Jan Böttcher – Y

Sein Sohn Benji – mitten in der Pubertät und nicht gerade zum Reden mit den Eltern neigend – hat einen neuen Freund: Leka. Nur wenige Tage später ist der Junge mit dem seltsamen Namen scheinbar spurlos verschwunden. Vater und Sohn machen sich auf die Suche und stoßen bald auf eine komplizierte Familiengeschichte, die sich – je nachdem, wer sie erzählt –  so oder ganz anders darstellt. Der Vater, Jakob, von den Schwiegereltern verachtet und verstoßen, liebt Arjeta, die Mutter, abgöttisch. Die Schwangerschaft führt nicht zu einer Familie, sondern zur Flucht auf den Balkan. So zerstört wie der Kosovo ist auch Lekas Familie und er selbst, hin- und hergerissen zwischen Menschen und Kulturen. Im Spiegel dieser Geschichte muss sich auch der Erzähler die Frage stellen, wie es ihm ihn und seine Familie steht.
Der Roman war für mich schwer greifbar, was nicht nur durch die nicht-linear-chronologische Erzählweise, sondern vor allem durch die Figuren begründet ist. Ob es daran liegt, dass es sich vorwiegend um männliche Figuren handelt, die dem Klischee entsprechend weitgehend verschlossen bleiben und wenig zugängliche Denkstrukturen haben, oder doch eher an der Tatsache, dass vieles über die Metapher des Computerspiels, einer mir ebenfalls völlig fremden Welt, dargestellt wird, ist schwer zu sagen.
Interessant fand ich vor allem den ersten Teil, als die Familiengeschichte um Lekas Eltern erzählt wird und die innerkulturellen Konflikte und unterschiedlichen Erwartungshaltungen dargelegt werden. Dies verliert sich im zweiten Teil mehr und mehr und der Fokus verschiebt sich. Insbesondere war hier nicht mehr nachvollziehbar, worauf der Autor eigentlich hinaus will: die komplizierten Familienstrukturen, insbesondere durch kulturelle Differenzen und die Erfordernisse der Arbeitswelt bedingt? Die Situation auf dem Balkan, nach Ende des Krieges, dem nicht geglückten Wiederaufbau? Die Sprachlosigkeit der modernen Welt, die sich nur metaphorisch in Kunst wie auch Videospielen übersetzen lässt? Die direkte Rede an den Leser am Ende hat dann völlig den Rahmen gesprengt und schlichte Ratlosigkeit zur Folge gehabt.

Ratlos hatte ich auch das Cover betrachtet, vor Beginn des Lesens für mich wenig ansprechend und weitgehend ohne Aussage. Dieses Rätsel wird jedoch durch den Roman aufgelöst und gewinnt unerwartet viel Sinn, weshalb dies eine gesonderte Erwähnung wert ist.
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Jean-Philippe Toussaint – La Vérité sur Marie

Der dritte und finale Teil der unsteten Liebe zwischen Marie und dem namenlosen Erzähler. Getrennt sind sie inzwischen und wieder in Paris, als Marie ihn um Hilfe bittet, verzweifelt, denn gerade ist ihr Liebhaber in ihrem Schlafzimmer zusammengebrochen und droht noch vor Ort zu sterben. Er eilt zu ihr, in das Apartment, in dem sich noch immer Kleider von ihm befinden. Marie ist aufgelöst ob des Vorfalls. Er stützt sie, insbesondere nachdem der Tod von Jean-Christophe, bzw. Jean-Baptiste bestätigt wird. Die letzten Momente von dieser unglücklich beendeten Affäre lässt der Erzähler Revue passieren, den Weg von Tokio nach Paris, um dann in die Zukunft zu blicken, die doch für ihn und diese mysteriöse Frau Hoffnung bietet.

Für mich in der Reihe die schwächste Erzählung. Nicht nur wegen der langen und vor allem langatmigen Passage auf dem Narita Airport. Vor allem das Verhältnis, diese klassische Amour fou und Maries unfassbarere Charakter bleiben hier blass und wenig greifbar. Das Happy-End kann nicht versöhnen, dafür waren die 200 Seiten zuvor einfach nicht überzeugend und die drei Episoden zu lose, um mich als Leser wirklich packen zu können.

Matt Haigh – The Radleys

Eine durchschnittliche amerikanische Familie. Vater Peter, Arzt von Beruf, Mutter Helen, besorgte Hausfrau und Mutter, sowie die Teenager Clara und Rowan, beide schon wegen ihres Äußeren eher Außenseiter als High-School-Lieblinge. Als Clara beschließt nicht mehr nur vegetarisch, sondern vegan zu leben, kommt es zum Streit, vor allem, weil ihr dies sichtlich nicht bekommt. Als sie eine Party früher verlässt, weil es ihr zunehmend schlechter geht, zeigt sich, weshalb die Eltern das Essverhalten ablehnen: Clara ist essentiell auf tierische Lebensmittel, insbesondere Blut angewiesen, denn was das Töchterchen noch nicht ahnt ist, dass die Eltern den Kindern bis dato verschwiegen hatten, dass sie Vampire sind. Es furchtbares Ereignis lässt diese kleine aber feine Information zutage treten. Helfen kann nur noch Peters Bruder, der weiterhin den typischen Lebensstil der Vampire pflegte, als Helen und Peter diesem entsagten. Doch die erwartete Hilfe wandelt sich bald schon zu einer grauenhaften Idee.

Ein völlig untypischer Vampirroman in der Flut an Veröffentlichungen in diesem Genre in den letzten Jahren. Dass die Figuren Blutsauger sind, ist eigentlich auch nur Anlass, die Geschichte ins Rollen zu bringen, bei dem, was erzählt wird, ist dies tatsächlich vernachlässigbar. Denn genaugenommen geht es hier um Betrug, Vertrauen, das Erwachsenwerden und die Frage, welche Werte man eigentlich leben und vertreten möchte. Die Figuren – abgesehen von dem kleinen Detail des Vampirseins – sind glaubwürdig und authentisch konstruiert, die Handlung in sich stringent und logisch, wenn auch weitgehend vorhersehbar, was aber den Spaß nicht mindert, der durch gelungene Formulierungen und unterhaltsame Dialoge von viel Ironie und Sarkasmus lebt. Sicherlich kein überragendes literarisches Werk, aber unterhaltsam ist dies allemal.