Karine Lambert – Das Haus ohne Männer

Das Haus ohne Maenner von Karine Lambert
Karine Lambert – Das Haus ohne Männer

Eine Bekannte aus der Universität überlässt Juliette ihre Wohnung in einem wundersamen Haus in Paris während sie selbst durch Indien reist. Schon beim ersten Betreten wird der Filmemacherin klar, dass dieses Gebäude etwas ganz Besonderes ist und seine Bewohnerinnen erst! Es herrscht die Königin im obersten Stockwerk, ehemalige Primaballerina und diejenige, die das eiserne Gesetz verkündet und überwacht: keine Männer im Haus. Einzig Kater Jean-Pierre darf als männliches Wesen die heiligen Hallen betreten. Die anderen Bewohnerinnen haben aus unterschiedlichen Gründen dem anderen Geschlecht abgeschworen: Giuseppa, weil sie zwangsverheiratet wurde und immer unter der Dominanz der sizilianischen Männer litt; Simone, weil sie den Vater ihres Sohnes mit einer Jüngeren in flagranti erwischte; Rosalie, weil ihr Traummann sie verließ, als sie ihm ihren Kinderwunsch offenbarte. Wird Juliette sich an die einzige Regel im Haus halten können?

Karine Lambert konnte mich schon mit „Und jetzt lass uns tanzen“ und „Un arbre, un jour…“ begeistern, zwei Bücher, in denen sie die leisen Töne der Figuren eingefangen hat und ihnen mit präziser und feinfühliger Sprache eine Stimme verlieh. Dabei war sie nie oberflächlich oder gar kitschig, sondern schlichtweg sensibel und nachsichtig mit den Unzulänglichkeiten. „Das Haus ohne Männer“, ihr erster Roman, kann dies noch nicht ganz so sehr erreichen wie die beiden folgenden.

Es ist weniger die Handlung als die Figuren selbst, die die Geschichte ausmachen. Alle fünf Frauen haben Enttäuschung erlebt und aus unterschiedlichem Grund nicht unbedingt der Liebe entsagt, aber doch der Zweisamkeit, an die sie nicht mehr glauben. Gänzlich verschieden sind sie und doch in der Konsequenz vereint. Aber es waren nicht nur die Partner, die sie enttäuscht haben, auch die Väter, deren Erwartungen sie nicht erfüllen konnten oder die ihnen schlichtweg keinerlei Aufmerksamkeit entgegenbringen wollten. Die Frauenfiguren können überzeugen, sind glaubwürdig und interessant gestaltet. Nichtsdestotrotz fehlt dem Roman noch das gewisse Etwas, das ihn zauberhaft werden lässt wie die anderen Werke der Autorin – oder kämpferisch, denn das sind die Frauen nicht. Vordergründig vertreten sie ihre Ablehnung, aber insgeheim wollen sie eigentlich doch nicht ohne Männer sein.

Alles in allem ein kurzer Roman für zwischendurch, der seine amüsanten Stellen hat, einen gewissen Charme versprüht und in dem sich auch Karine Lamberts Sprachgewalt schon andeutet.

Amélie Nothomb – Barbe Bleue [dt. Blaubart]

amelie-nothomb-barbe-bleue
Amélie Nothomb – Barbe Bleue 

Saturnine Puissant, Lehrerin an der École du Louvre, stößt auf eine Anzeige für eine Mitbewohnerin, die nur allzu verlockend klingt. In einem wunderschönen Altbau im Zentrum von Paris wird zu kleinem Preis ein Zimmer angeboten. Die luxuriöse Unterkunft im 7. Arrondissement gehört dem Spanier Don Elemirio Nibal y Milcar, der auf die junge Belgierin gleichermaßen faszinierend wie auch verängstigend wirkt. Er hat nur eine einzige Bedingung für ihr Zusammenleben: sie darf seine Dunkelkammer, in der er Fotos entwickelt, nicht betreten. Sollte sie es doch tun, wird sie ein ähnliches Schicksal erleiden wie ihre acht Vorgängerinnen – diese sind spurlos verschwunden. Saturnine ist gewarnt und begegnet dem Mann mit forscher Selbstbehauptung, nach und nach jedoch erliegt sie seinem Charme und schießt die Warnungen ihrer Freundin Corinne in den Wind.

Die belgische Erfolgsautorin Amélie Nothomb hat sich für ihren Roman aus dem Jahr 2012 des Märchens „Blaubart“ von Charles Perrault bedient, der als reicher Mann geachtet war und als dunkles Geheimnis zahlreiche Frauenmorde mit sich trug. Die Autorin versucht gar nicht erst subtil ihre Figuren zu charakterisieren, schon mit den Namen wird vieles offen dargelegt: Saturnine Puissant tritt ernsthaft und stark ihrem Antipoden entgegen; dieser ist über seine Nachnamen mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit, aber auch einer hohen Sensibilität, die bei harschen Worten schnell in Überreaktionen endet (Nibal), sowie einer besonderen schöpferischen Kraft (Milcar), ausgezeichnet.

Das Spiel der beiden um die Herrschaft über den anderen beginnt sogleich mit dem ersten Dialog. Fortan werden sie miteinander kämpfen, um einander werben, sich im Kreis drehen und sich langsam Elemirios dunklem Geheimnis nähern, das Saturnine jedoch nicht verschreckt, sondern vielmehr fasziniert und sie immer näher zu ihm bringt. Ein Duell, das unweigerlich auf einen finalen Kampf hinausläuft, dessen Ende jedoch gänzlich offen ist.

Neben diesem raffiniert ausgetragenen Kampf um Macht und Überleben begeistert Amélie Nothomb mit wunderbaren Details, die verdeutlichen, dass hier nicht nur ein altes Märchen neu aufgelegt wird, sondern dass sie eine Meisterin für die Zwischentöne ist und viel mehr in ihrem Text steckt, als an der Oberfläche womöglich erkennbar. Die metaphysische Diskussion der Farben, das Gelb, das Saturnine zugeschrieben und sogleich mit Gold assoziiert wird; der Stoff des Rocks, den Elemirio für sie näht und der in unglaublicher Weise sich ihrem Körper anpasst; aber auch der Genuss der Speisen und vor allem des Champagners – nichts überlässt die Autorin dem Zufall, jedes kleinste Detail hat seinen Platz und seine Bedeutung.

So entsteht ein mehrschichtiger Roman, der durchaus nicht eines gewissen Grusels entbehrt und die Figuren maximal herausfordert und an ihre persönlichen Schmerzgrenzen gehen und diese überschreiten lässt.