Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

Nach 25 Jahren in Deutschland und der Beobachtung der unsäglichen politischen Entwicklungen insbesondere im Osten beschließt der Autor sich nun endlich um die Staatsbürgerschaft des Landes zu bemühen, in dem er aufgewachsen ist und sich zu Hause fühlt. Mit der Ukraine verbindet ihn nicht mehr viel, dennoch muss er nach Kiew reisen, um dort eine neue Geburtsurkunde und eine Apostille zu besorgen. Schon seit vielen Jahren war er nicht mehr dort, manche Straßenzüge gleichen noch jenen seiner Kindheitserinnerungen, andere sind nicht wiederzuerkennen. Er sucht die alte Wohnung seiner Familie auf, in der tatsächlich im Kinderzimmer noch immer derselbe Teppichboden liegt. Auch alte Freunde und Verwandte trifft er wieder, immer auch mit der Sprache kämpfend, die ihm fremd geworden ist. Wundersamerweise sind seine Dokumente zügig fertig und er will schon die Rückreise antreten, doch dann kündigt sein Vater sein Kommen an und macht dabei einen völlig verwirrten Eindruck. Dies bestätigt sich rasch: offenbar die Folgen eines Schlaganfalls, also muss er sich erst einmal um die Gesundheit des alten Mannes kümmern.

Kapitelmans Reise nach Deutschland beginnt wie viele in den 1990er Jahren. Als jüdische Kontingentflüchtlinge konnte die Familie in den Westen kommen, wo sich jedoch die Hoffnungen und Erwartungen nur bedingt erfüllten. Bald schon verklären die Eltern die alte Heimat, was zu einem unweigerlichen Bruch zwischen den Generationen führt: die Kinder finden sich zügig ein, leben unauffällig wie ihre deutschen Freunde, doch die Eltern bleiben immer ein Stück weit noch in der Vergangenheit verhaftet. Die Reise in das Geburtsland wird dann zu einer Entdeckungsreise in die Fremde, nicht nur Sprache fehlt, sondern auch die Gepflogenheiten müssen die Kinder sich mühsam aneignen. Kapitelman schildert dieses Erlebnis mit einem lockeren Ton, der von feiner Ironie geprägt ist, die jedoch die Zwischentöne nicht verdeckt, sondern eher noch schärft.

Zunächst dominiert der Behördenirrsinn, der als Ausgangspunkt für die Handlung dient. Sowohl auf deutscher wie auch auf ukrainischer Seite verwundert so manche Paragrafenabsurdität, hierzulande geprägt von rigider Formalität, dort von „Entdankungen“, der zufälligen Beigabe von kleinen und größeren Geldgeschenken, die Vorgänge nicht nur beschleunigen, sondern überhaupt erst ermöglichen. Die Entfremdung von der Heimat, der Verlust der Sprache – wobei dies in einem zweisprachigen Land, das sich auch noch im Krieg befindet und wo die Verwendung der „falschen“ mit nicht wenigen Vorbehalte einhergeht – die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebensentwürfe: Kapitelmans schildert seine Eindrücke und Begegnungen authentisch und lebhaft und lässt den Leser an seinen Gedanken teilhaben.

Mit dem Erscheinen des Vaters verschiebt sich der Schwerpunkt, weniger die Begegnung mit dem Fremden steht im Vordergrund als viel mehr der schwierige Umgang mit dem Vater, der nicht mehr der Mann ist, den er kannte. Einfachste Fragen werden zu großen Hürden, die Hände und Füße wollen nicht mehr wie gewohnt gehorchen und die bittere Wahrheit kann kaum mehr verleugnet werden. Der Autor muss nicht nur seine Geburtsstadt neu kennenlernen, sondern auch seine Eltern, denn diese sind ebenso nicht mehr diejenigen, die sie einmal waren.

Auch wenn viele Themen eher trauriger Natur sind und nachdenklich stimmen, lebt der Roman doch von einem heiteren Ton, der insbesondere die alltäglichen Absurditäten pointiert wiedergibt. Immer wieder muss man schmunzeln, obwohl die Lage eigentlich ernst ist. Dmitrij Kapitelman gelingt so eine Liebeserklärung an Kiew und seine Bewohner und eine unterhaltsame literarische Spurensuche nach seinen Wurzeln, die er schon vertrocknet glaubte und die ihn unerwartet seinen Eltern wieder ganz nahe bringt.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Jessie Burton – Die Geheimnisse meiner Mutter

jessie burton die geheimnisse meiner Mutter
Jessie Burton – Die Geheimnisse meiner Mutter

Rose ist ohne Mutter aufgewachsen, als Kind phantasierte sie sich alle möglichen Szenarien zusammen, wo die sein könnte und weshalb sie ihre Tochter einfach verlassen hat. Auch ihr Vater erzählt nicht über die Zeit Anfang der 80er Jahre, wie es dazu kam, dass die Dinge so gelaufen sind. 34 Jahre später jedoch gibt er Rose zwei Bücher von Constance Holden mit der Info, dass diese ihre Mutter gekannt hatte und die letzte war, die Elise gesehen hat, bevor sie verschwand. Rose merkt schnell, dass es nicht einfach ist an die Autorin heranzukommen, durch einen Trick schleicht sie sich als Assistentin in das Leben der älteren Dame, die nach drei Jahrzehnten zum ersten Mal wieder schreibt. Vielleicht findet sie in diesem neuen Roman Antworten auf die vielen Fragen, die sie sich ihr Leben lang schon gestellt hat.

Jessie Burtons Geschichte schildert nicht nur die Suche nach den unbekannten Wurzeln, sondern auch die Suche nach sich selbst und der Frage, wer man eigentlich ist. Rose ist ganz typisch für ihre Generation, die zwar erwachsen ist und einen Studienabschluss hat, aber auch jenseits der 30 noch suchend durch das eigene Leben irrt und nicht weiß, was sie eigentlich von diesem erwartet: eine Beziehung, ein Kind, berufliche Erfüllung? Alles befindet sich in einem fragilen Zustand, weshalb sie sich umso mehr an die Vergangenheit klammert und hofft, durch das Finden ihrer Mutter auch die Antworten zu bekommen, die sie selbst nicht zu geben vermag.

Auf zwei Zeitebenen erleben wir einerseits die Gegenwart Roses und ihre Annäherung an Constance. Je enger die Verbindung zu der Autorin wird, desto weiter entfernt sie sich jedoch auch von ihrem Freund. Was vorher feine Risse in der Beziehung waren, werden plötzlich unüberwindbare Gräben. Der neue Roman scheint biografische Elemente zu enthalten, doch so richtig bringt auch er Rose in ihrer Suche nicht weiter und offen kann sie Constance nicht mit ihren Anliegen konfrontieren, immerhin hat sie sich unter falscher Identität in ihr Haus eingeschlichen. Ebenso wie viele Jahre später ihre Tochter ist auch die junge Elise ist von der Schriftstellerin fasziniert und bereit, alles für diese aufzugeben. Doch das Ungleichgewicht in ihrer Beziehung wird in der Ferne nicht durch die neuen Erfahrungen kompensiert, sondern nur noch offenkundiger und führt unweigerlich in die Katastrophe.

Erzählerisch überzeugt Jessie Burton, beide Handlungsstränge sind sauber gearbeitet und können jeder für sich durchaus begeistern. Allerdings ist bei mir der Funken nicht ganz übergesprungen. Die Faszination, die Constance Holden auf die beiden Frauen ausübt, hat sich mir nicht im gleichen Maße offenbart. Ich fand sie als jüngere und noch mehr als ältere Frau kalt und abweisend, eigentlich kein Mensch, der andere für sich gewinnt, denn an Zuneigung bietet sie wenig und Interesse scheint sie nur für sich selbst zu haben. Elise verfällt ihr als unbedarftes Mädchen, Rose ist eigentlich schon viel weiter im Leben, macht aber eher den Eindruck einer vielleicht 20-Jährigen, die noch keine Vorstellung davon hat, wo ihre Reise hingehen soll. Zwar hat Rose für sich am Ende den Eindruck deutlich weitergekommen zu sein, ich empfinde sie jedoch ähnlich planlos wie zu Beginn und kann nicht wirklich eine Entwicklung erkennen. Für diese Rückkehr zum Ausgangspunkt waren leider ein paar Schleifen zu viel erforderlich, die Geschichte hätte stringenter erzählt werden dürfen.