Arnaldur Indriðason – Verborgen im Gletscher

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Arnaldur Indriðason – Verborgen im Gletscher

Nicht nur Gletscher, sondern auch Menschen können Geheimnisse über sehr lange Zeit bewahren. Doch irgendwann kommt der Tag der Wahrheit. Als eine deutsche Touristengruppe einen Toten auf dem Langjökull-Gletscher findet, muss Kommissar Konráð aus dem Ruhestand zurückkehren, denn dieser Fall aus den 1980ern ist bis heute nicht gelöst. Nach so vielen Jahren scheint es keine Hoffnung auf neue Erkenntnisse zu geben, doch plötzlich sprechen die Menschen. Einige wollen sich kurz vor dem Tod das Herz erleichtern, andere denken es ist nun an der Zeit, ihr Wissen zu teilen und plötzlich erscheint der Fall in einem ganz anderen Licht.

Arnaldur Indriðason ist mir als erstes mit seinen Erlendur Romanen begegnet, die später um Bände mit dem jungen Ermittler ergänzt wurden. Auch seine Reihe um Flovent und Thorson, die während der Kriegszeit und Besatzung Islands spielen, konnten mich überzeugen. Nun also Konráð, der in „Verborgen im Gletscher“ sein Debut gibt. Ein ungewöhnlicher Charakter für einen Mordermittler, zum einen, da er schon längst im Ruhestand ist und daher kein offizielles Mandat hat, zum anderen weil er sich als Ein-Mann-Team ganz auf seine Menschenkenntnis verlassen muss, um seinen Fall zu lösen.

Leser, die an nervenzerreißenden Krimis mit grausamen Szenen Spaß haben, werden mit diesem Krimi vermutlich eher hadern. „Verborgen im Gletscher“ geht in eher gemäßigtem Tempo voran, was ganz hervorragend zum Protagonisten passt, der keinerlei Zeit- oder Öffentlichkeitsdruck unterliegt und daher auch nicht in Hektik und wilde Agitation verfällt. Die Weisheit des Alters hält ihn auch davon ab, gleich auf neue Ansätze zu springen. Die Figur trägt die Handlung ganz maßgeblich und ist damit auch der entscheidende Faktor in der Frage, ob man mit der Geschichte etwas anfangen kann. Mir persönlich hätte es bisweilen gerne etwas schneller gehen können, so mancher Dialog war absolut realistisch dargestellt, forderte dadurch aber auch die Geduld des Lesers heraus. Daneben muss Konráð auch mit seinen Dämonen, vorrangig seiner verstorbenen Frau, kämpfen, die ihn nicht loslässt und immer wieder das Denken bestimmt.

Der Kriminalfall selbst ist wieder einmal und erwartungsgemäß komplex und lange Zeit nicht durchschaubar. So unberechenbar die Menschen agieren, so unvorhersehbar entwickelt sich die Ermittlung, die jedoch zu einem sauberen und überzeugenden Ende gebracht wird.

Indriðason konnte schon immer mit starken Figuren punkten, sein aktueller Protagonist hat hier einiges zu bieten, was jedoch leider etwas zu Lasten der Spannung geht. Daher ein Krimi, der eher auf anderen Ebenen punkten kann.

Yrsa Sigurðardóttir – SOG

SOG von Yrsa Sigurdardottir
Yrsa Sigurðardóttir – SOG

Die achtjährige Vaka wird vergewaltigt und ermordet. Der Täter ist offenkundig und wird zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Zwölf Jahre später kommt es zu einer unheimlichen Mordserie, in deren Zentrum der Sohn des einstigen Mörders steht: er hatte bereits damals eine solche Serie mit den Initialen der Opfer angekündigt, was erst jetzt durch das Ausgraben einer Zeitkapsel entdeckt wird. Aber wieso wird er nach so vielen Jahren zum Mörder? War er es überhaupt oder steckt etwas ganz Anderes dahinter? Die Ermittlungen gestalten sich nicht einfach, was auch durch die privaten Verwicklungen der Polizisten bedingt ist.

Yrsa Sigurðardóttir ist unangefochtene Meisterin des isländischen Crime. Die Romane, die ich bislang von ihr gelesen habe, fielen vor allem durch eine düstere Atmosphäre auf, die insbesondere durch die langen Winter mit Eiseskälte und viel Dunkelheit gekennzeichnet sind. In „SOG“ fand ich die Atmosphäre nicht ganz so gruselig, dafür kann der Thriller durch eine clevere und komplexe Handlung Punkten.

Die Mordserie ist nur schwer zu durchschauen, dass die beiden scheinbar voneinander unabhängigen Fälle überhaupt in Zusammenhang stehen, ahnt man als Leser zwar, bestätigt sich aber erst langsam. Mordmotiv und Vorgehen sind glaubwürdig geschildert und sauber gelöst. Auffällig bei diesem Roman sind die Figuren und wie deren Charakter und vor allem ihr Interagieren maßgeblich den Fortgang bestimmen. Bisweilen war es mir fast zu viel Privatleben, das den Fokus immer wieder verrückte, letztlich ist es aber völlig authentisch in einem so überschaubar kleinen Umfeld immer wieder auch durch Ereignisse außerhalb des Arbeitsplatzes beeinflusst zu werden.

Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja sind ein gutes, wenn auch sehr ungleiches Team. Dass sie nicht über ihren Schatten springen können und wider besseres Wissen bisweilen sogar gegen ihren eigenen Willen handeln, macht sie sympathisch und glaubwürdig. Sie sind bodenständig und keine Superhelden, machen aber engagiert ihren Job, was sich letztlich auch auszahlt.

Arnaldur Indriðason – Der Reisende

 

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Arnaldur Indriðason – Der Reisende

Ein Mann wird erschossen in seiner Wohnung aufgefunden. Doch schnell muss der Ermittler Flóvent erkennen, dass es sich gar nicht um Felix Lunden, den Mieter der Wohnung handelt, sondern um einen Kollegen, der wie Felix als Handelsreisender in ganz Island unterwegs war. Die Art der Hinrichtung weist darauf hin, dass ein Soldat der Täter sin könnte, weshalb Flóvent den Kanadier Thorson an seine Seite bekommt. Gemeinsam ermitteln sie in dem kleinen Land, das während der Kriegsjahre unter gleich mehrfacher Spannung steht und dessen Bewohner nicht nur gegenüber Fremden, sondern auch gegenüber der Polizei skeptisch sind.

Arnaldur Indriðason setzt mit „Der Reisende“ seine Kriegszeit Reihe fort, die sich doch sehr von den bekannten Bänden um Inspektor Erlendur unterscheidet. Der für mich größte Unterschied ist auch das, was ich als deutlichsten Mangel beim Lesen empfunden habe: mir fehlte die typisch isländische Atmosphäre. Die Insel, die so sehr von ihrem außergewöhnlichen Klima geprägt ist, deren insbesondere kalte Jahreszeit sich tief in die Eigenart der Menschen eingräbt, kommt in diesem Roman gar nicht durch. Fast könnte er überall spielen, denn nur wenig macht das typisch Isländische aus.

Der Mordfall an sich ist vielschichtig und komplex und lässt die beiden Ermittler gleich in mehrere Richtungen nach Hintergründen der Tat suchen. Obwohl hier auch die politische Lage und insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkrieges eine wesentliche Rolle spielt, sind es doch wieder einmal die Menschen selbst, die die Handlung befeuern und mit ihren ganz persönlichen Motiven Angst und Schrecken verbreiten. Indriðason verwebt die einzelnen Stränge geschickt und lässt den Leser so lange im Unklaren, worin nun das tatsächliche Motiv lag und wer der Täter ist. Dass er einer der besten aktuellen Krimiautoren ist, stellt er hier einmal mehr unter Beweis.