I.L. Callis – Das Alphabet der Schöpfung

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I.L. Callis – Das Alphabet der Schöpfung

Alexander Lindahl ist einigermaßen frustriert über seinen Job bei einem Hamburger Magazin. Als sein Kindheitsfreund Max van Damme ihn kontaktiert und ihm ein attraktives Angebot macht, muss er dann auch nicht lange nachdenken, packt seine Sachen und zieht nach Berlin. Er soll ein Buch über Max‘ Start-up Phoenix schreiben, das unglaubliche Visionen im Bereich der Gentechnik hat. Von Biologie hat Alexander keine Ahnung, aber man möchte die Entwicklungen der breiten Bevölkerung zugänglich machen und da wäre zu viel Fachwissen eher hinderlich. Alexander bekommt unbeschränkten Zugang zu allen Abteilungen, bald schon keimt in ihm jedoch ein ungutes Gefühl auf und nicht nur die Anzahl der seltsamen Unfälle der Mitarbeiter beunruhigt ihn, sondern auch die Tatsache, dass er diffuse Warnungen erhält. Wie weit geht die Genforschung in den Laboren wirklich und was hat es mit dem ominösen Projekt Lazarus auf sich, das scheinbar ganz Berlin in ungeahnte Gefahr bringen wird.

I.L. Callis hat mit dem Thriller „Das Alphabet der Schöpfung“ ein medizinisch-technisch hochaktuelles Thema literarisch umgesetzt, das vor allem durch die ethisch-moralischen Fragen, die eng damit verknüpft sind, besticht. Wie weit darf die Forschung gehen, wer kann den Wissenschaftlern Grenzen setzen, was geschieht in den geheimen Laboren dieser Welt und welche Gefahr geht von ihr Forschung für uns alle aus? Vieles davon wird in dem Thriller angesprochen und regt damit auch entschieden zum Nachdenken über das Buch hinaus an.

Die Handlung dreht sich im Wesentlichen um den jungen Journalisten, der aufgrund der langjährigen Freundschaft zu dem Inhaber der Firma schnell in eine Zwickmühle gerät, denn seine journalistische Objektivität ist dadurch in Gefahr. Die Forschung fand ich überzeugend und spannend geschildert, vor allem die Begründung der recht skrupellosen Haltung der Wissenschaftler war schwer zu ertragen, aber in deren Weltsicht glaubwürdig und überzeugend motiviert. Bisweilen fehlte mir jedoch ein wenig der Fokus, da der parallel zur Geschichte um Alexander erzählte Vermisstenfall immer wieder fortgeführt, aber nicht konsequent verfolgt wird, dabei hätte dieser insbesondere ein spannendes Potenzial gehabt. Auch der Protagonist erschien mir an mancher Stelle etwas zu naiv und leichtsinnig, um in seiner Funktion als Reporter zu überzeugen. Das Ende passend zum Genre Action-geladen und explosiv – vielleicht der leichteste Ausweg, aber nicht unbedingt der eleganteste, das Thema hätte sicher noch mehr hergegeben. Trotz der kritischen Punkte ein fesselnder und spannender Thriller mit interessanter Thematik.

Don DeLillo – Weißes Rauschen

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Don DeLillo – Weißes Rauschen

Jack Gladney ist Professor an einem kleinen College im Mittleren Westen, wo er den Lehrstuhl für Hitler-Forschung innehat. Mit seiner aktuellen Frau und vier seiner Kinder führt er ein völlig durchschnittliches Leben zwischen Arbeit, Haushalt und gemeinsamen Fernsehabenden. Ein Störfall in einer nahegelegenen Chemiefabrik bringt das sorgfältig austarierte Gleichgewicht der Familie zum Wanken, denn fluchtartig müssen sie ihr Zuhause verlassen und sich vor einer unheilbringenden Wolke schützen. Nach zehn Tagen ist der Spuk vorbei und sie kehren in ihr Heim zurück. Doch der Zwischenfall hat Spuren hinterlassen und die sowohl bei Jack wie auch bei Babette vorhandene latente Todesangst wird immer manifester. Während Babette mit Tabletten versucht ihr Herr zu werden, versucht Jack aktiv zu werden, erst durch unzählige Untersuchungen, dann durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod.

Das lange erste Kapitel fokussiert auf das Familien- und Campusleben in der amerikanischen Kleinstadt. Die Welt ist überschaubar – auch wenn Jack Gladneys Frauen und zahlreiche Kinder nicht ganz leicht zu überblicken sind – man begegnet seinen Kollegen auf der Arbeit und im Supermarkt und die Wahrheit über die Welt kommt per Übertragung aus dem heimischen Fernsehgerät. DeLillos Roman erschien erstmals 1985 und er ironisiert an dieser Stelle sehr offenkundig den Werte- und Bildungsverfall: die Universität hat nicht einmal einen ordentlichen Namen, sondern ist schlicht das College-on-the-Hill, was nicht für ihren akademischen Ruhm spricht. Auch wenn Gladney selbst ein ernstes und relevantes Forschungsfeld beackert, die Tatsache, dass er kein Deutsch spricht als Hitlerexperte und dass sein Kollege über Popkultur und Themen wie Autounfälle in Kinofilmen doziert, verdeutlicht die pseudowissenschaftliche Degenerierung. Dass Jacks 14-jähriger Sohn Heinrich noch mit dem größten Fach- und Sachwissen aufzuwarten vermag, ist hier nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auch die Kritik an der Konsumorientierung wird bei Jacks regelmäßigen Einkäufen mehr als deutlich. Der Supermarkt wandelt sich vom Ort der notwendigen Versorgung zum Ereignistempel und das Umstellen der Regale führt zu ernstzunehmenden psychischen Störungen. Der Störfall reißt alle Bewohner aus dem üblichen Trott und stellt den bis dato unbändigen Technikglaube in Frage und konfrontiert die Figuren nicht nur mit einer extremen Ausnahmesituation, sondern auch damit, dass es manchmal keine eindeutigen oder eben gar keine Antworten auf ihre Fragen gibt.

„Weißes Rauschen“ tritt in vielen Wissenschaften auf, eine Anwendung ist die Behandlung von Tinnitus, wo man das störende Ohrgeräusch durch das weiße Rauschen versucht zu überlagern. Für Jack und Babette ist die Todesangst der Tinnitus, allgegenwärtig und aus dem Inneren heraus von beiden nicht bekämpfbar. Babette löst das Problem durch Medikamente, Jack sucht Erlösung dadurch, dass er zum Mörder wird und so die Oberhand über den Tod gewinnt.

Wie immer bei Don DeLillo ein Buch voller Referenzen, kultureller Bezüge und ausufernder Gesellschaftskritik. Man merkt dem Roman sein Alter in keiner Weise an und würde man den Fernseher durch Handys und das Internet ersetzen, wäre die Aussage heute ebenso aktuell wie Mitte der 1980er Jahre.