere Haltung, die eine gelungene Ergänzung zur derzeit wohl populärsten Thematik darstellt ohne dabei in das Fahrwasser rechter, nationalkonservativer Gruppierungen zu geraten.

 

Gitta Mikati – Berlin Beirut. Eine Lüge zu viel.

Wenn der Krieg plötzlich Gesichter bekommt und sich schwarz und weiß in Grautöne auflösen…

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Gitta Mikati – Berlin Beirut. Eine Lüge zu viel.

Im Sommer 2011 stößt Jasmin im Garten auf die Überreste einer Leiche. Ihre Mutter und ihr Großonkel reagieren nicht sehr überrascht, ach ja, die Leiche, die hatten sie völlig vergessen. Um zu erklären, wer der Tote ist und wie er in ihrem Garten kommt, müssen Ali und Maria weit ausholen und zurück auf die 70er Jahren in Westberlin blicken. Die Zeit, als sie mit Menschenhandel und Asylbewerbern ihr Geld verdienten. Die Zeit als im Libanon Krieg herrschte und die Menschen Zuflucht in der DDR suchen. Die Zeit, als sich Maria in Mahmoud verliebte und von ihm schwanger wurde.

Gitta Mikatis Roman „Berlin-Beirut“ erzählt eine Geschichte von Schmuggel, von den brutalen Zeiten des Krieges und von dem Geld, dass mit Leben und Handel von Menschen und Asylbetrug verdient werden konnte. Die Autorin erzählt auch eine Liebesgeschichte, die voller Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft und ein legales Dasein beginnt und im schlimmstmöglichen Ausgang endet.

Am interessantesten fand ich die Beschreibungen der illegalen Wege, wie aus dem Leid und der Ausweglosigkeit eine ganze Industrie entsteht, die wie geschmiert funktioniert und offenbar auch unglaubliche Summen umsetzt. Es ist nicht schwer zu erraten, dass dieselben Mechanismen auch heute noch funktionieren dürften und die großen Flüchtlingsströme der vergangenen Monate reichlich Kohle in so manche Tasche gespült haben dürften. Jedoch werden hier im Roman den Schleusern Gesichter verliehen und sie bleiben nicht in banaler schwarz-weiß-Zeichnung als nur böse zurück. Ganz im Gegenteil, Ali und Maria sind die eher positiv besetzten Figuren, die vermeintlichen Opfer sind schließlich diejenigen, die brutal und rücksichtslos verhaftet sind in verkrusteten Familienstrukturen und Fehden, die jede Menschlichkeit vermissen lassen.