Adeline Dieudonné – Kérozène

Adeline Dieudonné – Kérozène

Eine einsame Tankstelle in einer lauen Sommernacht, irgendwo in den Ardennen. Nur das unwirkliche Licht der Leuchtreklame lässt einen Blick auf die Menschen erhaschen, die sich dort begegnen. Es ist 23 Uhr 12 und in einer Minute wird sich die ganze Welt verändern. Ein Duzend Personen, die sich aus ganz unterschiedlichen Motiven an diesem unwirklichen Ort aufhalten, werden sich kreuzen, sehen oder auch nicht, und Entscheidungen treffen, die gut sind oder vielleicht auch nicht. Chelly, impulsive Pole Dance Lehrerin, Victoire, Model mit Angst vor Delfinen, Loïc, Pannenhelfer, der nichts anbrennen lässt, Alika, philippinisches Kindermädchen, Monika, eine alte Dame, die ihren Wald retten möchte, Red Apple, ein verzweifeltes Pferd, Julie, die von ihren Schwiegereltern gynäkologischen Untersuchungen unterzogen wird – diese und andere außergewöhnliche Figuren bringen alle ihre ganz eigene Geschichte mit an den verlassenen Ort.

Die belgische Autorin Adeline Dieudonné hat mit ihrem Debüt „La vraie vie“ (Das wirkliche Leben) für Furore gesorgt, entsprechend hoch die Erwartungen an den zweiten Roman. Auch wenn die einzelnen Kapitel zunächst nur lose verbunden erscheinen, gelingt es ihr wieder, die geradezu surreal anmutende fiktive Realität glaubwürdig erscheinen zu lassen und die Wege der Figuren geschickt zu einem Ganzen zusammenzuführen. Ort und Zeit lassen schon vermuten, dass es etwas trashig werden könnte und das wird es in den Lebensgeschichten auch, aber niemand hat je behauptet, dass das Leben nur auf der Sonnenseite stattfinden würde.

Der Scheinwerfer wird auf eine Figur nach der anderen gerichtet. Ein kurzer Moment, ein kurzer Blick in die Leben, die oft tragisch, voller Gewalt sind und die Figuren zu der Person gemacht haben, die an diesem Abend an der Tankstelle strandet. Die Autorin hebt die Einzigartigkeit hervor, die jedes Leben kennzeichnet, legt die tiefsten Geheimnisse und Gedanken offen, die sie versuchen verborgen zu halten.

Der Roman hat ein bisschen was von einem Horrorfilm, doch wo es gelingt, sich beim Blick auf den Bildschirm zu distanzieren, weil man weiß, dass das Blut nicht echt und das Leid nur gespielt ist, lässt Dieudonné das Grauen hier im Galopp los und überrennt einem als Leser. An Intensität steht auch dieser Roman dem ersten der Autorin in nichts nach.

Die Kritiker sind gespalten, das Urteil reicht von „banalem, aussagelosen Trash“ bis „herausragende Literatur“, ein Dazwischen scheint es kaum zu geben. Vielleicht muss man einen eigenen Zugang zu diesem speziellen Sujet und der oft sehr expliziten Sprache finden, um mit der Autorin etwas anfangen zu können. Für mich bleibt sie auch mit diesem Roman ganz weit vorne in der Liste der lesenswerten Gegenwartsautorinnen.

Sam Lloyd – Der Mädchenwald

Sam Lloyd – Der Mädchenwald

Sie wollte nur kurz ans Auto gehen, doch dann wird die 13-jährige Elissa vor der Halle, in der sie eigentlich an einem Schachturnier teilnimmt, entführt. In einem Keller unter einem Cottage hält man sie gefangen, angekettet und nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. Sie bekommt Besuch, nicht nur von dem grausamen Entführer, der brutal zuschlägt, wenn sie nicht gehorcht, sondern auch von einem Jungen, der etwas gleich alt sein muss und sich als Elijah vorstellt. Elissa gelingt es, sein Vertrauen zu wecken, aber wird das genügen, damit der scheinbar etwas eingeschränkte Junge sich auch zu ihrem Helfer wird instrumentalisieren lassen? Elissas Hoffnung wird bald jedoch schon schwer enttäuscht und sie muss sich fragen, ob sie Elijah nicht gänzlich falsch eingeschätzt hat und er derjenige ist, vor dem sie wirklich Angst haben sollte.

„Dieser Junge“, fährt Annie fort. „Er ist ein Kämpfer. Sein Leben ist ihm mehr wert als alles andere. Was auch immer nötig ist, um es zu erhalten, er wird es tun.“

Auch wenn Elissa als Opfer eigentlich im Zentrum der Handlung steht, ist es doch Elijah, der durch sein ungewöhnliches Verhalten sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Passagen, in denen der Junge die Erzählerstimme übernimmt, sind schwer einzuschätzen, man kann vieles nicht wirklich einordnen, es scheint nicht zusammenzupassen, was er erzählt und vor allem wie. Auch seine Gegenspielerin ist mit interessanten Facetten ausgestattet, sie beherrscht nicht nur das Schachspiel, sondern ist eine Meisterin im Verstecken geheimer Botschaften. Mit diesen beiden Figuren ist die Grundlage für einen spannenden und unterhaltsamen Thriller gelegt. Leider hat er mich aber nicht wirklich packen können.

Der Hauptgrund, weshalb mich die Geschichte nicht überzeugte, sind letztlich zu viele Ungereimtheiten, Teile, die einfach nicht geschmeidig ineinanderpassen wollten. Der Entführer bleibt als Figur völlig nebelig, weshalb Elijah für ihn so wichtig ist, wird nur am Rande erwähnt, aber nicht überzeugend erläutert. Auch seine Helferin Annie erscheint als brutale Sadistin, die zwar eine Erklärung für die Entführungen liefert – vermeintlich untaugliche alleinerziehende Mütter, vor denen die Kinder gerettet werden müssen – aber auch diese Motivation bleibt eher diffus als sinnhaft zu wirken.

Die Unstimmigkeiten in der Figur Elijah mögen sich durch das psychologische Profil, das im Laufe der Handlung ersichtlich wird, erklären, wirken aber doch auch recht willkürlich zusammengesetzt. Dass ein junges Mädchen wie Elissa in dieser Situation derart abgebrüht agieren könnte, dass sie ihre Entführer zu manipulieren versucht, kann auch nur in der Fiktion als vorstellbar gelten.

Es knirscht beim Lesen hier und da, gerade auch Elijahs Erzählpassagen sind sprachlich herausfordernd, was sich jedoch durch die Figur noch rechtfertigen lässt, aber gleichermaßen auch Spannung nimmt, da man mehr so durch die Erzählung holpert. Die Ermittlerin bleibt gänzlich blass, außer bezogen auf ihren Privatproblemen, die meines Erachtens völlig überflüssig waren.

Durchaus gutes Grundkonzept und auch zwei interessante Protagonisten, die Umsetzung jedoch hat mich nicht überzeugt.

Michaela Kastel – So dunkel der Wald

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Michaela Kastel – So dunkel der Wald

Vor Jahren schon wurden sie entführt und leben nun als Kleinfamilie fernab anderer Menschen im Wald. Jeder Fluchtversuch ist sinnlos, Paps würde sie aufhalten und dann droht ihnen das, was so viele andere Mädchen zuvor auch erlebt haben: sie bezahlen mit ihrem Leben für den Ungehorsam. Doch Ronja kann und will nicht mehr, aber Jannik kann sie nicht auf ihre Seite ziehen, obwohl er genauso gelitten hat wie sie. Doch dann ergibt sich die Chance und sie packt die beiden Kleinen ein, irgendjemand wird ihnen helfen. Doch statt der Hilfe erleben sie die Wut des Ersatzvaters, der Ungehorsam als unverzeihliche Sünde erachtet. Es kommt zur Eskalation und nur durch den Tod können sie sich befreien. Doch die Freiheit, die sie sich vorgestellt haben, wartet auch da nicht…

Michaela Kastels Thriller greift den grausamsten Alptraum aller Eltern auf: die Entführung des Kindes, jahrelange Ungewissheit und der schlimmste vorstellbare Missbrauch durch einen Psychopathen, der die Kinder manipuliert und einschüchtert, so dass diese gar nicht mehr an die Welt außerhalb der Kleinfamilie abgeschieden im Wald glauben. Die Autorin spart die furchtbarsten Szenen aus, deren Beschreibung ist auch gar nicht erforderlich, man weiß und kann es sich lebhaft vorstellen, was hinter den verschlossenen Türen geschieht. Das Grausame besteht nicht in den physischen Taten, sondern in dem, was diese mit den Seelen der Kinder machen, wie diese sich entwickeln und was sich nach der vermeintlichen Befreiung von ihrem Täter erst als Folgen offenbart.

Der Thrill ist ohne Frage gegeben, der Roman lebt jedoch nicht wie so oft vom Kampf zwischen Polizei und Täter, auch wenn dieser geschildert wird, sondern davon, wie die Kinder plötzlich selbst drohen Täter zu werden. In Ronja zeigt sich die jahrelange Qual besonders deutlich: sie weiß eigentlich, was richtig und falsch ist, aber das verschobene Weltbild erlaubt ihr und Jannik jedoch nicht, das Richtige zu tun. Zu sehr wurden sie indoktriniert als dass sie an die Menschen jenseits ihrer kleinen verqueren Familie glauben könnten. Zu groß die Angst, selbst als Täter wahrgenommen zu werden, obwohl sie doch Opfer sind. Dass ihre Eltern sie suchen oder gar vermissen könnten, daran glauben die beiden schon lange nicht mehr.

Die größte Überraschung ist ohne Frage, dass der eindeutige Täter schon früh im Roman aus dem Leben scheidet und die unmittelbare Bedrohung eigentlich gebannt zu sein scheint. Doch dann beginnt der tatsächliche Thriller erst. Eine interessante und sicher ungewöhnliche Konstruktion, die „So dunkel der Wald“ klar von anderen Romanen abhebt und mich nicht nur überraschen, sondern vor allem überzeugen konnte.

Elisabeth Herrmann – Die Mühle

Die Muehle von Elisabeth Herrmann
Elisabeth Herrmann – Die Mühle

Schon zu Schulzeiten hat Lana die coole Clique bewundert, allen voran Jonny, den sie unerwartet in Berlin an der Uni wiedersieht. Als dieser nach einem Zwischenfall in der Klinik landet, besucht sie ihn. Überraschend bittet er sie um einen Gefallen: die Clique ist in einem teuren Hotel in Karlsbad verabredet und sie soll an seiner Stelle hinfahren. Lana zögert, will Jonny aber dann doch seine Bitte erfüllen. Aufgeregt trifft sie im Grandhotel auf die jungen Leute, die sich nach der Schule alle ein erfolgreiches Leben aufgebaut haben. Für den nächsten Tag hat ihr noch unbekannter Gastgeber sie zu einem Ausflug eingeladen. Doch schnell wird ihnen klar, dass es kein entspannter Waldspaziergang werden wird, sondern sie hier um Leben und Tod Kämpfen werden. Jemand hat es auf sie abgesehen, aber warum? Und wie soll Lana aus dieser Situation entkommen, sie hat doch gar nichts mit der Gruppe zu tun?

Die Geschichte klingt nach einem spannenden Thriller und obwohl der Roman bei cbj, einem Jugendbuchverlag erschienen ist, war ich auf das Hörbuch und aufregende knapp 11 Stunden gespannt. Leider hielt die Geschichte nicht, was sie versprach. Der Überlebenskampf der Figuren wurde auch zu einem anstrengenden Kampf für den Hörer und ich war mehr als einmal versucht einfach aufzugeben.

Die Geschichte als Ganzes ist völlig hanebüchen und je weiter sie voranschreitet, desto unrealistischer und absurder wird sie. Der Serienmörder, der uns am Ende präsentiert wird, ist sicher zu vielem in der Lage, aber nicht zu den geschilderten Taten. Das Setting ist recht klischeebehaftet: einsamer Wald, kein Handyempfang, keine Chance Hilfe zu holen und natürlich ist sonst auch niemand dort unterwegs. Im Zentrum steht eine alte Mühle, wobei mich bis zum Ende irritiert hat, dass sie an einem See auf einem Berg stehen soll und keine Straße zu ihr führt. Das sind gleich mehrere völlig abwegige Kriterien für ein solches Gebäude. Die Handlung kommt nur sehr schleppend voran und bietet unzählige Wiederholungen, was der Spannung nur begrenzt zuträglich ist.

Aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Figuren sind enttäuschend. Eindimensional und stereotyp werden sie meist über eine bis maximal zwei Eigenschaften charakterisiert, die so häufig bemüht werden, dass selbst die ansatzweise sympathischen von ihnen schnell dumpf wirken. Auch die Protagonistin ist leider nicht mit dem Verstand einer Anfang 20-jähigen Studentin gesegnet, sondern mit dem Hirn einer vollpubertären 13-Jährigen, die ihren Idolen zusabbert und sie bewundert, vor allem den abwesenden Jonny, der ein ganz toller Hecht zu schein scheint – zumindest in ihren Augen.

Zu der unglaubwürdigen Handlung und den banalen Figuren kommt beim Hörbuch noch die Umsetzung, die mich mehr als einmal an meine Schmerzgrenze brachte. Ich habe nicht mitgezählt, gefühlt tausend Mal muss man sich „dabelju ti äff“ (gemeint ist wohl WTF) in quietschiger Stimme geben. Dazu schreien die weiblichen Figuren permanent in extremer und hoher Frequenz rum, auch wenn nur ein Blatt über den Boden fegt, was beim Hören mit Kopfhörern direkt ins Trommelfell schießt und mich immer wieder zusammenzucken lies.

Alles in allem ein Reinfall und unglaubliche Zeitverschwendung.