Arno Strobel – Die App

Arno Strobel – Die App

Hendrik und Linda stehen nur wenige Tage vor der Hochzeit als die junge Frau spurlos verschwindet. Hendrik kehrt von einem nächtlichen Notfalleinsatz in der Klinik zurück und sieht sich mit einem leeren Haus konfrontiert. Kein Hinweis auf den Verbleib der zukünftigen Gattin. Die Polizei interessiert sich auch nur mäßig für den Fall, doch ein Aufruf bei Facebook bringt Erfolg: Linda ist nicht die einzige, die in Hamburg spurlos verschwunden ist, die mysteriösen Vermisstenfälle häufen sich und alles deutet darauf hin, dass die SmartHome Software Adam das verbindende Element der Fälle ist. Die App sichert nicht nur das Haus, sie scheint die Kontrolle übernommen bzw. jemandem genau zu dem verholfen zu haben, was mit ihr eigentlich verhindert werden sollte: Zugang zu den geschützten, privaten Räumen.

Nach den ersten 100 Seiten der Leseprobe war ich angefixt und wollte unbedingt wissen, wie der Fall gelöst wird. Leider konnte der überzeugende, starke Auftakt die Erwartungen nicht erfüllen. Bedauerlicherweise wandelt sich der Psychothriller von einem spannenden Wettstreit Mensch gegen Computer zu einer sehr ehrvorsehbaren und reichlich abstrusen Posse, die leider jeglicher Glaubwürdigkeit entbehrt.

Konnte ich über Kleinigkeiten zunächst noch geflissentlich hinwegsehen – Hendriks Vermisstenmeldung landet nicht bei der Polizei, sondern direkt bei den Hauptkommissaren des LKA – haben mich zahlreiche Plattitüden und Nachlässigkeiten zunehmend geärgert. Der Psychologin, die Hendrik hilft und den entscheidenden Verbindungsaspekt der Fälle erkannt hat, wird mit großem Erstaunen konstatiert, dass sie ja selbstständig denken kann; Hendrik stellt drei banale Fragen und man attestiert ihm das Potenzial zum LKA Kommissar; niemand wird stutzig, als der Kommissar die zwei aufbrausende und leichtsinnige Zivilisten zu seinen Verbündeten macht, um gemeinsam mit ihnen gegen das Böse zu kämpfen. Kleine Szenen nur, die jedoch einfach ärgerlich sind, weil sie mich als Leser nicht ernst nehmen, soll man wirklich einfach alles glauben und hinnehmen?

Die Themen SmartHome und Gefahren durch KI und deren Fernsteuerung durch böse Darknet Nutzer waren noch nicht groß genug für den Roman, es musste noch ein weiterer Reißer draufgesetzt werden, der für mich zu sehr bemüht war, um ernsthaft glaubwürdig die gesamte Handlung zu motivieren. Auch das Laien innerhalb weniger Tage gelingt, woran das LKA offenkundig über Monate scheiterte – das mag es mal geben, mich überzeugen jedoch mehr realistische Handlungen.

Fazit: leider am Ende große Enttäuschung. Der Roman hatte mehr versprochen, sich dann aber leider in typischen Krimi-Versatzstücke und konstruierter Logik verloren.

Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

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Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

Schon längst hätte der Historiker Josef Maria Stachelmann seine Habilitation abschließen können und müssen, erst als sein Chef ihm droht und eine jüngere Kollegin ihm seinen Platz streitig machen könnte, merkt er, dass es Zeit wird. Als ein ehemaliger Kommilitone sich bei ihm meldet, ist er zunächst verwundert, Ossi Winter arbeitet inzwischen als Kommissar und er hat eine Reihe von Morden, bei denen er glaubt, mit Stachelmanns Hilfe weiterzukommen. Der Immobilienmakler Holler hat Frau und Kind durch einen Mörder verloren; Stachelmann glaubt tatsächlich den Namen im Zusammenhang mit seiner Forschung über Konzentrationslager schon einmal gehört zu haben, vielleicht liegt das der entscheidende Punkt, gar nicht bei Holliger selbst, sondern bei seinem Vater, der nach dem Krieg das kleine Imperium aufbaute, indem er alle Konkurrenten aufgekauft hat. Bei einer Forschungsreise nach Berlin, um dort in Archiven die letzten Informationen zusammentragen, wird Stachelmann nicht nur beobachtet, sondern man versucht ihn zu töten. Offenbar war seine Vermutung mehr als richtig.

Christian von Ditfurth greift in seinem Krimi nicht nur auf das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, sondern thematisiert vor allem den Umgang mit der Schuld in der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Er lässt dabei alle Stimmen zu Wort kommen, auch die des Mörders, der erzählt, wie er die Zeit als jüdisches Kind erlebt hat, dessen Familie ausgelöscht und der selbst zu einer Pflegefamilie ins Ausland geschickt wurde. Dagegen stehen die Leugner, diejenigen, die sich versuchen rauszureden, um ihr Gewissen zu entlasten. Doch wirklich vor der eigenen Vergangenheit weglaufen kann niemand.

„Mann ohne Makel“ ist der erste Band der Reihe um den Historiker und Hobbyermittler Stachelmann, inzwischen ist die Reihe bei Band 7 angekommen. Für mich ein solider Krimi mit interessanten und facettenreichen Figuren, die das Potenzial haben, über viele Fälle zu tragen. Besonders freut mich, dass es weniger um Gewalt und exzessive Darstellung selbiger geht, sondern die Verbindung von Geschichte und Psychologie zur Lösung führt. Ein klarer Fall von: hier hat sich der Griff auf den SUB zu einem älteren Buch wirklich gelohnt.

Andreas Winkelmann – Der Fahrer

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Andreas Winkelmann – Der Fahrer

Ein brutaler Serienmörder versetzt Hamburg und das Team um Kommissar Jens Kerner in Angst und Schrecken. Junge Frauen werden aus ihrem Auto heraus entführt und brutal ermordet. An den Wagen hinterlässt der Täter ein Hashtag mit der zynischen Aufforderung #findemich, mit der er die Polizei nicht nur herausfordert, sondern provoziert und durch seine Postings auf Instagram lässt er die ganze Welt daran teilhaben. Schnell verdichten sich die Anzeichen, dass alles auf Jens Kerner ganz persönlich ausgerichtet ist, scheinbar führt jemand einen perfiden Rachefeldzug ganz direkt gegen ihn und es dauert auch nicht lange, bis dieser einen Schuldigen glaubt entdeckt zu haben: seinen eigenen Bruder. Blind vor Wut reagiert Kerner genau so, wie es sein Gegenspieler kalkuliert hat: er rastet aus und wird suspendiert. Ohne ihren Kopf muss das Team nun sehen, wie sie es mit dem Mörder aufnehmen können.

Viele positive Rezensionen und Lobeshymnen hatten mich neugierig auf den Autor gemacht, seit Jahren schon ist Winkelmann eine feste Größe unter den deutschsprachigen Autoren. Doch leider folgte mit diesem Roman für mich eine herbe Enttäuschung: eine Aneinanderreihung von alten Krimi-Versatzstücken, ein Protagonist, der an fehlender Sympathie kaum mehr unterboten werden kann und eine Geschichte, die so abstrus konstruiert ist, dass es schon ein Paralleluniversum benötigen würde, um einen Funken Realismus darin erkennen zu können.

Schon das erste Drittel des Buches hat mich so dermaßen genervt, dass ich kurz vorm Weglegen war. Ein Ermittler des Typs „Ich hatte eine schwere Kindheit und deshalb darf ich mich gegenüber allen wie ein Arschloch verhalten“ ist einfach out. Das war vielleicht in den 80ern mal modern und selbstgerechte Machotypen kamen mit ihrem Egotrip gut an, ich finde das heute schlichtweg überholt und wenig geistreich. Zu einer privaten Freitagabend Verabredung nimmt er selbstverständlich die Dienstwaffe mit, damit er jederzeit rumballern könnte – sorry, aber hä? Natürlich ermittelt er nach der Suspendierung allein weiter und bricht auch ohne Skrupel in Häuser ein. Im echten Leben hätte er für beides (hoffe ich zumindest) eine Abmahnung bekommen und wäre nicht wieder von der Vorgesetzten zurück zum Dienst erbettelt worden. Ob es besonders cool wirken soll, dass er noch nie etwas von einem Hashtag gehört hat und Social Media für böse hält? Ich denke ein echter Polizist könnte sich das kaum mehr erlauben.

Die Handlung selbst besteht aus banalsten Mustern und ist vorhersehbar wie ein Rosamunde Pilcher Film. Spannend war da gar nichts, dafür aber ganz schön viel ziemlich hanebüchen. Die Motivlage des Täters ist so aberwitzig und unglaubwürdig, reiht sich damit aber in die Charakterisierungen der anderen Figuren nahtlos ein. Da haben wir den gutmütigen, etwas plumpen älteren Polizisten, der schnell mit Hausmeistern per du ist; die böse Vorgesetzte, die keiner leiden kann und die natürlich völlig überfordert und unfähig ist; die junge Kollegin, der ein peinlicher Fehler passiert, die aber total nett ist und geradezu prädestiniert für die Zielscheibe des Täters ist; der schmierige Journalist und der heimlich helfende Privatermittler dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wenn man nach etwas Gutem sucht in diesem Sammelsurium an Plattitüden: es gibt keinen Gärtner und dieser ist auch nicht der Mörder.

Fazit: als Sommerlektüre am Strand, wenn man möglichst gering gefordert werden möchte und auf bekannte Muster setzten will zwecks Reduktion der geistigen Eigenleistung beim Lesen – perfekt. Ansonsten: es gibt sicherlich genügend wirklich gute Alternativen auf dem Markt.

Janna Steenfatt – Die Überflüssigkeit der Dinge

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Janna Steenfatt – Die Überflüssigkeit der Dinge

Sie sind kein Liebespaar, aber auch mehr als die typische WG. Als Ina sich bei Falk das zu vermietende Zimmer ansieht, wissen sie sofort, dass sie zueinander passen. Der introvertierte Falk und die planlose Mitzwanzigerin, die zwar ihr Studium beendet, aber keinerlei Zukunftspläne hat. In Hamburg streifen sie durch die Nachtszene bis Inas Mutter, zu der das Verhältnis immer schwierig war, unerwartet stirbt und Ina von der Vergangenheit eingeholt wird. Doch nicht so sehr die Trauer ist es, die sie überwältigt, sondern die Erkenntnis, wer ihr Vater ist und dass dieser womöglich gar nichts von ihrer Existenz weiß. Doch just in diesem Moment kommt der Regisseur in die Stadt und so tut sich für Ina die Chance auf, ihm am Theater näherzukommen. Als Küchenkraft beäugt sie ihn aus der Ferne, wie immer schon in ihrem Leben, auf den richtigen Moment wartend, um ihn zu konfrontieren.

Es ist nicht leicht, Ina sympathisch zu finden, nein, eigentlich ist es sogar ausgesprochen schwierig, die junge Frau zu verstehen und zu mögen. Janna Steenfatt hat einen komplexen Charakter geschaffen, dem zwar jedes Charisma fehlt und der auch für die anderen Figuren kaum liebenswert erscheint, der jedoch aus psychologischer Sicht durchaus seinen Reiz hat. Schon als kleines Kind leidet sie unter ihrer dominanten Mutter, die als Schauspielerin immer die öffentliche wie auch private Anerkennung und Bewunderung sucht. Besonders ausgeprägt sind ihre mütterlichen Instinkte nicht, was in einer emotionalen Vernachlässigung des Kindes endet. Auch die Tatsache, dass sie Vater und Tochter die gemeinsame Beziehung vorenthält, ist eine egoistische Entscheidung mit weitreichenden Folgen.

Ina internalisiert den Wunsch zu gefallen, es ihr Recht zu machen, was ihr jedoch kaum gelingt, mehr als süffisante Verachtung hat ihre Mutter selten für sie übrig. Als Erwachsene ist ihre Persönlichkeit durch Unentschlossenheit und Unsicherheit geprägt, dies geht so weit, dass sie einen Job weit unter ihrer Qualifikation annimmt. Beziehungen und Freundschaften gibt es nicht wirklich in ihrem Leben, mit Falk verbindet sie ein eigenartiges Band, beide sind introvertiert und gehen ungern auf andere zu. Auch der Beziehungsversuch mit der Schauspielerin Paula scheitert kläglich. Liebe ist für sie nichts, das einfach geschieht und dann gedankenlos gelebt werden kann, was dann letztlich auch erwartungsgemäß zu großen Problemen führt.

„Die Überflüssigkeit der Dinge“ ist ein endloses Warten darauf, dass das Leben irgendwann beginnt. Das Leben, das die Figuren eigentlich leben wollen. Bis dahin leben sie eben ein anderes, fremdes, das sie sich nicht selbst ausgesucht haben, sondern eines, das sie gefunden hat. Ein sperriger Roman, der auch im Leser einiges bewegt, nicht einfach zu fassen bleibt und an dem man sich reibt, wenn nicht gar aufreiben kann.

Carlton Roster – Blutboden

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Carlton Roster – Blutboden

Ein Krimi-Hörbuch aus dem Genre „Mit Recherche und Realismus hab ich’s nicht so, aber meine Porno- und Fetischphantasien würde ich schon gerne als Krimi präsentieren“. Eigentlich ist das scheußliche Cover schon recht wegweisend und sollte einem vom Hören abhalten. Aber zum Inhalt: Einer jungen Studentin werden brutal die Zehen abgehackt und sie findet einen grausamen Tod durch Ausbluten. Der zuständige Hauptkommissar Krüger kümmert sich nen feuchten Kehricht um den Fall und schickt stattdessen seine attraktive Marie Liebsam allein zu ihrem ersten Fall. Sie macht dann auch etwas, was man großzügig ermitteln nennen könnte, bevor sie erwartungsgemäß selbst in die Fänge des Bösen Mörders gerät.

Wer hinter dem Autorennamen „Carlton Roster“ steckt ist schwer herauszufinden, viel mehr als das „Blutboden“ sein Erstlingswerk und Auftakt einer Reihe ist, konnte ich nicht herausfinden. Es besteht keine Gefahr, dass ich an weitere Bücher oder Hörbücher des Schreibers gerate, zu sehr hat sich mir das Hörerlebnis in die Erinnerung eingebrannt. Gleich auf mehreren Ebenen kann man das Werk als geradezu bahnbrechend beschreibend. Himmelschreiend würde es aber auch ganz gut treffen.

Der Fall beginnt tatsächlich blutrünstig und spannend, man gerät direkt in die Mordszene und die Neugier ist geweckt. Interessant: es werden bei der Leiche nur neun Zehen gefunden, was die Ermittler messerscharf zur Erkenntnis führen: das muss der Beginn einer Mordserie sein oder das Opfer hatte nur neun Zehen. Joa, beides die unmittelbar logischen Schlüsse. Der Täter versteht etwas von seinem Handwerk, weshalb zunächst das Umfeld des Opfers beleuchtet wird und da ist es naheliegend, in eine große Erstsemester BWL Vorlesung mit mehreren Hundert Zuhörern zu gehen und allen zu erzählen, dass sie ermordet und wurde und jetzt um qualifizierte Beiträge zu bitten. Einzig suspekt ist jedoch der Dozent, der aber gegenüber der Polizei nicht zugeben wird, dass er diese Studentin tatsächlich näher kennt. Also ziemlich nah, denn er hat in seinem Auto mit ihr geschlafen. Lange Rede: es wird dann noch eine falsche Spur gefunden, der man nachgeht und die sogar zu einer Verhaftung führt. Jetzt ein bisschen CSI: die DNA Daten entlasten den Verdächtigen, das Ergebnis ist positiv wie der Polizist mitteilt. Also negativ, aber positiv für den Mann in Gewahrsam.

Das absolute Highlight ist aber Marie Liebsam. Sie trägt im Dienst Minikleidchen, bei dem man den Zwickel der Strumpfhose sehen kann. Das erfährt man nicht einmal, nicht zweimal, sondern jedes Mal, wenn sie ihren Auftritt hat. Sie ist die Protagonistin, das kommt also dauernd.  Nicht mit Charme, sondern ganz profan nackten Tatsachen becirct sie ihre Zeugen und Verdächtigen. Dies tut sie vorwiegend allein. Wozu auch noch einen Kollegen mitnehmen, kann die junge Polizistin in ihrem ersten Fall ganz allein, bringt sie zwar mehrfach in brutal gefährliche Lagen, aber mit Realismus war’s bei der Story ja eh nicht so. Ach ja, sie zeigt ihren messerscharfen Verstand – der offenbar gelegentlich auch schwere Aussetzer hat – und beeindruckt damit die männlichen Kollegen. Da man an der Haustür des Opfers keine Einbruchsspuren findet, erklärt sie dies mit folgender beeindruckender Überlegung: die junge Frau hat bestimmt immer die Tür offenstehen lassen. Sicher, liegt nahe bei einer jungen Frau, die frisch aus der Provinz in die Großstadt gezogen ist.

Nochmal zurück zu den Zehen, von denen ja eine fehlte. Das schien irgendwie wichtig zu sein. Wurde dann aber leider vergessen zu erklären. Ebenso woher jemand was von dem Bargeldversteck unter der Badewanne wissen konnte. Dass eine Studentin mehrere tausend Euro in ihrer Wohnung aufbewahrt, ist ja jetzt auch nicht unbedingt der Normalfall. Achtung Spoiler! sollte jemand trotz der klaren Warnung doch noch Interesse an dieser Geschichte haben, nicht weiterlesen! Dem echten Täter kommen sie dann nicht wegen Kommissar Zufall auf die Spur, sondern dieser kehrt einfach in die Wohnung des Opfers zurück, wo er – hier dann doch Kommissar Zufall – auf Marie trifft. Warum er dort ist, bleibt völlig unklar. Was er mit der Nachbarin zu tun hat, ebenso. Und außerdem wird der Fall am Ende sowieso nicht geklärt.

Fazit: beeindruckend, wie viele frauenverachtende männliche Figuren man in einer so kurzen Geschichte unterbringen kann. Auch die Dreistigkeit, mit der eine Pornodarstellerin als verantwortliche Kommissarin getarnt ermitteln darf, ist durchaus beachtenswert. Ebenfalls gelernt: alle jungen Frauen haben offenbar einen Schuhfetisch und sind sowieso nymphoman veranlagt. Aber auch alles andere ist so schräg und realitätsfern – unbedingt noch zu erwähnen: der Pathologe, der während der Obduktion das Handy greift, mit den Handschuhen, mit denen er gerade an der Leiche war, aber die zieht er dann eh aus, um mit bloßen Händen weiter zu untersuchen – dass man vor lauter Fassungslosigkeit den Ausschaltknopf nicht findet.

Kai Havaii – Rubicon

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Kai Havaii – Rubicon

Eine wilde Verfolgungsjagd kostet Carl Overbeck in Rom beinahe das Leben. Die Killer wissen, was sie tun und vor allem, was sie wollen: ihn tot sehen. Doch wie konnte es so weit kommen? Einst war er Elitesoldat in Afghanistan, diente seinem Heimatland und war überzeugt davon, das Richtige zu tun und für die richtigen Werte einzustehen. Doch ein furchtbarer Anschlag und die nicht gelungene Rückkehr in die deutsche Normalität haben ihre Spuren hinterlassen. Als ein Kindheitsfreund ihm ein verlockendes Angebot macht, schlägt er ein, wissend, dass er sich in die Dienste der Mafia stellt. Der zweifelhafte Job ist lukrativ, jedoch nicht sorgenfrei, wenn man ein Gewissen besitzt und vor allem nicht, wenn man sich verliebt. Doch Carl hat den Rubikon überschritten, seine Entscheidung für eine Seite kann er nicht mehr rückgängig machen.

Kai Havaii ist eher bekannt als Sänger der Band Extrabreit, die besonders in den 1980ern den Musikmarkt mitbestimmte. Als Autor ist er bislang nur durch seine Biografie aufgefallen, die 2007 erschien. Nun also sein erster Roman, der inhaltlich gleich hochgreift: Bundeswehreinsatz in Afghanistan, Mafia, Serienkiller – gleich mehrere heiße Themen in eine Geschichte zu verpacken ist schon gewagt.

Wer auf actiongeladene Thriller, eher noch in verfilmter als in geschriebener Form steht, wird eine große Freude an dem Roman haben. Mein Genre ist das nicht, weshalb ich nicht vor Begeisterung überborde, auch wenn ich durchaus anerkenne, dass Havaii solide Arbeit geliefert hat. Die Handlung ist gut konzipiert, auch wenn für meinen Geschmack vieles recht vorhersehbar war. Die Figuren sind glaubwürdig gezeichnet, vor allem Carls Schwierigkeiten nach der Rückkehr vom Auslandseinsatz wirkte auf mich überzeugend. Nicht so sehr gewinnen konnten mich die ausufernden Beschreibungen der Kampfhandlungen in Afghanistan und später die Ballerszenen, das muss man mögen. Ebenso fand ich die Erklärungen zur Struktur der ‘Ndrangheta etwas zu langwierig, für den Handlungsverlauf wären die detaillierten Ausführungen nicht erforderlich gewesen.

Insgesamt ein solider Thriller seines Genres, der jedoch für mich stark den Eindruck erweckt, dass er eigentlich eher ein Drehbuch für einen Film hätte sein wollen.

Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

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Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

Seit sein Bruder Willi in Kanada lebt, ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten und als Osmans Vater, Musiker wie er, sich die Hand bricht und auf seine Schwester Elide und den Sohn angewiesen ist, muss der Student sich Fragen stellen, denen er jahrelang ausgewichen war. Warum spielt er überhaupt Cello und gibt ihm das Musizieren das, was er eigentlich möchte? Warum hat er den Absprung nicht geschafft, wie so viele andere? Als er auf der Straße ein Aufnahmegerät findet mit Aufnahmen einer jungen Frau, hat er plötzlich Zugang zu den Gedanken eines anderen Menschen, der ebenso wie er auf eine ganz eigene Weise isoliert ist und auf der Suche nach dem ist, was im Leben fehlt.

„Andere Leute wissen, was zu tun ist bei so was, die können das, gute Sätze sagen und ihre Tanten in den Arm nehmen. Ich wollte die ganze Zeit bloß weg. Wer soll das aushalten, wenn Tante Elide heult. Sie, die Einzige von uns, die alle Tassen im Schrank hat.”

Osman hat die ungewöhnliche Familiensituation nie hinterfragt. Mutter Doris hat sie als kleine Kinder verlassen und Tante Elide hat ihren Platz als weibliches Familienoberhaupt übernommen. Was sie dafür aufgegeben hat, war nie Thema, so ist das nun einmal, eine Familie hält zusammen und man tut, was getan werden muss. Träume der Frauen, Wünsche und Motive für ihr Handeln werden nicht hinterfragt, erst als alles aus den Fugen gerät, kommen auch ihre Geschichten ans Licht, ebenso wie Familiengeheimnisse, von denen die Jungs nicht einmal ahnten, dass es sie geben könnte.

Dieser schweigsamen Familie wird eine andere gegenübergestellt, zu der nur über die Aufnahmen des Bandes eine Verbindung besteht. Zwei Schwestern, eine davon gehörlos und nur über Gebärdensprache in Kontakt mit der Welt. Soll sie eine Operation wagen, die ihr das Hören ermöglicht? Was würde das bedeuten, die Menschen plötzlich anders wahrzunehmen?

Katharina Mevissen spielt in ihrem Debutroman „Ich kann dich hören“ mit den Sinnen und einer Sprache, die das transportiert, was sonst nur mitschwingt und direkt unter die Haut geht. Das Sprechen und Hören, das Schweigen und Nichthören – auf ganz unterschiedliche Weise nutzen die Figuren die Kommunikation oder verweigern sie. Viel Ungesagtes bahnt sich seinen Weg und manches kann nur Ausdruck in anderer als der verbalen Weise finden, weil die Worte fehlen oder nicht passen, um das auszudrücken, was gesagt werden soll.

Ein ungewöhnliches Buch, das berührt wie ein perfektes Musikstück und noch nachhallt, wenn man es beendet hat.

Saša Stanišić – Herkunft

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Saša Stanišić – Herkunft

Die Frage danach, wo man herkommt, scheint so einfach und ist doch so kompliziert. Wenn Saša Stanišić gefragt wird, muss er zunächst zurückfrage: wie, jetzt gerade? Oder wo ich wohne? Oder das Land, in dem ich geboren bin, und das es gar nicht mehr gibt? Oder die ethnische Zugehörigkeit seiner Eltern? Er beleuchtet dieses komplizierte Thema anhand seiner eigene Biografie. Geboren als Sohn einer Bosniakin und eines Serben in einer jugoslawischen Kleinstadt, ist es in der Kindheit relativ egal, wer was ist, es sind eh alle für Roter Stern Belgrad, die Mannschaft, die 1991 den Europapokal gewinnt, bevor das Land auseinanderbricht und Jahrzehnte im fußballerischen Nirgendwo versinkt. Der Krieg kommt näher und die Familie flüchtet nach Deutschland, wo im Kreis zahlreicher anderer Flüchtlinge die Herkunft wieder egal ist, alle sitzen letztlich im gleichen Boot. Und heute? Die Mutter in Kroatien, wo sie als Nicht-EU Bürgerin nicht dauerhaft wohnen darf, die Großmutter dement und damit gänzlich ohne Herkunft und der Rest der Familie in alle Himmelsrichtungen verstreut. Was gibt man da an die Kinder weiter?

Der Autor selbst liest sein Buch, was der Geschichte durch den merklichen Akzent eine noch eindringlichere Wirkung verleiht. Thematisch könnte Stanišić kaum mehr den aktuellen Zeitgeist treffen, auch wenn seine Einwanderungsgeschichte unter gänzlich anderen Voraussetzungen stattgefunden hat als die derjenigen, die seit 2015 angekommen sind. Ohne Frage gilt der vielfach ausgezeichnete Autor als perfekt integriert und Musterschüler. Gut, dass er den Finger auch in die Wunde legt, denn er hat eine Chance bekommen, hätte seine Familie 15 Jahre später versucht zu flüchten, wären sie vermutlich von einem ungarischen Zaun gestoppt worden.

Was mich besonders begeistern konnte war die gelungene Verbindung von persönlicher Geschichte und großen politischen Linien. Der Autor selbst erlebt die Flucht und Ankunft in der neuen Welt als Jugendlicher. Schnell findet er Anschluss, denn er ist nicht alleine, aus aller Herren Länder sitzen Mitschüler in seinem Vorbereitungskurs und schnell freundet man sich an und arrangiert sich mit der Situation. Eine gewisse Normalität kann er sich so schnell aufbauen, seine Eltern hingegen müssen einfache Arbeiterjobs annehmen, die ihren akademischen Qualifikationen in keiner Weise gerecht werden, bis sie schließlich nur wenige Jahre später ohnehin wieder rausgeworfen werden.

Bei einer Reise mit seiner Großmutter nach Višegrad viele Jahre später sucht er nicht nur nach Wurzeln, sondern stellt auch fest, wie sich Menschen immer wieder anpassen. Den Zweiten Weltkrieg mit dem Einmarsch der Deutschen, die sich dann letztlich doch auch nur als Menschen herausstellten und sich mit der lokalen Bevölkerung arrangierten, haben die Alten genauso ausgehalten wie den angeordneten Vielvölkerstaat und dessen brutalen Zerfall.

Anekdoten reihen sich aneinander, von kindlicher Unbedarftheit bis zu unschönen Wahrheiten. Er trifft auf Deutsche, die aus Schlesien stammen und ebenso mit scheinbar willkürlichen Grenzen und Definitionen leben müssen wie er und muss als Jugendlicher mit überschaubarem Wortschatz Wörter wie Brandanschlag, Ausländerhass und Molotow-Cocktail lernen, weil überall im Land gerade Neonazi Flüchtlingsunterkünfte anzünden.

Er findet keine Antwort auf die Eingangsfrage, außer vielleicht, dass diese Frage nur gestellt wird vor dem Hintergrund eines sehr begrenzten Weltbildes, das aus Schubladen besteht, deren Sortierordnung nicht nur überholt, sondern weltfremd, unnütz und rassistisch ist.

Angelika Klüssendorf – Jahre später

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Angelika Klüssendorf – Jahre später

April ist erwachsen geworden, nicht mehr das suchend umherirrende Mädchen von einst, das sich das Leben nehmen will. Da ist aber auch Julius, ihr Sohn, um den sie sich kümmern muss. Als sich Ludwig für sie interessiert, scheint das bürgerliche, normale Leben möglich. Sie verlässt für ihn Berlin, zieht nach Hamburg. Ist unglücklich. Auch eine andere Wohnung kann ihr keine Erfüllung bringen und mit Samuels Geburt erfüllen sich ihre Träume ebenfalls nicht. Doch welche Träume hat sie eigentlich? Es folgen Rückzug nach Berlin, Trennung, Rosenkrieg. Und April ist immer noch unglücklich.

„Jahre später“ – Teil drei von Angelika Klüssendorfs Trilogie um April, nun als Erwachsene. Genau wie auch schon die beiden Vorgängerromane ist auch dieser wieder nominiert für den Deutschen Buchpreis. War das Mädchen in den beiden ersten Bänden noch ein sehr eigenwilliger und außergewöhnlicher Charakter, wird sie nun eher zu einem Sinnbild für eine Vielzahl von Frauen und verliert dadurch leider ein wenig an Strahlkraft.

Zu Beginn des Romans ist April noch tough und stark, wehrt sich gegen die doch eher dreiste Anmache eines Zuhörers bei ihrer Lesung. Ihr Verhalten täuscht jedoch über ihre innere Unsicherheit hinweg, bleibt äußerlich; obwohl sie älter geworden ist, scheint sie immer noch das unsichere Mädchen. Der Wunsch nach Durchschnittlichkeit und Normalität verleitet sie, ihre Prinzipien aufzugeben und Ludwig eine April zu präsentieren, die er gerne sehen möchte:

„Als sich Männer für sie zu interessieren begonnen hatten, war April misstrauisch geblieben, denn es konnte auch eine Falle sein, ein Irrtum. Nun ist sie dreißig und weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist. Sie kann es nicht fühlen. Ludwig fragt nach ihrem Leben und wünscht sich Antworten, die ihn erstaunen, aber nicht verstören sollen; das begreift sie intuitiv und hält sich daran.”

Sie liebt ihn nicht, aber er verspricht etwas, das sie nie hatte. Doch tief in ihr bleiben die Zweifel, sie kann sich nicht von ihrer Vergangenheit lösen und ist daher nicht frei für die Zukunft:

„Was will April? Ihr Buch ist erschienen, die Kritiken sind gut. Doch sie spürt weder Freude noch Stolz, als wäre sie gar nicht gemeint. Der eigene Erfolg macht sie misstrauisch. Alles nur schöner kalter Schein, denkt sie, irgendwann kommt die wahre April wieder zum Vorschein, hässlich und heimatlos. Heimatlos bedeutet, dass sie sich nirgends einrichten darf, sie muss auf dem Sprung sein, wenn die Vergangenheit sie einholt.”

Sie spielt eine Rolle, die ihr nicht liegt und lebt einem Leben, das nicht ihres ist. Die Trennung ist irgendwann unausweichlich, doch der Krieg, der folgt, den hat sie nicht vorausgesehen. Für Ludwig gibt es kein simples Ende, er kann nur Sieger sein und wieder einmal wird sie in die Enge gedrängt und kann nur noch passiv agieren.

Der Verlauf von Aprils Leben im dritten Band ist die logische Folge dessen, was zuvor geschah. Auch die Entwicklungen, die ihre Beziehung nimmt, sind in sich stimmig. Trotzdem hätte ich mir eine kämpferische Protagonistin gewünscht, die sich endlich von ihren Dämonen befreit. Zu Aprils sehr klarem Verstand, zu ihrem schnörkellosen Charakter, der nüchtern auf die Welt blickt und nur wenig erwartet, passt Angelika Klüssendorfs direkter Stil. Keine blumigen Beschreibungen, oftmals kurze Sätze, die auch die Getriebenheit, die April spürt, sehr gut sprachlich wiedergeben. Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Es fehlte Etwas, das sich nur schwer bestimmen lässt.

Carolin Hagebölling – Der Brief

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Carolin Hagebölling – Der Brief

Ein seltsamer Brief stellt Marie vor ein Rätsel: ihre ehemals beste Freundin Christine schreibt ihr, jedoch stimmt so einiges nicht. Marie lebt nicht in Paris, sondern in Hamburg. Und sie arbeitet auch nicht im Kunstbereich, sondern ist Journalistin. Mit Johanna lebt sie in einer glücklichen Beziehung, wer soll dieser Victor sein? Und welches schreckliche Ereignis liegt hinter ihr? Zahlreiche Fragen, denen sie auf den Grund gehen will. Aber auch im Leben ihrer Freundin ist einiges anders als in diesem Brief beschrieben, denn sei wohnt immer noch im Heimatort, nicht in Berlin, und hat nur einen Sohn und nicht zwei Kinder. Erlaubt sich jemand einen Scherz mit ihr? Nach weiteren Briefen und einem Zusammenbruch beschließt Marie, sich in Paris auf Spurensuche zu begeben und taucht dort unerwartet in ein ganz anderes Leben ein, das ebenfalls ihres hätte sein können. Wieder zurück in Hamburg bleibt die Frage: was ist real?

Der Roman beginnt mysteriös mit diesem unerklärlichen Brief und zahlreichen Zeichen, die man rational nicht verstehen kann. Sowohl in Hamburg wie auch in Paris ereignen sich für die Protagonistin Dinge, die sich der einfachen Logik entziehen und nicht begreif- und erklärbar sind. Sie scheint zwei Leben zu haben, in denen sie zu Hause und glücklich ist. Aber welches ist das richtige und wie kann dies sein? Schnell schon kommt der Verdacht auf, dass ihre Erkrankung verantwortlich dafür ist, aber reicht dies wirklich als Erklärung? Die Autorin spielt hier mit dem Leser und lässt einem rätseln und Spuren verfolgen, schnelle und offenkundige Lösungen gibt es nicht.

Die Figuren haben mir gut gefallen, sehr authentisch wirkende normale Menschen, die mitten im Leben stehen und in jeder Situation glaubwürdig menschlich agieren. Besonders gelungen war für mich der Abschnitt über Paris, der die Stadt wunderschön porträtiert und dadurch einen bezaubernden Rahmen für die Handlung bietet. Auch der Schreibstil kann überzeugen, Carolin Hagebölling gelingt es gleichermaßen Spannung und Atmosphäre aufzubauen, so dass man das Buch eigentlich kaum weglegen mag.

Der einzige Kritikpunkt ist für mich das Ende. Hier wurden die vorher eher subtil platzierten Anspielung etwas zu vorhersehbar und durchschaubar. Die Auflösung der Geschichte ist zwar durchaus akzeptabel und passend, aber sie wird sicherlich einige Leser unzufrieden zurücklassen. Man würde zu viel verraten, wenn man hier näher ins Detail ginge. Alles in allem aber ein gelungener Roman, der insgesamt überzeugen kann.