Kevin Barry – Beatlebone

Kevin Barry – Beatlebone

John Lennon begibt sich 1978 auf eine Insel westlich von Irland, um in der Einsamkeit wieder zu sich zu finden, um das, was er in einer Urschreitherapie gelernt hat, umzusetzen und sein künstlerisches Potenzial neu auszuloten. Der nahende 40. Geburtstag hat ihn in eine Sinnkrise versetzt, die ihm lähmt, abgeschieden von der Menschheit will er drei Tage mit innerer Einkehr verbringen. Doch sein Weg zur isolierten Destination ist voller Hürden, doch sein Fahrer Cornelius O‘Grady ist unerschrocken und mit dem notwendigen Stoizismus ausgestattet, das Abenteuer mit dem verzweifelten Beatle auf sich zu nehmen und diesen an sein Ziel zu führen.

Dorinish, die Insel, um die sich zunächst alles in dem Roman dreht, hatte John Lennon 1967 tatsächlich für einen lächerlich geringen Preis von 1550 Pfund erworben und ihr auch zwei kurze Stippvisiten abgestattet. Die beschwerliche Reise entwickelt sich als psychologischer Trip in die Tiefen von Lennons Seele, in der gerade viele Themen wüten:

„Was geht Ihnen durch den Kopf?

Schwer zu sagen.

Liebe, Blut, Schicksal, Tod, Sex, das Nichts, Mutter, Vater, (…)“

Lennons Zustand ist mehr als fragil, wiederholt drängt er darauf, dass er nur auf seine Insel und seine Ruhe haben will. Doch bis er dort ankommt, gilt es so einiges zu erdulden. Sein asketischer Lebensstil schützte ihn weder vor dem Nervenzusammenbruch noch vor der irischen Landbevölkerung. Doch was diese dem Sänger voraus hat, ist, dass sie die Erfahrung von Angst und Paranoia schon kennt. Cornelius ist der perfekte Konterpart, an dem Lennon sich abarbeitet, den er jedoch nicht kleinkriegt.

Das Buch hat gewisse Brüche, in einem Kapitel erläutert der Erzähler den Entstehensprozess des Romans, das Ende schildert die Entstehung des Albums „Beatlebone“, das durch Lennons mystische Inselerlebnisse inspiriert wurde, tatsächlich jedoch nie entstanden ist. Die experimentelle Struktur mag nicht jedem Leser gefallen, bei einem Avantgardisten wie Lennon als zentraler Figur, ist dies aber durchaus passend.

Kevin Barry ist ein begnadeter Autor, dem ein glaubwürdiger John Lennon kurz vor dem völligen Zusammenbruch überzeugend gelingt. Es benötigt vermutlich gerade diese Nähe zu einem gewissen Wahnsinn, um in dem Maße kreativ zu schaffen, wie es bei dem Beatle der Fall war. Sein Interesse an Esoterik und alternativen Weltsichten, ebenso wie die Experimentierfreude mit Drogen, sind hinlänglich beschrieben worden und lassen daher nicht verwundern, dass ein Mensch ebenso wie die Kunstfigur in einem regelrechten Malstrom von Gedanken gefangen ist und die Flucht aus diesem sucht.

Die Dialoge sind sprachlich brillant und oszillieren locker zwischen humorvoll und tiefgründig, ebenso die bisweilen bizarren Episoden im Pub und Hotel, die Lennon über sich ergehen lassen muss. Es ist keine biographische Erzählung, sondern eine fiktive Geschichte, die eines der ganz großen Genies der Musikgeschichte zurück auf den Boden holt, jenen der erbarmungslosen, ungezähmten irischen Küstenregion, die jedoch mit ihren Meeresrauschen und Höhlen ganz eigenes Inspirationspotenzial hat.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Infos zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Giulia Becker – Das Leben ist eins der Härtesten

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Giulia Becker – Das Leben ist eins der Härtesten

„Renate Gabor geht es schlecht. Vergangenen Freitag ist ihr Malteser-Mischling Mandarine Schatzi kopfüber in einer Punica-Flasche stecken geblieben und erstickt.”

Und allen anderen Figuren in Giulia Beckers Debutroman geht es nicht viel besser. Silke arbeitet in der Bahnhofmission von Borken, nachdem sie wegen einer Panikattacke den Nothalt eines Zugs ausgelöst und damit zahlreiche Fahrgäste verletzt hatte. Dabei war das nur der finale Punkt unter ihrer Ehe mit Roland, von dem sie sich mit 43 endlich lösen konnte. Jetzt bestimmt der Alltag am Bahnhof mit all seinen einmaligen und wiederkehrenden Gästen ihr Leben. Außerhalb dieses Universums hat sie nur wenige Freunde, Renate gehört dazu, aber die versinkt gerade in Trauer ob des dramatischen Tods ihres Hundes, und Willy-Martin, der glaubte im Internet endlich die perfekte Partnerin gefunden zu haben, was sich aber schon nach wenigen gemeinsamen Tagen als sehr kompliziert herausstellt. Ihre Nachbarin ist mit 97 auf Silkes Hilfe angewiesen, doch sie hat noch einen letzten Wunsch: sie möchte „Tropical Island“ sehen. Also brechen Silke, Renate, Willy-Martin und die betagte Dame auf zu einem gemeinsamen Urlaubswochenende.

Man merkt dem Roman an, welchen Hintergrund die Autorin hat. Giulia Becker arbeitet in Jan Böhmermanns Autorenteam des Neo Magazin Royale als Gagschreiberin und ist mit ihrem ironischen Twitter-Account „Schwester Ewald“ und als Poetry-Slammerin und Sängerin bekannt geworden. An herrlichem Wortwitz und pointierten Formulierungen fehlt es dem Roman nicht, ganz im Gegenteil, ohne diesen wäre der triste Alltag der Figuren kaum zu ertragen.

„«Das Leben ist eins der Härtesten», hatte Silkes Oma immer zu ihr gesagt, wenn die Depressionen im Winter wieder schlimmer wurden und ihr nichts anderes mehr übrigblieb, als über die ganze Sache zu lachen. Es war ein verzweifeltes Lachen, ein alternativloses, aber eben auch ein Lachen.“

Nach diesem Motto scheinen die Figuren zu leben, viel erwarten ohnehin keiner mehr von ihnen. Gemeinsam haben sie eine nicht enden wollenden Einsamkeit, die sie mit sich herumtragen. Berufliche Ziele gibt es schon lange nicht mehr und in der Münsteraner Kleinstadt befindet man sich auch nicht gerade am Nabel der Welt, so dass der Alltag eher banal verläuft und es Kleinigkeiten sind, die Sonnenstrahlen in die Tristesse schicken. Doch genau diese Abgeklärtheit und die Tatsache, dass sie nichts mehr erwarten, schweißt sie zusammen und lässt sie füreinander einstehen, egal was der andere wieder für einen Mist gebaut hat.

Sie sind keine Helden, sehen nicht atemberaubend aus, erleben keine großen Abenteuer, ändern nicht die Welt. Aber man schließt sie doch ins Herzen, gerade weil sie etwas verschroben sind. Auch die anderen Figuren, wie etwa der Leiter der Bahnhofsmission mit seinen Ambitionen für den trostlosen Anlaufpunkt der Gestrandeten, sind liebevoll gezeichnet. Giulia Becker fängt den scheinbar banalen Alltag der Durchschnittsmenschen ein, sieht aber dabei die Details, die einem beim flüchtigen Streifen leicht entgehen. Mit großartigem Wortwitz begleitet sie ihre Figuren auf ihrer Mission und lässt einem mehr als einmal schmunzeln oder gar herzhaft lachen. So lässt sich dann auch das trostloseste Dasein ertragen.

Antje Herden – Keine halben Sachen

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Antje Herden – Keine halben Sachen

Das Leben ist nicht einfach, wenn man 15 ist und große Erwartungen hat, stattdessen aber in der Kleinstadt festsitzt, den Alltag der alleinerziehenden Mutter betrachtet und einem Freunde und Lehrer anöden. Auch Robin geht es so bis er Leo trifft, der ihn aus seiner Lethargie herausreißt. Mit ihm lernt er neue Leute und ein neues Lebensgefühl kennen. Zum ersten Mal trinkt er Alkohol, zum ersten Mal kifft er und irgendwann probiert er auch noch andere Drogen, die ihn in einen unglaublichen Rausch versetzen. Durch seine neue Clique lernt er auch Anna und Karla kennen, in letztere verliebt er sich sofort und neben den ganzen neuen Emotionen, die ihm die Trips besorgen, rauscht sein Blut auch wegen der Verliebtheit. Die Welt um ihn herum gibt es nicht mehr, nur noch Karla und die Drogen.

Antje Herden hat für ihr Jugendbuch den Peter Härtling Preis erhalten, die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass sie glaubwürdig den Weg in die Drogenabhängigkeit schildert und jeden pädagogischen Eifer vermeidet. Dem kann man nur zustimmen, die Autorin lässt ihren Protagonisten immer weiter abrutschen und am Ende gar gänzlich abstürzen, vermeidet aber jeden Kommentar, der Robins Handeln wertet oder gar verurteilt oder – noch schlimmer – besserwisserisch kommentiert.

Mich hat das Buch überzeugen können. Robins Null-Bock-Haltung zu Beginn ist ebenso glaubwürdig wie sein eigentlich gutes Verhältnis zur Mutter, das er in diesem Alter natürlich nicht nach außen tragen kann. Er ist kein falscher Kerl und wirkt absolut durchschnittlich. Der Zufall führt ihn scheinbar mit Leo zusammen, der ihn zielsicher auf die schiefe Bahn leitet. Leos Verhalten ist seltsam, als erwachsener Leser ahnt man recht schnell, was es mit ihm auf sich hat, für Jugendliche dürfte sich das am Ende eher als Überraschung herausstellen, die ich in der Konstruktion so recht gelungen finde. Auch wenn der Text recht kurz ist und das Abdriften in die wirklich harten Drogen dadurch sehr schnell vonstattengeht, wirkt dies auf mich nachvollziehbar und stimmig. Vor allem die bildhaften Beschreibungen der Halluzinationen und der damit verbundenen Ängste dürften Eindruck bei jungen Lesern hinterlassen.

Ein urteilfreies Jugendbuch, das Drogenkonsum darstellt, wertungsfrei, aber doch mit einer klaren Message.