Saša Stanišić – Herkunft

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Saša Stanišić – Herkunft

Die Frage danach, wo man herkommt, scheint so einfach und ist doch so kompliziert. Wenn Saša Stanišić gefragt wird, muss er zunächst zurückfrage: wie, jetzt gerade? Oder wo ich wohne? Oder das Land, in dem ich geboren bin, und das es gar nicht mehr gibt? Oder die ethnische Zugehörigkeit seiner Eltern? Er beleuchtet dieses komplizierte Thema anhand seiner eigene Biografie. Geboren als Sohn einer Bosniakin und eines Serben in einer jugoslawischen Kleinstadt, ist es in der Kindheit relativ egal, wer was ist, es sind eh alle für Roter Stern Belgrad, die Mannschaft, die 1991 den Europapokal gewinnt, bevor das Land auseinanderbricht und Jahrzehnte im fußballerischen Nirgendwo versinkt. Der Krieg kommt näher und die Familie flüchtet nach Deutschland, wo im Kreis zahlreicher anderer Flüchtlinge die Herkunft wieder egal ist, alle sitzen letztlich im gleichen Boot. Und heute? Die Mutter in Kroatien, wo sie als Nicht-EU Bürgerin nicht dauerhaft wohnen darf, die Großmutter dement und damit gänzlich ohne Herkunft und der Rest der Familie in alle Himmelsrichtungen verstreut. Was gibt man da an die Kinder weiter?

Der Autor selbst liest sein Buch, was der Geschichte durch den merklichen Akzent eine noch eindringlichere Wirkung verleiht. Thematisch könnte Stanišić kaum mehr den aktuellen Zeitgeist treffen, auch wenn seine Einwanderungsgeschichte unter gänzlich anderen Voraussetzungen stattgefunden hat als die derjenigen, die seit 2015 angekommen sind. Ohne Frage gilt der vielfach ausgezeichnete Autor als perfekt integriert und Musterschüler. Gut, dass er den Finger auch in die Wunde legt, denn er hat eine Chance bekommen, hätte seine Familie 15 Jahre später versucht zu flüchten, wären sie vermutlich von einem ungarischen Zaun gestoppt worden.

Was mich besonders begeistern konnte war die gelungene Verbindung von persönlicher Geschichte und großen politischen Linien. Der Autor selbst erlebt die Flucht und Ankunft in der neuen Welt als Jugendlicher. Schnell findet er Anschluss, denn er ist nicht alleine, aus aller Herren Länder sitzen Mitschüler in seinem Vorbereitungskurs und schnell freundet man sich an und arrangiert sich mit der Situation. Eine gewisse Normalität kann er sich so schnell aufbauen, seine Eltern hingegen müssen einfache Arbeiterjobs annehmen, die ihren akademischen Qualifikationen in keiner Weise gerecht werden, bis sie schließlich nur wenige Jahre später ohnehin wieder rausgeworfen werden.

Bei einer Reise mit seiner Großmutter nach Višegrad viele Jahre später sucht er nicht nur nach Wurzeln, sondern stellt auch fest, wie sich Menschen immer wieder anpassen. Den Zweiten Weltkrieg mit dem Einmarsch der Deutschen, die sich dann letztlich doch auch nur als Menschen herausstellten und sich mit der lokalen Bevölkerung arrangierten, haben die Alten genauso ausgehalten wie den angeordneten Vielvölkerstaat und dessen brutalen Zerfall.

Anekdoten reihen sich aneinander, von kindlicher Unbedarftheit bis zu unschönen Wahrheiten. Er trifft auf Deutsche, die aus Schlesien stammen und ebenso mit scheinbar willkürlichen Grenzen und Definitionen leben müssen wie er und muss als Jugendlicher mit überschaubarem Wortschatz Wörter wie Brandanschlag, Ausländerhass und Molotow-Cocktail lernen, weil überall im Land gerade Neonazi Flüchtlingsunterkünfte anzünden.

Er findet keine Antwort auf die Eingangsfrage, außer vielleicht, dass diese Frage nur gestellt wird vor dem Hintergrund eines sehr begrenzten Weltbildes, das aus Schubladen besteht, deren Sortierordnung nicht nur überholt, sondern weltfremd, unnütz und rassistisch ist.

Robert Prosser – Phantome

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Robert Prosser- Phantome

2015, Wien. Sara und ihr Freund kennen die Geschichte von Saras Mutter Anisa nur aus deren Erzählungen. Die Flucht aus Bosnien, wegen des Krieges aus der Heimat vertrieben. Der Konflikt, der plötzlich Nachbarn zu Feinden machte und Familien auseinanderriss. Die beiden Jugendlichen machen sich auf nachzuforschen, vor Ort, im Süden, da wo einst ein Land war und was inzwischen in unzählige Kleinstaaten zersplittet ist. Schnell wird das Leben von damals wieder lebendig und der Leser befindet plötzlich im Jahr 1992 und auf der Flucht vor dem Krieg. Anisa, die als Flüchtling hofft in Sicherheit zu kommen und ihr Freund Jovan, der von der Armee eingezogen werden soll und zwischen die Fronten gerät. Anisa kann die schrecklichen Kriegserlebnisse auch im fernen Wien nicht hinter sich lassen, die Ungewissheit, was mit dem Freund und dem Vater ist, lähmt sie immer wieder. Doch sie muss auch nach vorne blicken, sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen – doch wie?

Robert Prosser greift in seinem Roman, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 stand, einen Konflikt auf, den man in Europa nur zu gerne verdrängt, weil es der erste Krieg auf europäischen Boden nach Ende des Zweiten Weltkrieges war. Dieser Konflikt hat jedoch auch unzählige Menschen gen Norden flüchten lassen und sie vor die schwierige Aufgabe gestellt, in der Fremde ein neues Leben beginnen zu müssen, obwohl das alte weder abgeschlossen war noch man dieses freiwillig aufgegeben hatte.

Die Schilderungen der Kriegserlebnisse von Anisa und ihrem jungen Freund sind grausam. Der Autor gibt sich nicht mit Andeutungen zufrieden, sondern schildert das, was sich in solchen Zeiten nun einmal zuträgt schonungslos und direkt. Auch das Leben im Flüchtlingsheim, wo man das Schlimmste eigentlich hinter sich gelassen hat, ist kein angenehmes und entspanntes Dasein. Andere Konflikte und Sorgen bestimmten den Alltag und soziale Gruppenprozesse, wie sie auch in jeder Dorfgemeinschaft zu finden sind, greifen auch dort und setzen den Bewohnern zusätzlich zu.

Im Rückblick etwas verwunderlich der Vorspann des Romans, der sehr auf den Graffiti sprayenden Freund von Anisas Tochter fokussiert und dessen nächtlichen illegalen Aktionen sehr ausufernd schildert. Ob es der Kontrast sein soll zwischen den beiden jungen Pärchen? Das eine, das den Nervenkitzel sucht, weil das Leben womöglich nicht genug zu bieten hat, das andere, das unmittelbare Kriegserfahrung machen muss – ich weiß es nicht, aber vom Ende an blickend ist dieser ganze Abschnitt eigentlich irrelevant.

Was jedoch auf jeden Fall gelungen ist, ist das Thema Balkan und die vielen ungelösten Fragen aufzugreifen und zu mahnen, dass man nicht nur die aktuellen Krisen im Blick haben sollte, sondern auch die vor unserer Haustür befindlichen, die auch 20 Jahre nach dem Friedensschluss noch immer nicht aufgearbeitet sind und liebsten offenbar vergessen wären. Aber viele der Betroffenen leben unter uns und sollten viel mehr daran erinnern.

Ein thematisch interessantes und sprachlich eindringliches Buch, das für mich nicht unbedingt durch besondere literarische Kniffe oder eine auffällige Sprache punkten kann, sondern das mit einer authentisch wirkenden Geschichte und politischer Relevanz überzeugt.