Leon De Winter – SuperTex

leon de winter supertex
Leon De Winter – SuperTex

Weil seine unfähige Sekretärin eine Akte vertauscht hat, kann Max Breslauer jetzt den wichtigen Anruf nicht tätigen und muss am Samstagmorgen ins Büro. In seinem Porsche rast er mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch Amsterdam und fährt prompt einen chassidischen Jungen an. Wie kann er als Jude überhaupt zu dieser Zeit in einem Auto sitzen, noch dazu in einem Porsche? Plötzlich bricht alles über ihn herein und er ruft Dr. Jansen an, eine Psychologin, bei der er schon einmal in Behandlung war. Er drängt sie, den ganzen Tag für ihn zu reservieren und auf der Couch kommt er tatsächlich nicht nur ins Reden, sondern muss sich seinem ganzen Leben stellen: der komplizierten Beziehung zu seinem Vater, der das SuperText Imperium aufgebaut hatte, das er jetzt leitet; seine gescheiterte Beziehung zu Esther und das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Boy. Was steckt hinter der Fassade Max Breslauer, dem erfolgreichen Unternehmer?

Leon de Winters Roman erschien bereits Anfang der 1990er Jahre auf Niederländisch, doch der Text hat nichts von seiner Aussagekraft verloren. Ganz im Gegenteil, für mich zeigt sich gerade in diesem Buch de Winters die besondere Stäke des Welt-Literatur- und Buber-Rosenzweig-Medaillen-Preisträgers: er lässt die großen Fragen des Lebens in einem einzigen Augenblick kulminieren und führt vor allem die Spannung zwischen weltlichem und religiösem Leben und der Bedeutung der Wurzeln zu einem grandiosen Höhepunkt. Interessant, wenn auch unbeantwortet, bleibt dabei die Frage, wie viel von de Winter selbst in seinem Protagonisten steckt. Ganz sicher jedoch steckt in dem Roman sehr viel jüdischer Humor und Ironie, die hervorragend mit der Melodramatik der Handlung austariert sind.

Max Breslauer ist – genau wie sein Vater – fast schon eine Karikatur des wohlhabenden Juden: wirtschaftlich erfolgreich, selbstherrlich; arrogant und jähzornig gegenüber anderen und rücksichtslos, wenn es ums Geschäft geht. Doppelmoral wird von beiden entspannt gelebt: geheiratet wird nur ein jüdisches Mädchen, mit wem man daneben noch das Bett teilt, ist weniger relevant; Regeln des Kashrut werden eher nach Bedarf ausgelegt denn befolgt; wenn es der Sache jedoch dient, kann man sich auch zügig wieder seiner jüdischen Herkunft besinnen und die Erlebnisse des Holocaust als Argumentationsschleuder verwenden. Dies entlässt Max jedoch nicht aus dem schwierigen Verhältnis zu dem Familienoberhaupt, das einst als einziger das Konzentrationslager überlebt hat. Sind es zunächst typisch pubertäre Streitigkeiten, führen die Auseinandersetzungen jedoch schließlich so weit, dass der Sohn beinahe zum Vatermörder wird.

Über den Bruder erfährt man zunächst nur, dass dieser in Casablanca sitzt, die ehemalige Partnerin ist nach Israel geflohen. Es scheint als wenn Max ein Händchen für komplizierte Beziehungen hätte, die sich vor allem dadurch lösen lassen, dass die anderen davonlaufen. Doch der Tag der Läuterung ist bereits angebrochen und auch wenn weitere Rückschläge noch an selbigem drohen, ist der Wandlungsprozess nicht mehr aufzuhalten.

Ganz herrliche Szenen hat de Winter in seinem Roman geschaffen – allein das Essen beim ersten Besuch der Freundin erinnert fast einen Sketsch aus Loriots Hand – auch die Erkenntnis des Protagonisten führt über eine gehörige Portion Selbstironie. So wird das analytische Gespräch zu einer unterhaltsamen Angelegenheit und bleibt trotz der Tragik leicht im Ton.

Peter Zantingh – Nach Mattias

peter-zantingh-nach-Mattias
Peter Zantingh – Nach Mattias

Mattias ist nicht mehr da. So selbstverständlich er früher Teil ihres Lebens war, müssen sie nun die Lücke füllen, die er hinterlässt. Wer war er? Was macht der Verlust mit jenen, die jetzt ohne ihn weiterleben müssen? Seine Freundin, die das Fahrrad in Empfang nehmen muss, das er noch bestellt hatte; die Großeltern, die sich nichts mehr zu sagen haben und so die Trauer auch nicht zum Ausdruck bringen können; der Freund, der langsam erblindet und mit dem er noch Pläne für ein gemeinsames Café hatte; die Mutter, die gar nicht begreifen kann, was da geschehen ist. Immer mehr Figuren kommen in ihrer Trauer und Wut zu Wort, um das zum Ausdruck zu bringen, was in ihnen los ist und ihre ganz persönliche Verbindung zu Mattias zu schildern, jetzt, wo er kein Teil ihres Lebens mehr ist.

Es gibt viele Bücher, in denen der Tod und Verlust eines geliebten Menschen im Fokus steht. Peter Zantingh hat einen ganz eigenen Weg gefunden, das Thema umzusetzen. Es ist omnipräsent ohne jedoch ausschließlich zu dominieren, der Autor erfasst genau das, was mit jenen passiert, deren Leben weitergeht und nicht einfach stehenbleibt, um dieses Ereignis zu begreifen und verarbeiten. Die Welt dreht sich weiter, sie müssen den Alltag bewältigen, teils banale Dinge tun und können nicht einfach stehenbleiben und innehalten. Dieser neue Gedanke ebenso wie das Nichts, das jetzt den Platz von Mattias eingenommen hat, sind auch da, drängen Mal nach vorne, halten sich mal im Hintergrund, sind aber nun Bestandteil ihrer alltäglichen Realität.

Es gibt Fragen im Leben, auf die es keine Antworten gibt. Warum ist etwas geschehen, warum hat es gerade ihn oder sie getroffen, wie soll es jetzt weitergehen? Sie haben entweder keine Antwort oder ganz viele, da jeder eine eigene für sich selbst finden muss. Genau das müssen Peter Zantinghs Figuren auch. So verschieden ihre Beziehung zu Mattias war, so verschieden sind auch ihre Wege mit der Trauer umzugehen und die Emotionen, die der Verlust mit sich bringt. Sie alle haben Erinnerungen, aber diese könnten unterschiedlicher kaum sein.

„Beim Saubermachen stieß ich ein Buch, in dem er gelesen hatte, von der Fensterbank. Auf dem Fußboden fiel das Lesezeichen heraus. Darüber habe ich eine Stunde lang geheult. Weil ich nun nicht mehr wusste, auf welcher Seite er gewesen war.“

Was vielleicht unter der Last des Kummers zu erdrücken droht, gelingt Zantingh auf eine Weise einzufangen, die einem mitfühlen lässt, aber nicht beklemmt. Gerade diese kleinen Momente, die einem in so einer Ausnahmesituation verzweifeln lassen, beschreibt er und bringt so etwas Urmenschliches hervor, das man gut nachvollziehen kann und doch bisweilen als Außenstehender womöglich leicht einmal abtut.

Die vielen Gesichter der Trauer werden feinsinnig und sensibel geschildert und irgendwie bleibt doch der Gedanke, dass es weitergeht, das mit dem Tod nicht alles aufhört, denn Mattias leben weiter in ihren Gedanken und Erinnerungen.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Peter Middendorp – Du gehörst mir

Peter-middendorp-du-gehörst-mir
Peter Middendorp – Du gehörst mir

Tille Storkema wächst in einem niederländischen Dorf auf einem abgeschiedenen Bauernhof auf. Seine Eltern leben so, wie es seit Generationen der Fall war, bestimmt durch den Wechsel der Jahreszeiten, dem natürlichen Gang der Dinge folgend. Als er Ada kennenlernt, wirbelt diese sein Leben durcheinander, sie hinterfragt die nie in Frage gestellten Regeln, fügt sich letztlich aber in die kleine Gemeinschaft ein, denn so etwas wie Familie hat sie selbst nie kennengelernt und vielleicht ist das der Preis für ein Zuhause. Doch dann geschieht etwas, das Tille als er bereits Vater ist, von seinem üblichen Weg abbringt. Ein junges Mädchen, eine Wiese, ein Verbrechen. Doch er wird nicht gefasst. Zwei Jugendliche Asylbewerber verdächtigt man. Und Tille muss mit der Schuld leben.

Schon wenn man den ersten Satz von Peter Middendorps Roman liest, ist einem klar, dass der Autor seine Leser nicht schonen wird. Mit dem grausamen Unfall mit dem Mähdrescher, der Tilles Vater beinahe das Leben gekostet hätte, beginnt die Geschichte und legt den Grundstein für die völlige Verstörung des Jungen, die in dessen Erwachsenenleben erst richtig dramatische Züge annehmen wird. Der Blick in den Kopf eines Mannes, dessen Horizont begrenzt ist, der nie aus seinem Dorf herausgekommen ist und an dem jede Entwicklung vorbeigegangen ist. Keine leichte Lektüre und bisweilen grenzwertig bis verstörend.

Der Roman basiert lose auf dem Mord an der 16-jährigen Marianne Vaatstra, die 1999 in der Nähe ihres Elternhauses in Zwaagwesteinde vergewaltigt und ermordet wurde und deren Tod zu Ausschreitungen gegenüber den Bewohnern eines Asylbewerberheims führten. Der Täter wurde erst 2012 dank einer großangelegten DNA Analyse ausfindig gemacht. Bis dahin lebte der Bauer unbehelligt in der Nähe des Tatortes. Bei der Verhandlung sagte er aus, dass ihm, als er das Mädchen auf dem Fahrrad sah, plötzlich der Gedanke „Du gehörst mir“ durch den Kopf geschossen war und er nicht anders handeln konnte.

Middendorp findet die passende Sprache für dieses verstörende Verbrechen, für diesen gestörten Protagonisten. Starke Parallelen zur Natur ruft er hervor, um die Verbundenheit der Bauernfamilie zu unterstreichen; kurze Sätze und knappe Dialoge versinnbildlichen das schlichte Gemüt Tilles, der das Geschehen als Unfall sieht, der leider unvermeidlich war. Unfälle passieren halt, ohne dass jemand etwas dafür könnte. Ein schockierendes Buch, das so manchem Leser auch schwer zusetzen dürfte.

Judith Visser – Mein Leben als Sonntagskind

judith-visser-mein-leben-als-sonntagskind
Judith Visser – Mein Leben als Sonntagskind

Jasmijn ist kein ganz normales Mädchen zu Beginn der 80er Jahre in Rotterdam. Sie ist lieber für sich alleine, Lärm und grelles Licht lösen Migränen aus und zu ihren Mitmenschen findet sie nur schwer Kontakt. Ihre Mitschüler finden sie sonderbar, geradezu arrogant, weil sie sich immer absondert. Was stimmt mit diesem stillen Mädchen nicht? Jasmijn und ihre Familie wissen es auch nicht, sie war schon immer so, nur ihr Hund Senta scheint sie zu verstehen. Je älter sie wird, desto auffälliger ist ihr Verhalten, aber für Jasmijn ist alles in Ordnung, so lange niemand ihre Routinen stört und sie sich zurückziehen kann.

Als Leser weiß man recht schnell, weshalb Jasmijn in einer anderen Welt lebt und ihre Wahrnehmung so sehr von der ihrer Mitmenschen abweicht. Sie ist als Autistin recht funktional, hat aber ihre Grenzen, die sie auch nicht überschreiten kann. Dank verständnisvoller Eltern kann sie sich entwickeln und sie halten ihr den Rücken frei, auch wenn sie sie immer wieder zu „normalem“ Verhalten ermuntern, üben sie doch keinen großen Druck auf sie aus, was ein Glücksfall ist.

Die Entwicklungsstörungen im Autismus-Spektrum sind für mein Empfinden in den letzten Jahren immer weiter in den gesellschaftlichen Fokus gerückt und haben das einseitige Bild von „Rain Man“ abgelöst. Auch in der Literatur wird das Thema zunehmend aufgegriffen, was ich sehr begrüße, da es Einblick in die Wahrnehmung der Betroffenen gibt und ein vielfältiges Bild der Entwicklungsstörung zeigt. Es sind keine völlig verschrobenen Außenseiter, ganz im Gegenteil, viele Leben wie Jasmijn – oder auch die Autorin selbst – Jahrzehnte ohne Diagnose und Verständnis ihrer Umwelt.

Jasmijn wird authentisch geschildert, vor allem ihre Wahrnehmungen als kleines Kind sind leicht nachvollziehbar und verdeutlichen, weshalb unsere Umwelt mit all den akustischen, optischen und olfaktorischen Eindrücken sie erschlagen. Die fehlende Filterfunktion des Gehirns muss zu einer Überforderung führen, die im Buch sehr deutlich wird. Auch wie sie mit Hilfe von Comics versucht Emotionen in Gesichtern lesen zu lernen oder dass sie sich immer wieder aktiv ins Gedächtnis rufen muss, dass sie ihre Gesprächspartner ansehen muss, zeigen, wie anstrengend der Alltag sich für Autisten gestaltet und welche unterbewussten Mechanismen von ihnen mühsam aktiv angesteuert werden müssen.

Ein liebenswerter Einblick in eine andere Welt, den ich nur nachdrücklich empfehlen kann.

Catherine Ryan Howard – Ich bringe dir die Nacht

catherine-ryan-howard-ich-bring-dir-die-nacht
Catherine Ryan Howard – Ich bringe dir die Nacht

Nichts hat Alison weniger erwartet als Besuch von der Polizei. Von der irischen Polizei und das, wo sie seit zehn Jahren in den Niederlanden lebt. Nach den schrecklichen Vorfällen war sie geflohen und hat sich mühsam ein neues Leben aufgebaut und versucht zu vergessen. Doch jetzt beginnt alles scheinbar von Neuem. Der so genannte Kanalkiller von Dublin hat wieder zugeschlagen, aber eigentlich sitzt dieser doch im Gefängnis? Sie selbst hatte auch keine Zweifel mehr an der Schuld ihres Freundes Will, nachdem dieser die Morde an den Studentinnen gestanden hatte. Doch nun werfen die neuerlichen Tötungen Fragen auf und Will möchte reden, aber nur mit einer einzigen Person: mit Alison. Ist er womöglich doch unschuldig?

Catherine Ryan Howards zweiter Krimi war einer der erfolgreichsten Titel im angloamerikanischen Raum 2018. Es braucht nur wenige Seiten, um dies nachvollziehen zu können: die Autorin packt einem vom ersten Moment und man ist derart gefesselt von der Geschichte, dass man den Roman kaum beiseite legen möchte. Ein Thriller, der zwar durchaus bekannte Muster zeigt, aber dennoch überraschen kann und unerwartete Wendungen aufbietet.

Auf zwei Zeitebenen werden die Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit erzählt. Interessant dabei bleibt, dass manche der Figuren doch so zweideutig und vage bleiben, dass man bis zur letzten Seite nicht sicher ist, ob man ihnen trauen kann oder ob sie ein falsches Spiel spielen. Die Protagonistin Alison bleibt dabei als 19-jährige Studentin etwas unbedarft und naiv und ist auch zehn Jahre später nicht viel weiter. Nichtsdestotrotz trägt die Figur die Handlung überzeugend und man kann ihr emotionales Hin-und-Hergerissen-sein sehr gut nachvollziehen.

Der Fall ist plausibel konstruiert und clever spielt die Autorin mit den Wissenslücken und voreiligen Deutungen der Figuren, um so nicht nur ihre Charaktere in zweifelhaftem Licht erscheinen zu lassen, sondern auch dem Leser einige Fährten zu legen, denen man bereitwillig folgt.

Kein Thriller, der an die Grenzen der Nervenanspannung geht, aber der Schreibstil hält die Ungeduld und Vorahnung konstant oben und lässt sowohl das Setting wie auch die Figuren authentisch und glaubhaft wirken. Es braucht keine brutalen Szenen mit detailreichen Schilderungen von Verletzungen und dem Aussehen der Leichen, um spannungsreich gut zu unterhalten.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Donat Blum – Opoe

donat-blum-opoe
Donat Blum – Opoe

Wer war eigentlich die Frau, die familientechnisch seine Großmutter ist, die er aber kaum kannte, die auch seiner Mutter Antonia ein Leben lang fremd blieb? Nur ab und an besuchten sie sie, aber erst als sie nicht mehr da ist, wird ihre Bedeutung offenkundig. Donat reist ihr nach, in die Niederlande, die sie einst für ihren Mann Max verließ, um mit ihm in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen. In den Alpen, wo sie stets eine Fremde geblieben war. Ein Lebensentwurf, der heute undenkbar wäre und das, wo so viel mehr Lebensentwürfe gesellschaftlich toleriert sind – stellt sich die Frage, wie will er selbst leben, welche Art von Partnerschaft haben, Kinder trotz der Homosexualität? Eine Reise zurück und nach vorne.

Donat Blum, ein Schweizer Literat, der bislang eher kürzere Texte verfasste und als Moderator tätig ist, vermischt in seinem kurzen Roman die Geschichte von Opoe mit jener des Erzählers, wobei offen bleibt, inwieweit diese autobiografisch geprägt und beeinflusst sind. Aufgrund der völlig verschiedenen Themen und Lebensfragen, ist es nicht ganz einfach, beides unter einen Hut zu bringen.

Ausgangspunkt ist Opoe, die Niederländerin, die nach dem Krieg einen großen Schritt wagte: mit einem jüngeren Mann eine Beziehung einzugehen, noch dazu einem Schweizer, sich mit ihm in dessen Heimat niederzulassen und mutig ein Geschäft zu eröffnen. Der Preis war hoch, denn die gemeinsame Tochter blieb in den ersten Lebensjahren in den Niederlanden, fern der Eltern. Sowohl geschäftlich wie auch privat laufen die Unternehmungen nicht wie geplant, der Blumenladen schließt und sowohl die Dorfbewohner wie auch die Schwiegereltern sehen in ihr nur die Fremde. Sie wird Jahre brauchen sich zu etwas freizuschwimmen, doch der Geist der Zeit will es, dass sie abhängig bleibt, finanziell wie auch als Ehefrau: ihren Lohn als Verkäuferin gibt sie ihrem Mann ab und seine regelmäßigen Besuche bei einer anderen Frau nimmt sie kommentarlos hin.

Der Enkel führt hingegen eine Partnerschaft, die von Offenheit und Unabhängigkeit geprägt ist – doch auch hier ist der Preis hoch, denn die Exklusivität der Paarbeziehung fehlt. Die Sicherheit und das Versprechen zueinanderzustehen, in guten wie in schlechten Zeiten, sie werden dem Hedonismus geopfert. Die Bitte eines befreundeten lesbischen Pärchens nicht nur biologischer, sondern auch teilhabender Vater eines Kindes zu werde, wirft neue Fragen auf: gibt es noch definierte Familienrollen? Können die auch anders und dennoch gut sein?

Der Roman reißt viele interessanten und relevanten Fragen an, bisweilen habe ich mich jedoch etwas verloren gefühlt, zu sprunghaft und wenig stringent erschien mir die Erzählung. Auch wenn die Großmutter als Namensgebering fungierte, verliert der Erzähler sie immer wieder aus den Augen und fokussiert auf seinen eigenen Sorgen. Der Roman hat für mein Empfinden einen stark essayistischen Charakter, der gut zu den modernen Abschnitten passt, deren Lebensentwürfe sich in kein Schema pressen lassen und so auch literarisch in passender Weise wiedergegeben werden. Dahinter tritt die Geschichte der mutigen Frau jedoch leider stark in den Hintergrund.

Sprachlich hat mir der Roman gut gefallen, mit klaren und schnörkellosen Worten erzählt Donat Blum, lässt Raum für eigene Gedanken und so ist der Roman vielleicht unmittelbar nach dem Lesen noch nicht ganz zu erfassen, da er noch Zeit zum Nachwirken braucht.

Ein herzlicher Dank geht an die Ullstein Buchverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Herman Koch – Der Graben

herman-koch-der-graben
Herman Koch – Der Graben

Als Bürgermeister von Amsterdam steht er ständig im Blick der Öffentlichkeit, aber damit kann Robert Walter entspannt umgehen, er ist wie geschaffen für diesen Posten und kaum einer könnte ihm da das Wasser reichen. Doch dann gerät seine Selbstsicherheit ins Wanken, er beobachtet wie seine Frau beim Neujahrsempfang mit dem Dezernenten Maarten van Hoogstraten spricht und glaubt eine ungewöhnliche Vertrautheit zwischen beiden zu erkennen. Als er sich dazugesellt, ist das Gespräch sofort beendet und Maarten verabschiedet sich. Haben die beiden eine Affäre? So etwas kann er sich nicht erlauben, wissen es vielleicht schon alle und keiner traut sich, dem gehörten Ehemann etwas zu erzählen? Er beschließt seine Frau genau zu beobachten, so einfach kann man ihn nicht hinters Licht führen. Doch das ist nicht das einzige Ereignis, das ihn herausfordert: sein Vater kündigt an, dass seine Eltern beschlossen haben ihrem Leben ein Ende zu setzen, man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist.

„Der Graben“ beginnt mit dem bekannt bissigen Ton Herman Kochs. Seinem Protagonisten und Erzähler mangelt es nicht an Selbstüberschätzung und das lässt er den Leser auch gerne wissen. Niemand kann so leicht spontane Reden halten wie er:

„Ich bin, was man einen »begnadeten Redner« nennt, falsche Bescheidenheit wäre da völlig fehl am Platz. Ich finde immer den richtigen Ton“

Überhaupt ist er wie geschaffen für den Posten als Bürgermeister der Hauptstadt, genaugenommen wäre er auch der bessere Ministerpräsident. Aber man darf nicht vergessen, dass so etwas auch seine Schattenseiten hat:

„Es ist anstrengend, überall der selbstverständliche Mittelpunkt zu sein. Der Motor jeden Gesprächs. Das mag arrogant klingen, ist aber schlicht mein Alltag.“

Und als Beweis dafür, wie bedeutsam er ist, führt er an, dass er selbst vor einigen Jahren zum Ziel von Attentätern wurde und auf einer „Todesliste“ auftauchte, was ihm monatelangen Personenschutz bescherte: Es gab eine erkennbare Trennlinie zwischen denen,

„ohne die in diesem Land nichts lief, und denen, die ganz offensichtlich so unbedeutend waren, dass man sie ruhig am Leben lassen konnte. Ich kann nicht leugnen, dass es mir beim Lesen meines eigenen Namens genauso erging. Ich spiele eine Rolle in der Gesellschaft, dachte ich. Man will mich aus dem Weg räumen.”

Es ist herrlich, diese ausufernden bescheidenen Selbstbeschreibungen zu lesen – nicht zu vergessen der Verweis auf das Wikipedia Profil, wo sich weitere Details zu seiner politischen Karriere nachlesen lassen.

Doch nach und nach bekommt das Bild Risse und beginnt zu bröckeln. Auch wenn er sich noch so sehr bemüht seine Frau zu beobachten und sich völlig natürlich zu geben, bleibt der erfolgreiche Beweis für das Fremdgehen doch aus. Die Selbstmordankündigung seiner Eltern führt letztlich zu einer völligen Überforderung, passt dies doch gar nicht in das Bild, das Robert Walter in der Öffentlichkeit von sich geben will. Immer mehr verliert er die Kontrolle um die Menschen und die Welt um sich herum und wird plötzlich nicht mehr zum Agierenden, sondern zum Reagierenden, der versucht sein Leben zusammenzuhalten.

Je stärker er sich in die Ecke gedrängt sieht, desto mehr verändert sich auch der Erzählton Herman Kochs. Vorbei mit der selbstgefälligen Jovialität, Zweifel und Sorgen übernehmen die Geschichte und verdeutlichen, wie stark die Ereignisse doch an seinem Ego kratzen.

Herman Koch zeichnet das Psychogramm eines Mannes nach, der alles verliert, dessen Leben völlig aus dem Ruder läuft ohne dass er sich dagegen wehren könnte. Dabei streift er ganz nebenbei aktuelle gesellschaftliche Themen wie den Zerfall von Familien, Vorurteile gegenüber Ausländern, Sterbehilfe oder auch den sensationsgierigen Boulevard-Journalismus. Was Koch so gelingt, ist Komik und Unterhaltung mit ernsthaften Themen zu verbinden und dabei Figuren zu schaffen, die mitten aus dem Leben zu kommen scheinen und in denen man sich auch als Leser wiederfinden kann. Aus dem Graben, in den man möglicherweise ob kleinerer Verfehlungen zu stolpern droht, wird der Abgrund, der sich plötzlich vor einem auftut, wenn man das Maß überspannt und der wenig Raum für Alternativen lässt – aber so auch ein Neuanfang sein kann.

Willem Elsschot – Käse

willem-elsschot-käse
Willem Elsschot – Käse

Angestachelt durch einen Kreis erfolgreicher Herren, ergreift Frans Laarmans die Chance zum Aufstieg. Eigentlich ist er Büroschreiber bei der General Marine and Shipbuilding Company in Antwerpen, was jedoch nicht so vornehm klingt wie die Berufe der anderen Teilnehmer der illustren Diskussionsrunde. Für den holländischen Hornstra kann er jedoch die Generalvertretung für Belgien und das Großherzogtum Luxemburg übernehmen und fortan deren Käse vertreiben. Schnell gewöhnt sich Laarmans daran, nicht mehr nur Büroangestellter, sondern nun Handelsvertreter zu sein und richtet sein Büro in angemessener Weise ein. Dass er nicht den geringsten Schimmer davon hat, wie man Käse vertreibt, ist für ihn bis zu diesem Zeitpunkt nachrangig. Erst als die erste Ladung vor seiner Tür steht, wird ihm bewusst, auf welches Unterfangen er sich eingelassen hat und dass dieses womöglich seine Fähigkeiten überschreitet.

Willem Elsschot ist das Pseudonym Alfons de Ridders, der zu seinen Lebzeiten (1882-1960) nur heimlich schrieb und sein künstlerisches Schaffen vor seiner Familie geheim hielt. „Käse“ entstand 1933, hat jedoch bis heute nichts an seinem sarkastischen, aber durch und durch menschlichen Ton verloren. Der kleine Mann, der die große Chance ergreift und erst zu spät merkt, dass er sich womöglich damit übernommen hat – die Parallelen zu Hans Fallada sind offenkundig.

Der Ich-Erzähler Frans Laarmans ist eigentlich kein falscher Kerl. Er macht seine Arbeit ordentlich und pflichtbewusst, aber ein wenig neidisch ist er schon gegenüber denen, die im Leben mehr erreicht haben, ein größeres Einkommen haben und den besser klingenden Titel besitzen. Man verübelt ihm nicht, dass er sich voller Enthusiasmus in die neue Aufgabe stürzt, auch wenn er von Käse keine Ahnung hat und ein wenig zu großspurig sein Büro plant. Auch dass ihm die neue Position zu Kopf steigt, kann man eher amüsiert beobachten:

„Meiner Frau habe ich die Neuigkeit nicht einfach so an Ort und Stelle aufgetischt, sondern sie musste sich gedulden, bis ich soupiert hatte. Von nun an esse ich nämlich nicht mehr, sondern ich dejeuniere, diniere oder soupiere.“

Sein Verhalten gegenüber der Ehefrau jedoch offenbart seine menschlichen Schwächen:

„Ich muss auch zugeben, dass ich ab und zu der Versuchung nicht widerstehen kann, sie zu reizen, bis ich Tränen sehe. Diese Tränen tun mir dann gut. Ich benutze sie, um meine Anflüge von Wut über meine soziale Minderwertigkeit an ihr auszuleben.“

Frans Laarmans ist ein kleiner Mann und kann auch nicht aus sich heraus. Man ahnt, dass es kein gutes Ende mit ihm nehmen kann. Trotz seiner Verfehlungen hat man doch auch ein wenig Mitleid mit ihm, man wünscht es ihm eigentlich, dass er ein wenig Glück im Leben hat, aber vielleicht findet er dies woanders, nicht jedoch in einem Handelsunternehmen.

Eine rundherum stimmige Novelle über die großen Ambitionen, die manchmal die Fähigkeiten übersteigen.

Esther Gerritsen – Der große Bruder

esther-gerritsen-der-große-bruder
Esther Gerritsen – Der große Bruder

Kurz bevor sie zu einem wichtigen Meeting muss, erhält Olivia einen verstörenden Anruf von ihrem Bruder Marcus, mit dem sie seit über einem Jahr nicht gesprochen hat. Er sei auf dem Weg in den OP und man wisse nicht, ob man sein Bein retten könne. Seit Jahren schon ist er Diabetiker und hat es nie so genau genommen mit dem, was die Ärzte empfohlen haben. Olivia kann sich nur noch kurz zusammenreißen, bevor sie ihren Arbeitsplatz verlässt und zum Krankenhaus eilt. Ihren Bruder erkennt sie kaum mehr wieder und die Amputation war tatsächlich nicht vermeidbar. Schuldgefühle überkommen sie und so bietet sie Marcus an, bei ihr und ihrer Familie vorläufig unterzukommen, nicht ahnend, dass dies ihre Balance völlig zum Wanken bringen und sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren wird.

Esther Gerritsens Roman, aufgrund der Länge wohl eher Novelle, zeichnet nach, wie schnell das fragile Gebilde Alltag zum Wanken und Einstürzen kommen kann. Dank der Arbeit und den zahlreichen Aufgaben rund um die Familie kann die Protagonistin lange Zeit die Augen vor den tatsächlichen Problemen verschließen und immer weitermachen. Keine Zeit für die Beziehung und ihren Mann, keine Zeit für die Frage, was sie selbst eigentlich vom Leben erwartet, keine Zeit für ihren Bruder und dessen Sorgen. Erst durch die Durchbrechung des Alltags mit dem Einzug von Marcus werden all die verdeckten Konflikte zum Vorschein gebracht.

Besonders gelungen ist der Autorin zu zeigen, wie ein Mensch versucht, den Schein zu erhalten, hinter der äußerlich sichtbaren Fassade funktioniert und doch schon spürt, wie langsam alles einreißt und vom Zusammenbruch bedroht ist. Auch die säuberliche Trennung zwischen Beruf und Privatleben wird zwangsweise aufgehoben und plötzlich drohen die beiden Selbstbilder miteinander zu kollidieren. Authentisch wirken ihre Figuren allesamt, der nachlässige Bruder ebenso wie der Ehemann, der seine Sorgen und Nöte für sich behält, bis die Katastrophe sich nicht mehr aufhalten lässt. Allen voran jedoch Olivia, die zwischen den Erwartungen der Außenwelt und ihrer Gefühlswelt ins Chaos gerät und sich plötzlich mit essentiellen Fragen konfrontiert sieht.

Ein kleiner Denkanstoss, der einlädt, einen Blick auf das eigene Lebenskonstrukt zu werfen.

Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel

britta-bold-der-tote-im-fremden-mantel.jpg
Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel

Pieter Posthumus ist Amsterdams Mann für einsame Bestattungen. Im „Büro der einsamen Toten“ kümmert er sich um die Hinterlassenschaften derjenigen, die einsam und verlassen aus der Welt scheiden und ermöglich ihnen so einen würdevollen Abschied. Mitten in das große Chaos der globalen „Earth 2050“ Konferenz, die sowohl Globalisierungsgegner wie Umweltaktivisten und Experten in die Stadt gelockt hat, kommt Posthumus nächster Fall: Ein Junkie mit einem viel zu teuren Mantel. Eigentlich Routine, wenn nicht im Mantel die Visitenkarte eines Konferenzteilnehmers gefunden wurde. Und just dieser liegt mehr tot als lebendig im Krankenhaus. Auch in Posthumus Stammkneipe Dolle Hond spürt man die Stimmung der Stadt, Gabrielle Lanting empfängt eine alte Schulfreundin anlässlich der Konferenz; diese ist mit den Großen und Mächtigen der Welt per Du und lässt Gabi am internationalen Flair teilhaben.

„Der Tote im fremden Mantel“ ist bereits der dritte Fall für den extrovertierten Privatermittler Pieter Posthumus (PP). Wie auch schon in den vorausgegangenen Bänden besticht der Roman vor allem durch die kreative und liebevolle Figurenzeichnung. Im Zentrum der Handlung steht PP, der seinen Hang für schöne Kleidung und leckeres Essen gar nicht erst versucht zu verbergen, sondern unvergleichlich auslebt. Sein scharfer Verstand und vor allem seine Erinnerungsfähigkeit lassen ihn schnell die Fakten kombinieren und bisweilen schneller als die Polizei auf die richtige Spur kommen. Diese wird glücklicherweise fernab der Klischees nicht als unfähig oder überfordert dargestellt, sondern hat mit Kommissar De Boer ebenfalls einen intelligenten, sympathischen und überzeugenden Gegenpol (wobei er das eigentlich nicht ist, denn er schätzt PP als ebenbürtigen Ermittlungspartner).

Der aktuelle Fall bleibt für mich jedoch etwas hinter den Erwartungen zurück. Das Hauptmotiv ist mir zu weit weg von der Handlung und wird erst ganz am Ende in den Fokus gerückt. Nebenhandlungen nehmen viel Raum ein und so fehlt mir ein wenig die stringente Verfolgung des Falles. Es werden Spuren angelegt, aber aufgrund der begrenzten Figurenmenge ist recht schnell offenkundig, wer in den Fall verwickelt und möglicher Drahtzieher ist. Die im Klappentext versprochenen „politischen Intrigen und dunklen Familiengeheimnisse“ werden rasch abgehandelt und nur oberflächlich ausgeführt, da hätte für mein Empfinden das gewählte Thema viel mehr Potenzial gehabt und auch die angelegten Figuren mehr in Erscheinung treten können.

Gelungen wird einmal mehr das typische Amsterdamer Flair eingefangen. Die Handlung ist nicht zufällig in der niederländischen Hauptstadt, sondern wird geschickt mit den örtlichen Gegebenheiten verwoben und diese erstklassig in den Roman integriert. Dies kann über die etwas zu gering ausfallende Spannung hinwegtrösten.