Deniz Ohde – Streulicht

Deniz Ohde – Streulicht

Am Rande des Industrieparks, der Säure in die Luft pustet und klebrigen Schnee produziert, wächst die Ich-Erzählerin auf. Mit ihren Freunden Pikka und Sophie besucht sie das Gymnasium, glaubt dort so sein zu können wie diese, doch hinter der Tür der elterlichen Wohnung ist vieles anders. Vater wie Großvater trinken zu viel, wollen keine Veränderung und herrschen ruppig über den Haushalt. Die Mutter, die einst aus der Türkei in ein vermeintlich besseres Leben geflüchtet war, akzeptiert dies stumm, bis es nicht mehr geht. Kein Umfeld für eine vielversprechende Zukunft und so kommt es auch: die Versetzung gescheitert, das Gymnasium Vergangenheit. Warum noch kämpfen, wenn der Ausgang doch ohnehin schon gewiss ist?

In Deniz Ohdes Debütroman verarbeitet die Autorin gleich zwei Erfahrungen, die sowohl unsere Gesellschaft wie auch das Bildungswesen prägen: Als Arbeiterkind fehlt ihr der Zugang zum notwendigen Habitus, der Voraussetzung für den Bildungserfolg ist, als Tochter einer türkisch-stämmigen Mutter verleugnet sie zunächst den offenkundigen ausländischen Namen, der sie ebenfalls stigmatisiert und in eine Schublade steckt, auf der sicher nicht Bildungsaufsteiger steht. Sie hat nie gelernt, für sich zu sprechen, Widerstand gegen erfahrenes Unrecht zu leisten und muss so den schweren Weg nehmen.

Gewalt kennt viele Formen. Die Erzählerin erlebt sie auf vielfältige Weise: verbal, psychisch, physisch. Angst und Sprachlosigkeit sind die Folgen, die sie über viele Jahre lähmen und ihr jedes Selbstvertrauen rauben. So trist die Umgebung in der Nähe des grauen und lärmenden Industrieparks, der nur noch von den unzähligen Flugzeugen übertrumpft wird, so traurig auch das Elternhaus in jeder Hinsicht. Sie lernt früh, unsichtbar und unhörbar zu werden, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Mutter keine Verbündete, kämpft diese noch mit der eigenen Befreiung, die ihr mit der Flucht aus der Heimat vermeintlich schon gelungen war, nur um sie in eine neue, andere Gefangenschaft zu bringen.

Symbolisch zwei Szenen für einerseits die Leere, in der sie schwebt, und andererseits die vermeintlichen Freunde, die an ihrer Seite stehen. Bei einem Aufsatz zum Thema Identität fällt ihr nichts ein. Sie weiß nicht, wer sie eigentlich ist, was sie ausmacht, ebenso wenig wo sie hin will. Trotz hervorragender Zensuren traut ihr die Freundin Sophie, mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, reit- und Ballettstunden gesegnet, nicht zu, das Abitur zu schaffen. Obwohl sie ihr Wissen unter Beweis stellt, bleiben immer Zweifel, wird dies als nur zufällig oder vorläufig anerkannt. Sie passt nicht in das Bild und immer wieder finden sich fadenscheinige Gründe, sie wieder beiseite zu schieben.

Es ist kein Roman von Emanzipierung; bei der Rückkehr in die elterliche Wohnung wird sie trotz inzwischen vorhandenem Studienabschluss wieder zu dem unscheinbaren Mädchen, das nichts kann und nichts zählt. Tief haben sich die Erfahrungen aus dem Kindesalter eingeschnitten und Narben verursacht, die sich nicht kaschieren lassen. Ein atmosphärisch düsterer Roman, der ohne plakative Gewaltexzesse doch verdeutlicht, wie grausam ein Leben in Deutschland verlaufen kann. Inhaltlich sicherlich ein würdiger Kandidat für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Zwei Männer begegnen sich im 18. Jahrhundert in der Fremde auf einer einsamen Insel, von der sie beide schnellstmöglich wieder wegwollen. Carsten Niebuhr reist aus Deutschland nach Elephanta / Gharapuri, eigentlich wollte er nach Arabien, Meister Musa indes kommt aus Jaipur, will eigentlich nach Mekka und strandet ebenfalls auf dem mysteriösen Eiland mit zwei Namen, je nachdem aus welcher Himmelsrichtung man auf sie blickt. Ein Berg bildet den Mittelpunkt, dessen Besteigung aufgrund des Gestrüpps und der wilden Tiere einiges von den Besuchern fordert, die jedoch am Ende mit einer alten Tempelanlage belohnt werden – auch wenn diese inzwischen im Besitz von Affen ist. Es beginnt das Beschnuppern und Missverstehen, der Wettkampf zwischen östlicher und westlicher Sicht auf die Welt und die Gestirne und die Konfrontation zweier sehr verschiedener Individuen.

„Gharapuri lag in der Mitte zwischen zwei Schrecken, Arabien und Jaipur. Völlig sinnlos lag es im Meer. So drückte der Meister das aus. Malik hätte lieber anders gesagt, ›unsichtbar‹ oder ›bescheiden‹. Gott der Allsehende, falls er jemals etwas verpasste, verpasste vielleicht Gharapuri.“

Christine Wunnicke konnte mich bereits 2017 mit ihrem Roman „Katie“ überraschen und begeistern. Für diesen war sie bereits auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert, im aktuellen Jahr hat sie es mit ihrem Werk auf die Shortlist geschafft und meiner Einschätzung nach hat der Roman auch das Potenzial zum Sieger. Nicht nur besticht er durch einen versierten Sprachwitz, der alle Feinheiten der interkulturellen Verständigungsbemühung vollends ausreizt, daneben bekommt auch die vermeintlich aufgeklärte und erhabene Wissenschaft gehörigen Gegenwind, dem man mit einem Schmunzeln folgt.

Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, so der vollständige Name des indischen Astronoms, der es inzwischen aufgegeben hat, den Menschen seine Erkenntnisse näherzubringen, sind diese doch tatsächlich nur daran interessiert, seine Astrolabien in Szene gesetzt auszustellen statt deren Funktionsweise zu begreifen. Auf dem gottverlassenen Berg trifft er auf den ziemlich mitgenommenen Europäer, der sichtlich unter Sumpffieber und Wahnschüben leidet und sich inzwischen über seine Professoren ärgert, die bequem zu Hause sitzen und ihm die beschwerliche Reise aufzwingen. Ein Austausch unter Gelehrten entspinnt sich und keiner spart an guten Ratschlägen und Weisheiten:

„»Was in einer indischen Wand sitzt und schnaubt«, sagte al-Lahuri, »ist erfahrungsgemäß indisch. Mit dieser Regel kommst du recht weit.« Damit wandte er sich ab und ließ den Europäer mit seinen Fragen allein.“

In gleich mehrerlei Hinsicht schildert der Roman Figuren lost in translation. Nicht nur die Sprachbarrieren verhindern gelingende Kommunikation, auch der egozentrische Blick, die narzisstische Überzeugung der eigenen Überlegenheit lässt den Austausch nicht gelingen. Rein menschlich begegnen sich Niebuhr und Meister Musa, hilft letzterer dem Deutschen sein Fieber zu überstehen, in der Deutung der Welt und des Firmaments jedoch liegt einzig Potenzial zum Streit und nicht zur Erkenntniserweiterung.

Die Zweideutigkeit der Sprache und der beginnende Kolonialismus durch die Briten, die als zufällige trottelige Retter ihren Auftritt haben, zerstören letztlich alle Hoffnung auf gegenseitige Bereicherung, obwohl diese auf der individuellen Ebene sogar gelingen könnte. Der Rest ist Geschichte und leider nicht nur Fiebertraum.

Anne Weber – Annette, ein Heldinnenepos

Anne Weber – Annette, ein Heldinnenepos

Ärztin, Kämpferin in der Résistance, militante Unterstützerin des Untergrunds. Geboren 1923 in einfachen Verhältnissen in der Bretagne wird Anne Beaumanoir zu einer der interessantesten Frauen Frankreichs des 20. Jahrhunderts. Noch als Studentin hilft sie während des 2. Weltkriegs zahlreiche Juden zu verstecken und zu retten, riskiert dafür nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihre Liebe, denn immer sind ihre Ideale wichtiger als sie selbst. So ist es auch nur natürlich, dass der Algerien-Krieg nach den wenigen Jahren der Ruhe in ihr die Wut und Abenteuerlust aufs Neue entfacht und sie sich für die Freiheit der Kolonialisierten einsetzt. Obwohl sie inzwischen Mutter ist, bleibt das übergeordnete Ziel Orientierungspunkt und wichtiger als persönliche Empfindsamkeiten. Als auch diese Schlacht geschlagen ist, widmet sie sich einem neuen Betätigungsfeld, als Ärztin ist sie prädestiniert am Aufbau des nun vermeintlich befreiten Landes mitzuwirken.

„Gott oder wer auch immer hats gemacht, dass sie hier lebt, alleine, klein und krumm. Krumm nur ein bisschen und auch nur von außen; im Innern ist sie gerade. So gerade wie ein Mensch in dieser Welt nur sein und leben kann.“

Die kleine Grande Dame lebt noch immer, fast 100-jährig berichtet sie nach wie vor in Schulen von ihrem zivilen Ungehorsam für das, was sie für richtig hielt. Anne Weber hat ihr ein Denkmal gesetzt, das nicht nur den bemerkenswerten Lebensweg einer unbeirrbaren, aufrechten und mutigen Frau nachzeichnet, sondern auch mit einem lakonisch-amüsanten Ton überzeugt. Ob dies für den diesjährigen Deutschen Buchpreis reicht, wird man sehen. Für mich auf jeden Fall eine unbedingte Leseempfehlung in jeder Hinsicht.

Ein Leben gewidmet dem Widerstand gegen totalitäre, ungerechte Staatsmacht. Nie zweifelt sie an ihren Idealen, auch wenn diese keinen Platz in der Wirklichkeit finden, ein kommunistischer Staat ohne Repression, dafür mit gleicher Freiheit für alle, muss wohl wirklich eine Utopie bleiben. Das heißt jedoch nicht, dass man Unrecht nicht bekämpfen sollte, wenn man es sieht. Rückschläge und immer wieder die Erkenntnis, dass die neuen Herrscher im Grunde auch nicht besser sind als die alten, können sie nicht abschrecken oder gar aufhalten. Die Männer an ihrer Seite müssen entweder ihren Kampf mitkämpfen oder sich verabschieden, ein klassisches Familienidyll gibt es für sie nicht, zu viel ist sie in geheimen Missionen oder auf der Flucht unterwegs. Sie droht sich selbst dazwischen immer wieder zu verlieren, doch sie treibt sich selbst immer wieder an weiterzukämpfen.

„Die Lage ist nicht grade ideal, um zwei jüdische Kinder zu verstecken. Sie tun es trotzdem. Denken womöglich: In idealen Lagen würde man keinen zu verstecken haben.“

Man kennt viele Geschichten von mutigen Helfern, die sich den Nazis und anderen fast übermächtigen Verbrechern couragiert entgegenstellten. Die Rolle der Frau wird dabei oft verschwiegen oder kleingeredet. Reden schwingen, das erlebt auch Anne Beaumanoir in der Partei, das ist es, was die Männer wollen, Reden schwingen und Macht, trotz Medizinstudium und Doktortitel bleibt für sie als Frau nur die Handlangertätigkeit, dabei ist sie es, die beherzt tut, was getan werden muss und das Machen immer vor das Reden stellt.

„Annette weiß: Was sie tat, ist richtig, vielleicht hat sie nicht das Recht, aber sie hat die Gerechtigkeit auf ihrer Seite, daran hat sie nicht die geringsten Zweifel.“

Sie trägt heute den von Yad Vashem verliehenen Titel „Gerechter unter den Völkern“ als Anerkennung für ihre Rettungsaktionen und das Risiko, das sie damit eingegangen ist. Auch wenn nicht alles legal und vielleicht im Nachhinein nicht die beste Entscheidung war, sie kann sicherlich als ein Vorbild für einen altruistischen Kampf für das höhere Gut gelten. Allein dafür, dass sie diese Frau ins öffentliche Bewusstsein außerhalb Frankreichs bringt, gehört der Autorin eine Auszeichnung.

Arno Camenisch – Goldene Jahre

Arno Camenisch – Goldene Jahre

Vor 51 Jahren haben sie ihren Kiosk eröffnet und noch immer leuchtet die Reklame auf 800 Meter Höhe über dem Tal. Rosa-Maria und Margrit erzählen von ihrer bewegten Zeit, die mit der Mondladung begann und sie zu einer festen Größe im Dorfalltag werden ließ. Jeden Morgen schalteten sie die Reklame ein, putzen die Scheiben und holen die Zeitungen; immer derselbe Ablauf, der sich den beiden Damen eingebrannt hat. Winters wie Sommers sind sie der zentrale Anlaufpunkt, an dem alles kulminiert und sowohl die Versorgung mit Gütern wie auch mit Informationen stets gesichert ist.

„Wir sind da ein bisschen wie die Zentrale im Dorf, die Leute tragen uns die Informationen zu, da steht man schon in der Verantwortung, die Daten auch mit der nötigen Sorgfalt zu behandeln, das ist nämlich brisant, stell dir vor, wir würden herumerzählen, was der liebe Herr Pfarrer hier jeden Freitag kauft, das wäre ein Scandal für den Boulevard, aber was für ein Scandal das denn wäre, stell dir vor. Da sind wir dezent (…)“

Es ist herrlichen erfrischend, den beiden ungezwungenen Protagonistinnen bei ihren Erinnerungen zu folgen. Natürlich haben sie allerlei über die Bewohner des Örtchens zu berichten, denn dezent sind sie nun wahrlich nicht – die Fremdgeher, die Lotteriegewinner, der, der immer alles verpasste und erst der Pfarrer – genauso haben sie aber auch jede Menge Prominenz gesehen: Ornella Muti, Roger Moore, Eddy Merckx. Alles notieren sie in ihren Heften, damit nichts vergessen geht, eine ganz eigene Graubündner Chronik.

Inhaltlich irgendwo zwischen Dorfklatsch und lokaler Weltgeschichte besticht der Roman vor allem durch den lässigen Plauderton, der durchaus mal ironisch wird und so lebendig ist, dass man sich Rosa-Maria und Margrit bildlich vorstellen kann. Dass dies mit einer Nominierung auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises honoriert wird, geht für mich mehr als in Ordnung, eine frische Stimme voller beschwingter Leichtigkeit, der man gerne folgt.

Aber der Text ist nicht nur oberflächlich humorvoll, die Veränderungen des ländlichen Raums werden auch deutlich. War einst die Tankstelle der zentrale Treffpunkt, hält nun allein schon die Umgehungsstraße die Menschen fern. Die alte Zeit ist nicht mehr, nur die beiden Damen und ihr Kiosk halten tapfer die Stellung, bis irgendwann jedoch auch ihr Raumschiff endgültig schließt und die Reise zu Ende ist – wie so vieles auf den Dörfern mit den Bewohnern auszusterben droht.

Vielleicht nicht der heißeste Anwärter auf den Buchpreis Titel, für mich aber zweifelsohne ein Lesehighlight, das ich auf jeden Fall nur weiterempfehlen kann.

Ilija Trojanow – Doppelte Spur

Ilija Trojanow – Doppelte Spur

Ein Journalist erhält zwei kryptische Emails kurz hintereinander. Man will ihm geheime Unterlagen zuspielen. Offenbar derselbe Absender, doch nachdem er sein Interesse bekundet hat, muss er feststellen, dass ihm zeitgleich ein amerikanischer und ein russischer Whistleblower Informationen zukommen lassen. So unterschiedlich das Material auch ist, bald schon lassen sich Verbindungen ziehen, die schlimmste Befürchtungen zu untermauern scheinen: noch viel tiefer als bislang geglaubt scheinen die Präsidenten der beiden Länder in Korruption und illegale Verstrickungen verwickelt zu sein.

Ilija Trojanow greift in seinem aktuellen Roman Themen auf, die seit Jahren die Schlagzeilen dominieren: Verstrickungen Trumps mit Moskau, sein manipulierter Wahlkampf 2016, die Affäre um Jeffrey Epstein, verdächtige Geldflüsse mit zweifelhafter Rolle auch deutscher Großbanken. Man hat den Eindruck als sei das Ende des Kalten Kriegs nur eine Randnotiz der Geschichte gewesen und die Welt heute von einer Allianz aus FBI, KGB, Oligarchen und dubiosen Investoren regiert. Nicht nur lenken diese das Weltgeschehen und den internationalen Geldfluss, viel wichtiger noch: sie steuern Kommunikation und Information und entscheiden darüber, was vermeintlich wahr ist bzw. welche Variante von Wahrheit der Öffentlichkeit präsentiert und von dieser geglaubt werden soll.

„Der [Anm: der Präsident der USA] malt jede schwarze Katze rosarot. Es ist kein Betrug, wenn man nicht erwischt wird. Das interpretiert er wortwörtlich. Auch im ethischen Sinn. Wenn du nicht erwischt wirst, bist du unschuldig. (…) Da alle bescheißen, darf jeder bescheißen. Wer’s nicht tut, ist ein Trottel, schlimmer noch, ein Verlierer.“

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist fließend, gerade das Ende wirft weitere Fragen auf: der fiktive Journalist Ilija Trojanow flüchtet und versteckt sich, da er um sein Leben fürchtet. Legt er letztlich nur das schützende Mäntelchen der vermeintlichen Fiktion über das, was eigentlich wahr ist? Der Roman könnte ebenso ein Enthüllungsbuch sein. Vielleicht ist es aber auch nur die richtige Antwort auf all jene, denen mit Fakten und Tatsachen nicht beizukommen ist, die lieber an Fiktionen glauben und denen durch diese wiederum die Augen geöffnet werden sollen.

„Doppelte Spur“ ist ein doppeltes Spiel in jeder Hinsicht. Das Buch liest sich gerade in der ersten Hälfte nicht wirklich wie ein Roman, zu viele Fakten werden aneinandergereiht, um eine Grundlage für die Deutung zu schaffen. Es passt jedoch perfekt in eine Zeit, in der Fake News neben echten Nachrichten publiziert werden und jede Schlagzeile zugleich wahrgenommen wird als „könnte wahr sein – oder eben auch nicht“.  Nach dem Lesen hegt man jedenfalls nicht weniger Zweifel an dem, was einem tagtäglich präsentiert wird.

Anne Enright – Actress [dt. Die Schauspielerin]

Anne Enright – Actress [dt. Die Schauspielerin]

Norah erinnert sich an ihre Mutter Katherine O’Dell, eine legendäre, jedoch inzwischen verstorbene Schauspielerin. Sie zeichnet das Leben des jungen Mädchens aus Irland nach, das es an die Londoner Theater und bis nach Hollywood schaffte, den größten Ruhm jedoch durch den Mordanschlag auf den Produzenten Boyd O‘Neill erlangte. Katherine lebte für die Bühne und den schönen Schein, das reale Leben spielte bei ihr immer nur die zweite Rolle, wie auch ihre Tochter, der sie nie verriet, wer ihr Vater war und die in jungen Jahren bei ihren Männerbekanntschaften sich auch des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass diese mehr Interesse an der schillernden Mutter als an der blassen Tochter hatten.  Ein Leben wie im Rausch, das ein tragisches Ende nahm. Doch wie konnte es so weit kommen?

Die Autorin selbst hat das Hörbuch eingesprochen, was oft ein Wagnis ist, aber Anne Enright hat eine wundervolle Stimme, der man gerne folgt und die hervorragend zu Norah passt. Mal verbittert, mal traurig, oft bewundernd aber letztlich überwiegend mit dem Gefühl, dem Menschen, der ihr am nächsten Stand nicht wirklich nahegekommen zu sein.

Katherine war eine öffentliche Figur, die die Rollen, in die sie beruflich schlüpfte, perfekt umsetzte. Aber auch in ihrem Privatleben hatte sie unzählige Gesichter und wechselte zwischen den Rollen, die sie selbst erschaffen hatte. Ein Leben als Performance, was unweigerlich eine Distanz zur Tochter schaffte, dieser aber in dem fiktiven Rückblick auch erlaubt einen neutralen und nicht durch Emotionen vorgezeichneten Blick auf das Leben der Mutter zu werfen. Als Schriftstellerin ist sie auch prädestiniert, die unzähligen Facetten angemessen wiederzugeben. Gleichzeitig wird die Biografie aber auch zu einer Analyse der Mutter-Tochter-Beziehung, die quasi auf den Kopf gestellt ist: die Tochter ist die realistische, nachdenkliche, die nicht spontan agiert und sich permanent um die Mutter sorgt.

Anne Enright ist eine klassische Erzählerin, die eine durchdacht konstruierte Geschichte erschaffen hat, die insbesondere als Hörbuch neben den Worten auch ganz viel von dem transportiert, was in den Figuren vor sich geht.

Edna O’Brien – Das Mädchen

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Edna O’Brien – Das Mädchen

Gerade noch ist die Welt der Schulmädchen in Ordnung, doch von einer Sekunde auf die nächste ist nichts mehr so wie es war. Die Milizionäre von Boko Haram überfallen sie und bringen die Schülerinnen in ein Camp im Dschungel. Dort erwarten sie Misshandlungen, Vergewaltigungen, Beschimpfungen und Verachtung. Sie sollen bekehrt werden, konvertieren zum rechten Glauben und Kindersoldaten produzieren für den Kampf der Gotteskrieger. Maryam und Buki sind zwei von ihnen, die die Qualen erdulden müssen, innerlich sterben, um das, was man ihnen äußerlich antut, aushalten zu können. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht und mit Maryams Tochter Babby begeben sie sich auf den langen und beschwerlichen Weg nach Hause. Die Mädchen sind nicht mehr, wer sie waren und auch die Überlebenden ihrer Dörfer sehen sie nicht mehr als die Töchter, die ihnen einst gestohlen wurden.

Edna O’Brien verarbeitet in ihrem Roman das Schicksal der 276 Chibok Mädchen, die im April 2014 von Boko Haram entführt wurden, was weltweit für Aufsehen gesorgt hatte. Sie schildert unverblümt das, was sie in der Gefangenschaft erleben, was sowohl die physischen Misshandlungen aber auch die psychologischen Indoktrinationen mit ihnen tun. Viele der Mädchen bleiben namenlos, beispielhaft für das Schicksal vieler folgt die Erzählung Maryam, die trotz aller Widrigkeiten einen Weg findet, die Situation auszuhalten, weiterzukämpfen und nicht aufzugeben, sondern auf den Morgen und einen besseren Tag zu hoffen.

„Es liegt nicht in unserer Macht, etwas zu ändern“, sagte sie (…).

„Warum nicht?“, fragte ich.

„Weil wir Frauen sind.“

Gerade wurde global der Weltfrauentag gefeiert, die Lebenswelt der nigerianischen Mädchen und Frauen ist weit davon entfernt, ihnen Rechte oder gar Gleichberechtigung einzuräumen. Die Grausamkeiten, die Maryam in Gefangenschaft erleidet, sind nur ein Teil der Erzählung. Nach ihrer beschwerlichen und gefährlichen Rückkehr muss sie erleben, dass sie auch in ihrem Heimatort, ja sogar in ihrer eigenen Familie nicht mehr wirklich willkommen ist. Man nimmt ihr ihr Kind weg, das das Blut des Teufels in sich trägt und macht Maryam selbst mitverantwortlich für das, was man ihr angetan hat. Die Umkehr des Opfers zum Täter ist fast noch perfider als die Gräueltaten der Entführer.

Bisweilen könnte man beim Lesen den Glauben an die Menschheit verlieren, so wie eine der Figuren resigniert feststellt, dass die menschliche Natur teuflisch geworden sei und die Welt nicht mehr die sei, die es mal gab. Aber Edna O’Brien liefert auch die Gegenbeispiele, Buki, die Maryam bei der Flucht nach Kräften unterstützt, der Hirtenstamm, der sie temporär aufnimmt und beschützt und letztlich die Nonnen, die sie und ihr Kind so annehmen, wie sie sind. Maryam fühl sich bisweilen innerlich tot, von jedem Lebenswillen verlassen und doch bleibt am Ende Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden kann. Auch wenn Maryams Mutter nicht an die Macht der Frauen glaubt, ist es aber vielleicht die nächste Generation, die vor dem Hintergrund ihrer eigenen und auch der kollektiven Erfahrungen die Welt zu einem besseren Ort verändern wird können.

Jackie Thomae – Brüder

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Jackie Thomae – Brüder

Mick und Gabriel sind Brüder, doch das wissen sie nicht, denn sie haben außer den Genen des Vaters und der dadurch dunklen Hautfarbe wenig gemeinsam. Mick wächst im Ost-Berlin der DDR auf und auch nach der Wende hat das Leben wenig zu bieten. Mit Delia könnte alles in sichere und ruhige Bahnen laufen, aber er kann ihr das nicht geben, was sie will: ein Baby. Gabriel hingegen wächst in Sachsen bei den Großeltern auf, nachdem seine Mutter früh bei einem Unfall starb. Zielstrebig wird er zu einem der besten Architekten weltweit und baut sich in London genau das Leben auf, das er als Kind nicht hatte und von dem er nur träumen konnte. Ihre Wege sollten sich nie kreuzen, doch es gibt ja den gemeinsamen Vater.

Jackie Thomae erzählt in ihrem zweiten Roman, der es 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, zwei Geschichten. Die Ausgangssituation ist vergleichbar, doch dann sind es Umstände, Begegnungen, Zufälle, persönliche Dispositionen, die dazu führen, dass die beiden Jungs sich ganz unterschiedlich entwickeln. Überzeugend zeigt die Autorin so, dass das Leben nie planbar ist und es immer viele Faktoren sind, die darüber entscheiden, wie die Dinge laufen.

„und er begriff erst jetzt: sein Bruder war nicht wie seine Schwestern mit diesem Mann hier aufgewachsen. Nein. Sein Bruder war wie er.“

Mick täuscht sich kolossal in seiner Einschätzung, denn die beiden Brüder könnten verschiedener kaum sein. Mick wirft sich voll ins Leben, erwartet alles und will es mit allen Sinnen auskosten. Frauen, Drogen, Partys bis in den Morgen – you name it. Gabriel hingegen ist ehrgeizig und zielstrebig und überlässt wenig dem Zufall. Seine Entscheidungen sind durchdacht und sorgfältig gewählt. So verlaufen ihre beruflichen Karrieren und Beziehungen auch diametral entgegengesetzt.

Ein Thema, das eigentlich keins ist, ist ihre Hautfarbe. Im multikulturellen London ist Gabriel einer von vielen, selbst als ihm ein Angriff vorgeworfen wird, wird seine Hautfarbe nicht thematisiert. Er lässt sich nicht in die britische Gesellschaft mit ihrem strengen Klassensystem eingruppieren, sondern wird nach seinem Erfolg und Charakter beurteilt. Sie ist jedoch für ihn wesentliches Kriterium, einen Job in den USA auszuschlagen, denn dort sieht er trotz Obamas Erfolg immer noch eine Reduktion auf sein Äußeres. Auch in Berlin ist Mick nicht ernsthaft Rassismus ausgesetzt, Stigmatisierungen verlaufen eher über soziale Faktoren. Einzig in seiner Beziehung mit Delia kommen ihm gelegentlich Zweifel, ob er nicht gerade wegen seinem Aussehen als Partner in Frage kam, sein Einkommen und Status können es kaum gewesen sein.

Jackie Thomae erzählt lebendig mit eingängigem Humor, der einem immer wieder Schmunzeln lässt. Sie verfällt nicht naheliegenden Klischeedarstellungen, weder wie erwähnt die Hautfarbe noch die Wende werden als Schicksalsschlag ausgeschlachtet, dem die Figuren nicht entkommen können. Es ist ein Blick in den Alltag zweier interessanter Individuen, der auch erzählperspektivisch überzeugend gestaltet wurde.

Norbert Gstrein – Als ich jung war

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Norbert Gstrein – Als ich jung war

Franz wächst in den Tiroler Bergen auf, wo seine Eltern ein Hotel haben, in dem regelmäßig Hochzeiten ausgerichtet werden. Dass die Kinder mithelfen müssen, steht außer Frage und so wird der Junge schon früh zum Hochzeitsfotograf, der den schönsten Tag im Leben der Verliebten für immer festhalten soll. Ein mysteriöser Suizid einer Braut lässt ihn jedoch aus der Enge der Berge nach Jackson, Wyoming, flüchten, wo er sich als Skilehrer durchschlägt. Ach in der Ferne kann er jedoch Sarah nicht vergessen, offenbar seine große Liebe. Dem tschechischen Professor, der ihn engagiert hat, erzählt er von ihr, kurz bevor dieser verunglückt. Überhaupt häufen sich seltsame Todesfälle in Franz‘ Umgebung, so dass auf beiden Seiten des Atlantik ermittelt wird. Doch Franz kann sich die Vorkommnisse nicht erklären, Zufälle wohl, und kehrt nach einer schweren Verletzung zurück in die Heimat und das Familienhotel, wo er erneut mit der Vergangenheit konfrontiert wird.

Man muss Norbert Gstreins Roman erst sacken lassen, bevor man das, was man da gelesen hat, so richtig begreifen kann. Die Nominierung für den österreichischen Buchpreis verwundert zunächst, je weiter die Gedanken jedoch um die Geschichte kreisen, desto klarer sieht man jedoch, welch genialer Einfall hier literarisch umgesetzt wurde. In Romanen geht es immer darum, was erzählt wird, bei Gstrein geht es jedoch viel mehr um das, was nicht erzählt wird, die Leerstellen sind es, die besonders interessant sind, die Lücken in der Erinnerung bzw. auch die bewussten Verdrängungen in der eignen Biografie.

Der Ich-Erzähler schildert seine zunächst eher unspektakuläre Kindheit und die unzähligen Hochzeiten, die er erlebt und für die Ewigkeit festhält. Was er hier einfängt, weist schon daraufhin, dass ihm auch als Erzähler nicht zu trauen ist, denn nicht alles, was man sieht, entspricht der Wirklichkeit hinter dem Bild:

„sie wollten alle auf den Fotos besser dastehen als in Wirklichkeit, aber dazu brauchte es nicht viel, dazu brauchte ich nur die billigsten Tricks anzuwenden, oder ich fotografierte an ihren Unvollkommenheiten und Menschlichkeiten vorbei.“

So wie er die Frischvermählten im besten Licht einfängt, schildert er auch sein eigenes Leben, das voller Unschuld zu sein scheint, bis am Rand die Zweifel ins Bild drängen. Der Tod der Braut, das Verschwinden einer Frau in den USA, die vermeintlich unschuldige Schwärmerei für Sarah, die sich jedoch dramatisch in eine ganz andere Richtung entwickelt – Franz erzählt sein Leben, wie er es sich zurechtgerückt hat. Doch Wesentliches scheint er dabei auszulassen.

So wird der Roman fast zu einem Krimi und das Unbehagen beim Leser wächst. Mit was für einem Erzähler hat man es da zu tun, was hat er getan? So wie Franz nach dem Tod des Professors erkennt, dass er diesen eigentlich gar nicht kannte und nichts über ihn wusste, geht es einem mit dem Protagonisten ebenfalls. Ob er sich und die Welt bewusst täuscht und sich seine Realität so erschafft, wie er sie gerne hätte, oder ob seine Wahrnehmung tatsächlich so ist, bleibt ebenso offen wie vieles andere auch. Das nicht Gesagte, die Fragezeichen, die bleiben, machen den Reiz der Geschichte aus, deren klare Sprache eine Eindeutigkeit suggeriert, die jedoch keineswegs vorhanden ist. Und so muss man als Leser selbst die Ereignisse konstruieren und steckt damit mitten in der Geschichte.

Schweizer Buchpreis 2019

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Nachdem die deutsche Longlist und inzwischen auch Shortlist veröffentlicht sind und auch die Österreicher ihre diesjährigen Kandidaten nominiert haben, haben jetzt auch die Schweizer nachgelegt. Eine tolle Auswahl wie ich finde.

Die Preisverleihung findet am 10. November 2019 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.