David Jackson – Der Bewohner

David Jackson – Der Bewohner

Nachdem er – wieder einmal – brutal gemordet hat, ist Thomas Brogan auf der Flucht vor der Polizei. Ein unmögliches Unterfangen in dem kleinen Wohngebiet. Doch dann findet er ein offenbar verlassenes Haus, in dem er sich verstecken kann. Bei seinem Erkundungsgang entdeckt er, dass die Dachböden der Nachbarhäuser zugänglich sind und so kann er die alte Elsie besuchen, aber auch Pam und Jack und natürlich Martyn und Colette. Diese fasziniert ihn besonders und er sucht sie sogleich als neue Spielgefährtin aus. Denn Brogan tötet nicht einfach, ein gibt seinen Opfern eine ehrliche Chance. Doch zunächst einmal muss er sich um Nahrung kümmern und die neuen Nachbarn beobachten. Bald schon kann das Spiel aber beginnen, wenn auch nicht ganz so wie er und die Stimme in seinem Kopf das geplant hatten.

Eine gruselige Vorstellung hat David Jackson in seinem Thriller umgesetzt: ein heimlicher Mitbewohner, der in die Häuser schleicht, wenn keiner Zuhause ist, sich an den Lebensmitteln bedient, die Dusche benutzt und in Schulbladen rumschnüffelt. Er hinterlässt keine Spuren, manchmal ein ungutes Gefühl, aber lange Zeit bleibt er unentdeckt. Es ist zunächst ein einseitiges Katz-und-Maus-Spiel, doch unerwartet zeigen sich auch andere Seiten des Killers, die das Bild eines kaltblütigen Mörders differenzierter zeichnen.

Bisweilen hat der Thriller auch humorvolle Passagen, wenn Brogan droht entdeckt zu werden und auf der überhasteten Flucht in sein Versteck auf so manches Hindernis trifft. Ganz anders gestalten sich seine Besuche bei Elsie, die schwerhörige Dame überrascht ihn eines Nachts und glaubt ihr verstorbener Sohn sei zurückgekehrt. Fortan bekocht sie den Mörder und erweicht sogar sein Herz. Zum ersten Mal erfährt dieser Zuneigung, was er nicht einfach beenden kann und will. Bei Colette gestaltet sich der Fall anders, er findet sie attraktiv, aber da ist noch ein anderer Reiz, den er nicht einordnen kann, der ihn jedoch immer wieder zu der jungen Frau zieht. In seinen Entscheidungen ist er jedoch nicht frei, die Stimme in seinem Kopf, treuer Begleiter, der ihm stets Gesellschaft leistet, ist es, die die Entscheidungen trifft.

Ein Psychothriller, der seinen Namen verdient hat. Als Leser fühlt man sich sogleich unwohl bei der Vorstellung, dass jemand unbemerkt im eigenen Haus umherschleichen könnte, aber ebenso interessant ist diese Stimme, die eine traurige Ursache hat und Brogan letztlich genauso zum Opfer werden lässt. Gänsehaut und Unbehagen beim Lesen und ein unerwartetes Ende – eindeutige Leseempfehlung.

Cemile Sahin – Taxi

Cemile Sahin – Taxi

Ein Mann lebt ein gleichförmiges Dasein, man könnte die Uhr nach seinen Routinen stellen, bis eines Tages selbige unterbrochen wird. Eine unbekannte Frau scheint ihn zu beobachten und verfolgen, seit Wochen schon. Als sie ihm erklärt, weshalb sie das tut, kann er es nicht glauben: sie will, dass er zurückkommt, dass ihr Kind endlich wieder bei ihr ist. Doch das ist nicht seine Mutter, sondern eine Fremde, die offenbar den Verlust ihres Sohnes Polat nicht verwunden hat, der als Soldat im Krieg gefallen und mit Ehren beerdigt wurde, auch wenn man seinen Leichnam nicht gefunden hat. Er lässt sich darauf ein, wird Polat Kaplan, der verschollene Sohn. Über Monate üben sie heimlich die neue Rolle, ein exaktes Drehbuch hat die Mutter verfasst, eine genaue Vorstellung davon hat sie, wie sie Polat ihren Nachbarn präsentieren wird. Was als skurriler Spleen beginnt, übernimmt jedoch zusehends die Realität und bald lassen sich beide nicht mehr trennen.

Cemile Sahins Debütroman ist zunächst eine Herausforderung an den Leser. Man merkt, dass die studierte Künstlerin eigenwillig arbeitet und sich von Konventionen nicht aufhalten lässt. Man muss sich daher in den Text einlesen und sich auf ihn einlassen, dann jedoch entfaltet er sein Potenzial.

Sie greift dabei interessante und auch brisante Themen auf. Weder Land noch Ort sind genau definiert, es herrscht Krieg, das Militär verfügt über große Macht und kann Geschichte nach eigenem Gutdünken schreiben. Die Emotionen und Bedürfnisse einer Mutter dürfen dabei nicht stören. Wenn jene die Realität nach eigenen Vorstellungen modellieren können, warum dann nicht auch die trauernde Mutter? Es bleibt offen, ob dies ein verzweifelter Akt einer psychisch schwer gebeutelten Frau ist oder ob sie nicht eher Mauern eingerissen hat, die ohnehin schon am Bröckeln war.

Wenn es Reality-TV gibt, wieso sollte es dann nicht auch das Gegenstück, quasi gespielte Wirklichkeit geben? Was als moderner Gedanke anmutet, ist sozilogisch betrachtet eigentlich ein alter Hut, Erving Goffmans „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag“ stammt immerhin aus den 1950ern und postulierte damals schon, dass wir, in Interaktion mit anderen und wenn wir uns beobachtet fühlen, immer versuchen, ein bestimmtes Bild von uns zu präsentieren und unser Selbst wird erst durch das geschaffen, was die anderen in uns sehen. Der Roman geht einfach nur einen Schritt weiter und bald schon findet die Verschmelzung der beiden Ichs statt und sie werden immer schwerer voneinander zu trennen.

Fiktion und Metafiktion und doch: am Ende kann nichts das Leid, das durch Krieg erschaffen wird, lindern. Eine eigenwillige Autorin, die sich leicht zwischen Genres und bekannten Formen bewegt und diese überzeugend neu komponiert.

Wiebke Lorenz – Einer wird sterben

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Wiebke Lorenz – Einer wird sterben

Wieder einmal ist Stella allein zu Hause, aber das ist der Preis, den sie als Gattin eines Piloten zahlen muss. Dafür hat sie es in der Villa in der ruhigen Wohngegend schön eingerichtet. Doch dann geschehen Dinge, die sie verunsichern. Erst fährt ein Wagen vor und parkt in der Straße, zwei Personen sitzen drin und bewegen weder sich noch das Auto. Dann streiken im Haus verschiedene Geräte, bis sie nachts an der Mülltonne überfallen wird und offene Drohungen erhält. Hat es etwas mit dem unheilvollen Datum zu tun? Jahre zuvor war die Sommersonnenwende der einschneidende Markstein in ihrem und Pauls Leben: bei einem Unfall wurden sie schwer und Pauls Exfrau tödlich verletzt. Paul saß am Steuer, hätte mit diesem Bekenntnis aber seine Karriere riskiert, weshalb Stella die Schuld auf sich nahm. Kann jemand davon wissen und bedroht sie nun nach all den Jahren? Und gerade jetzt ist Paul nicht nur nicht da, sondern auch kaum erreichbar und wenn sie ihn am Telefon hat, scheint er den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Doch die Bedrohung ist real.

Der Plot hat alles, was ein Psychothriller braucht: lange verborgene Geheimnisse, die auch nach zig Jahren noch lauern und nur darauf warten, endlich ihr brisantes Potenzial zu entfalten; Zeichen, die vielfältig deutbar sind und durch die Unklarheit nur zu noch mehr Verunsicherung führen; eine Frau, die sich alleine in einer Villa befindet und dem Schicksal ausgeliefert ist. Doch leider führen diese Zutaten nicht zu einem spannenden Thrill, der beim Leser eine Gänsehaut auslöst; im Gegenteil, die Handlung schleppt sich so dahin und die Protagonistin wird einem von Kapitel zu Kapitel unsympathischer, so dass man ihr fast ein böses Ende wünscht.

Stella ist leider genau die Art von Figur, die ich nur schwer ertragen kann: das hilflose Dummchen, das alleine kaum überlebensfähig ist. Wie diese Figur jemals als Lehrerin gearbeitet haben soll, ist mir schleierhaft. Sie ist kaum zu einfachsten Tätigkeiten in der Lage, weshalb sie auch nur für den Besuch des Yoga Kurses zuständig ist und ansonsten offenbar untätig in der Villa rumliegt, Putzen übernimmt glücklicherweise eine Haushälterin. Unsozial wie sie zudem ist, pflegt sie auch keine Kontakte zu anderen Menschen, schon gar nicht zur Nachbarschaft. Hierzu wird sie nun aber gezwungen, weil eine aufwändige und völlig überzogene Nebenhandlung diese unmittelbar involviert und so weitere unglaubwürdige und nervige Figuren in die Handlung einbringt. Dies führt weder zu Spannungsaufbau, noch zur reizvollen Nebenhöhenpunkten, sondern wirkt konstruiert und hölzern.

Die Auflösung hat dann zwar nochmals eine vermeintliche Wendung gebracht, die jedoch so vorhersehbar war, dass man im letzten Viertel des Romans nur noch sehnsüchtig darauf gewartet hat, dass alles möglichst bald zu Ende ist. Spannende Unterhaltung geht anders.