Willem Elsschot – Käse

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Willem Elsschot – Käse

Angestachelt durch einen Kreis erfolgreicher Herren, ergreift Frans Laarmans die Chance zum Aufstieg. Eigentlich ist er Büroschreiber bei der General Marine and Shipbuilding Company in Antwerpen, was jedoch nicht so vornehm klingt wie die Berufe der anderen Teilnehmer der illustren Diskussionsrunde. Für den holländischen Hornstra kann er jedoch die Generalvertretung für Belgien und das Großherzogtum Luxemburg übernehmen und fortan deren Käse vertreiben. Schnell gewöhnt sich Laarmans daran, nicht mehr nur Büroangestellter, sondern nun Handelsvertreter zu sein und richtet sein Büro in angemessener Weise ein. Dass er nicht den geringsten Schimmer davon hat, wie man Käse vertreibt, ist für ihn bis zu diesem Zeitpunkt nachrangig. Erst als die erste Ladung vor seiner Tür steht, wird ihm bewusst, auf welches Unterfangen er sich eingelassen hat und dass dieses womöglich seine Fähigkeiten überschreitet.

Willem Elsschot ist das Pseudonym Alfons de Ridders, der zu seinen Lebzeiten (1882-1960) nur heimlich schrieb und sein künstlerisches Schaffen vor seiner Familie geheim hielt. „Käse“ entstand 1933, hat jedoch bis heute nichts an seinem sarkastischen, aber durch und durch menschlichen Ton verloren. Der kleine Mann, der die große Chance ergreift und erst zu spät merkt, dass er sich womöglich damit übernommen hat – die Parallelen zu Hans Fallada sind offenkundig.

Der Ich-Erzähler Frans Laarmans ist eigentlich kein falscher Kerl. Er macht seine Arbeit ordentlich und pflichtbewusst, aber ein wenig neidisch ist er schon gegenüber denen, die im Leben mehr erreicht haben, ein größeres Einkommen haben und den besser klingenden Titel besitzen. Man verübelt ihm nicht, dass er sich voller Enthusiasmus in die neue Aufgabe stürzt, auch wenn er von Käse keine Ahnung hat und ein wenig zu großspurig sein Büro plant. Auch dass ihm die neue Position zu Kopf steigt, kann man eher amüsiert beobachten:

„Meiner Frau habe ich die Neuigkeit nicht einfach so an Ort und Stelle aufgetischt, sondern sie musste sich gedulden, bis ich soupiert hatte. Von nun an esse ich nämlich nicht mehr, sondern ich dejeuniere, diniere oder soupiere.“

Sein Verhalten gegenüber der Ehefrau jedoch offenbart seine menschlichen Schwächen:

„Ich muss auch zugeben, dass ich ab und zu der Versuchung nicht widerstehen kann, sie zu reizen, bis ich Tränen sehe. Diese Tränen tun mir dann gut. Ich benutze sie, um meine Anflüge von Wut über meine soziale Minderwertigkeit an ihr auszuleben.“

Frans Laarmans ist ein kleiner Mann und kann auch nicht aus sich heraus. Man ahnt, dass es kein gutes Ende mit ihm nehmen kann. Trotz seiner Verfehlungen hat man doch auch ein wenig Mitleid mit ihm, man wünscht es ihm eigentlich, dass er ein wenig Glück im Leben hat, aber vielleicht findet er dies woanders, nicht jedoch in einem Handelsunternehmen.

Eine rundherum stimmige Novelle über die großen Ambitionen, die manchmal die Fähigkeiten übersteigen.

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Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

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Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Ein letztes Mal wollen die Brüder Botho und Arno van Dijk in das belgische Dörfchen Doel fahren, wo einst ihre Großeltern lebten. Das Dorf wird bald nicht mehr sein, der Hafen wird ausgebaut und die Bewohner mussten weichen. Doch die Jungen haben noch ihre Kindheitserinnerungen dort, jeden Sommer haben sie an der Küste verbracht. Angekommen müssen sie jedoch feststellen, dass von ihrer Kindheit nicht mehr viel geblieben ist. Die Menschen sind weggezogen oder gestorben und auch ansonsten erkennen sie nicht mehr viel wieder. Doch dann werden Botho und Arno eingeholt, der eine spricht zum ersten Mal über das, was nie gesagt wurde und doch sein ganzes Leben bestimmt hat. Der andere macht sich auf das Mädchen nochmals zu treffen, die vielleicht seine Partnerin fürs Leben hätte werden können. Der Schritt nach vorne im Leben beginnt zunächst für beiden mit vielen Schritten zurück in die Vergangenheit.

Stefan Ferdinand Etgeton hat keinen leichten Roman geschrieben. Die beiden Brüder tragen ein schweres Erbe, das jedoch völlig verschieden ist, sie aber jeweils daran hindert, das Leben zu leben, das sie leben wollen. Mit Anfang 30 sind sie eigentlich erwachsen und doch verharren sie noch in der Jugend. Der Zeitpunkt, sich den Dämonen zu stellen, scheint gekommen und damit werden sie recht typische Vertreter ihrer Generation: immer geht es automatisch weiter und das Leben findet in einem so hohen Tempo statt, dass für Innehalten keine Zeit bleibt. Bis der Tag gekommen ist, an dem die essentiellen Fragen gestellt werden: wer bin ich? Wo komme ich her? Wer will ich sein?

Viele Themen werden fast nebenbei angerissen, sind aber für die zentrale Frage dessen, was die Persönlichkeit bestimmt, von wesentlichem Belang. Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit, die nie verarbeitet wurden und nicht zwangsweise aber doch häufig in Suchtverhalten und einer gewissen Lebensunfähigkeit enden. Das Verhältnis von Eltern und Kindern, das dann problematisch wird, die Erwartungen der einen Seite und die Träume der anderen auseinanderklaffen. Das Verharren im was-hätte-sein-können, das lähmt und einem daran hindert das zu tun, was man eigentlich tun möchte.

„Das Glück meines Bruders“ – man fragt sich am Ende, wer von den beiden das Glück gefunden hat und worin es besteht. Es scheint als würde die Ausgangskonstellation umgekehrt und der geerdete Botho mit dem bürgerlichen Job als Lehrer gerät in die Rolle des Verlorenen, des Suchenden, dem alle Bezüge zur Realität fehlen, während Arno sich in einer funktionierenden Beziehung mit geregelter Arbeit und einem offenbar hohen Maß an Zufriedenheit wiederfindet.

Wie fragil ist das Glück, das wir empfinden, wenn es durch einen Besuch an einem Ort der Vergangenheit zerbrechen kann? Und wie stabil ist unser Selbstbild – oder ist es doch nur eine gesellschaftliche Rolle, die wir annehmen und die uns gerade passt, vielleicht aber irgendwann zu eng wird? In einer Zeit, die von schnellem Wandel geprägt ist, in der von uns allen erwartet wird, dass wir flexibel und mobil sind, unsere Zelte hier ab und anderer Stelle wieder aufbauen und uns immer wieder auf Neues einstellen sollen, wird die Frage der Identität möglicherweise viele Menschen in einen ähnlichen Strudel stürzen wie Etgetons Protagonisten. Dies könnte tatsächlich eine der Hauptfragen unserer Gesellschaft werden. Bemerkenswert, wie man ein solches Thema doch in einem lockeren und oftmals unterhaltsamen Ton umsetzen kann.

Yves Petry – In Paradisum

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Yves Petry – In Paradisum

Man kennt die Geschichte aus den Nachrichten: ein Mann, Marino, tötet einen anderen, Bruno, auf Verlangen. Der Mörder wird verurteilt und muss ins Gefängnis. Dabei hat er doch lediglich einen Wunsch seines Geliebten erfüllt. Dieser steht ihm aus dem Jenseits bei uns erzählt, wie sich alles zugetragen hat. Marinos Kindheit, das Leben mit der Mutter, die Einsamkeit in seinem Computerladen, ein unscheinbares Leben. Anders dagegen Bruno, als Literaturprofessor eigentlich intellektuell am beruflichen Olymp, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Als sie sich begegnen, hat Bruno seinen Gehilfen gefunden. Zunächst als eine Art Liebesbeziehung – oder doch nur eine sexuelle Vereinigung – die nur die höchste Lust zum Ziel hat, ausgelebt im Moment des Todes.

Yves Petry zeichnet den Fall des Kannibalen von Rothenburg nach, verlegt die Handlung jedoch nach Belgien und verzichtet auf jede Form von reißerischem Gaffen. Dadurch, dass er dem Getöteten eine Stimme verleiht und nicht dem Mörder, schafft er eine völlig unerwartete Perspektive, die den Täter nahe an eine Opferrrolle heranrückt – die aus dieser Perspektive durchaus gerechtfertigt zu sein scheint. Die Tat selbst ist sekundär. Zwar wird geschildert, in welcher Weise Bruno letztlich den Tod findet, aber es geht hier nicht um Sensationsgier und Geheische um möglichste grausame Detailschilderung. Auch hat man mit der Stimme des gebildeten Literaturdozenten einen unerwarteten Erzähler, kein primitiver Mörder beichtet uns sein Leben, sondern ein eloquent und analytisch versierter Beobachter.

An manchen Stellen empfand ich den Roman als grenzwertig. Insbesondere die Schilderungen der Sexualität der beiden Männer, die schnell von Gewalt geprägt ist und ihre unverblümte Darstellung, war mir persönlich etwas zu viel. Auch die Wahl der Perspektive, die eine deutliche Absicht des Getöteten nahelegt, geradezu Nötigung des Mörders, bleibt für mich als Leserin problematisch. Man fühlt sich dahingedrängt, den Ausführenden zu bemitleiden – ist er aber wirklich so frei von Schuld? Konnte er wirklich nicht anders und mit freiem Willen handeln? Darf die problematische Kindheit und Jugend alles rechtfertigen, was danach geschieht?

Ein interessanter Roman, der nicht auf ausgetretenen Pfaden wandelt. Sicherlich nicht für das breite Publikum gemacht und mit sehr viel Verstörungspotenzial.