Andrew Ridker – Die Altruisten

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Andrew Ridker – Die Altruisten

Die Alters sind eine ausgesprochen spezielle Familie. Wie schon ihr Name andeutet, „alter“ aus dem Lateinischen, wollen sie für andere da sein, was sie jedoch immer wieder ins vollständige Chaos führt. Nach dem Tod von Mutter Francine verschuldet sich Arthur und erkennt nicht, dass seine Karriere vorbei ist und dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sein College ihn entlässt. Sein Sohn Ethan hatte nach dem Studium die große Karriere gestartet, fand seinen Job jedoch bald schon bedeutungslos und langweilig und hat ihn deshalb einfach hingeschmissen. Tochter Maggie hatte hohe Ambitionen, aber ihre Arbeit bei einer non-profit Organisation führt sie beinahe in den Hungerstod. Als Arthur zu einem Familientreffen einlädt um das Familienheim zu retten, sind sich Maggie und Ethan nicht sicher, ob sie überhaupt nach Hause fahren wollen und vor dem Hintergrund ihrer Vergangenheit kann auch dieses Treffen nur in einer Katastrophe enden.

Andrew Ridkers Debutroman ist eine Tour de Force durch die Familiengeschichte, die in einem herrlichen Ton erzählt wird, aus dem der typisch jüdische Humor nur so herausspießt. Die Figuren leiden unter ihren Unzulänglichkeiten, werden vom Autor jedoch liebevoll gezeichnet und nie vorgeführt. Er betrachtet sie mit einem großzügigen Lächeln, wissend, dass sie nicht wirklich aus ihrer Haut herauskönnen. Stereotypen werden maßvoll dosiert, so dass man sehr viel Spaß dabei hat, diese aufzudecken und zu entlarven, begonnen beim Namen und endend mit dem Geld, dem schnöden Mammon, der den entscheidenden Motor für ihr Handeln darstellt.

Vor allem die Figuren sind es, die den Roman ausmachen. Einerseits versuchen sie ein bedeutsames und sinnvolles Leben zu führen, in dem andre unterstützen und deren Bedürfnisse über ihre eigenen stellen, gleichzeitig führt dies aber auch zum sozialen Rückzug der drei und am Ende drehen sie sich nur noch um sich selbst. Dies scheint mir der zentrale Punkt des Romans zu sein: wie schafft man es, die Welt ein bisschen besser zu machen und unserem Dasein einen Sinn zu verleihen? Die Karriere scheint nicht die Lösung zu sein, aber die völlige Ablehnung selbiger ebenso wenig. Genau wie die Alters muss auch der Leser seine eigene Antwort auf die Frage finden, was ihn oder sie glücklich macht und wie man die Zeit auf Erden sinnvoll nutzt.

Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

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Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

Ottila McGregor hat sich viel vorgenommen für 2014, sie will nicht nur vom Alkohol loskommen, sondern glücklich werden, verdammt glücklich. Doch das Leben macht es ihr nicht einfach, zum einen wird ihre Schwester in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie hochgradig selbstmordgefährdet ist und Ottila sich fragt, inwieweit ihr Verhalten dazu geführt hat, dass Mina nicht mehr leben möchte. Zum anderen muss sie feststellen, dass sie eine Affäre mit der Schwester von Thales, ihrer aktuellen Flamme, hatte. Mit Hilfe ihres „Kleinen Buchs vom Glück“, in dem sie ihren Alkoholkonsum und ihre Gedanken notiert, und ihrer Therapeutin will sie alles auf die Reihe bekommen, aber so einfach wie gedacht ist das nicht.

Ottila McGregor erinnert zunächst stark an Bidget Jones, die ihre kleinen Sorgen und Nöte mit ihrem Tagebuch teilt und ebenfalls in einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef feststeckt und viel zu gerne viel zu viel Alkohol konsumiert. Noch stärker jedoch als bei Helen Fieldings Heldin gestaltet Anneliese Mackintosh ihren Debütroman jedoch als Kaleidoskop verschiedenster Textsorten – Tagebucheinträge, E-Mails zwischen Mutter und Tochter, Textnachrichten, Transkripte der Therapiesitzung etc. – aus denen sich erst die Handlung konstruiert. Und auch wenn humorvolle Passagen und urkomische Dialoge vorkommen, dominieren für mich in „Verdammt perfekt und furchtbar glücklich“ doch die ernsthaften Aspekte.

In erster Linie sind es Ottilas schwierige Beziehungen, zum einen mit ihrem Vater bzw. dem nicht verarbeiteten Tod des Vaters. Aber auch zu ihrer psychisch kranken Schwester und der Frage, ob sie etwas für sie hätte tun können oder gar die Situation durch ihr Verhalten verschlimmert hat. Vorwürfe, die sie sich selbst macht und die nur bedingt entkräftet werden können. Auch die Therapieformen, die Mina ausgesetzt wird, werden durchaus kritisch angesprochen, vor allem der Aspekt, dass die Angehörigen zwar informiert werden, aber letztlich doch passiv zuschauen müssen, hat einen etwas faden Beigeschmack. Wie viele Frauen Anfang 30 will Ottila eigentlich nur eine funktionierende Beziehung, die ihr Stabilität und Sicherheit gibt, doch den passenden Partner zu finden scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Art, wie Mackintosh den Leser in Ottilas Leben blicken lässt, gestaltet Roman authentisch und lebendig. Die Protagonistin ist sympathisch, gerade weil sie weit davon entfernt ist, perfekt zu sein und dies eigentlich auch gar nicht anstrebt. Sie hätte nur gerne ein kleines Stück vom Glück – wer würde ihr das übelnehmen wollen?

Laurie Gelman – Die Elternsprecherin

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Laurie Gelman – Die Elternsprecherin

Jenny Dixon hatte Kinder und Schule eigentlich hinter sich als sie mit ihrem Mann Ron doch noch einen Sohn bekommt. Also geht alles wieder von vorne los und da sie das Drama schon kennt, übernimmt sie den Job als Elternsprecherin der Vorschulklasse von Miss Ward. Damit die anderen Eltern wissen, wo der Hase langläuft, wendet sie sich mit deutlichen Ansagen und wenig feinfühliger Ironie an diese. Die einen sind verärgert, die anderen haben gehörigen Spaß. Doch wichtige Positionen locken Neider an und bald ist Jennys Job in Gefahr, aber sie hat ja auch noch andere Sorgen als nur die Vorschule, z.B. dem Schlammwettlauf, für den sie trainiert oder ihre High-School-Flamme, die plötzlich wieder aufgetaucht ist.

Laurie Gelmans Roman lebt von spritzigem Humor und Situationskomik. Die Protagonistin ist herrlich gezeichnet und unterhält bestens mit ihrer unkonventionellen Art. Sie entspricht so gar nicht dem Klischee der Nur-Mutter, die Helikopter-mäßig nur um ihren Jüngsten kreist, sondern sieht alles mit einer gelassenen Distanz, die die anderen Eltern bisweilen auf die Palme treibt.

Daneben gibt es größere und kleinere Dramen: Liebe, Affären, Zickereien -alles was das Leben so bietet. Humorvoll und nicht so ernstzunehmend, damit beste Unterhaltung für Zwischendurch.

Jan Weiler – Eingeschlossene Gesellschaft

Eingeschlossene Gesellschaft von Jan Weiler
Jan Weiler – Eingeschlossene Gesellschaft

Freitagnachmittag nach Unterrichtsende, nur noch wenige Lehrkräfte sind in der Schule und eigentlich auch schon auf dem Weg ins Wochenende, als es an der Tür des Lehrerzimmers des städtischen Gymnasiums klopft. Ein Vater bittet Klaus Engelhardt, einen strengen Pauker, um ein Gespräch, denn sein Sohn wird die Zulassung zum Abitur nicht bekommen, wenn er nicht von just diesem Lehrer einen Punkt mehr bekommt. Der Vater lässt sich nicht abwimmeln und als er merkt, dass die Kooperationsbereitschaft der Pädagogen recht überschaubar ist, greift er zu einer Waffe, um so seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Unter dem Druck der Situation zeigen plötzlich alle ihr anderes Gesicht, das sie normalerweise hinter der professionellen Fassade verstecken.

Nachdem ich das Hörspiel zu Jan Weilers Pubertier nur mäßig lustig fand und entnervt mittendrin ausgeschaltet habe, war ich etwas skeptisch. Dies war jedoch bei der Eingeschlossenen Gesellschaft völlig unbegründet. Das Hörspiel überzeugt durch boshaften Witz, herrliche Dialoge und einer ins Schwarze treffenden Anklage der vorgeblich besseren Gutmenschen.

Die Figuren, die zunächst als unscharfe Charaktere nur durch ihren Beruf als Lehrer gekennzeichnet sind, entwickeln sich im Laufe der Handlung zu fein ausgearbeiteten Individuen, die allesamt nicht nur überraschen können, sondern eine riesige Bandbreite von gesellschaftlichen und persönlichen Verfehlungen aufbieten können, die einerseits erschreckt, bei genauerem Hinsehen aber eigentlich nur glaubwürdig und lebensnah wirkt. Jeder einzelne muss sich dem Urteil der kleinen Gemeinschaft stellen und aus der vorher noch herrschenden Solidarität wird schnell purer Egoismus, jeder will seine eigene Haut retten und zeigt schnell mit dem Finger auf die anderen.

Tanja Kokoska – Almuth spielt auswärts

Drei Frauen Anfang 60 gehen auf Reisen: Paula, Lilo und Almuth wollen sich ein paar gemütliche Tage in der Schweiz gönnen. Ohne Männer. Lilo ist ohnehin seit einiger Zeit verwitwet und wie sich herausstellt, hat Paulas Mann sich für eine jüngere entschieden. Almuth hingegen lebt mit ihrem Günter seit 30 Jahren eine zufriedene und glückliche Ehe. Man hat sich eingespielt, akzeptiert unterschiedliche Interessen und weiß, was man aneinander hat. Doch die Bekanntschaft und darauf folgende gemeinsame Nacht mit einem anderen Mann werfen Almuth aus der Bahn und sie beginnt sich zu fragen, ob denn wirklich alles so harmonisch ist und ob sie von ihrem Leben nicht noch mehr erwarten kann.
„Almuth spielt auswärts“ thematisiert eine wesentliche Frage der Generation Hausfrau um die 60. Mit viel Wortwitz und sprachlich sehr gelungenen Vergleichen zum Fußball – Almuth ist im Gegensatz zu ihrem Mann glühender Fußballfan und Anhänger des FC Barcelona – werden Routinen und gesellschaftliche Erwartungen und Normen in Frage gestellt. Von ganz persönlichen Fragen wie „bin ich noch hübsch“ bis zu der Entscheidung, wann und für wen das gute Geschirr eigentlich verwendet wird – ist man selbst nie gut genug dafür? – stellt Tanja Kokoska den Alltag und all die Dinge, die eigentlich so klar sind, auf den Prüfstand. In bewundernswerter Weise gelingt es ihr, essentielle Fragestellungen in leichter und unterhaltsamer Art darzubieten. Die skurrilen Freundinnen sorgen für amüsante Wortgefechte rund um das nie enden wollende Thema „Männer vs. Frauen“, Almuths liebenswerte Fußballmetaphern bringen ihre Zwickmühle kurzweilig auf den Punkt ohne dabei an Ernsthaftigkeit zu verlieren.

Als Fazit bleibt nur: lesen. Für mich passt das Buch in kein Schema. Es ist ausgesprochen unterhaltsam durch Tanja Kokoskas wortgewandte Ausdrucksweise, gleichzeitig in der Thematik durchaus ernsthaft und nachdenklich. Ein gelungener Mix nicht nur für Frauen in Almuths Alter.

Mia Morgowski – Dicke Hose

Ein wichtigtuerischer, angeberischer Makler. Ein angeblich sterbenskranker Freund in Not. Eine Hamburger Nobelboutique. Aus diesen Zutaten hat Mia Morgowski einen Roman gestrickt, der wohl lustig und unterhaltsam sein soll. Mag er auch sein, wenn man über widerliche Charaktere hinwegsehen kann, bei denen man nicht weiß, ob ihre Dummheit, ihre Ignoranz oder deren Arroganz einem am meisten nervt. Protagonist Alex ist mehr als eine Karikatur des eingebildeten Schnösels, dem man jede Katastrophe an den Hals wünscht und der den Leser dazu veranlasst, sich diebisch über jedes weitere Malheur zu freuen. Doch leider tut einem die Autorin nicht den Gefallen, diesen Widerling vor die Hunde gehen zu lassen, sondern tisch ein zuckersüßes, vor Friede-Freude-Eierkuchen nur so triefendes Happy-End auf, dass man das Buch nur noch in die Ecke pfeffern möchte.

Möglicherweise habe ich den Humor nicht verstanden. Vielleicht finde ich die präsentierten Figuren allesamt so furchtbar, dass ich den Witz nicht sehen konnte. Es mag auch sein, dass ich die wenig subtile Botschaft „jede brave Frau kann einen Typen zu einem echt netten supi-dupi-Kerl machen“ zu dämlich finde, um mit dem Buch etwas anfangen zu können.

**/5

Michael Meisheit – Irgendwas ist immer

Michael Meisheit schreibt in bester Blogmanier mal ironisch, mal lustig, mal verärgert, aber nie zu ernsthaft über großen und kleinen Dramen des Alltags. Von den verpatzten Flitterwochen über nervige Bauarbeiten und unfähige Autofahrer in der Rush Hour lässt er seinen Gedanken freien Lauf und den Leser so manches Mal sich selbst wiedererkennen.

****/5

Mike Ormsby – Never mind the Balkans, here‘ Romania

Mike Ormsby ist Engländer und nach Rumänien ausgewandert. Seine Erfahrungen mit der Bukarester aber auch der transilvanischen Bevölkerung hat er episodenhaft in kurzweiligem und humorvollen Stil verarbeitet. Wer einmal in Bukarest Taxi gefahren ist, kann seine Todesängste nachvollziehen, ebenso ist die bisweilen verquere Logik des Hauswartes zwischen schmerzvoll und lustig angesiedelt. Nichtsdestotrotz liebt er seine neue Heimat und bringt dem Leser auch die liebenswerten Seiten des Landes und der Bewohner nahe.

Abwechslungsreich, humorvoll und selbstironisch – beste Unterhaltung, vor allem, wenn man das Land schon einmal bereist hat.

*****/5

Frieda Lamberti – Club der Feinschmecker

Der Club der Feinschmecker handelt leider nicht von Feinschmeckern, sondern von der Frage, wie man seinen prügelnden Ehemann gegen die heiße Affäre eintauschen kann. Eine ganz seichte Frauenkomödie, die jedoch nur begrenzt witzig ist. Die Autorin hat versucht den dünnen Inhalt durch einen interessanten Handlungsort aufzupeppen, leider sind ihre Französischkenntnisse so schlecht, dass sich bei der Beschreibung der Provence und der typischen Lebensmittel ein Fehler an den anderen reiht und das Lesen zur Qual wird. Dank der Kürze des Textes ist diese jedoch schnell überstanden.

**/5

Matthias Zipfel – Katz oder Lügen haben schlanke Beine

Arno Katz hat es endlich geschafft: sein eigenes Detektivbüro. Und als Sahnehäubchen stellt sich die hochattraktive Sonia vor, die er direkt als Sekretärin engagiert. Der erste Fall lässt nicht lange auf sich warten: die Entführung eines Hundes. Zumindest glaub die 12-jährige Vanessa, dass der Dobermann entführt wurde. Die Tochter eines Schönheitschirurgen wirkt auf Katz leicht verschroben, doch er nimmt sich des Falls an – nicht ahnend, an was für eine Familie er da geraten ist und welche „Folgeaufträge“ ihm daraus erwachsen. Aber mit Sonias pragmatischer Unterstützung und schauspielerischem Talent geht der Jungdetektiv den Tatsachen auf den Grund und hat so einiges aufzudecken.

Ein kurzweiliger Kömodienkrimi mit viel Wortwitz und Situationskomik. Nichtsdestotrotz eine clevere Geschichte, die sich langsam entfaltet und unerwartet entwickelt. Die beiden Hauptfiguren mit netten Marotten ausgestattet, fern vom perfekten Ermittlerduo, aber mit viel Einfallsreichtum und Selbstironie. Gelungene Unterhaltung.

****/5