Kim Hye-jin – Die Tochter

Kim Hye-jin – Die Tochter

Es ist mehr eine Pflicht, als dass Mutter und Tochter wirklich Interesse an ihrem gemeinsamen wöchentlichen Mittagessen hätten. Zu groß sind in den Jahren die Differenzen zwischen ihnen geworden, als dass sie sich wirklich noch etwas zu erzählen hätten. Die Mutter führt als Pflegerin ein unauffälliges Leben, duckt sich weg, um nicht gesehen zu werden und schaut weg, wenn es in ihrer Nachbarschaft laut wird. Green hingegen ist mit über dreißig noch immer unverheiratet, kinderlos und hat an der Universität nur einen prekären Lehrauftrag. Als sie in finanzielle Not gerät, bittet sie widerwillig die Mutter um Hilfe, was darin endet, dass sie mit ihrer Partnerin bei ihr einzieht. Auf engstem Raum prallen zwei völlig verschiedene Lebenskonzepte aufeinander, die unvereinbar sind und keine der beiden Seiten kann Verständnis für die andere Sichtweise aufbringen.

Die koreanische Schriftstellerin Kim Hye-jin wurde in ihrer Heimat vielfach für ihre Romane ausgezeichnet, „Die Tochter“ ist der erste, der in deutscher Übersetzung erscheint. In den vergangenen Jahren hat Literatur aus Südkorea zunehmend auch den Weg zu uns gefunden und öffnet den Einblick in eine fremde Welt, die jedoch auch die Menschen dort vor große Herausforderungen zu stellen scheint. Ähnlich wie Nam-joo Cho in „Kim Jiyoung, geboren 1982“ oder auch Frances Chas „If I Had Your Face“ thematisiert Kim Hye-jin die schwierige Balance zwischen Tradition und einer jungen, modernen  und weltoffenen Generation, zwischen unterschiedlichen Erwartungen und Lebenseinstellungen, die nicht vereinbar sind und die die Figuren vor eine Zerreißprobe stellen.

Der Roman wird aus Sicht der Mutter erzählt, die zunächst sehr klare Vorstellungen davon hat, wie ihre Tochter ihr Leben zu gestalten hat. Immer wieder jedoch gibt sie sich auch selbst die Schuld daran, dass Green nicht den Konventionen folgt. Die Homosexualität missbilligt sie offen, beschuldigt die Freundin ihre Tochter verführt zu haben und fordert sie auf, diese für ein in ihren Augen richtiges Leben freizugeben.

Der Konflikt spitzt sich zu, als sich Green für Kollegen einsetzt, denen wegen ihrer Lebensweise gekündigt wurde und sich dadurch nicht nur exponiert, sondern auch in Gefahr bringt. Die Mutter bleibt bei ihrer Haltung, obwohl sie selbst in ihrem Pflegeheim in Misskredit gefallen ist, weil sie gegen die gängigen, menschenunwürdigen Praktiken das Wort erhebt. Was sie von ihrer eigenen Tochter fordert – sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern und sich aus dem Leben von nicht Familienangehörigen rauszuhalten – lebt sie selbst nicht.

Unterschiedliche Moralvorstellungen und von der Gesellschaft auferlegte Zwänge hindern beide Frauen an ihrer Entfaltung. Die Mutter ist verhaftet in den tradierten Vorstellungen der Rolle der Frau und der Familie, der Tochter gelingt es wiederum nicht, ihre Sichtweise zu vermitteln, weshalb das Schweigen zwischen ihnen steht und sie wie eine unüberwindbare Mauer trennt.

Die Mutter ist bisweilen schwer zu ertragen, jedoch ist sie das Kind der Erziehung, die sie genossen hat, der Welt, in der sie über 60 Jahre gelebt und sich orientiert hat. Große Sprünge von ihr zu erwarten, wäre zu viel; sie ist jedoch nicht der unbarmherzige, kalte Mensch als der sie zunächst erscheint. Über ihre Beziehung zu der älteren Dame, die sie betreut, wächst langsam die Erkenntnis, dass alles unwidersprochen hinzunehmen vielleicht auch nicht der richtige Weg ist.

„Die Tochter“ zeichnet ein sehr differenziertes Bild einer Person, die weit über ihre Grenzen hinaus herausgefordert wird. Zugleich eröffnet die Autorin ein Bild der koreanischen Gesellschaft, das von Intoleranz, Engstirnigkeit, Profitgier und Empathiemangel geprägt ist. Es sind die feinen Nuancen und tektonischen Verschiebungen an der Oberfläche, die jedoch früher oder später ein einem Erdbeben enden werden, die die Autorin hervorragend einfängt und den Roman zu einer unbedingt empfehlenswerten Lektüre machen.

Philipp Winkler – Carnival

Philipp Winkler – Carnival

Früher waren sie das Ereignis des Dorfes oder des Stadtteils: regelmäßig einmal im Jahr kam die Kirmes vorbei und brachen mit ihren Buden und Fahrgeschäften die gutbürgerliche, geordnete Welt auf. Die Bande kurioser gestalten, die nur dort eine Gemeinschaft finden konnten, waren gleichermaßen verschreckend wie faszinierend und wirbelten die Bewohner kräftig auf. Nach wenigen Tagen war der Spuk wieder vorbei und alle kehrten in ihren üblichen Trott zurück während der Tross weiterzog, um seine Zelte an einem neuen Ort aufzuschlagen. Die Zeiten veränderten sich und auch die Kirmes-Welt musste sich darauf einstellen. Doch zunehmend weniger Interesse machten ihnen das Leben schwerer bis sie schließlich fast ganz aus dem Stadt- und Dorfbild verschwunden waren.

Philipp Winkler konnte mich mit seinem Debüt-Roman „Hools“ restlos begeistern, dort wählte er ebenfalls eine Gruppe, die klassisch am Rand der Gesellschaft steht, die gerne verdrängt wird und mit der so niemand richtig etwas anzufangen mag. Nun also die Kirmes mit ihren Kuriosenkabinett. Der Roman ist ein Abgesang auf eine alte Institution, die gerade für Kinder stets ein echtes Highlight darstellte, das schon wochenlang zuvor sehnsüchtig erwartet wurde. Wieder einmal gelingt es Winkler, die sympathischen Seiten zu zeigen und sprachlich perfekt austariert und zum Inhalt passend den langsamen Niedergang zu schildern. Einziger Wermutstropfen für mich die fehlende Handlung. Viele Figuren werden präsentiert, die verschiedenen Facetten humorvoll dargestellt, aber es wird keine Geschichte erzählt.

„sie alle waren Teil des einen großen Traums gewesen: Der Traum von einem Ort, an dem jeder willkommen ist und jedem, so lange er das will, die Möglichkeit bietet, sich ein wenig zu verlieren, sich neu zu erfinden oder einfach nur eine verdammt noch mal gut Zeit zu verbringen.“

Es gibt die zwei Gesichter der Kirmes, jenes der Besucher, die sich amüsieren oder gruseln wollen, von Fahrgeschäften und Schießbuden angelockt werden und sich vielleicht sogar die Zukunft voraussagen lassen. Doch dies ist nur die Fassade, dahinter ist eine große Familie, die alle aufnimmt, die zu ihr gehören wollen. Für jeden findet sich ein Platz. Es wird zusammen gelacht und gefeiert, ebenso geweint und getrauert. Kinder werden gezeugt und großgezogen, so dass sie die Tradition fortsetzen können. Manchmal gelingt auch jemandem der Ausstieg, andere kommen jedes Jahr zu Saisonbeginn wieder.

Der Text ist wie der heimliche Blick durch das Schlüsselloch, den man dann auch fasziniert nicht mehr abwenden kann. Mit Leichtigkeit erzählt, erweckt er ein melancholisches Gefühl einer längst vergangenen Zeit, einer Tradition, die nicht mehr so existiert, eines Lebensgefühls, das nicht mehr in unsere Gegenwart zu passen scheint. Wo die Menschen abgeblieben sind, bleibt offen, aber ganz sicher ist ein Loch gerissen worden, von dem wir noch gar nicht wussten, dass es da ist. Ein letztes Mal ist der Vorhang gefallen und die Tore für immer verschlossen worden. Eine Erfahrung, die unsere Kinder so nie werden machen können, spielt sich ihr Leben nicht auf Marktplätzen, sondern in virtuellen Welten ab, die nur scheinbar so bunt und schillernd wie jene der Kirmes ist, aber nie die Freude erwecken kann, die man selbst staunend vor den Buden empfunden hat.