Adrienne Brodeur – Wild Game

adrienne brodeur wild game
Adrienne Brodeur – Wild Game

Rennie ist 14 als der alles verändernde Kuss geschieht. Nicht sie selbst ist es, sondern ihre Mutter, Malabar, die Ben, den seit Jahrzehnten besten Freund ihres Gatten, küsst und damit alles aus den Fugen gerät. Die schillernde Frau geht eine Affäre ein und macht ihre Tochter nicht nur zur Mitwisserin, sondern zur Gehilfin, um ihre Treffen mit Ben zu decken, und zu ihrer Vertrauten, die sich alles anhören muss. Rennie hat ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Stiefvater, aber die Sehnsucht nach der Nähe zur Mutter und deren Aufmerksamkeit, lassen ihr keinen anderen Ausweg. Als das Verhältnis droht aufzufliegen, ist sie zur Stelle, wann auch immer ihre Mutter leidet, spendet sie Trost. Dabei vergisst sie selbst jedoch den Abnabelungsprozess, den sie als junge Frau vollziehen sollte und wähnt sich in der Illusion, die geliebte Tochter zu sein. Tatsächlich ist sie nur eins: ein notwendiges Hilfsmittel.

Adrienne Brodeur verarbeitet in ihrem Buch ihre komplizierte Beziehung zur Mutter und schildert, welche drastische Folgen diese toxische Beziehung für sie auch viele Jahre später als eigentlich unabhängige Erwachsene hat. Selbst Kind einer allseits bewunderten, strahlenden Frau, hat Malabar nie gelernt zu lieben oder die Perspektive anderer einzunehmen. Ein Schicksalsschlag in jungen Jahren verhindert letztlich eine bedingungslose Beziehung zu ihren Kindern, die ihrerseits so sehr nach Zuwendung lechzen, dass sie aus diesem fragilen und schädlichen Beziehungsgebilde nicht herauskommen.

Anfangs hat das Geheimnis um das Verhältnis noch spannende und reizvolle Aspekte. Mit der Mutter ein so großes Geheimnis zu teilen, lässt das Mädchen geradezu euphorisch werden und sie deutet dies nicht nur als Vertrauens- sondern als Liebesbeweis. Gerne unterstützt sie das Spiel mit den anderen, unbedarft und nicht berücksichtigend, welche Folgen dies für die beiden anderen Partner haben kann. Doch je älter Rennie wird, desto deutlicher erkennt sie ihre Rolle im Leben ihrer Mutter. Schnell ist sie ersetzbar, ihr eigenes Leben und Leid wird gar nicht wahrgenommen und die psychologische Last, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, muss zwangsläufig irgendwann in einer manifesten Erkrankung enden. Was von außen eine völlig klare und nachvollziehbare Entwicklung ist, wird von der Autorin an diesem Punkt nicht erkannt, zu sehr steckt sie fest als dass sie sich lösen und einen Schritt beiseite treten könnte, um einen anderen Blickwinkel zu gewinnen.

Es gelingt Adrienne Brodeur den perfekten Ton zu finden, um nicht verbittert ihre Erfahrungen zu schildern, sondern die verschiedenen Stadien, die sie durchläuft, auch sprachlich widerzuspiegeln. Der lockere, neugierig-heitere Ton begleitet die Anfangsphase, ernstere folgen je älter sie wird, bis schließlich der psychologische Tiefpunkt erreicht wird und sie erkennen muss, was aus ihrem Leben geworden ist. Aus dem naiven Mädchen wird die differenzierter denkende junge Frau und schließlich eine Erwachsene, die sich der unerfreulichen Realität und Erkenntnis stellen muss. So wie sie durch die Literatur sich selbst erkannt hat, kann sicherlich auch ihr literarischer Verarbeitungsprozess andere dazu ermutigen, ihre Beziehungen zu hinterfragen.

Lana Lux – Jägerin und Sammlerin

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Lana Lux – Jägerin und Sammlerin

Sie ist eine hervorragende Schülerin, aber morgens rechtzeitig aus dem Haus zu kommen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit für Alisa. Sie arbeitet abends zu lange und der Blick in den Spiegel auf die unreine Haut, macht stundenlange Vorbereitungen erforderlich, bevor sie sich unter Menschen trauen kann. Überhaupt ist ihr Aussehen ein Problem, sie ist nicht attraktiv wie ihre Mutter, der immer noch alle Männer nachschauen oder wie ihre Freundin Mascha, die als elfengleiche Ballerina bezaubert. Mehr und mehr hadert Alisa mit sich und zunehmend versucht sie ihren Frust förmlich runterzuschlucken, doch die Fressanfälle helfen nur kurz und das zwanghafte Erbrechen danach ist zur Sucht geworden. Dass sie Hilfe braucht, lässt sich bald nicht mehr übersehen, doch woher rührt das alles, wie konnte es nur so weit kommen?

Lana Lux hatte mich mit ihrem Debüt „Kukolka“ schwer begeistern können, gespannt war ich auf diesen Roman, der mit der ukrainisch stämmigen Protagonistin auch wieder Parallelen zu ihrer eigenen Biografie aufweist. Über weite Strecken konnte mich die Geschichte auch fesseln und überzeugen, der Schluss jedoch hat mich etwas enttäuscht.

Es ist leicht vorstellbar, dass Leser*innen mit eigenen Erfahrungen in Bezug auf Essstörungen stark getriggert werden. Alisas Gedankenwelt, die sich extrem um ihren Körper und ihr Aussehen dreht und ausgesprochen negativ geprägt ist, wirkt authentisch und stimmig. Genau diese begrenze und fehlgeleitete Sicht führt in die Anorexie oder Bulimie, aus der die Betroffenen selbst meist nicht mehr alleine herauskommen. In Alisas Fall wird die Ursache durch das Verhalten der Mutter – von klein auf Fokussierung auf das Aussehen, immer wieder Kritik an der Figur und dem Essverhalten, ganz offensive Bevorzugung der tanzenden Freundin bei mangelnder Zuneigung – überzeugend motiviert und erklärt. Die Bulimie kommt nicht plötzlich und wird ebenso wenig über Nacht geheilt, es ist ein langer Prozess mit Rückschlägen, den auch Familienmitglieder nicht immer nachvollziehen können.

Im letzten Teil geht die Geschichte weg von Alisa hin zur Mutter. Diese Hintergrundinformationen zu deren Kindheit und Jugend, zu ihren Träumen und Enttäuschungen erklären zwar ihr Verhalten gegenüber der Tochter, für mich war es jedoch weitaus weniger interessant und zugänglich als Alisas Story. Vielleicht wäre die Handlung für mich sogar stimmiger gewesen ganz ohne diesen Teil, da er so gar nicht zu der Perspektive davor passt. Alisa als Figur war genug und überzeugend und es ist schade, dass sie gerade mit dem geringen Selbstbewusstsein und der Überzeugung, dass ihre Mutter sie nicht sieht und sich nicht für sie interessiert, selbst hier dieser Frau wieder weichen muss. Da hätte Lana Lux liebevoller mit ihrer Figur umgehen dürfen.

Die Thematik des Würgegriffs durch Essstörungen kommt glaubhaft und plastisch rüber, so sehr dies das Leben einschränkt, bedingt es auch die Handlung. Der letzte Teil für mich inhaltlich fast verzichtbar und insgesamt gestalterisch nicht so stark wie die ersten beiden, führt zu einem kleinen Abzug. Gelungen dafür der Titel, für den ganz am Ende noch eine Erklärung gegeben wird.

Edward St. Aubyn – Never Mind

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Edward St. Aubyn – Never Mind

Ein Sommertag in der französischen Provence. Eleanor und David haben sich eigentlich schon lange nichts mehr zu sagen, sie ist eine einzige Enttäuschung für ihn, hat sie sich seinem Willen doch sofort unterworfen. Allerdings erfordert der britische Adelsstand gewisse Standrads auch in ehelichen Fragen und so bleibt diese Ehe zumindest nach außen bestehen und mit ausreichend Alkohol schon am frühen Morgen kann Eleanor ihren Mann auch halbwegs ertragen. Zwei ihrer Gäste sind bereits angekommen, zwei weitere reisen mit dem Zug an und Eleanor wird sie trotz deutlich messbarem Alkoholspiegel mit dem Auto abholen. Der Tag nimmt seinen Lauf, doch bevor das Mittelschichten-Bashing während des abendlichen Diners seinen Höhepunkt erreicht, muss der junge Patrick Melrose, gerade einmal fünf Jahre alt, noch seinen persönlichen Tiefpunkt durchleben: der Missbrauch durch Vater David, der sich danach nicht der geringsten Schuld bewusst ist.

Edward St. Aubyn, derzeit sicherlich einer der bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, dessen Sprachgewalt unbestritten seinesgleichen sucht, hat in der Patrick Melrose Serie autobiografische Erlebnisse verarbeitet. „Never Mind“ (deutscher Titel: „Schöne Verhältnisse“) ist der erste Band, der auf die Kindheit Patricks blickt, den Missbrauch durch den Vater bezeugt und die psychischen Folgen der Vernachlässigung durch die Eltern bereits andeutet. Genau wie sein kleiner Protagonist ist auch St. Aubyn in ein altes englisches Adelsgeschlecht hineingeboren und zwischen britischen Privatschulen und Südfrankreich pendelnd aufgewachsen. Auch er erlebte Misshandlung und Vernachlässigung durch die Eltern und hat diese literarisch verarbeitet. Für „Never Mind“ erhielt er 1992 den Betty Trask Award, eine Auszeichnung für den Erstlingsroman eines Autors unter 35 aus dem Commonwealth. Nebenbei: für Benedict Cumberbatch war die Rolle von Patrick Melrose in einer Miniserie neben der des Hamlet eine der absoluten Wunschfiguren seiner Schauspielkarriere.

Man muss den Roman mit einem gewissen inneren Abstand lesen, sonst ist er nicht leicht zu ertragen. Die Figuren, allen voran David, sind kaum auszuhalten ob ihrer Arroganz und Versnobtheit. Auch ihr Umgang miteinander, vor allem zwischen den Paaren, ist fernab von gesunder Beziehungsführung und muss zwangsweise in Ausflüchten wie Alkohol oder Drogen enden. Wenn nicht Edward St.Aubyn ein Händchen für Sprache hätte, könnte man all dies kaum durchhalten. Obwohl er unsägliche Zustände schildert, die leider vermutlich so tagtäglich in vielen Haushalten vorkommen, von denen man eigentlich nicht lesen will, ist es doch gerade seine Ausdruckskunst, die Dinge als das zu benennen, was sie sind, sie auf den Punkt zu bringen, das den Roman letztlich so lesenswert macht. Die Dialoge sind scharfzüngig und entlarvend, das Verhalten der Figuren eröffnet Abgründe, die man sich kaum vorstellen vermag. Nur wenigen Autoren gelingt es, so ein Setting zu einem wirklich guten Roman zu machen.