Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben

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Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben

Es ist ungewöhnlich warm an diesem Tag vor Weihnachten 1999. So kann Antoine Courtin sich in sein Baumhaus im Wald bei Beauval zurückziehen. Sein ganzes Leben frustriert den 12-Jährigen: die Freunde sind besessen von der Spielkonsole, woran er aber nicht teilhaben darf; Émilie erwidert seine Zuneigung nicht und nun ist auch noch sein einziger wahrer Freund, der Nachbarshund Odysseus, tot. Da hat ihm der nervige kleine Rémi gerade noch gefehlt. Ein unbedachter Augenblick, zu viel angestauter Frust und Antoine schlägt mit einem Stock auf das Kind ein, das sofort tot ist. Erschrocken realisiert er erst nach einigen Momenten, dass er gerade zum Mörder geworden ist. Völlig außer sich irrt er im Wald umher, um die Leiche wegzuschaffen; ein alter Baum kann das Kind in sich aufnehmen. Zurück zu Hause plagt ihn das Gewissen, doch die Ereignisse der folgenden Tage entwickeln sich völlig unvorhersehbar: das Dorf wird von einem Jahrhundertunwetter heimgesucht und der als vermisst geltende kleine Junge gerät bald schon in den Hintergrund ob drängenderer Nöte. Doch ein Mord mit einer Leiche muss irgendwann aufgeklärt werden.

Pierre Lemaitre gliedert seinen Roman in drei Zeitabschnitte, die einen völlig verschiedenen Fokus haben. Im ersten erleben wir den jungen Antoine, der eine unsägliche Tat begeht und damit alleine zurechtkommen muss. Seine Gewissensbisse, die Ängste und Befürchtungen muss er alleine durchstehen. Er hat nicht gemordet, weil er es wollte, es war letztlich ein Unfall, aber das Ergebnis ist dasselbe: er ist verantwortlich für den Tod von Rémi. Auch wenn er im Laufe der Jahre gelernt hat, mit der Tat zu leben, so kann er doch nie die Schuld ablegen, die er trägt. Zwölf Jahre später kehrt er in sein Heimatdorf zurück, just in dem Moment, als die Leiche schließlich doch noch gefunden wird. Nach so langer Zeit beschleicht ihn wieder die Furcht entdeckt zu werden, doch was mehr als ein Jahrzehnt gutgegangen ist, kann auch dieses Mal in seine Hände spielen. Ein kleiner Fehltritt jedoch und wir erleben Antoine im dritten Abschnitt, nur wenige Jahre später, für seine Tat büßen. Anders als vermutet, aber dafür auch nicht nur 15 Jahre, sondern lebenslänglich.

Diese unerwarteten Wendungen und fast bösartigen Entscheidungen Schicksals lassen Lemaitres Roman einen außergewöhnlichen Reiz ausströmen. Man wartet auf die Entdeckung, doch der Autor hat für den Leser etwas ganz Anderes geplant. Selten kann ein Roman derart überraschen und ein völlig unvorhersehbares Ende bieten.

Doch es ist nicht nur diese frappierende Wende, die überzeugt. Daneben spielt der Autor auch mit den Fragen des Schicksals und den typischen Roman-Versatzstücken. Kurz nach dem Verschwinden des Jungen versammelt sich die Gemeinde zum Gottesdienst in der örtlichen Kirche. Wo sonst Trost gespendet werden soll, wird für Antoine der Ort zum Zentrum der Qual. Es ist dem Dorf kein Messias geboren, nein, ein geliebter Junge ist ihm genommen worden. Es folgt, geradezu grotesk, die göttliche Heimsuchung durch Flut und Unwetter. Doch wieder bleibt der Täter verschont, die Unschuldigen tragen die Hauptlast der göttlichen Macht. Immer wieder lässt Lemaitre seinen Protagonisten durch die Hölle gehen und wenn auch nicht gestärkt, doch neuen Mutes wieder herauskommen. Und als er die Hand schon am rettenden Ankers spürt, der ihn für immer aus der Gefahrenzone bringen soll, schlägt die Fügung doch noch zu.

Auch die Figurenzeichnung ist überzeugend gelungen. Antoine ist vielschichtig in seinem Hadern mit der Tat und glaubwürdig für sein Alter dargestellt. Auch die anderen Figuren haben interessante und eigenwillige Züge, die sie lebendig und individuell wirken lassen.

Ein in sich stimmiger, recht kurzer Roman, der Züge eines Kriminalromans hat und mit einer cleveren Handlung überzeugen kann.

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