Dilek Güngör – Vater und ich

Dilek Güngör – Vater und ich

Ipek und ihre Freundinnen haben den Müttern eine Woche Entspannung im Wellnesshotel geschenkt, also ist ihr Vater allein Zuhause in der schwäbischen Provinz. Die Journalistin reist aus Berlin an, um ihm Gesellschaft zu leisten und das Band zu erneuern, das sie einst verbunden hat und im Laufe der Jahre lose wurde. Doch dann ist da überwiegend Schweigen, kurze Sätze, um den Alltag zu organisieren – was essen, was einkaufen, Mutter hat sich gemeldet. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, die Erwartungen der Gastarbeitereltern, die in der Möbelfabrik schufteten, sie, die sich ob ihrer türkischen Herkunft schämte und nur so sein wollte wie die anderen Kinder. Nun ist sie erwachsen, doch im elterlichen Heim bleibt sie das Kind, die ungestüme Tochter, die sie schon immer war und die sich auch jetzt nicht dem beugt, was man von einer guten Tochter erwartet. Es dauert einige Tage, bis sie erkennt, dass sie und ihr Vater eine eigene Kommunikationsweise haben. Das Schweigen. So haben sie sich schon immer verstanden, denn das ist ihre gemeinsame Sprache.

Dilek Güngör greift in ihrem Roman das Thema auf, das die Journalistin auch in ihren Kolumnen häufig beschäftigt: sie ist selbst zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, die nebeneinander, aber nicht miteinander existierten. Wo es klare Grenzen und Zuschreibungen gab. Als in Deutschland geborenes und großgewordenes Kind musste sie ihre Identität finden, die zwischen dem Elternhaus und Schule geformt wurde. Damit haderte auch ihre Protagonistin Ipek, für die die Sprache dabei das zentrale Element ist.

„Wir sprechen Dialekt, der immer dann besonders lebendig wird, wenn du mit Verwandten aus dem Dorf am Telefon bist. Ich verstehe ihn, spreche den Dialekt aber nicht so wie du. Überall fehlen mir die Worte, in deiner Sprache, in meiner Sprache und mit dir sowieso.“

Sie spricht Deutsch, sie spricht Türkisch, und Englisch, Französisch, Spanisch, aber trotz all der Sprachen fehlen ihr die Worte, um mit dem Vater zu kommunizieren. Aber eigentlich braucht sie das nicht, denn es reicht ihr, wenn sie die alte Vertrautheit spürt, die sie als Kind empfunden hat, wenn sie wild mit dem Vater toben konnte. Sie will wieder die Unbeschwertheit spüren, die im Laufe des Erwachsenwerdens verloren gegangen ist.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit kommen aber auch all die Erinnerungen wieder hoch. Sie sollte ein Mädchen sein wie alle andere, sich ordentlich hinsetzen, wenn Besuch kam, eine taugliche Ausbildung machen und sich bloß nicht mit dem deutschen Freund in der Öffentlichkeit zeigen. Es war ein kleiner Zirkel von vier Freundinnen, vier Töchter von vier Freundinnen, die das Leben der Mütter fortführen sollten. Doch Ipek passte nie ins Schema, wollte nicht im Kleidchen tanzen und verleugnete zeitweise sogar ihre türkische Herkunft. Erst als Erwachsene erkennt sie, dass auch ihre Kultur, die Sprache, mit der sie aufgewachsen ist, etwas ist, das man formal studieren kann und das einen Wert hat und nicht nur das ist, was die Gastarbeiter, die Putzfrauen, die, die man nicht wahrnimmt, benutzen.

Sie ist schließlich angekommen in Deutschland, das ist ihre Heimat, doch für den Vater sieht das nach den Jahrzehnten immer noch anders aus. Er träumte wie alle davon, nach wenigen Jahren zurückzukehren und jetzt wird er womöglich sogar hier begraben.

„Vater und ich“ ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert. Der Roman reiht sich einerseits ein in die in den letzten Jahren immer mehr aufkommende und erfolgreichere Migrationsliteratur. Autorinnen und Autoren wie Abbas Khider, Sasha Marianna Salzmann, Alina Bronsky oder Alexandra Friedmann verarbeiten literarisch überzeugend und erfolgreich ihre eigenen Erfahrungen der Einwanderung nach Deutschland. Dilek Güngör ist jedoch hier geboren, sie gehört – genau wie Deniz Ohde, die im letzten Jahr für den Preis nominiert war, oder auch Hengameh Yaghoobifarah – zu den Stimmen, die zwischen den Stühlen geboren wurden und sich ihren Platz erkämpfen und ihre Identität aus den widersprüchlichen Erfahrungen der doppelten Kultur bilden mussten. Stärker jedoch ist für mich im Roman die komplexe Beziehung zwischen Vater und Tochter, die die Protagonistin selbst kaum fassen kann. Viele Ebenen überlagern sich in der Geschichte, die trotz der Kürze eine enorme Tiefe entwickelt.