Anne Enright – Actress [dt. Die Schauspielerin]

Anne Enright – Actress [dt. Die Schauspielerin]

Norah erinnert sich an ihre Mutter Katherine O’Dell, eine legendäre, jedoch inzwischen verstorbene Schauspielerin. Sie zeichnet das Leben des jungen Mädchens aus Irland nach, das es an die Londoner Theater und bis nach Hollywood schaffte, den größten Ruhm jedoch durch den Mordanschlag auf den Produzenten Boyd O‘Neill erlangte. Katherine lebte für die Bühne und den schönen Schein, das reale Leben spielte bei ihr immer nur die zweite Rolle, wie auch ihre Tochter, der sie nie verriet, wer ihr Vater war und die in jungen Jahren bei ihren Männerbekanntschaften sich auch des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass diese mehr Interesse an der schillernden Mutter als an der blassen Tochter hatten.  Ein Leben wie im Rausch, das ein tragisches Ende nahm. Doch wie konnte es so weit kommen?

Die Autorin selbst hat das Hörbuch eingesprochen, was oft ein Wagnis ist, aber Anne Enright hat eine wundervolle Stimme, der man gerne folgt und die hervorragend zu Norah passt. Mal verbittert, mal traurig, oft bewundernd aber letztlich überwiegend mit dem Gefühl, dem Menschen, der ihr am nächsten Stand nicht wirklich nahegekommen zu sein.

Katherine war eine öffentliche Figur, die die Rollen, in die sie beruflich schlüpfte, perfekt umsetzte. Aber auch in ihrem Privatleben hatte sie unzählige Gesichter und wechselte zwischen den Rollen, die sie selbst erschaffen hatte. Ein Leben als Performance, was unweigerlich eine Distanz zur Tochter schaffte, dieser aber in dem fiktiven Rückblick auch erlaubt einen neutralen und nicht durch Emotionen vorgezeichneten Blick auf das Leben der Mutter zu werfen. Als Schriftstellerin ist sie auch prädestiniert, die unzähligen Facetten angemessen wiederzugeben. Gleichzeitig wird die Biografie aber auch zu einer Analyse der Mutter-Tochter-Beziehung, die quasi auf den Kopf gestellt ist: die Tochter ist die realistische, nachdenkliche, die nicht spontan agiert und sich permanent um die Mutter sorgt.

Anne Enright ist eine klassische Erzählerin, die eine durchdacht konstruierte Geschichte erschaffen hat, die insbesondere als Hörbuch neben den Worten auch ganz viel von dem transportiert, was in den Figuren vor sich geht.

Camilla Sten – Das Dorf der toten Seelen

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Camilla Sten – Das Dorf der toten Seelen

Schon immer war Alice fasziniert von den Erzählungen ihrer Großmutter über Silvertjärn, dem Dorf, aus dem sie ursprünglich stammte und in dem alle Einwohner eines Tages spurlos verschwanden. Einzig ein namenloses Baby fand man allein zurückgelassen, die Mutter brutal auf dem Marktplatz hingerichtet. Nach Abschluss der Filmhochschule beschließt Alice gemeinsam mit Freunden einen Dokumentarfilm für die Ereignisse zu drehen. Bereits kurz nachdem die fünf den abgelegenen Ort ohne Strom und Kommunikationsmöglichkeit erreicht haben, geschehen seltsame Dinge. Vor allem Tone scheint es nicht gut zu gehen. Nur Alice weiß, dass Tone die Tochter des einstigen Findelkinds ist und neben ihr ebenfalls einen Bezug zu Silvertjärn hat. Sie beginnen die verlassenen Straßen und Häuser zu erkunden, das dumpfe Gefühl, dass sie nicht allein sind, lässt jedoch nicht lange auf sich warten, ebenso wenig wie die ersten scheinbaren Unfälle, deren Folgen jedoch zunehmend drastischer werden. Gibt es wirklich etwas Böses, das dort sein Unwesen treibt?

Camilla Sten alle hat Zutaten eines Horrorschockers geschickt verarbeitet: eine Gruppe gut gelaunter, sorgloser junger Menschen, die sich nicht alle so gut kennen, dass sie um die Geheimnisse der anderen wüssten; ein abgeschiedener Ort, wo keine Hilfe zu erwarten ist; seltsame, unerklärliche Vorgänge, die zunehmend gruseliger und bedrohlicher werden; eine alte Geschichte, die nicht nur mysteriös, sondern vor allem verlockend ist. Man ist ja immer etwas am Zweifeln, wenn die Kinder bekannter Autoren selbst zur Feder greifen, bei der Geschichte habe ich mich auch lange gefragt, wie sie zu einem glaubhaften und überzeugenden Ende kommen will – aber: auch Camilla Sten kann genau wie ihre Mutter Viveca Sten spannend schreiben und den Plot zu einem sauberen Schluss führen, der plausibel und durch die Erzählung auch einleuchtend motiviert ist.

Neben den aktuellen Ereignissen um die Dokumentarfilmer werden durch Briefe und zurückgelassene Nachrichten die Ereignisse berichtet, die zu dem unheilvollen Tag des Verschwindens geführt haben. Man bekommt einen Einblick in ein Dorf, das kurz vor dem wirtschaftlichen und mentalen Zerfall steht, nachdem die Bergbaugrube, die Arbeit und Sinn gab, geschlossen wurde. Dies führt zu einer Vulnerabilität, der die Menschen letztlich zum Opfer fallen. Auch wenn diese Rückblenden recht kurz sind, wird doch die Dynamik sichtbar, die die Menschen erfasst. In der Spiegelung zur Gegenwart zeigt sich aber auch, dass in Bezug auf bestimmte Themen auch nach 60 Jahren kaum eine Entwicklung stattgefunden hat und Vorurteile und Vorverurteilungen noch genauso präsent sind wie damals.

Ein insgesamt überzeugendes Debüt, das ich mir als Film fast noch besser vorstellen kann als in Buchform.

Chris Kraus – Sommerfrauen, Winterfrauen

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Chris Kraus – Sommerfrauen, Winterfrauen

Jonas Rosen ist Filmstudent und zusammen mit fünf Kommilitonen und dem Professor Lila von Dornbusch will er im New York der 1990er Jahre einen Film über Sex drehen. Jonas fährt schon früher los, um für den Rest der Gruppe Unterkunft und eine Veranstaltung im örtlichen Goethe-Institut zu organisieren. Er kommt bei von Dornbuschs amerikanischem Kollegen Jeremiah Fulton unter, der nicht nur ein begnadeter Regisseur, sondern auch ein Messie schlimmster Sorte ist. Jonas hat noch eine zweite Mission im Big Apple: seine Tante Paula aufsuchen, die zwar nicht seine echte Tante, aber eng mit seiner Familie verbunden ist. Was als Abenteuer beginnt, artet in Jonas‘ härteste Prüfung aus: er wird überfallen, seine Freundin in Berlin versteht nicht, weshalb sie nicht nachreisen darf, er trifft auf die unkonventionelle Nele, die so ganz anders als seine Freundin ist, seine Untermiete bei Jeremiah stellt ihn täglich vor neue Herausforderungen. Und dann soll er ja auch noch einen Film über Sex drehen.

Chris Kraus‘ biografisch geprägter Roman basiert auf seinen realen Erlebnissen als Student von Rosa von Praunheim an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Auch sein vorhergehender Roman ist inspiriert von realen Begebenheiten, schildert es die SS-Vergangenheit seines Großvaters, die in „Sommerfrauen, Winterfrauen“ über Tante Paula ebenfalls wieder aufgegriffen wird. Der Roman ist als Tagebuch angelegt, was natürlich eine gewisse Perspektiveneinschränkung mit sich bringt, aber den Unterhaltungswert in keiner Weise schmälert, im Gegenteil: der subjektive Blick erlaubt Zynismus und Ironie, die beim Lesen unheimlichen Spaß machen.

Auch wenn der Roman viel von der Situationskomik und vor allem dem etwas naiven und unsicheren Jonas lebt, bietet er doch auch einige durchaus ernsthafte Themen. Die Gewalt, die die 90er Jahre in New York geprägt haben und ganze Zonen zu No-Go Areas werden ließ; die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie und der Umgang mit den überlebenden Opfern dieser Zeit; die Ausbeutung und der Missbrauch von Praktikanten, die sich nicht wehren können; und vor allem auch das Erwachsenwerden und über den eigenen Schatten springen, seine Grenzen überschreiten und Herausforderungen als junger Mensch annehmen.

Jonas Rosen ist kein Holden Caulfield, der verloren durch New York stromert und am Ende geläutert und erwachsen ist. Aber auch er durchlebt einen Prozess, der ihn am Ende ein anderer Mensch sein lässt. Er stellt sich nicht nur der unangenehmen Geschichte seines Großvaters, sondern muss auch seine Frauenbeziehungen in Frage stellen. Das Konzept von „Sommerfrauen“ und „Winterfrauen“, das seine aktuelle Freundin erfunden hat, dient dabei als Orientierungslinie.

Insgesamt ein lebendiger und vor allem sprachlich sehr gelungener Roman, der einem vielfach schmunzeln und das New York zum Ende des letzten Jahrhunderts wieder auferstehen lässt.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Beatrice Hitchman – Petite Mort

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Beatrice Hitchman – Petite Mort

Ein Stummfilm aus dem Jahr 1913, den man eigentlich bei dem Brand in den Pariser Pathé Studios verloren glaubte, wird nach 50 Jahren in erstaunlich gutem Zustand aufgefunden. Nachdem die Zeitungen darüber berichten, meldet sich eine Frau, die etwas zu dem mysteriösen Film sagen kann: Adèle Roux, damals jung und auf die große Karriere im Film hoffend, kam sie nach Paris, doch endete sie zunächst als Näherin, bevor der Regisseur André Durand sie zur Assistentin seiner Frau und seiner Geliebten machte. Unschuldig hofft Adèle so auf den Durchbruch, doch stattdessen wird sie in eine unheilvolle Dreiecksbeziehung gezwungen, gleichermaßen zu André wie auch zu seiner Frau hingezogen. Das Ehepaar glaubt sie unter Kontrolle zu haben, doch Adèle kann heimlich eine Rolle in dem Film „Petite Mort“ ergattern und als sie zu eigenwillig wird, muss sie für ihr Verhalten bezahlen.

Schon das Konstrukt der Erzählung legt nahe, dass mit dem doppelten Erzähler einiges verheimlicht und beschönigt wird. Adèle berichtet über ihr Leben, vor allem die Zeit bei den Durands, doch wir haben nur ihre Perspektive und können nie sicher sein, dass die ältere, abgeklärte Dame auch wirklich die Wahrheit erzählt. Was sie erzählt, fesselt die Journalistin Juliette ebenso wie den Leser, denn es bietet alles, was eine gute Geschichte braucht: Glamour, Geheimnisse, heimlichen Sex, Liebe und Rivalitäten auf unterschiedlichen Ebenen. Man ahnt, dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann, der Film ist schon fast in Vergessenheit gerückt, als die Handlung plötzlich ungeahnte Wendungen nimmt und zu einem völlig überraschenden Abschluss geführt wird.

Der Roman ist eine Hommage an das Kino längst vergangener Zeiten, wenn auch so mancher Aspekt heute ebenso aktuell zu sein scheint wie vor hundert Jahren: der Umgang von Regisseuren mit Schauspielerinnen hat sich offenbar nur unwesentlich weiterentwickelt und so ist Beatrice Hitchmans Krimi aus dem Jahr 2013 heute aktueller denn je. Dank der cleveren Anlage, ihres Schreibstils und der überraschenden Wendungen gelingt es ihr auch, nicht in Kitsch und Klischee zu verfallen, sondern in dichter Atmosphäre interessante Charaktere zu schaffen, die die Geschichte tragen. Es bleibt jedoch ein Gefühl, dass die Autorin nicht nur ein Buch über das Kino schrieb, sondern dieses schon im Auge hatte für ihre Geschichte.

Heike-Melba Fendel – Zehn Tage im Februar

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Heike-Melba Fendel – Zehn Tage im Februar

„Ziehe für zehn Tage zu Sepp, das ist besser für uns beide.“ Das ist die Nachricht, die die Protagonistin von ihrem Mann vorfindet. Für die Zeit der Berlinale ist sie allein zu Hause und im Kino. Zehn Tage, in denen sie nicht nur unzählige Filme sieht und Partys besucht, sondern auch ihr Leben Revue passieren lässt und ihr Dasein in Frage stellt.  Schon früher einmal hatte die Regisseurin Jane Campion, die sie wegen ihrer großartigen Filme und insbesondere der gezeichneten Frauenrollen verehrt, einen entscheidenden Wink für ihr Leben gegeben. Wird sie ihr auch dieses Mal dabei helfen, die richtige Richtung einzuschlagen?

Namenlos bleibt die Frau, die wir zehn Tage lang begleiten. Eigentlich könnte alles gut und sie zufrieden sein: ein bodenständiger Mann, ein Häuschen in Berlin, ein Leben gefüllt mit typischen Dingen, die Paare eben tun. Doch die vermeintliche Stabilität, die die äußeren Zeichen suggerieren, entsprechen nicht der inneren Wahrnehmung und die Fragilität der Eigenheime und bodenständigen Beziehungen war auch vorhergehenden Generationen schon bekannt und deren glückbringender Faktor, der bisweilen recht überschaubar ist, ebenso. Die Frau denkt zurück an die Zeit vor dem Mann, das Leben geprägt von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, das nun so verlockend scheint. Selbst die finanzielle Unsicherheit, die mit der Selbstständigkeit und der eigenen Agentur einherging, scheint verlockender als das Reihenhaus mit akkurat gestutzter Hecke und den optisch auf die Möbel abgestimmten Gardinen. Als Kontrast wird dagegen der Film gesetzt, das Medium, in dem alles möglich und alles denkbar ist. Das Frauen unendliche Gelegenheiten zur Selbsterfindung und Selbstverwirklichung gibt. Aber ist das Leben ein Film? Ist dann nach 90 Minuten alles vorbei?

Das Paar ohne Namen kann symbolisch für jeden mittleren Alters stehen. Das Leben verläuft in geordneten Bahnen, beruflich wie privat scheint alles von Erfolg gekrönt, doch innerlich wächst langsam die Sinnfrage heran. Die Rollen, die wir spielen sind unser Leben und vielleicht passen diese gar nicht zu uns. Auch der Widerspruch zwischen der stabilen Zweierbeziehung und dem Drang nach Unabhängigkeit lässt sich nicht auflösen. Heike-Melba Fendel gelingt es, diese Zerrissenheit in ihrer Protagonistin aufzuzeigen und im Medium Film zu spiegeln. Hier wird das Oberflächliche, das mit der Realität nichts gemein hat, besonders deutlich und der Blick dahinter – sei es durch die erfolglose Schauspielerin Sarah oder die falsch verstandene Intention der Regisseurin – macht insbesondere deutlich, dass der Blick von außen kaum erfassen kann, was hinter der Fassade stattfindet. Bleibt die Frage, ob die Fassade aufrechterhalten werden soll und das Leben zu einer Rolle verkommen darf oder ob man es wagt auszubrechen, die Fassade einzureißen und einen Neuaufbau zu beginnen.

Ein Buch, das Erinnerungen an zahlreiche Filme weckt und gleichzeitig wesentliche Fragen stellt – die man als Leser für sich aufgreifen kann, aber nicht muss.