Alexa Hennig von Lange – Die Weihnachstgeschwister

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Alexa Hennig von Lange – Die Weihnachstgeschwister

Wie jedes Jahr zieht es die drei Schwedthelm-Geschwister zu Weihnachten zu den Eltern nach Hause. Tamara, Elisabeth und Ingmar sind inzwischen erwachsen und haben eigene Familien, die sie mitbringen, um die Feiertage gemeinsam zu verbringen. In den letzten Jahren war jedoch nicht viel mit Besinnlichkeit, zu sehr haben sie sich zerstritten und aneinander herumkritisiert. Auch dieses Jahr steht unter keinem guten Stern und schon beim gemeinsamen Mittagessen am Vortag des Heiligabends sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt. Doch dieses Jahr werden sich nicht alle der Feindseligkeiten der Geschwister ergeben.

Alexa Hennig von Lange fängt den für viele Familien kritischen Moment des Jahres auf den Punkt genau ein: die großen Erwartungen, die mit dem Fest verbunden sind, alles soll perfekt sein, endlich mal raus aus dem Alltagshamsterrad und dann passiert genau das, was niemand möchte: es bricht aus allen heraus und die Fassaden bröckeln und hemmungslos stürzen sich alle in den offenen Krieg.

Trotz der Kürze des Romans werden die verschiedenen Charaktere der drei erwachsenen Kinder und ihrer Partner deutlich, vor allem jedoch immer noch die Beziehungsstrukturen, Rivalitäten, die sie auch mit rund 40 Jahren immer noch mit sich herumtragen und von denen sie sich nicht lösen können. Die Konfrontation mit der Familie ist auch eine Konfrontation mit dem eigenen Ich: was hätte werden können, wie das eigene Leben hätte anders, besser verlaufen können, die schonungslose Frage nach dem „was hast du aus dir gemacht?“ im Vergleich zu den anderen. Es braucht nicht viel, um wieder in kindliche Muster zu verfallen und sich zurück in die Kindheit zu katapultieren.

Einziger Abzug gibt es für das Ende, das mir doch etwas zu kitschig war, wenn auch durchaus passend für ein Weihnachtsbuch.

Alain Claude Sulzer – Unhaltbare Zustände

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Alain Claude Sulzer – Unhaltbare Zustände

Alles ist schon immer seinen geregelten Gang gegangen, doch im Jahre 1968 ist plötzliches vieles nicht mehr so eindeutig und die Jugend rebelliert gegen die Verhältnisse. Der Schaufensterdekorateur Stettler kann das alles nicht nachvollziehen, aber was hat es denn schon mit ihm zu tun? Sehr viel als plötzlich die Leitung des Berner Kaufhauses „Quatre Saisons“ entscheidet einem Jüngeren die Dekoration des wichtigen Weihnachtsfensters zu übergeben. Statt des erhofften Scheiterns muss Stettler den großen Erfolg des Konkurrenten miterleben und heimlich dessen überzeugende Wirkung anerkennen. Auch in der Liebe läuft es nicht, hatte er sich auf den Auftritt und ein anschließendes Treffen mit der Pianistin Lotte Zerbst gefreut, wird diese plötzlich aus politischen Gründen ausgeladen. Alles scheint aus den Fugen geraten in seinem bis dato so klar geordneten Leben. Doch Stettler gibt so schnell nicht auf.

Damit, einen Schaufensterdekorateur ins Zentrum einer Geschichte zu stellen ist Alain Claude Sulzer ein wahrlich außergewöhnlicher Coup gelungen. Die Tatsache, dass es nicht nur bei der Nennung des Berufs bleibt, sondern die Profession mit ihren Facetten tatsächlich zentral für die Handlung wird, hat mich zunächst stutzen und zögern lassen. Aber hierin zeigt sich der wahrlich brillante Autor: er hat das Auge für das Besondere im nahezu Banalen und kann im Alltäglichen etwas Außergewöhnliches entdecken und dies zu einer ganz überragenden Erzählung machen.

Bemerkenswert gelungen ist Sulzer die Verbindung des globalen Großereignisses „1968“ mit dem Leben des kleinen Schaufensterdekorateurs in der Schweizer Großstadt, die ja aber doch eher als provinziell und wenig bedeutend auf dem internationalen Parkett anzusehen ist. Sahen sich Regierungen und ganze Länder von der aufmüpfigen Jugend bedroht, wird auch Stettler in seiner Rolle als erster Dekorateur am Ort plötzlich von einem Jüngeren bedroht. Seine ästhetischen Vorstellungen sind ebenso wenig mehr gefragt wie die Werte und Ansichten seiner Generation. Das schlimmste jedoch ist, dass er alldem nichts entgegenzusetzen hat. Er muss einem Untergang beiwohnen bis hin zur völligen Demütigung.

Man kann dem Protagonisten leicht nachempfinden, hat einerseits Mitleid mit ihm und doch möchte man sich von dem alten, konservativen und gestrigen Mann lieber distanzieren. Er kann nicht aus seiner Haut, die neue Welt überfordert ihn und hat auch augenscheinlich keinen Platz für ihn mehr. Niemand wird ihn vermissen, wenn er nicht mehr zur Arbeit kommt, zu Hause wartet ebenfalls keiner.

Bildlich verdeutlicht Stettler und somit Sulzer, wie es den Menschen mit diesem Gefühl geht und wie sie keinen Ausweg mehr für sich sehen. Konkurrenzdruck, wandelnde Ansichten – entweder der Mensch passt sich an oder er muss weichen. Ein Roman, der bisweilen zum Schmunzeln einlädt, aber doch von einer wenn auch leichten Ernsthaftigkeit im Sujet getragen wird. Der Verlegung der Handlung 50 Jahre in die Vergangenheit suggeriert ein längst überholtes Problem, dabei ist es aber heute aktueller denn je. Vielleicht ermöglicht aber gerade die historische Distanz den Beginn des Nachdenkens über die Zeit, in der wir leben. Für mich einer der stärksten und gesellschaftlich relevantesten Romane bislang in 2019.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Galiani für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Gabriella Ullberg Westin – Der Schmetterling

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Gabriella Ullberg Westin – Der Schmetterling

Nach zwanzig Jahren in der Hauptstadt kehrt Kriminalinspektor Johan Rokka in die nordschwedische Provinz zurück. Doch Zeit zum Ankommen bleibt ihm nicht, denn am Heiligabend geschieht ein brutaler Mord: die Ehefrau eines bekannten Fußballers und Schulfreundes von Rokka wird von einem verkleideten Weihnachtsmann brutal vor den Augen der beiden Kinder ermordet. Das Ziel scheint klar gewesen zu sein: der Gatte. Doch dann wird im Blut der Frau eine tödliche Menge Rohypnol gefunden und auch ein nur kurze Zeit zurückliegender Schwangerschaftsabbruch wird festgestellt. Hatte die unscheinbare Frau etwas zu verbergen? Ein zweiter Mord an der Trabrennbahn wirft jedoch noch ganz andere Fragen auf und das kleine Team sieht schweren Feiertagen entgegen.

Gabriella Ullberg Westins Debut um den Ermittler Rokka konnte mich recht schnell überzeugen. Die Handlung hat ein hohes Tempo und verliert sich nicht lange in Nebensächlichkeiten. Recht typisch für viele skandinavische Krimis sind die Morde rücksichtslos und brutal und die Figuren sind keineswegs die unschuldigen Bilderbuchmenschen im schwedischen Idyll, die keiner Fliege was zuleide tun können.

Der Fall ist recht komplex und die Zusammenhänge werden erst nach und nach aufgelöst. Insgesamt vielleicht ein wenig zu viel Verstrickungen und nicht unbedingt erwartbare Bekanntschaften, aber der Krimi ist spannend und lässt einem über kleine Schwächen leicht hinwegsehen. Das Setting ist ebenfalls überzeugend eingebaut, der schwedische Winter bringt seine eigenen Tücken mit viel Schnee, der die Ermittlungen auch nicht gerade leichter gestaltet. Im Zentrum steht Johan Rokka, der bei mir als Protagonist nicht unbedingt Sympathiepunkte sammeln konnte, aber facettenreich gestaltet ist und durchweg überzeugt. Seine enge Verbindung zu einer ganzen Reihe von Verdächtigen und die vielen Andeutungen nebenbei, dass auch er Geheimnisse mit sich trägt, bieten auf jeden Fall genügend Raum für weitere Fälle, die die Figur sicher noch interessanter werden lassen. Ein solider Krimi, der von der Autorin noch einiges erwarten lässt.