S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

SJ-watson-before-I-go-to-sleep
S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

Als Christine morgens wach wird, kommt ihr das Schlafzimmer fremd vor, ebenso der Mann, mit dem sie offenkundig die Nacht verbracht hat. Scheinbar hatte sie am Abend zuvor ordentlich gefeiert, so dass sie keinerlei Erinnerung mehr hat. Im Badezimmer erschrickt sie: wer ist die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt? Sie ist mindestens zwanzig Jahre älter als sie selbst! Jeden Morgen wiederholt sich dasselbe Spiel: seit einem Autounfall leidet sie an Amnesie und kann sich an nichts mehr erinnern. Ihr Ehemann Ben hat das Haus sorgfältig präpariert, damit sie die wichtigsten Eckdaten schnell erkennt. Nachdem Ben zur Arbeit aufgebrochen ist, befindet sich Christine alleine in dem fremden Haus. Ein Telefonanruf verunsichert sie, ein Arzt will sich mit ihr treffen und weist auf ein Tagebuch hin, in dem sie seit Wochen Dinge notiert, die sie in minutiöser Arbeit rekonstruiert haben. Christine beginnt in ihrem eigenen Leben zu lesen und je weiter sie voranschreitet, desto seltsamer und beunruhigender werden die Erkenntnisse. Irgendwie wollen die Puzzlestücke nicht zusammenpassen und bald schon weiß sie nicht mehr, ob sie irgendwem überhaupt vertrauen kann.

S.J. Watsons Debutroman „Before I Go to Sleep“ war ein ungewöhnlicher Erfolg für ein Erstlingswerk, geschrieben hat es der Autor in seinen Pausen als Hörakustiker. Der Psychothriller wurde 2011/2012 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und 2014 folgte die hochkarätig besetzte Verfilmung, die jedoch in keiner Weise an den Erfolg des Buches anknüpfen konnte.

Zu Beginn weist wenig daraufhin, dass es sich um einen Thriller handelt. Man bedauert Christine um ihre leidliche Situation und gemeinsam mit der Protagonistin versucht man Sinn in das Chaos, das sie umgibt, zu bringen. Es ist leicht, sich in sie hineinzuversetzen, da der Wissensstand zwischen ihr und dem Hörer/Leser identisch ist. Die Begegnung mit Dr. Nasch wirft weitaus mehr Fragen auf als sie beantwortet. Warum verheimlicht sie ihrem Mann die Treffen und was hat sie in den letzten Wochen bereits an Erinnerungen rekonstruieren können? Vor allem jedoch: weshalb hat sie als Notiz an sich selbst „Do not trust Ben“ in ihr Tagebuch geschrieben? Christines heimliches Treffen mit ihrer ehemaligen besten Freundin Claire befördert noch mehr Ungereimtheiten zu Tage und spätestens jetzt lässt sich der Psychothriller nicht mehr aufhalten und fährt sie ganzes Potenzial aus.

Die Handlung lebt von der Konstruktion rund um Christines Amnesie. Immer mehr Fakten trägt sie zusammen, die erst nach und nach einen Sinn ergeben und mit Zunahme des Wissens steigt jedoch nicht nur die Gewissheit über das eigene Leben, sondern vor allem die Angst vor der Gefahr, in der Christine schwebt, die immer deutlicher wird. Zielstrebig bewegt sich das Buch auf den dramatischen Höhepunkt zu, der dann auch die letzten Lücken schließt und so alle Fragen restlos beantwortet. Ein Psychothriller, der seinen Namen wirklich verdient hat und mich restlos begeistert – so sehr, dass das Finale mein Sportprogramm, bei dem ich das Hörbuch hörte, deutlich ausdehnte, um endlich zu erfahren, wie alles zusammenhängt.

Emmanuel Carrère – Ein russischer Roman

emmanuel-carrere-ein-russischer-roman
Emmanuel Carrère – Ein russischer Roman

Vielleicht ist es der Satz „Wenn ich Russisch lernen oder wiedererlernen würde, hätte ich den Schlüssel zu einer entscheidenden Veränderung in der Hand“, der am besten zusammenfasst, worum es in Emmanuel Carrères Buch „Ein russischer Roman“ geht. Er sucht nach seinen russischen Wurzeln, nach der Geschichte des verschollenen Großvaters, der einst aus Georgien fliehen musste, in Deutschland studierte, in Frankreich landete und in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwand. Eine ähnliche Geschichte eines Ungarn lässt den französischen Autor und Filmemacher ins russische Kotelnisch reisen, wo er nach Spuren eines Jahrzehnte lang verschollenen Mannes und nach der Geschichte seiner eigenen Familie forscht. Mit der anderen Sprache, die er einst von seiner Mutter lernte, eröffnet sich ihm auch eine neue Welt und ein neuer Blickwinkel, vor allem auf seine Beziehung zu Sophie, die in einer ganz anderen Welt als er lebt. Carrère, Sohn von Hélène Carrère d’Encausse, Vorsitzender der Académie Française, Autorin, Intellektuelle und Förderin seiner künstlerischen Ader. Sophie, bürgerliches Mädchen mit bescheidenen beruflichen Zielen in einem Schulbuchverlag. Zwei Jahre im Leben eines Mannes, die vieles in Frage stellen und entscheidende Veränderungen bringen.

Schon das Genre des Textes zu bestimmen scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Es gibt keine Handlung, die zu einem Zeitpunkt x beginnt und an Tag y endet. Es gibt auch keinen einen Handlungsort, sondern wir bewegen uns immer wieder zwischen Frankreich und Russland hin und her und reisen auch in diesen Ländern. Und worum es eigentlich geht? Die Familiengeschichte? Die Geschichte des verschollen geglaubten Ungarn? Die Liebesbeziehung zwischen Emmanuel und Sophie? Ein Befreiungsschlag von den bösen Geistern der Vergangenheit, die Emmanuel und Hélène regelmäßig heimsuchen? Die Fragen können nicht abschließend beantwortet werden. Vielleicht fasst eine Art Tagebuch am besten zusammen. Wir haben unterschiedliche Ideen und Gedanken, die den Autor beschäftigen, allerdings gibt es auch Sprünge, die Chronologie wird immer wieder durchbrochen. Auf jeden Fall ist es sehr persönlich und vieles ist in der Tat real und nicht erfunden, von dem er berichtet, wie beispielsweise der öffentliche Brief an seine Partnerin, der wie im Buch geschildert am 22. Juli 2002 in der Zeitung „Le Monde“ veröffentlicht wurde.

Definitorische Annäherung: der Larousse definiert den „Roman“ – immerhin im Titel des Wers genannt:

„un récit en prose d’une certaine longueur, dont l’intérêt est dans la narration d’aventures, l’étude de mœurs ou de caractères, l’analyse de sentiments ou de passions, la représentation du réel ou de diverses données objectives et subjectives.“

Prosatext von einer gewissen Länge – check. Erzählung eines Abenteuers – check. Studie der Sitten/Bräuche oder eines Charakters – check. Analyse von Gefühlen und Leidenschaften – check. Darstellung der Realität auf subjektive oder objektive Weise – check. Es ist wohl doch ein Roman, vielleicht sogar ein russischer, auf jeden Fall ein lesenswerter. Ich fand viele der angerissenen Themen für sich alleine spannend und hätte sich auch gerne stringenter verfolgt, aber gerade dieses Puzzlehafte, die Sprünge, zeichnen diesen Roman aus, in dem Carrère vieles verarbeitet und uns als Leser teilhaben lässt.