Ilija Trojanow – Doppelte Spur

Ilija Trojanow – Doppelte Spur

Ein Journalist erhält zwei kryptische Emails kurz hintereinander. Man will ihm geheime Unterlagen zuspielen. Offenbar derselbe Absender, doch nachdem er sein Interesse bekundet hat, muss er feststellen, dass ihm zeitgleich ein amerikanischer und ein russischer Whistleblower Informationen zukommen lassen. So unterschiedlich das Material auch ist, bald schon lassen sich Verbindungen ziehen, die schlimmste Befürchtungen zu untermauern scheinen: noch viel tiefer als bislang geglaubt scheinen die Präsidenten der beiden Länder in Korruption und illegale Verstrickungen verwickelt zu sein.

Ilija Trojanow greift in seinem aktuellen Roman Themen auf, die seit Jahren die Schlagzeilen dominieren: Verstrickungen Trumps mit Moskau, sein manipulierter Wahlkampf 2016, die Affäre um Jeffrey Epstein, verdächtige Geldflüsse mit zweifelhafter Rolle auch deutscher Großbanken. Man hat den Eindruck als sei das Ende des Kalten Kriegs nur eine Randnotiz der Geschichte gewesen und die Welt heute von einer Allianz aus FBI, KGB, Oligarchen und dubiosen Investoren regiert. Nicht nur lenken diese das Weltgeschehen und den internationalen Geldfluss, viel wichtiger noch: sie steuern Kommunikation und Information und entscheiden darüber, was vermeintlich wahr ist bzw. welche Variante von Wahrheit der Öffentlichkeit präsentiert und von dieser geglaubt werden soll.

„Der [Anm: der Präsident der USA] malt jede schwarze Katze rosarot. Es ist kein Betrug, wenn man nicht erwischt wird. Das interpretiert er wortwörtlich. Auch im ethischen Sinn. Wenn du nicht erwischt wirst, bist du unschuldig. (…) Da alle bescheißen, darf jeder bescheißen. Wer’s nicht tut, ist ein Trottel, schlimmer noch, ein Verlierer.“

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist fließend, gerade das Ende wirft weitere Fragen auf: der fiktive Journalist Ilija Trojanow flüchtet und versteckt sich, da er um sein Leben fürchtet. Legt er letztlich nur das schützende Mäntelchen der vermeintlichen Fiktion über das, was eigentlich wahr ist? Der Roman könnte ebenso ein Enthüllungsbuch sein. Vielleicht ist es aber auch nur die richtige Antwort auf all jene, denen mit Fakten und Tatsachen nicht beizukommen ist, die lieber an Fiktionen glauben und denen durch diese wiederum die Augen geöffnet werden sollen.

„Doppelte Spur“ ist ein doppeltes Spiel in jeder Hinsicht. Das Buch liest sich gerade in der ersten Hälfte nicht wirklich wie ein Roman, zu viele Fakten werden aneinandergereiht, um eine Grundlage für die Deutung zu schaffen. Es passt jedoch perfekt in eine Zeit, in der Fake News neben echten Nachrichten publiziert werden und jede Schlagzeile zugleich wahrgenommen wird als „könnte wahr sein – oder eben auch nicht“.  Nach dem Lesen hegt man jedenfalls nicht weniger Zweifel an dem, was einem tagtäglich präsentiert wird.

Eric Ambler – Journey into Fear [dt: Die Angst reist mit]

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Eric Ambler – Journey into Fear [dt: Die Angst reist mit]

An seinem letzten Abend in Istanbul vergnügt sich der englische Ingenieur Graham gerade mit Freunden, als ihn die Cabaret Tänzerin Josette auf einen Mann aufmerksam macht, der ihn scheinbar beobachtet. Graham kümmert sich nicht weiter darum und wird in seinem Hotelzimmer böse überrascht, da jemand direkt nach seinem Eintreten das Feuer eröffnet. Von der Polizei erfährt er, dass bereits ein Anschlag auf ihn vereitelt wurde und nun müssen seine Pläne zur Rückkehr nach England kurzerhand umdisponiert werden. Nicht mit dem Orientexpress, sondern mit einem Schiff wird er die Heimreise antreten. Es ist 1939, der Krieg steht kurz bevor und als Entwickler für Kriegswaffen stellt er ein interessantes und gefährliches Ziel für die Nazis dar. Wider Willen bewaffnet geht Graham an Board, hoffend, dass die Gefahr gebannt ist.

Eric Ambler schrieb „Journey into Fear“ 1940 unter dem Eindruck des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts, der den erklärten Antifaschisten nachhaltig schockierte. Wie auch in anderen seiner Spionageromanen ist sein Protagonist ein Durchschnittsbürger, kein Polizist, kein Spion und schon gar kein ausgefeilter Agent. Zufällig gerät er zwischen die Fronten und muss sich selbst retten, da auf Ordnungsbehörden in den Wirren Zeiten kein Verlass ist.

Typisch für Romane aus dieser Zeit folgt der Krimi einem klassischen Muster und erfüllt damit voll die Erwartungen. Die Handlung spielt sich überwiegend auf dem Schiff von Istanbul nach Genua mit kurzem Zwischenstopp in Athen ab. Graham trifft unerwartet wieder auf Josette und ihren Mann, die hoffen in Paris ein neues Engagement zu erhalten. Daneben macht er mit einem französischen Ehepaar Bekanntschaft, die den deutschen Archäologen an Bord verabscheuen. Ein türkischer Handelsreisender für Zigaretten komplettiert das Figurenensemble. Man weiß, dass mindestens einer von ihnen sicher lügen wird und unter falscher Identität reist, es dauert auch nicht lange, bis sie sich gegenseitig der Spionage und übler Absichten verdächtigen.

Es ist vermutlich seiner Zeit geschuldet, dass die einzige weibliche Figur eindimensional dumm ist, davon abgesehen liefert Ambler aber genau das, was man von einem Spionagekrimi der 1930/40er Jahre erwarten würde: fokussiert auf den Fall, klare Fronten und keine hochdramatische Action mit unnötig brutalen und langwierigen Ballerszenen, das bisschen Schießerei ist glaubwürdig motiviert und wohl dosiert.

Daniel Silva – Der russische Spion

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Daniel Silva – Der russische Spion

Ein eigentlich routinierter Fall für die Geheimdienste: ein Doppelspion will brisantes Material über die Russen liefern und dafür bei den Engländern untertauchen. Gabriel Allon und sein Team wollen ihn in Wien in Empfang nehmen und an den MI6 übergeben, doch dazu kommt es nicht, denn der Mann wird auf offener Straße erschossen. Offenbar war man in Moskau informiert und dafür gibt es nur einen Grund: in den Reihen der Briten muss es einen Maulwurf geben. Diese leugnen dies, doch für den Chef des israelischen Dienstes ist der Fall klar. Doch als sein Kandidat in Bern ums Leben kommt, kommen ihm Zweifel: ist er auf eine geschickt gelegte falsche Spur hereingefallen? Womöglich, aber an den Maulwurf glaubt er immer noch und ist bereit alles dranzusetzen, diesen aufzudecken. Er ahnt nicht, wen er ins Visier nimmt und wie schlimm der MI6 tatsächlich unterlaufen wurde.

Auch im bereits 18. Fall von Daniel Silvas Superagenten des israelischen Geheimdienstes ist dieser kein bisschen müde, sich mit den größten globalen Verbrechern anzulegen. Hat er in den letzten beiden Fällen noch die islamistischen Terroristen gejagt, steht nun ein ungewöhnlich klassischer Fall im Vordergrund. Auch wenn der Kalte Krieg seit nunmehr 30 Jahren beendet ist, taugt die Konfrontation zwischen Ost und West noch immer zu großer Unterhaltung und so ist „Der russische Spion“ ein Thriller nach dem bewährten Muster der großen britischen Agenten James Bond oder George Smiley. Nur dass es der Chef des Mossad ist, der fast im Alleingang gegen die russische Übermacht kämpft.

„Gabriel klappte seinen Aktenkoffer auf und nahm drei Gegenstände aus dem Geheimfach. Eine Geburtsurkunde, eine Heiratsurkunde und ein in der Jesus Lane in Cambridge heimlich gemachtes Foto. Übel, dacht er. Verdammt übel.“

Die Erwartungen werden einmal mehr voll erfüllt. Ein spannungsgeladener Thriller, der zunächst einige undurchschaubare Verwicklungen liefert und dann das Katz-und-Maus-Spiel eröffnet. Interessanterweise lehnt sich Silva dieses Mal an eine reale Figur an: Kim Philby, ein britischer Geheimdienstmitarbeiter, der als einer der bekanntesten Doppelagenten und Informationslieferant für die Sowjets in die Geschichte eingegangen ist. Ebenso wie dieser historisch verbriefte Fall trifft auch der Maulwurf im Thriller den englischen MI6 Mitten ins Herz und macht den Fall damit besonders brisant.

Auch wenn die vorhergehenden Fälle durchaus an aktuelle Großkrisen der Welt angelehnt waren, fand ich dieses Mal die Vermischung von Fakt und Fiktion besonders gelungen. Auch die Tatsache, dass etwas weniger geschossen und in die Luft gejagt wird, sondern die altbewährten Spionagetechniken wieder zum Einsatz kommen dürfen – Beschattung, geheime Briefkästen, heimlich übergebene Umschläge – hat mich besonders gefreut und unterstreicht, dass Silva beides liefern kann: actiongeladene rasante Geschichten ebenso wie komplexe Spionagethriller. Lassen viele Serien im Laufe der Zeit nach, würde ich hier das Gegenteil konstatieren wollen: für mich einer der besten Romane von Daniel Silva.

Jennie Rooney – Red Joan

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Jennie Rooney – Red Joan

Als Joan im Januar 2005 die Einladung zur Beerdigung von Sir William Mitchell erhält, weiß sie, dass nach all den Jahrzehnten die Wahrheit offenbar doch ans Tageslicht gekommen ist. Kurze Zeit später fährt dann auch ein Wagen vor und Ms Hart und Mr Adams informieren sie, dass dem House of Commons ihr Name als einer der russischen Agenten im Zweiten Weltkrieg mitgeteilt werden wird. Lange Tage der Befragung stehen ihr bevor, die sie zurück ins Jahr 1937 führen als sie am Newnham College in Cambridge ihr Studium der Naturwissenschaften begann. Dort lernte sie Sonya kennen, Jüdin ursprünglich aus Russland, aktuell vor den Nazis aus Deutschland geflohen, und deren Cousin Leo kennen, in den sich Joan verliebt und für den sie bereit war, ihr Vaterland zu verraten.

Jennie Rooneys Roman basiert auf der Lebensgeschichte von Melitta Stedman Norwood, die mehr als 30 Jahre als Sekretärin in einer staatlichen britischen Forschungsanstalt dem KGB wichtige Erkenntnisse über die Aktivitäten im Vereinigten Königreich geliefert hatte und erst 1999 entlarvt wurde. Die Autorin zeigt in „Red Joan“ jedoch nicht einfach wie eine junge Frau dem Charme eines russischen Agenten erliegt und für diesen zur Spionen wird, sondern lässt den Leser Joans komplexe Gedanken nachvollziehen, die einem verstehen lassen, weshalb sie sich zu diesem Schritt entschieden hat – für mich eine gut fundierte Überlegung, die weit über den Horizont von Nationalstaaten hinaus geht.

Die Handlung spielt sich auf zwei Zeitebenen ab, die Befragung innerhalb weniger Tage im Jahre 2005 und Joans Erinnerung an die Zeit ab Ende der 1930er Jahre. Als gutbehütetes Mädchen kommt sie unbedarft nach Cambridge und freundet sich mit der lebenslustigen Sonya an. So erhält sie Zugang zu politischen Debatten, die ihr zuvor fremd waren, vor allem die Exilrussen, die der Idee des Kommunismus anhängen, faszinieren sie. Auch wenn sie durch ihre Verliebtheit in Leo bisweilen den Fokus verliert, bleibt sie doch eine rationale Naturwissenschaftlerin und durchdenkt ihr Handeln. Als Mitarbeiterin Max‘ Labor ist sie bereit, Informationen zu stehlen und weiterzureichen, aber es ist die Atombombe auf Hiroshima, die für sie das entscheidende Moment darstellt: wenn nur ein Land der Welt über diese Waffe verfügt, sind dann nicht alle gefährdeter als wenn es ein Kräftegleichgewicht gibt, das sich aufhebt? Kann die gegenseitige Bedrohung nicht auch ein Garant für Frieden sein? Alle haben das Ausmaß der Zerstörung und des Leids in Japan gesehen, niemand kann sich das für sein eigenes Land wünschen.

Neben den klassischen Agenten-Geschichten wie sie John Le Carré mit seinen George Smiley Romanen oder auch Ian Fleming mit James Bond erzählen, tauchen in den letzten Jahren vermehrt auch die Geschichten um die weiblichen Agenten auf, wie etwa in Ian McEwans „Sweet Tooth“ oder Kate Atkinsons „Transcirption“. Jennie Rooneys Geschichte bietet neben den politischen Aspekten vor allem interessante Charaktere mit komplexen Beziehungen und etliche unerwartete Wendungen, sicherlich mit ein Grund dafür, dass sich die große Judy Dench als Schauspielerin für die Rolle der Joan in der 2018er Verfilmung hat gewinnen lassen.

Mick Herron – The Drop

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Mick Herron – The Drop

Solomon Dortmund knows his business; he’s been doing this for so many decades that nothing can surprise him anymore. But observing a classic drop in a café is something that rarely ever happens these days. He is sure about what he has seen and reports it back to Regent’s Park. There, this is not a total surprise since the woman involved is a double agent whom the Germans believe to be their mole with the British. But Hannah Weiss has her own agenda and she knows whom she is working for. When service analyst Lech Wicinski is doing a favour for an old acquaintance, he sets in motion a chain of events that will make himself one of the tragic victims.

Mick Herron’s The Slough House series has won several awards and was shortlisted for many more, among them the Ian Fleming Steel Dagger Award, the British Book Award and the Gold Dagger. “The Drop” – a rather short novella only slightly liked to the series – is the latest instalment of it. Yet, it is much more a classic spy novel than the rest of the series since it has in my humble view a much more traditional setting with double and triple agents and members of the service operating in the field.

There is not much to say about the plot, it is quite straight forwards without any side lines or too much detail about the characters. As a reader, you dispose of information from both sides, i.e. the English as well as the Germans, and thus can observe both services operating. It is common in those kinds of operations that innocent bystanders become necessary victims and thus, also in “The Drop” we see people fall without having made the slightest mistake. The novella mainly serves as a backstory for the latest member of the Slough House team and I liked the quick read a lot for its atmosphere of old-times spy novels.

Martin Österdahl – Der Kormoran

Der Kormoran von Martin Oesterdahl
Martin Österdahl – Der Kormoran

Mitte der 1990er Jahre entwickeln sich in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion zunehmend demokratische Strukturen. Die anstehenden Wahlen werden die erste große Probe für die junge Republik sein. Vektor, Ein schwedischer Thinktank, beobachtet die Situation und bewertet die Lage, Max und Sarah von Stockholm aus, Paschie in Sankt Petersburg. Als letztere verschwindet, schwant ihren Kollegen bereits Schlimmstes, weshalb sich Max in die russische Metropole aufmacht. Eigentlich hat er dafür keine Zeit, denn gerade ist er einen entscheidenden Schritt weitergekommen bei der Frage, was 1944 geschehen ist und wie diese Ereignisse mit ihm und seiner Familien in Verbindung stehen. Doch er liebt Paschie und ihre Sicherheit hat Vorrang. Die letzte Nachricht der jungen Frau war kryptisch, was hat sie entdeckt? Max ahnt nicht, dass sie sich mit einem mächtigen Gegner angelegt hat, für den die neue Zeitrechnung noch nicht begonnen hat und dem zahlreiche Verbündete zur Verfügung stehen.

Martin Österdahls Thriller „Der Kormoran“ baut auf klassischen Mustern wie dem Ost-West-Konflikt, offenen alten Rechnungen und einer Armada von Geheimagenten, die den Staat unterwandern. Österdahl setzt diese jedoch geschickt ein und hat so einen überzeugenden und mitreißenden Roman geschaffen, der an Komplexität und Tempo schwer zu überbieten ist. Das Debüt des Historikers, der lange für das schwedische Fernsehen gearbeitet hat, ist der Auftakt einer Trilogie um Max Anger.

Im Wesentlichen treiben zwei Rätsel die Handlung des Thrillers voran: einerseits die privaten Ermittlungen Max Angers, die wesentlich mit den Ereignissen gegen Ende des zweiten Weltkrieges zu tun haben und immer wieder in Form von historischen Einschüben präsentiert werden und langsam erahnen lassen, welche Auswirkungen die alten Machenschaften auf die aktuelle Lage haben. Im Vordergrund steht jedoch ein großer russischer Plot, der sowohl politisch wie auch wirtschaftlich motiviert ist und sich modernster Technik bedient. Als Nebeneffekt wird hierbei die Fragilität der russischen Republik zu Ausgang des 20. Jahrhunderts deutlich, die grundlegend für die Entwicklungen nach der Jahrtausendwende waren. Beide Handlungsstränge werden glaubhaft miteinander verknüpft und sauber gelöst.

Insgesamt ein runder Thriller, der mit einem starken Protagonisten punktet und sich vor der großen skandinavischen Konkurrenz in keiner Weise verstecken muss. Die Tatsache, dass nicht nur persönliche Motive zu einer Serie von Morden führen, sondern ein komplexes Geflecht von Aspekten hinter dem Agieren der Figuren steht, das zudem historisch glaubhaft eingebettet wird, hebt ihn deutlich von der Masse der Neuerscheinungen im Genre ab.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.