Mark Johnson – Die schlichte Wahrheit

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Mark Johnson – Die schlichte Wahrheit

Dass er einmal in der Politik landen würde, hatte sich Jonatan Stark nicht vorstellen können. Neue Technologien entwickeln, um umweltfreundlich die erforderliche Energie herzustellen, war sein großer Traum. Doch als ein ehemaliger Studienkollege ihm den Job offerierte, schlug er zu. Nun aber läuft die Sache aus dem Ruder, der Ministerpräsident persönlich bittet ihn als Experten um einen Gefallen, er soll bei der Beraterfirma Lionshare spionieren und deren revolutionäre Technik auskundschaften. Alles zum Wohl des schwedischen Volkes – und um die Haut des Politikers zu retten, dessen Umfragewerte eine deutliche Sprache sprechen. Jonatan spielt notgedrungen mit und gerät in ein unglaubliches Geflecht von rücksichtslosen Politikern, geldbesessenen Interessen von Wirtschaftsbossen und brutalen russischen Oligarchen.

Mark Johnson bedient sich in seinem Debutroman „Die schlichet Wahrheit“ gängiger Versatzstücke guter Politthriller: eine aufgeheizte politische Stimmung; ehrgeizige Individuen, die bereit sind über Leichen zu gehen; Journalisten, die noch an höhere Ideale glauben und für diese viel riskieren; russische Oligarchen, die sich über den heimlichen Besitz an Energieunternehmen nicht nur ein Einkommen sichern, sondern westliche Staaten von sich abhängig und erpressbar machen. Dazu noch ein paar Mordanschläge und vor allem ein unbescholtener, sympathischer Bürger, der zwischen die Fronten gerät. Das kann in einem spannenden und rasanten Thriller münden – oder eben sensationell danebengehen. So wie hier.

Das ganze Konstrukt ist so aberwitzig, dass es jeder Glaubwürdigkeit entbehrt. Die beiden Politiker versuchen sich mit absurdesten Spielchen, die zu nicht mehr als Kopfschütteln taugen, gegenseitig reinzulegen. Die ganze Handlung wird auf wenige Stunden komprimiert, was allein schon große Fragen nach dem Realitätsgehalt aufreißt. Es gibt quasi kein Klischee, das Johnson auslässt, im Gegenteil, alle werden maximal bedient, großes Highlight: der folternde russische Oligarch – platter geht es kaum. Freund und Feind sind irgendwie einerlei und dem guten Jonatan können Folter, Verfolgungsjagden und brenzligste Situationen nichts anhaben. „Die schlichte Wahrheit“ ist schlicht ganz großer Unfug, der maximal als fürs Actionkino taugt, wo auf glaubwürdige und logische Handlung nicht viel Wert gelegt wird.

Nalini Singh – A Madness of Sunshine

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Nalini Singh – A Madness of Sunshine

After the death of her husband and a decade abroad, Anahera returns to Golden Cove, a small town on the west coast of New Zealand. Not much has changed there and vivid memories return to the young woman who was eager to escape the poor and violent home she grew up in. It is only days she is there when the beaming young Miriama does not return from running. The whole town is on their feet to search for the girl with the promising future that everybody loves. Police detective Will, an outsider to the Maori community, coordinates the search and quickly develops the greatest fears. In a town where domestic violence is a normal part of everyday life and where common secrets tend to be buried deep, it is not easy to investigate. When the inhabitants recollect a series of hikers missing over only a couple of weeks, they start to fear that a serial killer might be among them who now has started to go for women again.

Nalini Sing’s mystery thriller is a suspenseful story which lives from the atmosphere the author brilliantly creates. You arrive together with Anahera in the small town and feel like an outsider; she had been gone for so long that she is not a part of their life anymore, but the longer you stay there, the more you dive into the culture and get a feeling of the dynamics that drive a close community which is not very welcoming to people not belonging to them. Apart from the plot around the missing women, I found the description of nature, its forces and the old culture which lives in harmony with it the most interesting.

Anahera and Will first seem to be two opposing poles in the story, on the one hand, the woman who is a natural part of Golden Cove and who shares memories with everybody and knows to read and respect the nature she lives in. On the other hand, the police detective who is a double outsider due to his job people are highly suspicious of and since he is not of Maori descent. What they share are secrets they try to hide from the community and which quickly make them bond.

The case of Miriama starts with big questions marks, Nalini Sing has well dosed the information you get about the girls, but soon you see the discrepancy between the first picture of the girl and her other side which obviously was well-hidden. The more secrets are revealed the more suspense rises captivating the reader. “A Madness of Sunshine” is a slow burn that does not only rely on the mystery part but also offers a lot in psychological respects with interesting characters in a fascinating setting.

Anne Nørdby – Kalter Strand

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Anne Nørdby – Kalter Strand

Eine Frauenleiche wird am Strand von Ringkøbing angespült. Alles deutet darauf hin, dass die Unbekannte eine Deutsche war, weshalb die Dänen Jette Vestergaard und Tom Skagen von Skanpol in Hamburg zur Unterstützung anfordern. Vor Ort bestätigt sich die Annahme bald, das Opfer Elena lebte seit einiger Zeit in Dänemark und arbeitete in einem Supermarkt. Weshalb sie Drogen bei sich hatte, bleibt jedoch unklar und bald schon zeigt sich, dass die Würgemale an ihrem Hals nicht die Todesursache waren. Während Jette und Tom mit den Kollegen ermitteln, geschehen in der nahegelegenen Ferienhaussiedlung seltsame Dinge. Das Ehepaar Wagner erhält verdächtige Pakete, dann verschwindet Hoffmanns Hund, bevor dann auch noch die Ehefrau von Markus Schneider und Mutter der beiden Kinder entführt wird. Kann das alles Zufall sein? Die Dänen wollen eine schnelle Aufklärung des Todes der Wasserleiche, doch Tom setzt auf sein Bauchgefühl, das ihn nicht im Stich lassen wird.

Teil eins der Serie um den Ermittler Tom Skagen verbreitet das bekannte skandinavische Flair düsterer Thriller. Die Autorin Anne Nørdby, Pseudonym der deutschen Anette Strohmeyer, die in Dänemark lebt und arbeitet, hat mit ihrem Protagonisten eine interessante Figur geschaffen, die durchaus das Potenzial für eine starke Reihe hat, denn nicht nur ist er ein scharfer Beobachter, der die klassische Polizeiarbeit akribisch verfolgt, sondern er hat auch eine Vorgeschichte, die im ersten Band nur angerissen wird, aber für seinen Charakter ganz entscheidend zu sein scheint.

Der Thriller kombiniert zwei unterschiedliche Fälle, die zunächst nur durch die räumliche Nähe in Zusammenhang zu stehen scheinen. Der Fall um die tote Elena geht dabei nur langsam voran, bietet aber den roten Faden und die Begründung für die binationale Zusammenarbeit. Spannender ist der zweite Handlungsstrang, der sich parallel entfaltet und die Mieter der Ferienwohnungen betrifft. Ein unheimlicher Erpresser setzt die Familien unter Druck und ist offenbar bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Man hadert mit den Opfern und fragt sich unweigerlich, wie weit man selbst gehen würde. Beide Fälle werden am Ende sauber gelöst und sind überzeugend motiviert. Je näher man der Auflösung kommt, desto mehr steigert sich auch der Thrill und somit bleibt nur das Fazit: gerne mehr davon.

Olen Steinhauer – The Last Tourist

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Olen Steinhauer – The Last Tourist

When CIA analyst Abdul Ghali is sent to Africa due to his family background and language knowledge, he expects a lot but surely not what his trip will turn into. He quickly finds Milo Weaver who runs the so-called “Library”, an organisation with its very own agenda between governments, international conglomerates and high ideals. A number of suspicious murders of members of the “Library” have triggered questions at home and it does not take too long for Ghali to become a target himself. He can flee with Weaver who then reveals what has been going on in the last couple of months: an incredible international conspiracy.

The final part of the Milo Weaver series is a highly complex spy novel linking political and economic interests with current events. There are not many global stakeholders missing and Olen Steinhauer‘s concept will be hard to surpass since it combines fast-paced suspense and authenticity concerning international politics and economics.

For me personally, the sheer number of characters and their individual agenda was a bit too much in order to simply enjoy the novel. I had to re-read several parts and take notes not to get lost. On the one hand, I enjoy demanding plots, on the other hand, this results also in demanding a bit less enjoyable reads. It definitely is also advisable to read the other novels of the “Tourism” series. The atmosphere created is convincing even so it was at times a bit over the top. All in all, a demanding espionage novel which takes some time to digest.

Eva Eich – Escape Room: Gefangen im Schnee

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Eva Eich – Escape Room: Gefangen im Schnee

Das Abenteuerspiel in Buchform. Nur wenn man am Ende des Kapitels die richtige Lösung hat, führt diese einem zum nächsten Abschnitt in der Handlung. „Escape Room – Gefangen im Schnee“ wird als Thriller mit 20 Rätseln angekündigt. Die Hintergrundgeschichte ist der Tod eines Metzgereibesitzers Schmitzgebel, dessen Sohn Jonas von München in die Provinz nach Lauffingen fährt, um den Nachlass zu regeln. In der Familienvilla findet er in einem Umschlag mit seinem Namen die erste Aufgabe. Gemeinsam mit dem angestellten Metzger Max Wegner folgt er den Spuren, die jemand für ihn gelegt hat, um ein großes Familiengeheimnis aufzudecken.

Die Idee hinter dem Buch hat mich direkt angesprochen, als Lese- und Rätselfan schien mir die Verbindung ausgesprochen reizvoll. Eine kurze Recherche zeigt, dass es bereits eine ganze Reihe von Büchern gibt, die diesem Prinzip folgen.

Die Geschichte war leider nur mäßig spannend, von Thrill war hier nicht viel zu spüren. Auch sprachlich wirkte der Text leider ziemlich flach und lieblos, so richtig wollte keine Spannung aufkommen und da die Handlung recht vorhersehbar war, blieben nur noch die Rätsel, die zumindest die Neugier weckten. Leider wurden auch hier meine Erwartungen nicht erfüllt, die Aufgaben sind entweder bekannt oder so simpel, dass auch 10-Jährige sie schnell lösen können dürften.

Das Konzept finde ich immer noch gut und werde gerne auch noch andere Escape Room Bücher lesen, „Gefangen im Schnee“ indes konnte mich leider nicht überzeugen.

Alison James – The Man She Married

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Alison James – The Man She Married

It is a pure coincidence that Alice makes the acquaintance of Dominic Gill. After her former fiancé had cancelled their wedding only days before it was supposed to take place, she didn’t really expect to meet anybody else to fall for. Dominic seems to be totally crazy asking her to marry him only weeks after they got to know each other, but why wait any longer if you feel it’s the right thing to do? Yet, there are some things they should have discussed before making the big step, e.g. do they want to have a baby, and it would have made sense to meet his mother and brother, but Alice does not worry too much about these things. Then one evening the police knock at her door and inform her about her husband’s death. When she comes to identify him, Dom’s brother is there insisting that the dead body does not belong to Dominic Gill. So who was Alice married to?

“The Man She Married” is a fast-paced thriller that shows how easily even intelligent and self-confident people may fall prey to fraudsters. As a reader, you are well aware of what is going on and at times, I got really annoyed with Alice’s mindlessness and naiveté, yet, I cannot say for sure that blinded by love I would assess Dom’s behaviour differently. With the main character’s sudden death, I wondered what else there was to come, but unexpectedly, Alison James made the hunt for Dominic’s real past as interesting as his deception of Alice.

Even though I have some doubts if it really is that easy to get fake identities or to take over somebody else’s life and to manage to keep up the facade of two lives simultaneously, I found it a gripping and spell-binding read.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

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Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Victoria Jenkins – The Argument

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Victoria Jenkins – The Argument

Olivia is a typical 15-year-old girl who is fighting with her parents about going to parties, who is unsure of how to dress and how to behave in school and daydreaming about finally getting away from her family. Except she isn’t. Her life has two sides: on the outside, there is the loving mother in the caring home, on the inside, Olivia and her smaller sister Rosie grow up much more than overprotected. Their parents keep them away from the life outside their small home. They are allowed to school, but not much more. Never can they visit or invite friends, never can they really bond with anybody outside their family. When one evening Olivia sneaks out to go to a party, she sets in motion a series of events that will reveal much more about the family than just explain this very uncommon behaviour of the parents.

The story is told alternately from Olivia’s and her mother Hannah’s perspective. Quite cleverly, Victoria Jenkins first makes you believe in a fairly ordinary phase of rebellion of a teenager. Olivia behaves just like any other girl her age and seems to overdramatise her family life. Yet, slowly and almost unnoticed, something else creeps in and step by step, the image and idea you formed about the family shifts until you have to throw all your assumptions over board.

“The Argument” is a cleverly constructed psychological thriller which captivates the reader with the unexpected development of the characters. Both mother and daughter are actually equal protagonists, the age difference and uneven roles do not really make a difference. You focus on their subtle fight, the bits and pieces of their lives that lie beneath the surface and one after the other come out make them turn into realistic and multifaceted characters. While being occupied with the two women, you overlook the real danger and in the end, it is not easy to come to a final verdict on wrong-doings.

A spell-binding novel which does not offer the immediate thrill but which captivates you at a certain point and in the end, does not leave you without a melancholy feeling.

Helen Fields – Die perfekte Strafe

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Helen Fields – Die perfekte Strafe

Eine junge Frau wird tot aufgefunden. Was hatte sie in der eisigen Nacht auf dem Berg zu suchen und weshalb war sie nicht bekleidet? Anzeichen von Gewalt gibt es augenscheinlich keine, erst die Blutprobe weist auf Drogen hin – doch Lily war eine erklärte Gegnerin von allen Substanzen. Auch die Leiterin einer Wohltätigkeitsorganisation schwebt in Lebensgefahr, denn der nette junge Mann, der sie seit Neuestem unterstützt, hat eine eigene Agenda, die so gar nichts mit Nächstenliebe zu tun hat. DCI Ava Turner und ihr Kollege Luc Callanach stehen unterdessen immer noch unter Schock: scheinbar hat ihr ehemaliger Vorgesetzter Selbstmord begangen. Doch es gab keine Anzeichen für eine solche Tat. Ava kann und will das Ergebnis nicht hinnehmen und kommt bald schon Ungereimtheiten auf die Spur – die jedoch direkt zurück zur Polizei führen.

Teil drei für das Ermittlerduo aus Edinburgh, der beide auch ganz privat weit über ihre Grenzen hinaus führt. Auch ohne die beiden Vorgänger zu kennen, lässt sich mit „Die perfekte Strafe“ gut in die Serie einsteigen. Helen Fields gelingt es hier vor allem, die persönliche Seite der Ermittler und die Zwiespälte, denen sie ausgesetzt sind, zu offenbaren: Gefühl und Verstand lassen sich nicht immer ganz einfach unter einen Hut bringen, wenn beide auch dasselbe Ziel von Gerechtigkeit verfolgen.

Die Mordfälle scheinen zunächst völlig lose zu sein und es dauert, bis die Verbindungen sich zeigen und die Polizei überhaupt einen Ansatzpunkt findet. Die Komplexität hätte auch nicht höher sein dürfen, der Thriller ist schon recht anspruchsvoll, wenn man keinen der Handlungsstränge aus dem Auge verlieren möchte. Durch die geschickte Verwebung nimmt die Spannung dann aber kontinuierlich zu und steigert sich bis zum passenden Schluss.

Besonders konnte mich jedoch der Erzählton der Autorin begeistern. Treffsichere Formulierungen laden immer wieder zum Schmunzeln ein und brechen den brutalen Polizeialltag und die Anspannung auch immer wieder an den richtigen Punkten auf. Dies nutzt sie insbesondere da, wo auch der unterschwellige Sexismus in den Ermittlungsbehörden sich zeigt, um diesen bloßzustellen und ins Abseits zu rücken. Ein insgesamt vielschichtiger und anspruchsvoller Thriller, bei dem alles passt.

Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

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Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

Das norditalienische Bergdörfchen Travenì wird von einem brutalen Mordfall erschüttert. Nicht nur wurde ein geschätzter Bewohner aus der Mitte der kleinen Gemeinschaft gerissen, nein, er wurde mit bloßen Händen getötet und dann hat man ihm die Augen ausgerissen. Was für ein Mensch kann für so eine Tat verantwortlich sein? Auch die herbeigerufene Kommissarin Teresa Battaglia kann sich nur schwer einen Reim auf die Psyche des Mörders machen, fürchtet jedoch schnell, dass es noch weitere Opfer geben wird und zu ihrem Leidwesen behält sie Recht damit. Ein grausames Wesen treibt sich im Wald im das Dorf herum, auch die Kinder haben ihn schon gesehen und nennen ihn nur das Gespenst, weil er leichenblass ist und mit seiner Umwelt verschmilz und so geradezu unsichtbar wird, wenn er nicht gesehen werden will. Teresa hat es mit einem schwer greifbaren Gegner zu tun, doch noch ein anderer Feind setzt ihr zu: ihr eigener Körper. Wird dieser den Strapazen der winterlichen Ermittlungen standhalten und sie den Fall noch lösen können?

Das Thrillerdebut der italienischen Autorin packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Leider wurde beim deutschen Titel einiges verschenkt, da die Aussagekraft des Originals („Fiori sopra l’inferno“) verloren geht, die im Buch wieder aufgegriffen wird und mit ein Schlüssel zur Lösung des Falls ist. Genau dieses ist es auch, dass den Roman von anderen des Genres abhebt: es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als uns bewusst ist und es gibt Menschen, die eine besondere Verbindung zur Natur haben und mehr wahrnehmen können als andere. Ein schreckliches Ereignis ermöglicht den Blick in die Hölle, den man nie wieder loswird. So geht es Teresa, die ihre Dämonen ständig im Zaum halten muss, so geht es dem Täter. Nur hierüber kann sie sein Denken verstehen, nur so kann sie ihn fassen.

Ein Thriller kann auf vielerlei Weise beeindrucken. Die geschilderte Brutalität, die völlig degenerierte Psyche eines Täters, die clever konstruierte Handlung, das Charisma und der Intellekt des Ermittlers. „Eiskalte Hölle“ fasziniert jedoch durch etwas anderes – wenn hier auch die psychologischen Aspekte ebenso fesseln wie die Figur der Kommissarin – und rückt den Thriller schon stark in die Nähe eines Horrorromans. Die Schilderungen vor allem der Kinder, dass sie ein Wesen im Wald sehen, dass sie sich beobachtet fühlen, dass es eine nicht greifbare Präsenz gibt, jagen einem den Schauer den Rücken hinunter. Man weiß, dass es diese Figur gibt und man weiß, dass sie wieder zuschlagen wird und so beschleunigt sich der Herzschlag beim Lesen mehr als einmal. Vor lauter Sorge, dass doch wenigstens die Kinder verschont bleiben mögen, kann man gar nicht anders als weiterlesen.

Die Angst, die im Dorf umgeht, der Schrecken, der von den verstümmelten Opfern ausgeht – der real gewordene Grusel, dem man sich nicht entziehen kann. Doch dann gelingt der Autorin etwas Unerwartetes: in dem augenscheinlich Bösen erkennt ihre Protagonistin noch etwas ganz anderes und die einfache Dichotomie von Gut und Böse muss infrage gestellt werden. Ein fesselnder Roman, der sich förmlich in den Leser hineinschleicht.