Daniel Silva – Das Vermächtnis

Daniel Silva – Das Vermächtnis

Prinzessin Reema besucht die Schweizer Schule unter einer falschen Identität, nicht nur soll nicht bekannt werden, dass sie Tochter des Saudischen Thronfolgers Khalid ist, sie schwebt auch in Lebensgefahr. Doch aller Schutz reicht nicht aus, denn die Entführer haben Verbündete hinter den Mauern der Bildungsanstalt. Kronprinz Khalid ist verzweifelt, so sehr, dass er den besten Mann für den Job anheuert: Gabriel Allon, Chef des israelischen Geheimdienstes. Über die New Yorker Museumsmitarbeiterin Sarah, die ehemals für die CIA arbeitete und mehr als eine Mission mit Gabriel bewältigte, kann er den Kontakt herstellen. Eine erste Befreiungsaktion geht unsäglich schief, doch wenn es um Kinder geht, versteht der Chef-Spion keinen Spaß, zu sehr wundet ihn seine persönliche Erfahrung. Die Tatsache Väter zu sein verbindet die Männer, die eigentlich nie zusammentreffen dürften und das ist es auch, was Gabriel eine gefährliche Mission eingehen lässt.

„Das Vermächtnis“ ist bereits der 19. Band der Serie um den israelischen Agenten und inzwischen Chef des sogenannten Dienstes, Gabriel Allon. Auch wenn Daniel Silva immer wieder global politisch brisante Konstellationen aufgreift und diese geschickt in die Handlung einbindet, sind die Parallelen zur Realität dieses Mal besonders explosiv: nicht nur findet der Mord um den Journalisten Kashoggi Eingang, auch die Ähnlichkeiten zwischen dem fiktiven Thronfolger und Mohammed bin Salman sind kaum zu leugnen. Dass es aktuell gerade zu einer Annäherung zwischen Israel und dem saudischen Königreich kommt, wird die Geschichte schon fast rechts von der Realität überholt.

Der Autor liefert einmal mehr einen spannenden Thriller nach bekanntem Muster: in hohem Tempo jagt Allon von Land zu Land, bindet mal befreundete Geheimdienste ein, mal lässt er diese bewusst im Dunkeln über seine Vorhaben. Hinter ihm her zieht sich eine Spur der Verwüstung, so ganz lassen sich Kollateralschäden nicht vermeiden. Es gibt ein Wiedersehen mit zahlreichen Figuren früherer Bände der Reihe, was das Handeln der Figuren glaubwürdig motiviert und die Entführungsgeschichte überzeugend mit politischen Konflikten verbindet.

Kommen mir manchmal bei den doch eher action-reichen Storys die Figuren etwas zu kurz, ist Silva dieses Mal vor allem der Kronprinz als hitziger und impulsiver Jungspund, der durch die Erlebnisse reift, brillant gelungen. Hier würde man sich tatsächlich wünschen, dass die Wirklichkeit der Fiktion folgen möge.

Einmal mehr genau das Buch, das ich erwartet habe. Ein Autor, der sein Handwerk versteht, Fans der Serie einerseits mit exakt dem bedient, was sie schätzen und dennoch immer wieder eine neue spannende Geschichte liefert.

Edgar Rai – Nächsten Sommer

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Edgar Rai – Nächsten Sommer

Eigentlich haben sie sich nur zum Fußballschauen verabredet, doch dann erzählt Felix von dem Haus, das er von seinem Onkel geerbt hat und da das Leben seiner Freunde gerade auch nicht viel zu bieten hat, beschließen er, Bernhard, Marc und Zoe mit einem alten VW Bus nach Südfrankreich zu fahren. Auf ihrer turbulenten Reise lesen sie noch Lilith auf, die eine dramatische Trennung hinter sich hat und eigentlich nur zu ihrer Schwester in nach Genf wollte. Zwischen Liebe und beinahe Tod, der Frage nach dem Sinn des Lebens und den ganz individuellen Zielen, heftigen Prügeleien und Flucht vor der Polizei wird die Reise selbst zum Ziel und das Ankommen rückt in den Hintergrund, denn die wichtigen Fragen sind noch nicht geklärt: wer bin ich und was tu ich eigentlich auf dieser Welt?

Edgar Rai hat mit seinem Roman die perfekte Sommerlektüre geschaffen, die jedoch nicht nur unterhaltsam locker daherkommt, sondern unerwartet viel Tiefgang entwickelt und mit interessanten und glaubwürdigen Figuren aufwartet, die die Handlung ganz wesentlich tragen. Die Reise selbst liefert nur den Hintergrund, vor dem die eigentliche Geschichte abläuft: eine Gruppe von Mittzwanzigern, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.

Der Erzähler Felix ist zunächst derjenige, der als Person kaum auffällt, erst nach und nach entwickelt sich ein klares Bild von ihm, das durch eine kritische Vater-Sohn-Beziehung geprägt wurde, die einen nachhaltigen Schaden angerichtet hat; anders ist nicht zu erklären, weshalb er so plan- und ziellos durchs Leben driftet und seine Begabung für und Liebe zur Mathematik nicht einzusetzen weiß. Bernhard hingegen ist vollkommen angepasst, will nicht auffallen und schon gar nicht aus der Reihe tanzen. Doch seine im Sterben liegende Mutter und der heimliche Wunsch, den er sich eigentlich verbietet, dass ihr Leiden ein Ende haben möge, belastet ihn und hindert ihn, sein eigenes Leben in Angriff zu nehmen. Zoe hingegen liebt einen Mann, der jedoch verheiratet ist und ihr unmissverständlich klargemacht hat, dass sie nur Nummer zwei ist – das aber gerne bleiben darf. Liliths Expartnerin hat da den deutlichen Schnitt vorgezogen: mit Ende 30 ist sie zwar immer noch lesbisch, aber wenn sie Kinder haben will, braucht sie nun einen Mann. Marc will nicht mehr lieben, denn dies hat ihm nur Ärger und Schmerzen eingebracht, da sind Musik und regelmäßige Joints schon deutlich planbarer. Sie alle brauchen eine Auszeit von ihrem Leben und für wenige Tage können sie sich diese gönnen.

Trotz der bisweilen urkomischen Szenen und dem geschickten Wortwitz des Autors hängt über dem Buch eine gewisse Melancholie, die jedoch ganz wunderbar mit dem Rest harmoniert. Sie wird vor allem von Felix ausgestrahlt. Er benötigt bis zur richtigen Ankunft in seinem neuen Zuhause noch einer ultimativen Konfrontation, um sich selbst zu erkennen und sich von dem zu lösen, was ihn all die Jahre in eine Art Schockstarre verharren ließ. Als er befragt wurde, was er vom Leben erwarte, antwortete er unterwegs noch

„Aber wenn ja, dann möchte ich gerne verstehen, wozu ich auf der Welt bin.

Meine Erklärung kommt nicht gut an. »Geht’s nicht noch ein bisschen abstrakter?«, wirft Lilith ein. Und dann höre ich mich sagen: »Ich möchte bereit sein, den Tod anzunehmen.« Und mir wird klar, dass es tatsächlich das ist, was ich will: Keine Angst mehr haben, vor gar nichts. »Und ich möchte niemandem geschadet haben«, füge ich hinzu.“

Er wird noch einen letzten Kampf mit seinem Vater austragen müssen, bevor er erkennt, dass er eigentlich nur nicht sein möchte wie dieser, der ihn als Kind in ein Kellerloch gesperrt hat und nur Verachtung für ihn übrighatte. Zwischen Berlin und der Côte d’Azur finden sie alle ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Sinn des Lebens, es ist nicht immer die, die sie erwartet hatten, aber eine, die für sie passt.

Edward St. Aubyn – Never Mind

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Edward St. Aubyn – Never Mind

Ein Sommertag in der französischen Provence. Eleanor und David haben sich eigentlich schon lange nichts mehr zu sagen, sie ist eine einzige Enttäuschung für ihn, hat sie sich seinem Willen doch sofort unterworfen. Allerdings erfordert der britische Adelsstand gewisse Standrads auch in ehelichen Fragen und so bleibt diese Ehe zumindest nach außen bestehen und mit ausreichend Alkohol schon am frühen Morgen kann Eleanor ihren Mann auch halbwegs ertragen. Zwei ihrer Gäste sind bereits angekommen, zwei weitere reisen mit dem Zug an und Eleanor wird sie trotz deutlich messbarem Alkoholspiegel mit dem Auto abholen. Der Tag nimmt seinen Lauf, doch bevor das Mittelschichten-Bashing während des abendlichen Diners seinen Höhepunkt erreicht, muss der junge Patrick Melrose, gerade einmal fünf Jahre alt, noch seinen persönlichen Tiefpunkt durchleben: der Missbrauch durch Vater David, der sich danach nicht der geringsten Schuld bewusst ist.

Edward St. Aubyn, derzeit sicherlich einer der bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, dessen Sprachgewalt unbestritten seinesgleichen sucht, hat in der Patrick Melrose Serie autobiografische Erlebnisse verarbeitet. „Never Mind“ (deutscher Titel: „Schöne Verhältnisse“) ist der erste Band, der auf die Kindheit Patricks blickt, den Missbrauch durch den Vater bezeugt und die psychischen Folgen der Vernachlässigung durch die Eltern bereits andeutet. Genau wie sein kleiner Protagonist ist auch St. Aubyn in ein altes englisches Adelsgeschlecht hineingeboren und zwischen britischen Privatschulen und Südfrankreich pendelnd aufgewachsen. Auch er erlebte Misshandlung und Vernachlässigung durch die Eltern und hat diese literarisch verarbeitet. Für „Never Mind“ erhielt er 1992 den Betty Trask Award, eine Auszeichnung für den Erstlingsroman eines Autors unter 35 aus dem Commonwealth. Nebenbei: für Benedict Cumberbatch war die Rolle von Patrick Melrose in einer Miniserie neben der des Hamlet eine der absoluten Wunschfiguren seiner Schauspielkarriere.

Man muss den Roman mit einem gewissen inneren Abstand lesen, sonst ist er nicht leicht zu ertragen. Die Figuren, allen voran David, sind kaum auszuhalten ob ihrer Arroganz und Versnobtheit. Auch ihr Umgang miteinander, vor allem zwischen den Paaren, ist fernab von gesunder Beziehungsführung und muss zwangsweise in Ausflüchten wie Alkohol oder Drogen enden. Wenn nicht Edward St.Aubyn ein Händchen für Sprache hätte, könnte man all dies kaum durchhalten. Obwohl er unsägliche Zustände schildert, die leider vermutlich so tagtäglich in vielen Haushalten vorkommen, von denen man eigentlich nicht lesen will, ist es doch gerade seine Ausdruckskunst, die Dinge als das zu benennen, was sie sind, sie auf den Punkt zu bringen, das den Roman letztlich so lesenswert macht. Die Dialoge sind scharfzüngig und entlarvend, das Verhalten der Figuren eröffnet Abgründe, die man sich kaum vorstellen vermag. Nur wenigen Autoren gelingt es, so ein Setting zu einem wirklich guten Roman zu machen.