Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

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Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

Ihr Leben lang hat sie mit Worten gearbeitet, als Journalistin und Korrektorin, doch nun entweichen sie ihr, verschwinden einfach, die falschen tauchen auf, wo sie nicht sollen. Michèle Seld, genannt Michka, muss sich der Wahrheit stellen: sie kann nicht mehr alleine wohnen, muss ihre Unabhängigkeit aufgeben. Marie, um die sich Michka häufig gekümmert hat als das Mädchen klein war, ist nun diejenige, die sich um Michka kümmert und sie ins Wohnheim begleitet. Die Umstellung fällt der alten Dame schwer, sie entwickelt Wahnvorstellungen, fühlt sich vom Personal und den anderen Bewohnern bedroht und wird zunehmend ängstlicher. Aber einen Wunsch hat sie noch, so viel kann sie dem Logopäden Jérôme mitteilen: sie will denjenigen danken, die sie einst gerettet und beschützt haben.

Delphine de Vigan hat mit ihrem Roman „Dankbarkeiten“ eine Hommage an all jene geschrieben, die die Alten und Gebrechlichen nicht vergessen, sondern sie in den letzten Jahren zugewandt und fürsorglich begleiten, um den Abschied vom Leben möglichst angenehm zu gestalten. Wie schwer dieser Weg für die Betroffenen ist, wird am Beispiel von Michka unmittelbar klar. Das, was ihr besonders wichtig war, droht sie nun zu verlieren: den scharfen Verstand, die Worte, die Kommunikationsfähigkeit mit der Welt. All dies ist aber kein Grund, das Wesentliche zwischen den Menschen zu vergessen, Michka hält durch, bis erledigt ist, was noch getan werden muss: Dank aussprechen.

Ein kurzer Roman, der viele offenen Stellen bietet, die man als Leser füllen kann. Wie will man seinen Lebensabend zubringen, wie geht man damit um, wenn man seine Eigenständigkeit verliert und auf andere angewiesen ist? Allein die Hilflosigkeit ist schon gedanklich schwer zu ertragen, ebenso das vertraute Umfeld verlassen zu müssen, um in fremder Umgebung mit fremden Menschen leben zu müssen und das zu einem Zeitpunkt, wo man sich an alles Bekannte klammert, weil dies noch Halt bietet.

Die Gespräche zwischen Michka und Jérôme bringen aber auch diesen zum Nachdenken. So manches Porzellan wird zu Lebzeiten zerschlagen, aber kann und sollte man nicht über den Scherben stehen? Es braucht vielleicht die Erkenntnis, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, um diesen Punkt zu erreichen.

Michkas Aphasie wirkt natürlich bisweilen charmant, gerade dieses stelle ich mir jedoch als besonders belastend vor. Zwar kompensieren Marie und Jérôme hervorragend, aber das Gefühl sich zunehmend nicht mehr verständlich zu machen und selbst auch die Welt nur noch begrenzt zu verstehen, schmerzt doch ungeheuerlich. Ihre Lebensgeschichte wird nur angerissen, das Schicksal des jüdischen Mädchens, das gerettet werden konnte, trotz aller Widrigkeiten. Es wäre eine interessante Geschichte gewesen und genau dadurch, dass Delphine de Vigan sie nicht erzählt, wird umso deutlicher, was wir verlieren, wenn wir den Menschen nicht zuhören und ihre Erinnerungen nicht bewahren. Auch wenn man den Roman recht rasch gelesen hat, ist er doch einer, der noch nachwirkt und bei einem bleibt, auch wenn die letzte Seite umgeblättert wurde.

S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

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S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

Als Christine morgens wach wird, kommt ihr das Schlafzimmer fremd vor, ebenso der Mann, mit dem sie offenkundig die Nacht verbracht hat. Scheinbar hatte sie am Abend zuvor ordentlich gefeiert, so dass sie keinerlei Erinnerung mehr hat. Im Badezimmer erschrickt sie: wer ist die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt? Sie ist mindestens zwanzig Jahre älter als sie selbst! Jeden Morgen wiederholt sich dasselbe Spiel: seit einem Autounfall leidet sie an Amnesie und kann sich an nichts mehr erinnern. Ihr Ehemann Ben hat das Haus sorgfältig präpariert, damit sie die wichtigsten Eckdaten schnell erkennt. Nachdem Ben zur Arbeit aufgebrochen ist, befindet sich Christine alleine in dem fremden Haus. Ein Telefonanruf verunsichert sie, ein Arzt will sich mit ihr treffen und weist auf ein Tagebuch hin, in dem sie seit Wochen Dinge notiert, die sie in minutiöser Arbeit rekonstruiert haben. Christine beginnt in ihrem eigenen Leben zu lesen und je weiter sie voranschreitet, desto seltsamer und beunruhigender werden die Erkenntnisse. Irgendwie wollen die Puzzlestücke nicht zusammenpassen und bald schon weiß sie nicht mehr, ob sie irgendwem überhaupt vertrauen kann.

S.J. Watsons Debutroman „Before I Go to Sleep“ war ein ungewöhnlicher Erfolg für ein Erstlingswerk, geschrieben hat es der Autor in seinen Pausen als Hörakustiker. Der Psychothriller wurde 2011/2012 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und 2014 folgte die hochkarätig besetzte Verfilmung, die jedoch in keiner Weise an den Erfolg des Buches anknüpfen konnte.

Zu Beginn weist wenig daraufhin, dass es sich um einen Thriller handelt. Man bedauert Christine um ihre leidliche Situation und gemeinsam mit der Protagonistin versucht man Sinn in das Chaos, das sie umgibt, zu bringen. Es ist leicht, sich in sie hineinzuversetzen, da der Wissensstand zwischen ihr und dem Hörer/Leser identisch ist. Die Begegnung mit Dr. Nasch wirft weitaus mehr Fragen auf als sie beantwortet. Warum verheimlicht sie ihrem Mann die Treffen und was hat sie in den letzten Wochen bereits an Erinnerungen rekonstruieren können? Vor allem jedoch: weshalb hat sie als Notiz an sich selbst „Do not trust Ben“ in ihr Tagebuch geschrieben? Christines heimliches Treffen mit ihrer ehemaligen besten Freundin Claire befördert noch mehr Ungereimtheiten zu Tage und spätestens jetzt lässt sich der Psychothriller nicht mehr aufhalten und fährt sie ganzes Potenzial aus.

Die Handlung lebt von der Konstruktion rund um Christines Amnesie. Immer mehr Fakten trägt sie zusammen, die erst nach und nach einen Sinn ergeben und mit Zunahme des Wissens steigt jedoch nicht nur die Gewissheit über das eigene Leben, sondern vor allem die Angst vor der Gefahr, in der Christine schwebt, die immer deutlicher wird. Zielstrebig bewegt sich das Buch auf den dramatischen Höhepunkt zu, der dann auch die letzten Lücken schließt und so alle Fragen restlos beantwortet. Ein Psychothriller, der seinen Namen wirklich verdient hat und mich restlos begeistert – so sehr, dass das Finale mein Sportprogramm, bei dem ich das Hörbuch hörte, deutlich ausdehnte, um endlich zu erfahren, wie alles zusammenhängt.