Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

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Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

Seit sein Bruder Willi in Kanada lebt, ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten und als Osmans Vater, Musiker wie er, sich die Hand bricht und auf seine Schwester Elide und den Sohn angewiesen ist, muss der Student sich Fragen stellen, denen er jahrelang ausgewichen war. Warum spielt er überhaupt Cello und gibt ihm das Musizieren das, was er eigentlich möchte? Warum hat er den Absprung nicht geschafft, wie so viele andere? Als er auf der Straße ein Aufnahmegerät findet mit Aufnahmen einer jungen Frau, hat er plötzlich Zugang zu den Gedanken eines anderen Menschen, der ebenso wie er auf eine ganz eigene Weise isoliert ist und auf der Suche nach dem ist, was im Leben fehlt.

„Andere Leute wissen, was zu tun ist bei so was, die können das, gute Sätze sagen und ihre Tanten in den Arm nehmen. Ich wollte die ganze Zeit bloß weg. Wer soll das aushalten, wenn Tante Elide heult. Sie, die Einzige von uns, die alle Tassen im Schrank hat.”

Osman hat die ungewöhnliche Familiensituation nie hinterfragt. Mutter Doris hat sie als kleine Kinder verlassen und Tante Elide hat ihren Platz als weibliches Familienoberhaupt übernommen. Was sie dafür aufgegeben hat, war nie Thema, so ist das nun einmal, eine Familie hält zusammen und man tut, was getan werden muss. Träume der Frauen, Wünsche und Motive für ihr Handeln werden nicht hinterfragt, erst als alles aus den Fugen gerät, kommen auch ihre Geschichten ans Licht, ebenso wie Familiengeheimnisse, von denen die Jungs nicht einmal ahnten, dass es sie geben könnte.

Dieser schweigsamen Familie wird eine andere gegenübergestellt, zu der nur über die Aufnahmen des Bandes eine Verbindung besteht. Zwei Schwestern, eine davon gehörlos und nur über Gebärdensprache in Kontakt mit der Welt. Soll sie eine Operation wagen, die ihr das Hören ermöglicht? Was würde das bedeuten, die Menschen plötzlich anders wahrzunehmen?

Katharina Mevissen spielt in ihrem Debutroman „Ich kann dich hören“ mit den Sinnen und einer Sprache, die das transportiert, was sonst nur mitschwingt und direkt unter die Haut geht. Das Sprechen und Hören, das Schweigen und Nichthören – auf ganz unterschiedliche Weise nutzen die Figuren die Kommunikation oder verweigern sie. Viel Ungesagtes bahnt sich seinen Weg und manches kann nur Ausdruck in anderer als der verbalen Weise finden, weil die Worte fehlen oder nicht passen, um das auszudrücken, was gesagt werden soll.

Ein ungewöhnliches Buch, das berührt wie ein perfektes Musikstück und noch nachhallt, wenn man es beendet hat.

Roxane Gay – Hunger

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Roxane Gay – Hunger

„Je erfolgreicher ich werde, desto öfter werde ich daran erinnert, dass ich für sehr viele Menschen niemals mehr sein werde als mein Körper. Egal, was ich leiste, zuallererst werde ich immer dick sein.”

Wenn die Menschen den Namen Roxane Gay hören oder lesen, weiß zumindest das US-amerikanische Publikum, dass es sich um eine sehr erfolgreiche Autorin, Professorin und Feministin handelt. Wenn sie dem Menschen Roxane Gay zum ersten Mal begegnen, sind viele jedoch erschrocken, denn mit dieser Person haben sie nicht gerechnet. Roxane Gay ist nicht nur schwarz, sondern auch noch dick. Sehr dick. Weit über das Maß von adipös hinaus. Vergessen ist in diesem Moment, was sie an intellektueller Leistung erbringt, es zählt nur noch der Körper, der alles andere verdrängt und ein finales Urteil beim Betrachter auslöst. Meist kein sehr schmeichelhaftes. Die Autorin ist sich dessen bewusst, schon lange lebt sie damit, doch nun erzählt sie ihre Geschichte hinter dem Gewicht. Die Geschichte eines Mädchens, das mit 12 Jahren brutal von mehreren Jungs vergewaltigt wird und danach beginnt, ihren Körper zu hassen.

 

„Ich habe angefangen zu essen, um meinen Körper zu verändern. Das hatte ich wirklich gewollt. Ein paar Jungs hatten mich zerstört, und ich hatte es fast nicht überlebt. Ich wusste, ich würde keinen zweiten Übergriff dieser Art ertragen, und deshalb habe ich gegessen, weil ich dachte, wenn mein Körper abstoßend wäre, würde das die Männer von mir fernhalten.”

Die junge Roxane fühlt sich schuldig und sieht sich nicht in der Lage, mit jemandem über das zu reden, was ihr geschehen ist. Es beginnen Jahres des Martyriums. Als Teenager versucht sie, sie hinter ihrem Körper zu verstecken, ein Schutzschild aufzubauen und Menschen nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Ihr Umfeld sieht nur die Kilos und versucht mit zweifelhaften guten Tipps ihre Lage zu verbessern.

In ihren 20ern gerät ihr Leben völlig aus dem Ruder. Neben der unkontrollierten Nahrungsaufnahme behandelt sie ihren Köper wenig rücksichtsvoll, geradezu fahrlässig begibt sie sich in Gefahr und verliert jede Bindung zu ihm. Erst jenseits der 30 kann sie langsam in einem stabilen Leben beginnen, das aufzuarbeiten, was geschehen ist. Sie kann nicht ungeschehen machen, was man ihr angetan hat und ebenso kommt sie nicht aus diesem Körper heraus, der auf sie wie ein Käfig wirkt, in dem sie gefangen ist. Sie sieht, was möglich wäre, aber ihr Leben ist das, was sie erlebt hat und was es aus ihr gemacht hat.

Erst fast 30 Jahre nach den Ereignissen kann sie dieses Buch schreiben. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, man merkt, dass der Schreibprozess Teil der Verarbeitung ist. Doch die dadurch lebendige Erzählung lässt den Bericht authentisch wirken, ihre Wut und Verzweiflung wirken so eindrücklicher als bei einem glatt gebügelten Text. „Hunger“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit ihr, sondern auch mit der Gesellschaft und deren Reaktion auf Dicke. Sie schreibt von sensationslüsternen Sendungen wie „The Biggest Loser“ und absurden Diätprogrammen über alltägliche Probleme in Restaurants oder beim Kleidung kaufen; von dem Versuch Körperkontakt um jeden Preis zu vermeiden und dafür gesundheitliche Schäden in Kauf zu nehmen, nur um den Arztbesuch zu vermeiden; von Vorurteilen und dem schwierigen Umgang mit dem Selbsthass, den sie empfindet.

Roxane Gay konfrontiert den Leser mit allerhand, das macht das Buch nicht immer einfach, aber sie bricht eine Lanze für all diejenigen, denen nicht die Chance gegeben wird, das zu sagen, was sie zu sagen hätten, wenn man hinter die Fassade blicken würde.