Rebecca Makkai – Die Optimisten

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Rebecca Makkai – Die Optimisten

„Sie hatte so viele Schuldgefühle, wenn sie an ihre Freunde zurückdachte – sie wünschte, sie hätte einige von ihnen überredet, sich früher testen zu lassen, wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen (…)“

 2015, Fiona sucht nach ihrer Tochter, schon seit Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihr, jetzt gibt es Hinweise darauf, dass sie sich in Paris aufhalten könnte. Während der Suche quartiert sie sich bei ihren alten Freunden ein, die sie schon in den 80er Jahren kannte, als es in Chicago eine Gruppe von jungen Künstlern gab, vorwiegend Männer und schwul, die nicht nur die Liebe zur Kunst teilten, sondern auch die Angst vor dem noch unbekannten, todbringenden Virus, der nach und nach den Kreis der Freunde dezimierte, unter anderem auch Fionas Bruder Nico und ihren guten Freund Yale. Zwischen Erinnerungen an die damalige Zeit und der Nachforschungen nach Claire muss sich Fiona der Frage stellen, was sie in ihrem Leben richtig und falsch gemacht hat und vor allem, wie sie die Verbindung zu ihrer eigenen Tochter verlieren konnte.

Rebecca Makkais dritter Roman gehörte 2018 zu einem der erfolgreichsten Bücher des Jahres und war unter anderem Finalist für den Pulitzer Prize in der Kategorie Fiction. Es ist eine berauschende Geschichte, die voller Leben und voller Leben in Angst vor dem Tod ist. Viele Figuren existieren nur noch in der Erinnerung und gleichzeitig fällt es jenen, die zeitgleich leben schwer, zueinander zu finden. Auf mehreren Ebenen angesiedelt – 2015 sucht Fiona nach ihrer Tochter in Paris, 1985 lebt die Kunst-Clique in Chicago, Nora erinnert sich an die Zeit der 1920er in Paris im Kreis der großen Maler und Autoren – zeigen sich wiederkehrende Verhaltensweisen und das Leben in Angst wird gespiegelt. Das verbindende Element ist fraglos die Kunst, denn diese überdauert und kann gestern wie heute Emotionen auslösen, Momente konservieren und vergessene Episoden wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorbringen.

Sowohl die Nachwehen des 1. Weltkrieges wie auch die Anschläge auf das Bataclan 2015 sind nur die Leinwand, auf der die Handlung und das Lebensgefühl gezeichnet werden. Sie verschwinden unter dem Leben der Figuren, verblassen und bilden nur mehr einen Schatten. Ganz anders sieht die Bedrohung durch das noch unbekannte und damit unkontrollierbare AIDS Virus der 1980er Jahre aus.  Dieses lässt sich nicht verdrängen oder übermalen, geradezu übermächtig bestimmt es immer wieder die Gedankenwelt der Figuren und lässt sich nur kurz vergessen, um zu leben.

Eine ausdrucksstarke Erzählung, die mich stark an Donna Tartt oder auch Paul Auster erinnert. „Die Optimisten“ steht durch und durch in der Tradition der Great American Novel, denn Makkai fängt überzeugend den Geist und das Lebensgefühl der 80er Jahre Kunstszene ein. Zwischen einerseits großer Begeisterung für die Malerei oder auch Fotografie und Film und andererseits der lähmenden Angst vor der unheilbaren Immunschwäche, liefern sich Leben und Sterben einen Wettkampf, der jedoch das irdische Dasein überdauert und sowohl in den Werken, der Erinnerung wie auch in den Nachkommen letztlich fortbesteht.

Vielschichtig und komplex, dabei wunderbar erzählt – ein Buch, das tief bewegt.

Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

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Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

Ihr Leben lang hat sie mit Worten gearbeitet, als Journalistin und Korrektorin, doch nun entweichen sie ihr, verschwinden einfach, die falschen tauchen auf, wo sie nicht sollen. Michèle Seld, genannt Michka, muss sich der Wahrheit stellen: sie kann nicht mehr alleine wohnen, muss ihre Unabhängigkeit aufgeben. Marie, um die sich Michka häufig gekümmert hat als das Mädchen klein war, ist nun diejenige, die sich um Michka kümmert und sie ins Wohnheim begleitet. Die Umstellung fällt der alten Dame schwer, sie entwickelt Wahnvorstellungen, fühlt sich vom Personal und den anderen Bewohnern bedroht und wird zunehmend ängstlicher. Aber einen Wunsch hat sie noch, so viel kann sie dem Logopäden Jérôme mitteilen: sie will denjenigen danken, die sie einst gerettet und beschützt haben.

Delphine de Vigan hat mit ihrem Roman „Dankbarkeiten“ eine Hommage an all jene geschrieben, die die Alten und Gebrechlichen nicht vergessen, sondern sie in den letzten Jahren zugewandt und fürsorglich begleiten, um den Abschied vom Leben möglichst angenehm zu gestalten. Wie schwer dieser Weg für die Betroffenen ist, wird am Beispiel von Michka unmittelbar klar. Das, was ihr besonders wichtig war, droht sie nun zu verlieren: den scharfen Verstand, die Worte, die Kommunikationsfähigkeit mit der Welt. All dies ist aber kein Grund, das Wesentliche zwischen den Menschen zu vergessen, Michka hält durch, bis erledigt ist, was noch getan werden muss: Dank aussprechen.

Ein kurzer Roman, der viele offenen Stellen bietet, die man als Leser füllen kann. Wie will man seinen Lebensabend zubringen, wie geht man damit um, wenn man seine Eigenständigkeit verliert und auf andere angewiesen ist? Allein die Hilflosigkeit ist schon gedanklich schwer zu ertragen, ebenso das vertraute Umfeld verlassen zu müssen, um in fremder Umgebung mit fremden Menschen leben zu müssen und das zu einem Zeitpunkt, wo man sich an alles Bekannte klammert, weil dies noch Halt bietet.

Die Gespräche zwischen Michka und Jérôme bringen aber auch diesen zum Nachdenken. So manches Porzellan wird zu Lebzeiten zerschlagen, aber kann und sollte man nicht über den Scherben stehen? Es braucht vielleicht die Erkenntnis, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, um diesen Punkt zu erreichen.

Michkas Aphasie wirkt natürlich bisweilen charmant, gerade dieses stelle ich mir jedoch als besonders belastend vor. Zwar kompensieren Marie und Jérôme hervorragend, aber das Gefühl sich zunehmend nicht mehr verständlich zu machen und selbst auch die Welt nur noch begrenzt zu verstehen, schmerzt doch ungeheuerlich. Ihre Lebensgeschichte wird nur angerissen, das Schicksal des jüdischen Mädchens, das gerettet werden konnte, trotz aller Widrigkeiten. Es wäre eine interessante Geschichte gewesen und genau dadurch, dass Delphine de Vigan sie nicht erzählt, wird umso deutlicher, was wir verlieren, wenn wir den Menschen nicht zuhören und ihre Erinnerungen nicht bewahren. Auch wenn man den Roman recht rasch gelesen hat, ist er doch einer, der noch nachwirkt und bei einem bleibt, auch wenn die letzte Seite umgeblättert wurde.

Peter Zantingh – Nach Mattias

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Peter Zantingh – Nach Mattias

Mattias ist nicht mehr da. So selbstverständlich er früher Teil ihres Lebens war, müssen sie nun die Lücke füllen, die er hinterlässt. Wer war er? Was macht der Verlust mit jenen, die jetzt ohne ihn weiterleben müssen? Seine Freundin, die das Fahrrad in Empfang nehmen muss, das er noch bestellt hatte; die Großeltern, die sich nichts mehr zu sagen haben und so die Trauer auch nicht zum Ausdruck bringen können; der Freund, der langsam erblindet und mit dem er noch Pläne für ein gemeinsames Café hatte; die Mutter, die gar nicht begreifen kann, was da geschehen ist. Immer mehr Figuren kommen in ihrer Trauer und Wut zu Wort, um das zum Ausdruck zu bringen, was in ihnen los ist und ihre ganz persönliche Verbindung zu Mattias zu schildern, jetzt, wo er kein Teil ihres Lebens mehr ist.

Es gibt viele Bücher, in denen der Tod und Verlust eines geliebten Menschen im Fokus steht. Peter Zantingh hat einen ganz eigenen Weg gefunden, das Thema umzusetzen. Es ist omnipräsent ohne jedoch ausschließlich zu dominieren, der Autor erfasst genau das, was mit jenen passiert, deren Leben weitergeht und nicht einfach stehenbleibt, um dieses Ereignis zu begreifen und verarbeiten. Die Welt dreht sich weiter, sie müssen den Alltag bewältigen, teils banale Dinge tun und können nicht einfach stehenbleiben und innehalten. Dieser neue Gedanke ebenso wie das Nichts, das jetzt den Platz von Mattias eingenommen hat, sind auch da, drängen Mal nach vorne, halten sich mal im Hintergrund, sind aber nun Bestandteil ihrer alltäglichen Realität.

Es gibt Fragen im Leben, auf die es keine Antworten gibt. Warum ist etwas geschehen, warum hat es gerade ihn oder sie getroffen, wie soll es jetzt weitergehen? Sie haben entweder keine Antwort oder ganz viele, da jeder eine eigene für sich selbst finden muss. Genau das müssen Peter Zantinghs Figuren auch. So verschieden ihre Beziehung zu Mattias war, so verschieden sind auch ihre Wege mit der Trauer umzugehen und die Emotionen, die der Verlust mit sich bringt. Sie alle haben Erinnerungen, aber diese könnten unterschiedlicher kaum sein.

„Beim Saubermachen stieß ich ein Buch, in dem er gelesen hatte, von der Fensterbank. Auf dem Fußboden fiel das Lesezeichen heraus. Darüber habe ich eine Stunde lang geheult. Weil ich nun nicht mehr wusste, auf welcher Seite er gewesen war.“

Was vielleicht unter der Last des Kummers zu erdrücken droht, gelingt Zantingh auf eine Weise einzufangen, die einem mitfühlen lässt, aber nicht beklemmt. Gerade diese kleinen Momente, die einem in so einer Ausnahmesituation verzweifeln lassen, beschreibt er und bringt so etwas Urmenschliches hervor, das man gut nachvollziehen kann und doch bisweilen als Außenstehender womöglich leicht einmal abtut.

Die vielen Gesichter der Trauer werden feinsinnig und sensibel geschildert und irgendwie bleibt doch der Gedanke, dass es weitergeht, das mit dem Tod nicht alles aufhört, denn Mattias leben weiter in ihren Gedanken und Erinnerungen.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Pascal Mercier – Das Gewicht der Worte

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Pascal Mercier – Das Gewicht der Worte

Und plötzlich ist nicht nur der Körper gelähmt, sondern auch die Stimme ist weg. Er kann die Worte nicht mehr sagen, die doch sein Leben bedeuten. Der Engländer Simon Leyland kommt in Triest in die Klinik, doch die Hoffnung, dass der Anfall nur eine Migraine accompagnée sei, wird durch den untrüglichen Blick des Arztes zunichtegemacht. Da ist etwas in seinem Kopf, dass da nicht hingehört und mehr als ein paar Monate werden dem Verleger und Übersetzer nicht mehr bleiben. Er erinnert sich zurück an die Zeit mit seiner Frau Livia, als sie mit den Kindern in London wohnten, dann nach dem Tod von Livias Vater und der Übernahme seines Verlages nach Triest kamen, einer seiner Sehnsuchtsstädte, denn als Junge schon stand Simon vor einer Karte und beschloss, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden und nun sollte er direkt an dieses ziehen. Mit der Diagnose jedoch geht das Leben, wie er es kannte zu Ende. Womöglich jedoch ist da aber noch ein Fünkchen Hoffnung darauf, dass er eine Chance auf ein zweites bekommt und jemand zu ihm sagt „Welcome home, Sir!“.

Pascal Mercier, schriftstellerisches Pseudonym des Schweizer Philosophen Peter Bieri, ist ein Virtuose im Umgang mit Worten. Sein aktueller Roman ist eine Hommage an alle Liebhaber der Literatur und Linguistik, denn im Zentrum der Gedanken seines Protagonisten stehen die Worte mit ihren Bedeutungen, Konnotationen und den Emotionen, die sie auslösen, sowie die Frage, ob man den Gedanken einer Sprache adäquat auch in einer anderen wiedergeben kann und wo sich letztlich die Grenze der Sprache befindet. Es ist eine Reise durch die Literatur und die Sprachen des Mittelmeerraums, die eingebunden ist in eine Handlung voller Schmerz, Trauer und Hoffnung gleichermaßen.

Man kann den Inhalt kaum angemessen zusammenfassen, einerseits ob der Fülle der Gedankengänge, die sich um die perfekte Übersetzung und den vollkommenen Ausdruck drehen, andererseits ohne einen wesentlichen Aspekt der Handlung vorwegzunehmen, der für Leyland essentiell werden wird. Es gibt ein Vorher, vor dem Anfall, als sein Leben geprägt ist durch Jagd nach Worten und von Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, denen allerlei fremde Worte eigen sind und die sie mit ihm teilen. Es gibt aber auch ein Danach, als plötzlich die Menschen viel mehr in seinen Blick geraten und aller Fatalität zum Trotz immer ein Neubeginn möglich scheint.

Den knapp 600 Seiten langen Roman liest Markus Hoffmann in über 22 Stunden mit einer leisen und prononcierten Stimme, die hervorragend als Erzählstimme von Simon Leyland gewählt ist. So gerne man ihm zuhört, liegen hier aber für mich auch die einzigen beiden Kritikpunkte: ich hätte mir gewünscht, dass seine fremdsprachigen Einwürfe ebenso flüssig klingen wie die deutsche Stimme, aber leider wirken sein Englisch wie auch sein Italienisch oder das portugiesische Vorwort sehr angestrengt und bemüht. So sehr mich der Roman begeisterte und ich den mäandernden Überlegungen Leylands folgte, so ist das Hörbuch doch etwas zu lange und irgendwann wünscht man sich doch ein etwas zielgerichteteres Erzählen ohne die zahlreichen Wiederholungen bereits geschilderter Episoden.

Carmen Buttjer – Levi

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Carmen Buttjer – Levi

Ein Zelt auf dem Dach ist sein neues Zuhause. Und das seiner Mutter. In der Urne. Die er bei ihrer Beerdigung einfach mitgenommen hat, als er weglief. Nun sitzt Levi wenige Stockwerke über der Wohnung, in der nur noch sein Vater ist, der ihm schon immer fremd war, den er jetzt aber gar nicht mehr erkennt. Zum Glück hat er noch den Kioskbesitzer Kolja, der den 11-Jährigen mit seiner Trauer annimmt, denn davon versteht der ehemalige Fotojournalist und Kriegsberichterstatter viel. Auch in Vincent findet er einen Verbündeten, der mit ihm durch die Stadt zieht und ihn nicht wie ein Kind behandelt. Aber immer wieder kehrt die Angst zurück, vor dem, der ihm seine Mutter genommen hat. Es muss ein wildes Tier gewesen sein, ein Tiger vermutlich. Gesehen hat er ihn nicht, denn er schlief nur wenige Schritte entfernt unter dem Schreibtisch, aber er konnte ihn spüren und wird nun von ihm verfolgt.

Carmen Buttjers Debutroman ist eine lustig-traurige Geschichte, die das Schlimmste in Worte fasst, wofür Kinder keine Worte haben und was sie nicht begreifen können: den Tod eines Elternteils. Aber nicht nur den Kindern geht es so und das ist der Autorin sehr überzeugend gelungen zu verdeutlichen: auch der Vater und Ehemann kann mit der Situation nicht umgehen, ist überfordert, traurig, verzweifelt und kann nicht begreifen, was gerade geschieht. Diese beiden ebenso wie die Nachbarn Kolja und Vincent tragen den Roman, die Handlung wird nebensächlich, fast so wie die Zeit anhält, wenn einem ein solcher Schicksalsschlag widerfährt.

Die Geschichte spielt sich immer wieder zwischen den konstanten Fixpunkten Wohnung – Zeltlager – Kiosk und dem Herumstreunen in der Großstadt ab. Zu oft ist Levi bereits umgezogen als dass es seine Stadt wäre, sie ist ihm sogar erschreckend fremd. Dies mag auch die Absenz aller Gleichaltrigen erklären. Rastlosigkeit wechselt sich mit erschöpftem Zusammensinken ab, Levis Seelenzustand wird durch sein Handeln gespiegelt. Die Erwachsenen können keinen Trost spenden, sie kommen selbst mit ihren eigenen Emotionen und dem Tod nicht klar. Die Flucht in die Fantasiewelt ist da der einzige Ausweg, die Vorstellung von bösen Tieren macht es leichter, das Unglück zu ertragen.

So traurig Anlass und Seelenzustand der Figuren sind, so leicht wirkt der Roman oft, lässt einem immer mal auch Schmunzeln und an das Gute im Menschen glauben. Levis typisch kindlicher Umgang mit der Situation hat ebenso Charme wie es einen berührt zu sehen, wie er versucht die Situation zu begreifen. Der Blick durch die Augen des 11-Jährigen ist Carmen Buttjer hervorragend gelungen, wie sich vor allem auch an dessen Erinnerungen zeigt, die eindeutig demonstrieren, dass Erwachsene sich noch so sehr bemühen können, Dinge von den Kindern fernzuhalten, dies gelingt selten und sie bekommen viel mehr mit (und ab) als man möchte.

„Levi“ ist vieles, Großstadtroman, Coming-of-Age, vor allem aber eine gelungene Umsetzung eines ausgesprochen schwierigen Themas.

Isabel Bogdan – Laufen

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Isabel Bogdan – Laufen

Vielleicht hilft Laufen ja, deshalb läuft sie einfach los. So wie früher, nur jetzt ohne Kondition. So muss sie sich erst einmal nur auf ihren Körper konzentrieren und kann alles andere vergessen. Das Andere, das ist Johann. War Johann. Ihr Partner, der sich das Leben genommen hat und sie allein zurückließ. Während sie ihre Runden um die Hamburger Alster dreht, kreisen ihre Gedanken über ihr Leben jetzt wieder allein. Die Anzeichen der Depression, die sie nicht erkannt hat, das Leben, das sie zusammen noch führen wollten, vielleicht sogar Kinder. Die Stunden bei der Therapeutin, die ihr helfen wenn auch nicht zu verstehen, dann doch damit umzugehen. Das Leben, das von einem auf den anderen Tag völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Jeder Schritt, den sie läuft, ist auch ein Schritt in Richtung eines Lebens, das sie neu gestalten muss und schließlich auch gestalten will.

Isabel Bogdans Buch „Laufen“ ist eine große Überraschung, wenn man ein ähnliches Werk wie ihren Roman „Der Pfau“ erwartet hat. Kein feiner, geradezu britischer Humor erwartet den Leser, sondern der Gedankenstrom einer Frau, die versucht ihr Leben zu sortieren und ein unbegreifliches Ereignis zu begreifen. Sie beginnt mit kleinen Schritten, manchmal muss sie auch Rückschritte machen, aber letztlich geht es nach vorne.

„Deine Eltern tun, als wäre es meine Schuld, dabei mache ich mir die Vorwürfe doch schon selbst, und das ist überhaupt das Schwierigste, mir nicht selbst die Schuld zu geben(…)“

„Laufen“ ist ein sehr intimes Buch, das sich rein im Kopf der Erzählerin abspielt, dies hat Isabel Bogdan aber hervorragend eingefangen. Die vielen Arten negativer Emotionen, die sie durchläuft – Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Aufgebenwollen, Verärgerung – werden spürbar und wirken nur allzu menschlich. Am schlimmsten wiegen die Selbstvorwürfe, die Überzeugung, dass sie das Unausweichliche hätte womöglich verhindern können, dabei gibt es nichts, was sie der Depression wirklich hätte entgegensetzen können. Neben dieser emotionalen Last, wiegt auch der Alltag schwer, der neu organisiert werden muss und dem doch ganz entscheidendes fehlt: der Mann an ihrer Seite.

„Manchmal, wenn es nachts schlimm ist, lege ich mir die zweite Bettdecke darüber, nicht weil mir kalt ist, sondern weil das zusätzliche Gewicht etwas Tröstliches hat.“

Mit präzisem Blick fängt sie die Kleinigkeiten ein, die sich plötzlich verändern und beinahe zur unüberwindbaren Hürde werden können. Auch das Verhalten der Menschen – ganz schlimm: Johanns Eltern – muss sie aushalten und sich in der veränderten Situation zu ihnen positionieren.

Trotz der Thematik, die von unheimlich viel Schmerz geprägt ist, hat mich das Buch begeistert. Es fällt nicht schwer, in den Kopf der Protagonistin zu klettern und sie auf ihrem Weg um die Alster und zurück ins Leben zu begleiten. Die Gedanken wirken authentisch und lebendig, das immer wieder Kreisen um dieselben Fragen, auf die es keine Antworten gibt, und schließlich die zaghaften Versuche sich wieder zu öffnen für die Welt. Ein einfühlsames Buch, das sicher auch viel Trost zu spenden vermag und verdeutlicht, wie fragil all das ist, was für feste Größen in unserem Leben halten.

Katharine Dion – Die Angehörigen

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Katharine Dion – Die Angehörigen

Maida ist gestorben. Fast fünf Jahrzehnte haben sie und Gene Ashe gemeinsam verbracht, die Tochter erzogen und mit den Freunden Ed und Gayle Freud und Leid geteilt. Jetzt steht Gene alleine da, vor einer völlig ungewohnten, neuen Situation. Es ist als wenn wirklich ein Teil von ihm fehlen würde, so sehr waren sie zusammengewachsen, eingespielt aufeinander, haben sie sich auch ohne große Worte verstanden. Doch was soll er nun hier auf Erden ohne Maida? Sein Umfeld ahnt, dass das Alleinsein eine Herausforderung wird und kümmert sich um Gene – mehr jedoch als ihm lieb ist, denn eigentlich genieß er es, seinen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit nachzuhängen.

Katharine Dions Debütroman verspricht eine schmerzliche Introspektion nach dem unerwarteten Verlust des geliebten Partners zu werden. Wie kann man ein Leben weiterführen nach so vielen Jahren Zweisamkeit, wie mit der neuen Einsamkeit umgehen? Wie reagieren Freunde und Familie auf die veränderte Lage, wenn aus einem Paar plötzlich wieder ein Individuum wird? Was ein psychologisch interessanter Einblick hätte werden können, verliert sich in Banalitäten und Belanglosigkeiten und lässt das, was der plötzliche Tod mit den Hinterbliebenen macht, völlig außer Acht. Leider eine große Chance vertan.

Der Roman beginnt mit den Vorbereitungen für die Trauerfeier. Man hätte erwartet, dass dies ein besonders emotionaler Moment für Gene, Maidas Ehemann, und für Dary, ihre gemeinsame Tochter ist. Doch erstaunlicherweise bleiben sie ebenso wie alle anderen Figuren seltsam emotionslos, geradezu abgestumpft,  wo sie doch einen geliebten Menschen, der ihr Leben bis dato maßgeblich bestimmte, verabschieden. Für mich löst sich diese Diskrepanz nicht auf, sie wirkt umso verstörender als dass all die Erinnerungen an Maida geweckt werden und ihre großartige Art und Menschenzugewandtheit betont wird. Dies ist für mich letztlich auch der größte Kritikpunkt. Ja, man könnte vermuten, dass Gene in einer Art Schockstarre ist, diese überwindet er aber recht schnell mit seiner Haushälterin. Für mich bleibt offen, ob die Autorin die Figuren derart abgestumpft skizzieren wollte oder ob einfach bei mir nichts angekommen ist.

Durch die Rückblicke entsteht ein Bild von Maida, das jedoch keinerlei Überraschungen bietet. Eine nette, höfliche Frau. Es gab keine wirklichen Ausreißer, keine gut gehüteten Geheimnisse werden gelüftet. Und genauso wie das Portrait der Verstorbenen eine gewisse Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit beschreibt, bleibt für mich der ganze Roman irgendwie belang- und bedeutungslos. Nett erzählt zwar, aber ohne mich zu berühren, ohne aufzurütteln, ohne zum Denken anzuregen. Leider eine Geschichte, die sobald man das Buch am Ende zugeschlagen hat schon beginnt im Vergessen zu versinken.

Melanie Raabe – Der Schatten

Der Schatten von Melanie Raabe
Melanie Raabe – Der Schatten

Nach der Trennung von ihrem Freund sucht sich Norah nicht nur eine neue Wohnung, sondern nimmt auch ein Jobangebot in Wien, weit entfernt von Berlin, an. An einem ihrer ersten Tage begegnet der Journalistin eine Bettlerin, die ihr prophezeit, am 11. Februar einen Mann namens Arthur Grimm töten zu werden. Dies an sich wäre schon verstörend genug, aber der 11.2. ist zudem just der Tag, an dem ihre beste Freundin Valerie Selbstmord begangen hatte. Norah ist bestürzt und als in ihrer neuen Wohnung ominöse Dinge vor sich gehen – Gegenstände verschwinden, dafür tauchen andere auf – und sie sich zudem von Arthur Grimm, den sie zwischenzeitlich ausfindig gemacht hat, latent bedroht fühlt, kommt sie mehr und mehr zu der Überzeugung, dass die Bettlerin nicht gesponnen hat, sondern etwas Wahres an der Geschichte sein muss. Der Countdown läuft und das Datum nähert sich unheilvoll – würde sie wirklich einen Mord begehen können? Aber warum?

Melanie Raabes dritter Thriller spielt einmal mehr mit Wahrheit und Fiktion und vermischt geschickt Wirklichkeit und Einbildung. Was deuten wir nur in einer bestimmten Weise, weil wir regelrecht darauf konditioniert sind, alles in ein passendes Schema zu packen, und was ist eigentlich in der Realität ganz als wir es uns erklären? Ihre Protagonistin Norah läuft genau in diese Falle und wir als Leser rennen ihr hinterher.

Die Spannung des Romans wird vor allem durch zwei Aspekte befeuert: zum einen ist offenkundig, dass jemand Norah bedroht, jedoch bleibt bis zum Ende im Dunkeln, woher diese Bedrohung kommt und welche Motivation die Person hierfür hat. Auch zu welchen drastischen Taten sie bereit sein wird, ist nicht klar; sind die Unfälle wirklich nur Unglücke oder steckt doch mehr dahinter? Der zweite Faktor ist die Zeit. Die Handlung spielt innerhalb weniger Tage und läuft zielgerichtet auf das unheilvolle Datum zu. Man weiß, dass etwas geschehen wird, nur was genau bleibt unklar.

Die Lösung des Falls kam für mich mit einiger Überraschung, war jedoch nachvollziehbar motiviert und konstruiert. Insgesamt eine stimmige Geschichte, die zahlreiche Gedankenspiele zulässt, wie sich alles in ein stimmiges Bild fügen könnte und es schafft, lange mit der tatsächlichen Auflösung zu warten. Vermutlich wäre ich noch einen Tacken mehr gepackt gewesen, wäre die Protagonistin mir sympathischer gewesen, leider fand ich sie von Beginn an ziemlich überheblich und egoistisch, was mein Mitgefühl mit ihrer Lage nicht allzu groß werden ließ. Melanie Raabe gelingt eine deutliche Steigerung zum Vorgänger und lässt die Erwartungen an weitere Roman steigen.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autorin finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Sophie Daull – Adieu, mein Kind

Adieu mein Kind von Sophie Daull
Sophie Daull – Adieu, mein Kind

Am 9. Januar 2014 beginnt Sophie Daull zu schreiben. Eine Woche nachdem sie ihre Tochter mit nur 16 Jahren begraben musste. Sie will die letzten Tage nachzeichnen, die vier Tage im Kampf gegen den Tod und die Tage danach bis zur Beerdigung. Sie wird vier Monate brauchen alle Erinnerungen niederzuschreiben. Von der Annahme einer belanglosen Grippe, ärgerlich so kurz vor Weihnachten, über die zunehmenden Schmerzen, die Abweisung der Ärzte im Krankenhaus bis hin zum dem unvermeidlichen Tod, den Vorbereitungen auf die Beisetzung und das Loch, das folgt, wenn man einen geliebten Menschen verliert.

Sophie Daulls Geschichte ist tatsächlich kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht über die letzten Tage mit ihrer Tochter Camille und die ersten Wochen ohne sie. Fassungslos liest man von der Hilflosigkeit der Eltern, die den Kampf der Tochter zu Hause mitansehen müssen und die keinerlei Unterstützung erfahren, sondern mit einem Paracetamol Rezept in der Hand regelrecht aus der Klinik geworfen werden. Die Todesursache bleibt auch nach der Obduktion diffus, vermutlich Bakterien, aber das spielt eigentlich schon keine Rolle mehr.

Sie muss feststellen: „Für uns gibt es keine Bezeichnung. Wir sind weder Verwitwete noch Waisen. Es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben.“ Im Internet findet sie den Vorschlag „Lebender Toter“, der die Leere, die die Eltern empfinden, das geradezu Zombie-hafte Dasein, recht treffend beschreibt, die Tage ganz ohne Erinnerung.

Sophie Daull hat sich all ihre Trauer von der Seele geschrieben. Bemerkenswert daran ist, dass sie schon vorher einmal vom Schicksal schwer getroffen wurde, im Buch wird dies in einem Nebensatz erwähnt: im Februar 1985, als sie 20 Jahre alt war, fand sie ihre Mutter vergewaltigt und mit unzähligen Messerstichen ermordet von ihrem damaligen Lebensgefährten. Diese Erfahrung, sagt die Autorin in einem Interview, habe sie überhaupt nur in die Lage versetzt, den Tod ihrer Tochter zu ertragen. Das Schreiben half ihr nicht nur loszulassen, sondern auch die Erinnerung davor zu bewahren, damit sich nicht alles im Vergessen auflöst.

Ein ungewöhnlicher Bericht einer starken Frau, die diesen ihrer Mutter widmete. Beide Male war es das Theater, das die Schauspielerin rettete und das ihr wieder neuen Mut gab, um weiterzuleben.

Emmanuel Carrère – D’Autres Vies Que La Mienne

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Emmanuel Carrère – D’autres vies que la mienne

Es sind zwei einschneidende Erlebnisse, die den Autor Emmanuel Carrère dazu bringen, den Roman „D’autres vies que la mienne“ zu verfassen: erst erlebt er bei dem verheerenden Tsunami 2004, wie ein befreundetes Ehepaar seine Tochter verliert, dann stirbt seine Schwägerin an Krebs und hinterlässt drei kleine Töchter. Irgendwer fordert ihn auf, er sei doch Autor, weshalb schreibt er nicht die Tragödien auf, die sich vor seinen Augen abspielen? Er wird Jahre brauchen für die Aufzeichnungen, emotional ist dies sowohl für ihn wie auch für seine Gesprächspartner kein leichtes Unterfangen. Das Buch erzählt wahre Geschichten, daher auch passend der deutsche Titel: „Alles ist wahr“.

Emmanuel Carrère beginnt seinen Bericht denn mit dem tatsächlichen chronologisch passenden Ausgangspunkt in Sri Lanka 2004. Die Erlebnisse der Überlebenden gehen einem nahe. Ohne dass der Autor selbst direkt von der Welle betroffen gewesen wäre und einen geliebten Menschen verloren hätte, wird das Leid und die Trauer derer, die nicht so viel Glück hatten, doch förmlich greifbar. Man ahnt noch nicht, dass dies noch einer der leichteren Berichte im Buch sein wird.

Die Geschichte seiner Schwägerin Juliette und ihres Kollegen Étienne sind vielschichtiger und noch greifbarer. Hat der Tsunami weltweit einen Schrecken eingejagt, sind dies nun die Geschichten des Alltags, die sich um uns herum abspielen. Juliette und Étienne sind schon als junge Menschen vom Krebs getroffen und tragen offenkundige Zeichen der Krankheit mit sich. Das bringt sie einander näher, denn sie teilen ein Schicksal und können miteinander mit einer Offenheit sprechen, die sie zu keinem anderen Menschen finden. Dies gibt ihnen aber auch die Stärke, ihren Beruf als Richter in einer ganz bestimmten Weise zu verstehen und das Leben, das ihnen wieder geschenkt wurde, nützlich zu verbringen: sie kämpfen für diejenigen, die alleine für ihre Rechte nicht einstehen können.

Als sich abzeichnet, dass Juliette nicht mehr lange wird leben können, beginnt der am schwersten zu ertragende Teil des Buches. Ihr Mann Patrice berichtet von ihrem Kennenlernen, wie sie ihre Familie gegründet haben, von der Verbindung, die trotz aller Widersprüche zwischen ihnen bestand und von den schlimmen Tagen und Stunden am Ende von Juliettes Leben. Wie sich die Familie und Étienne verabschiedet haben, die Beerdigung und den drei Töchtern, die mit dem Verlust ebenfalls klarkommen müssen.

Diese Passagen gehen nicht spurlos an einem vorbei. Es ist bewundernswert, wie Carrère es schafft, die Gefühle von Patrice wiederzugeben ohne voyeuristisch zu wirken. Er schlachtet das Schicksal nicht aus, sondern findet die richtigen Worte, um der Zuneigung und gleichsam dem Schmerz Ausdruck zu verleihen.