Rückblick 2019 – Ausblick 2020

2019weltkarte

2019 ist Geschichte, Zeit für einen Rückblick. Gelesen habe ich viel, mehr als erwartet und ich frage mich, woher ich die Zeit genommen habe. Interessanter jedoch als die Menge ist der Blick auf die Weltkarte mit den Handlungsorten, auf der fast alle gelesenen Bücher vermerkt sind. Wie auch in den letzten Jahren fällt auf:

  • Europa und Nordamerika dominieren drastisch
  • Südamerika, Afrika, Asien und Ozeanien sind kaum vertreten

Ein genauerer Blick auf Europa und Nordamerika:

2019europa

2019Nordamerika

Und siehe da, auch hier keine Überraschung und so ziemlich dasselbe Bild wie in den letzten Jahren:

  • eine große Konzentration auf Frankreich (Paris) und England (London)
  • der skandinavische/nordeuropäische Krimi hinterlässt seine Spuren
  • Osteuropa ist ein weißes Feld
  • die amerikanische Ostküste ist deutlich mehr vertreten als Kanada oder der Rest der USA

Ziele für 2020 daher nicht in Zahlen, sondern geografisch:

  • wieder alle Kontinente belesen
  • mehr aus Afrika, Südamerika, Asien
  • als Gastland der Buchmesse wird Kanada in den Fokus genommen, stellt sich für mich noch die spannende Frage, wie es mit französischsprachiger Literatur aus dem Land aussieht. Es gibt hoffentlich viel zu entdecken.

Jahresrückblick 2018

Am letzten Tag des Jahres drängt sich ein Rückblick auf das vergangene Lesejahr natürlich auf. Wenn man viele verschiedene Genre liest, lässt sich nicht so leicht sagen, was denn nun das beste war, daher meine Top 3 für unterschiedliche Kategorien, wobei ich bei manchen locker zwei oder gar dreimal so viele herausragende Bücher gelesen habe. Die Nennung ist daher auch nicht als Ranking zu verstehen.

Kategorie: Was war das für ein Geräusch, ich hatte doch abgeschlossen, oder?

Jo Nesbo – The Snowman

Ein skandinavischer Thriller, der genau das alles bietet, was man von ihm erwartet.

Tito Topin – Casablanca im Fieber

Ein klassischer crime noir, der vor allem von der aufgeheizten Atmosphäre Casablancas lebt.

You-Jeong Jeong – The good son

Das vermutlich verstörendste Buch, das vor allem auch durch seine sehr asiatische Schreibart besticht.

Kategorie: Wo sind die Taschentücher, ich brauch Taschentücher!

Frederik Backman – Us Against You

Ich neige nicht zu großer Gefühlsduselei beim Lesen, aber Backman hat mich dann doch in den emotionalen Ausnahmezustand versetzt.

Emmanuel Carrère – D’autres vies que la mienne

Carrère steht Backman in nichts nach. Eine unglaublich traurige Geschichte.

Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

Macht eher wütend als traurig, selten sind fiktive Gedankengänge so authentisch niedergeschrieben.

Kategorie: Komm, lies mir was vor

Liane Moriarty – Nine Perfect Strangers

Nachdem sie mich zuletzt etwas enttäuscht hatte, konnte mich Liane Moriarty mit diesem Buch wieder restlos packen.

Volker Kutscher – Der nasse Fisch

Es hat eigentlich keines weiteren Beweises bedurft, dass das öffentlich-rechtliche Radioprogramm in Deutschland hervorragende Hörspiele produziert. Die Umsetzung vom Volker Kutschers Roman ist aber ganz klar das Beste, was man im Radio wohl jemals hören konnte.

Robert Harris – Fatherland

Der amerikanische Meister des historischen Stoffes bleibt sich auch hier treu.

Kategorie: Bücher, die die Welt erklären

Jan Stocklassa – Stieg Larssons Erbe

Mir war der Olof Palme Mord nur rudimentär präsent, aber nicht nur in diesem nach wie vor ungeklärten Mordfall gab es für mich viele bislang unbekannte Aspekte, sondern vor allem die Person Stieg Larssons bekam für mich gänzlich neue Facetten.

Artur Isarin – Blasse Helden

Kann man Russland 2018 verstehen ohne das, was nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in dem Land vor sich ging? Nein. Und Artur Isarins Reise in die 1990er sind trotz aller Fiktionalität ausgesprochen erhellend hierfür.

Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

Ich schätze Mangold als Literaturkritiker, der treffsicher kein Blatt vor den Mund nimmt. Hier mal eine ganz andere Seite von ihm, die den Menschen hinter dem Kritiker zeigt.

Kategorie: Was passiert da gerade nebenan?

Delphine de Vigan – Loyalitäten

Seit vielen Jahren schon schätze ich Delphine de Vigan, mit ihrem kurzen Roman beweist sie einmal mehr, dass sie einen Blick für den Rand unserer Gesellschaft hat und dahin schaut, wo andere den Kopf abwenden.

Tommy Orange – There there

Wer schon immer mal versuchen wollte, die Kultur und vor allem Gedankengänge der Natives nachzuvollziehen, kommt an diesem Roman schwerlich vorbei.

Michael Donkor – Hold

Noch eine junge Stimme, die im englischsprachigen Raum völlig zu Recht 2018 mit viel Jubel begrüßt wurde.

Kategorie: Die alternative Realität ist irgendwie auch nicht besser

Karin Boye – Kallocain

Weshalb dieser Roman seit Jahrzehnten in den Schubladen verstaubte, ist mir ein Rätsel. Er gehört aber sofort in den sch8ulsichen Kanon und zur Pflichtlektüre gemacht.

Timur Vermes – Die Hungrigen und die Satten

Der humoristische Beitrag zur Flüchtlingsdebatte, der einem jedoch den Atem stocken lässt.

Andreas Eschbach – NSA

Wie gut, dass so manche Technik erst Jahrzehnte später entwickelt wurde…

Kategorie: Was Leichtes für Zwischendurch

Oyikan Braithwaite – My Sister the Serial Killer

Das Buch erzählt genau das, was der Titel ankündigt.

Jo Piazza – Charlotte Walsh likes to win

Man kann stutzig werden, wenn die Werbemaschinerie für ein Buch allzu offensiv ist. Das hätte dieses gar nicht nötig, denn es zeigt den Wahlkampfalltag einer Politikerin hautnah.

 Zaza Burchuladze – Der aufblasbare Engel

Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, Georgien, hat so einiges an beachtenswerten Romane nach Deutschland gebracht. Dazu gehört diese absurde Geschichte auch ganz unbedingt.

Kategorie: Für ein Jugendbuch ist man doch nie zu alt

Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

Ein schräger Titel, der nur ahnen lässt, wie sehr der Inhalt zum Schmunzeln einlädt.

Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Ohne Frage, der Preis für das Jugendbuch des Jahres hat dieser Titel ganz klar verdient.

Sorj Chalandon – Retour à Killybegs

sorj-chalandon-retour-a-killybegs
Sorj Chalandon – Retour à Killybegs

Dezember 2006, Tyrone Meehan kehrt zu seinem Geburtsort in Killybegs zurück. Mit 81 Jahren will er abschließen und erzählen, was noch zu erzählen bleibt. Doch er ist dort nicht erwünscht, schon kurz nach seiner Ankunft erhält er Besuch der örtlichen Polizei, die ihn warnt, dass er aufpassen möge, aber das weiß Tyrone Meehan schon. Er ist ein Verräter und die will man nicht haben. Wie konnte es dazu kommen? Wann hat er sich der IRA angeschlossen? Vermutlich war er immer Mitglied, wie sein Vater schon vor ihm, der sein Leben dem Kampf gewidmet hatte. Auch Tyrone wird zu einer Ikone des Unabhängigkeitskampfes und des geforderten wiedervereinten Irlands, aber er trägt ein Geheimnis mit sich und das macht ihn erpressbar. Der ärgste Feind weiß davon und nutzt es aus, um ihn so in eine nicht auflösbare Zwickmühle zu bringen.

Killybegs ist ein irisches Dorf in County Donegal, das von der Fischerei geprägt ist. Im Norden, unweit der Grenze zu Nordirland gelegen, war es auch nie weit entfernt von den Feinden, von denen Sorg Chalandons Roman handelt. Die Geschichte wurde inspiriert von Denis Martin Donaldson, einem IRA Kämpfer und Sinn Féin Abgeordneten, der 2005 als Informant des MI5 geoutet und später ermordet wurde. Chalandon war über viele Jahrzehnte Journalist für die Libération und hat unter anderem über den Nordirlandkonflikt berichtet, weshalb dieses Thema ihn schon vor dem Roman lange Zeit begleitete. Sein Wissen, das man aus jeder Zeile herauslesen kann, und die überzeugende sprachliche Umsetzung haben ihm den renommierten Grand Prix du roman de L’Académie française eingebracht.

Von außen ist der Nordirlandkonflikt kaum nachvollziehbar, was auch daran liegt, dass er lange Zeit auf eine Konfrontation zwischen Katholiken und Protestanten reduziert wurde, was die eigentlichen Ursachen und tieferliegenden Gründe in keiner Weise trifft. „Retour à Killybegs“ erzählt nicht nur die Lebensgeschichte eines Mannes, exemplarisch für viele überzeugte Anhänger des Untergrundkampfes, sondern zeichnet auch die Entwicklungen nach und lässt leicht nachvollziehen, weshalb die Friedensverhandlungen so schwierig waren. Tyrone Meehan ist dabei kein eindimensionaler Radikaler, der blind für die Sache kämpft, er ist reflektiert, zwiegespalten, besorgt um die nachfolgende Generation und straft die Reduktion der IRA auf rücksichtslose gewaltbereite Spinner Lügen.

Ein Mann am Ende seines Lebens. Trotz der Tatsache, dass er ein Terrorist war und Menschen getötet hat, kann er Sympathien wecken. Man versteht, was ihn angetrieben hat und vor allem sieht man auch die andere Seite, die ihn viel menschlicher erscheinen lässt als dies Nachrichtenmeldungen je tun könnten. Ein bemerkenswerter Roman mit einem außergewöhnlichen Protagonisten.