Rosie Price – What Red Was

Rosie Price – What Red Was

It is their first week at university when Max and Kate realise not only that they live on the same floor but that they are soul mates. They can hardly be separated anymore, they are friends, not lovers, but closer than you could ever be. They share the love for film and any secret. Even though their backgrounds couldn’t be more different, Kate from the countryside modestly raised by her mother whereas Max’ parents are successful and quite rich. Yet, one evening changes everything when Max’ cousin Lewis, who has eyed their friendship jealously for years, thinks he can take whatever he wants: Kate. The young woman falls into a deep hole. Afterwards, there is not much left of the creative and lively art student; suffering from a severe depression and increasingly self-harming herself, she does not find a way to confide in somebody. She has always been more insecure than others but now, she has lost her footing.

Rosie Price’s book starts out like a wonderful college novel. The immediate friendship between Kate and Max is mesmerising, it is really enchanting to see how two strangers can get along so well and form mutual trust without hesitation. But then the tide turns and so does the atmosphere. What I liked about it was the fact that the author does not use any direct brutal violence to describe what happens to Kate but focuses much more on the effect this traumatic experience has on her.

“And so instead she said nothing, hoping that if she chose not to voice whatever it was that lodged in her chest, somewhere between her lungs and her heart, it would diminish; that its toxicity might find its own means of excreting itself from her body”

The protagonist does not break down immediately, she keeps on going and to a certain extent is capable of deceiving the people around her and pretending everything is fine. I guess this is the trickiest part of such an experience that you cannot see what is going on inside somebody’s head and if you are not really closely observing, the actual emotional state might go unnoticed. A positive aspect, on the other hand, is that help comes from an unexpected person and that ultimately, Kate finds a way of opening up and talking to somebody about what is going on with her. In my opinion, the representation of Kate’s state of mind is quite accurate and also how she tries to hint at what happens but is not understood.

The story might trigger destructive memories in some readers, nevertheless I would definitely recommend reading the novel since it provides insight how a woman might become a victim in a supposedly safe environment and how these assaults might go unnoticed and the perpetrators get away with it.

Karine Tuil – Menschliche Dinge

Karine Tuil Menschliche DInge
Karine Tuil – Menschliche Dinge

Einfluss und Macht, darum geht es im Paris 2016. Jean Farel ist seit Jahrzehnten angesehener Journalist und Moderator der wichtigsten politischen Diskussionssendung im Land. Alle Präsidenten kennt er, alle wichtigen Franzosen hat er interviewt. Seine Frau Claire ist ebenfalls gefragt als Journalistin und Essayistin, dass ihre Ehe schon lange nur noch Show für die Öffentlichkeit ist, ist für beide mit ihren jeweiligen Partnern in Ordnung. Ihr gemeinsamer Sohn Alexandre ist ebenfalls mehr als wohlgeraten: mit besten Noten die Schule abgeschlossen, an der besten Universität Frankreichs angenommen und nun Student in Stanford. Doch der Abend, an dem Jean Farel eine der höchsten Ehren des Landes zuteilwird, wird ihr Leben durcheinanderwirbeln. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür mit einem Durchsuchungsbeschluss, es liegt eine Anzeige vor: Alexandre soll die Tochter von Claires Lebensgefährten brutal vergewaltigt haben.

Karine Tuil greift in ihrem Roman eine reale Begebenheit auf, den sogenannten „Fall Stanford“, der die allseits bekannte Verbindungskultur an den amerikanischen Universitäten mit ihren alkoholreichen Partys und den zahlreichen, meist verschwiegenen, Übergriffen auf oft noch minderjährige Studentinnen über die Landesgrenzen hinaus in den Fokus der Öffentlichkeit brachte. Tuil nähert sich dem eigentlichen Geschehen auf höchst interessante Weise, stehen zunächst Alexandres Eltern im Zentrum der Handlung, immer jedoch auch schon mit Bezug zu dem, was heute unter dem Hashtag #metoo-Debatte subsumiert wird. Facettenreich wird das Thema beleuchtet und der Komplexität dadurch auch im Rahmen von Fiktion durchaus gerecht, weshalb der Roman erwartungsgemäß 2019 gleich für mehrere angesehene französische Literaturpreise nominiert war.

„Menschliche Dinge“ ist ein vielschichtiger Roman, der zahlreiche Diskussionspunkte liefert. Obwohl die Vergewaltigung im Mittelpunkt steht, ist für mich aber die Figur Jean Farel fast noch zentraler. Er ist als Inbegriff des alten, mächtigen Mannes, der in seinem Narzissmus hervorragend skizziert ist. Es vergeht kaum eine Seite, auf der man nicht über ihn den Kopf schütteln muss, sein verächtlicher Umgang mit Frauen, die Paranoia bezüglich seines Aussehens und Ansehens, exzentrisch plant er die Ordensverleihung, sein Parallelleben mit Françoise, seine rücksichtslose Kindererziehung – man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Eine hochinteressante Persönlichkeit hat die Autorin geschaffen, wobei es zahlreiche reale Vorlagen gegeben haben dürfte, man denke nur an Dominique Strauss-Kahn, den Farel an einer Stelle bewundert. Aber es gibt auch einen Bruch, der sich in seiner Langzeit-Geliebten zeigt: als Françoises Demenz immer weiter voranschreitet, verlässt er sie nicht, sondern behandelt sie liebevoll und zärtlich, fast besser als zuvor.

Auch Claire ist als Gegenpart spannend geraten, beginnt ihre Geschichte mit dem Monica Lewinsky Skandal und wird sie später durchaus als Vertreterin des Feminismus präsentiert. Sie gerät in das ganz persönliche Dilemma zwischen ihren Ansichten als öffentliche Frau und ihrem Sohn als Beschuldigtem. Dieses lässt sich nicht auflösen und sie ist es letztlich, die die ganz große Verliererin ist. Immer wieder hat sie wie viele erfolgreiche Frauen Sexismus und übergriffiges Verhalten schweigend ertragen, um ihre Karriere nicht zu gefährden und weil sie wusste, dass dies nun einmal der Preis ist, den sie als Frau dafür zu zahlen hat. Am Ende hat sie alles verloren, während ihr Mann immer noch in die Kameras lächelt.

„Ihr ganzes Leben lang hatte ihr Handeln im Widerspruch zu den Werten gestanden, zu denen sie sich öffentlich bekannte. Auch das war Gewalt: die Lüge, das verfälschte Bild des eigenen Lebens. Die Verleugnung. Der Weg, den sie abseits der Realität eingeschlagen hatte, um diese ertragen zu können.“

Den Großteil der Handlung nehmen die Ermittlungen und der Prozess ein. Zwei sich widersprechende Aussagen, die beide wahr und falsch sein können. Gewinner gibt es hier keine, Alexandre ist seelisch gebrochen hat sein Studium und seine Berufsaussichten aufgeben müssen. Mila ist psychisch gezeichnet von den Erlebnissen und fern davon, in so etwas wie Normalität zurückkehren zu können. Es bleiben Zweifel an beiden Darstellungen, was ich von Karine Tuil sehr gelungen finde, denn genau hier liegt oftmals die Krux: Selbst- und Fremdwahrnehmung können voneinander abweichen, die gleiche Situation unterschiedlich beurteilt werden. Das darf kein Freibrief für Gewalt sein, aber ebenso wenig für spätere Anklagen aus Scham vor dem eigenen Handeln. Die Nicht-Auflösung wird dem Konflikt daher mehr als gerecht.

Noch viel mehr ließe sich sagen zu diesem herausragenden Roman, der neben den Figuren und komplexen Problematik auch durch eine pointierte Sprache überzeugt. Für mich ein Lesehighlight in jeder Hinsicht.

Guillermo Martínez – Die Oxford-Morde

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Guillermo Martínez – Die Oxford-Morde

Ein junger argentinischer Mathematiker kommt für seine Promotion nach Oxford, wo er hofft, sich mit den Größen seines Faches intensiv über Formeln und Logik austauschen zu können. Schnell jedoch muss er sich mit etwas ganz anderem befassen, denn seine Vermieterin Mrs Eagleton wird ermordet. Arthur Seldom, Mathematik-Professor am College und Freund von Mrs Eagletons Familie, berichtet sowohl dem Erzähler wie auch der Polizei, dass er eine kryptische Nachricht erhalten habe, die ihn just am Mordtag zu dem Opfer führte. Einen wirklichen Reim kann er sich jedoch nicht auf die Zeichen machen. Erst als eine zweite Nachricht zu einem zweiten Mord führt, scheint er ein Muster zu erkennen und befürchtet, dass Oxford von einem höchst cleveren Serientäter heimgesucht wird, der die quasi perfekten Morde begeht. Doch dies ist nur der Anfang einer Serie, die schon bald ihr drittes Opfer fordern wird.

Guillermo Martínez Roman ist die Neuausgabe eines Krimis, der bereits unter dem Titel „Die Pythagoras-Morde“ erschienen ist. Der Atmosphäre nach ist die Geschichte für mich ein typischer Vertreter des cosy crime, die Welt der Oxford-Mathematiker ist überschaubar und wird durchaus mit einer gewissen ironischen Note beschrieben. Die Polizeiarbeit findet nur am Rande statt, stattdessen ermitteln der etwas mysteriöse ältere Professor und sein noch jugendlicher Zögling, der als Neuankömmling in der Universitätsstadt natürlich mit einer gewissen neugierigen Naivität ausgestattet ist und sich gerne von einem erfahrenen Experten an die Hand nehmen lässt. Angereichert wird das ganze durch Exkurse in die Welt der Mathematik, denn immerhin sind die Nachrichten durch mathematische Zeichen kodiert und können nur durch diese auch entschlüsselt werden.

Vieles passt in dem Roman sehr gut zusammen: der Erzähler, der unbedarft an die neue Wirkungsstätte kommt; seine ältliche Vermieterin, Witwe eines Mathematikers und Ersatzmutter für das verwaiste Enkelkind; der Professor, der sich sogleich in die Suche nach logischen Strukturen bei den Nachrichten des Täters stürzt; die Figuren umgeben von den ehrwürdigen Mauern der traditionsreichen Universität, die auch gar nicht an einen profanen Alltag jenseits der geistigen Sphären denken lässt. Die mathematischen Höhen indes sind so wohldosiert, dass sie auch rechnerische Tiefflieger problemlos nachvollziehen und gemeinsam mit den Hobbydetektiven die Spur verfolgen und die Zeichen entschlüsseln können.

Obwohl ein Serienmörder im Zentrum steht und immer mehr Opfer zu beklagen sind, bleibt jedoch die große Spannung aus. Dies liegt vermutlich an den mathematischen Abhandlungen, die notwendig sind, um gewissen Zusammenhänge zu verstehen, aber letztlich auch von der Geschichte wegführen. Die Begeisterung für sein Fach, ebenso für Logik und Magie, bringt der Mathematiker Martínez hervorragend in seinem Roman unter und kann damit auch mich als Leserin überzeugen. Leider nimmt dies jedoch der Krimihandlung etwas den Raum, so dass daraus eine solide, gut konstruierte Erzählung wird, die jedoch in der Darstellung der Charaktere und des Handlungsrahmens etwas blass bleibt.

Kate Elizabeth Russell – My Dark Vanessa

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Kate Elizabeth Russell – My Dark Vanessa

A big dream becomes true when 15-year-old Vanessa Wye is accepted at Browick, an expensive boarding school with an excellent educational programme. Immediately she is hooked by her literature teacher, Jacob Strane, who opens the world of books to her. But this is not the only world he introduces her to. It all starts with some glances, some minutes he makes her linger after class, a careless and random touch until it is what it should not be: sexual abuse of a minor and a student. However, this is just one view, for Vanessa, it is her first love, the first time somebody pays attention to her, tells her she is pretty, appreciates her mind and opinion. Of course, a secret relationship like this will not go unnoticed and when Strane and Vanessa are confronted with the accusations, it is her who is expelled. More than 15 years later, she still wonders how all this could have gone so wrong, they were only in love, that’s all.

Kate Elizabeth Russell’s novel really is a hell of a read. Using the first person narrator perspective, you climb into Vanessa’s head and get her thinking without any filter. More than once I was stunned, abhorred, terrified or just could shake my head in disbelieve. This girl – even as a grown up woman – is totally captured in her construction of the world, her oftentimes limited capacities of assessing a situation and the naivety with which she confronts her treacherous teacher is one of the best and highly authentic characters I have read about in a while. Even though I could hardly be farther away in my own thinking, I can easily imagine that her state of mind can be found in many girls who are insecure and a bit detached from her classmates.

This novel certainly is not for the highly sensitive. Child abuse and sexual harassment have been topics I have been faced with in my job and in my opinion, “My Dark Vanessa” is a superb example of how a molester gets closer to his victim and which techniques of manipulation he can use to make a girl or woman comply with his wishes. Blaming the victim for what has happened is one of the most loathsome strategies but quite typical and more than once I cringed while reading. Several times, Vanessa senses that something is not right, she feels maybe not abused but her wishes and needs are not respected but she does not possess the mental force or the words to express her position. Even when she is older, it takes some time for her to say it out loud what all that happened has to be called. Possibly her own understanding helped her to cope with the situation better than others, nevertheless, at 32, she is a total mess and far from mentally stable.

A wonderful novel in many respects. Not an easy topic to write about, but an exceptional development of the characters and by using flashbacks also an excellent way of presenting two interpretations of the same incident, the younger and the older Vanessa are not the same anymore. “My Dark Vanessa” was highly praised as one of the most remarkable and important debuts of 2020 – I could hardly agree more with this.

Clarissa Goenawan – The Perfect World of Miwako Sumida

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Clarissa Goenawan – The Perfect World of Miwako Sumida

When his friends ask him out for a date to have equal numbers of boys and girls, Ryusei is not too keen. But then he meets Miwako and immediately falls for the peculiar girl who is not stunningly attractive and even overtly harsh. They soon find out that they actually have a lot in common, they spend more and more time together and Miwako befriends Ryusei’s older sister Fumi-nee. Even though they become inseparable, they are not a couple, there is something holding Miwako back from really getting attached to the student who adores her. The secret lies in her past but she isn’t ready to tell it. Yet, the moment of confession never comes, she commits suicide before she can explain herself and thus leaves Ryusei and her friends behind wondering what lead her to this drastic step.

“The Perfect World of Miwako Sumida” is a complex study of characters who carry secrets they never want to come out, but which have a deep impact on their personality and behaviour. The main plot centres around the question what lead Miwako to this drastic decision of ending her life. Ryusei, their common friend Chie and also Fumi-nee all have some bits and pieces of knowledge of her, but they cannot put them together to understand the girl. All their perspectives are presented only for the reader to get the whole picture of a deeply disturbed and suffering character.

It is not only Miwako who is interesting in her way of coping with grief and life’s strokes of fate. Ryusei and his sister became orphans at a young age leaving the older girl in charge of her brother and renouncing her own dreams to take care of him. However, the fact that she herself struggled with life and the question of her identity made Miwako open up to her and revealing her secret because she sensed that both their stories were none to be told easily.

Even though a lot of very dire topics are addressed and all the characters have to endure much from the world around them, it is all but a depressing read. For quite some time, they try to cope with their respective situation alone, but just by opening their eyes and having a bit of trust, they could see that there are people around them who are sensitive and emphatic.

Just as the characters, the novel also takes some time to fully unfold and display its strength.

Mattias Edvardsson – Der unschuldige Mörder

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Mattias Edvardsson – Der unschuldige Mörder

Die Zeitungskrise trifft im Jahr 2008 auch Zackarias Levin, gepaart mit der Trennung von seiner langjährigen Freundin und Wochen voller Party und Besäufnis, zieht er schließlich von Stockholm zurück zu seiner Mutter nach Veberöd in die schwedische Provinz. An einen Job in der Medienbranche ist aktuell nicht zu denken, weshalb er beschließt, ein Buch zu schreiben, immerhin hat er literarisches Schreiben studiert und genau da liegt auch die Geschichte, die er erzählen möchte. Er und seine Clique lernten in der Studienzeit in Lund durch ihre Dozentin den gefeierten Schriftsteller Leo Stark kennen, der irgendwann spurlos verschwand. Obwohl nie eine Leiche entdeckt wurde, hat man Zacks Freund Adrian Mollberg zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Schon damals und nun noch mehr hegte Zack Zweifel an dem Urteil. Er will die Geschichte erzählen, wie sie wirklich war, die Geschichte des unschuldigen Mörders. Doch schon sein erster Besuch bei ihrer gemeinsamen Freundin Betty löst eine unglaubliche Kette von Ereignissen aus, die irgendwann auch zack selbst ins Fadenkreuz der Polizei befördern.

Der schwedische Lehrer Mattias Edvardsson hat die Geschichte seines zweiten Romans clever konstruiert. Er erzählt nicht auf zwei Zeitebenen die Ergebnisse der Studentenzeit und der Gegenwart der Figuren, sondern nutzt Zacks Schreiben als Möglichkeit, die Vergangenheit wieder aufzurollen. Dabei wird bald auch klar, dass diese natürlich jeder Objektivität mangeln muss, da nur eine Figur ihre Erinnerung, ergänzt durch die aktuellen Nachforschungen, liefert und unweigerlich ein großes Fragezeichen hinter dem stehen muss, was uns Zack als reale Geschehnisse anbietet. Die hierdurch entstehende Unsicherheit und ab einem gewissen Punkt auch die Frage, ob man ihm – und nebenbei: auch allen anderen – überhaupt vertrauen und glauben sollte, macht in diesem Buch einen ganz besonderen Reiz aus.

„Der unschuldige Mörder“ ist als Roman eingeordnet, auch wenn der Titel einen Krimi nahelegt. Spannend ist die Suche nach dem tatsächlichen Mörder allemal, aber viel mehr noch lebt die Story von den Figuren und den vielen blinden Flecken des Nichtwissens und Nichtsagens.

„Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Ich begriff immer weniger. Aber eines verstand ich: die Wahrheit kann sehr verschieden sein.“

Daneben ist es auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von großen Träumen und intensiver Liebe, die Menschen bis an ihre Grenzen und bisweilen darüber hinaus treibt. Im starken Gegensatz zu den jungen philosophierenden Literaten, die sich von der Welt ihrer Dozentin und des Autors faszinieren lassen, steht Zacks Mutter, die erfrischend deutlich die pragmatische Elterngeneration vertritt und fest im Hier und Jetzt verankert ist; ihre zutiefst banalen und lebenspraktischen Kommentare brechen die Handlung immer wieder auf und ermöglichen den Schritt zurück, wenn man sie als Leser zu sehr von der Handlung packen und hineinziehen lässt.

Eine rundum überzeugende Geschichte, die durch interessante Figuren und vor allem die subtile Erzählweise punktet.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportalfür das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Wolfgang Kaes – Endstation

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Wolfgang Kaes – Endstation

Vom LKA aufs Abstellgleis. Nachdem ein Einsatz schiefgelaufen ist, wird Zielfahnder Thomas Mohr mit einer eigenen Abteilung beglückt: er soll Altfälle, Cold Cases, bearbeiten und dabei möglichst wenig auffallen. Widerwillig macht er sich an die Arbeit und greift nach der ersten Akte. Fünf Jahre sind vergangen seit der Nacht, in der der Jurastudent Jonas aus unerklärlichen Gründen in den Rhein fiel und ertrank. Zwei Wochen später fand man seine Leiche. Eigentlich kein Fall für ihn, die Ermittlungen sind abgeschlossen, aber schon kurz nachdem Mohr angefangen hat zu lesen, wird ihm klar, dass in dem Fall vieles geschehen ist, aber ganz sicher keine saubere Polizeiarbeit. Die Kollegen haben so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. So schlecht können die gar nicht sein, was steckt also dahinter? Mohr beginnt Fragen zu stellen und die Antworten, die er erhält – oder auch nicht – bringen sein eigenes Bild vom gerechten Staat ins Wanken.

Wolfgang Kaes‘ Roman entstand nicht aus einer Idee heraus, sondern basiert auf einem realen Fall. So bin ich auch auf das Buch aufmerksam geworden. Das WDR5 Feature „Neugier genügt“ berichtete in der Folge vom 11. Oktober 2019 über den mysteriösen Tod des Jurastudenten Jens Bleck. Wolfgang Kaes hat diesen Fall als Journalist recherchiert, unzählige Gespräche mit den Eltern und Zeugen geführt und aus dem Stoff einen Kriminalroman konstruiert, denn eines konnte er auch nicht: den Fall lösen. Die Geschichte ist eine Version dessen, was damals wirklich geschehen sein könnte. Ein erschreckender Hintergrund, der die Handlung letztlich in einem noch furchtbareren Licht erscheinen lässt.

Auch wenn die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, ist „Endstation“ dennoch eine fiktive Erzählung und sollte auch als solche betrachtet werden. Die Rahmenhandlung um den strafversetzten Ermittler hat mir gut gefallen, sie motiviert glaubwürdig die Wiederaufnahme des Falles und die Figur Thomas Mohr selbst wirkt ebenfalls authentisch und überzeugt in ihrem Handeln und Vorgehen. Gibt es zu Beginn noch Rückblenden in das Jahr 2013, folgt die Handlung dann im Wesentlichen den Ermittlungen und wird durch zusammenfassende Notizen und Gesprächsprotokolle aufgelockert. Man hat so den Eindruck, an den Ermittlungen beteiligt zu sein und folgt Mohrs Gedanken und Überlegungen unmittelbar.

Diese starke Involvierung und der Hintergrund des Buches führen unweigerlich dazu, dass man schnell vergisst, dass hier nur eine Möglichkeit dessen, was hinter den Ungereimtheiten stecken könnte, vorgestellt wird. Wolfgang Kaes‘ journalistischer Background als Polizeireporter, der sprachlich durchaus zu spüren ist, lässt den Text insgesamt sehr real und authentisch wirken, keine blumigen Schnörkel zieren die Sprache, sondern ein eher faktisch-rationaler Ton herrscht vor.

Was Kaes enthüllt oder fiktiv entwirft, macht nachdenklich und wirkt auch nach dem Lesen noch nach. Ein Kriminalroman, der die Genregrenzen ausreizt und durch die Verbindung von Fakt und Fiktion eine ganz eigene Art von Spannung aufbauen kann, die jedoch restlos überzeugt.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

 

Eileen Pollack – The Professor of Immortality

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Eileen Pollack – The Professor of Immortality

Since her husband Sam has died, Ann Arbor professor Maxine Sayers feels lonely. She fully dedicates her life to her Institute of Future Studies where she researches the effects of technology on the people knowing that, eventually, her small world might be closed down as they do not produce anything commercially useful. When her son Zach quits his Silicon Valley job without a warning and vanishes without any further notice and her mother’s health deteriorates, she feels quite depressed. But things become even worse when a series of bomb attacks by the so-called “Technobomber” remind her of incidents of the past: might her son be involved in these terrorist doings? When his former MIT professor is seriously hurt, she knows that she has to find him and she has the bad feeling that she knows who is behind it all.

When reading Eileen Pollack’s novel, I was immediately reminded of the Unabomber Ted Kaczynski who bears a lot of resemblance to one of the main characters in the novel. The author might be inspired by these events, yet, they are not the main and only focus in the book. Pollack writes about family bonds, about the loss of a beloved person, technology, feminism and chauvinism in the academic world, and, first and foremost, about the question of how we want to live and what is important for us. Once I started, I was totally immersed and read the book in just one sitting which is also due to the fact that towards the end, it becomes a suspenseful crime novel.

Even though most of the issues addressed in the novel are interesting and provide some food for thought, Maxine’s teaching was the one that stimulated my pondering most. Especially the scenes of her classroom where she discusses the impact of technology and questions about how far we are willing to following technological advances are superb. Unfortunately, this topic is a bit abandoned for the Technobomber plot line which also has some fascinating psychological aspects to offer but was a bit weaker in my opinion.

A rather unusual combination of campus and crime novel that provides not only much to think about but also a lot of suspense.

Jo Baker – The Body Lies

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Jo Baker – The Body Lies

After having been assaulted on her way home a couple of years before, a young writer never feels secure in her London house anymore. When she is offered a job by a remote university, this could not only solve the small family’s financial problems but also bring her away from the bad memories. She is supposed to take over a creative writing course and soon figures out that she is completely left alone since her colleague who was supposed to mentor her is on a leave. The trimester starts slowly but she gets along well with her students even though they seem to be quite unique. When they read out their first writing attempts, the situation becomes complicated since one of them, Nicholas Baker, insists on only telling the truth and not inventing anything which is not taken very well by his fellow students. As the time advances, the professor feels more and more uncomfortable around him and his texts as they become increasingly more personal and Nicholas develops into a real stalker who is ready to turn his bizarre fantasies into reality making her the protagonist of his weird story.

“The Body Lies” is completely different form Jo Baker’s novel “Longbourn” which I read and enjoyed a couple of years ago. Reading it was not easy at times since, due to her vivid style of writing, you can imagine the event narrated without any problem and some of the violence really gets under the skin. This is really a psychological thriller as you follow the invasion of the protagonist’s private life and you are not sure if there could actually be a happy ending.

What I liked most about the novel was that, apart from being suspenseful and entertaining as a psychological thriller, it also conveys an authentic picture of reality and an important message. The unnamed professor is exposed to violence and does not really have a chance to fight the men who assault her. Defending herself would have led to more injuries in the first case and in the second, she feels ashamed for what happened to her which, unfortunately, is quite common. But not only the physical violence hurts her, it is first and foremost the psychological threat that slowly hurts her and the fact that she has nobody to believe her version of the story makes it even worse. Sadly, I have no doubt that the story told could happen anywhere everyday.

A great read even though it is at times hard to support.

Eugene Chirovici – Das Echo der Wahrheit

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Eugene Chirovici – Das Echo der Wahrheit

Nach einer Lesung zu seinem aktuellen Buch wird der Psychologe Dr. James Cobb von einem Zuhörer angesprochen. Millionär Joshua Fleischer möchte ihn um einen außergewöhnlichen Gefallen bitten: er würde sich gerne von dem Therapeuten hypnotisieren lassen, um in einem Vorfall, der viele Jahrzehnte zurückliegt, endlich Klarheit zu erhalten. Cobbs Neugier ist geweckt und so geht er auf das Angebot ein. Nicht nur die Persönlichkeit Joshuas Fleischers, sondern vor allem auch der ominöse Vorfall ziehen ihn immer mehr in den Bann: hat der Unternehmer als junger Mann in Paris seine damalige Freundin ermordet? Selbst als die Hypnose keine weitreichenden neuen Erkenntnisse bringt, kann James Cobb den Vorfall nicht vergessen und ermittelt auf eine Faust weiter.

Nach „Das Buch der Spiegel“ war dies der zweite Romane von Eugene Chirovici, der mich genau wie sein Vorgänger sofort in die Geschichte gezogen hat. Der Autor hat einen für ein empfinden „typisch amerikanischen“ Schreibstil, den ich noch nicht einmal wirklich genau festmachen kann. Es ist mehr dieses wunderbare Gefühl, direkt in der Geschichte angekommen zu sein mit Figuren, die einem wie gute alte Bekannte vorkommen, auch wenn man ihnen gerade erst wenige Seiten zuvor zum ersten Mal begegnet ist.

Die Rahmenhandlung setzt bei James Cobb, einem Spezialisten für Bewusstseinszustände und insbesondere Hypnose an. Gemeinsam mit ihm begibt man sich auf die Reise in die mysteriöse Vergangenheit von Joshua Fleischer, seinem Studienfreund Abe Hale und ihrer Pariser Bekanntschaft Simone Duchamps. Die Lösung der Ereignisse aus dem Jahr 1976 erfordern einige Schleifen Cobbs und ich hätte beinahe schon gewettet, dass sich die Umstände nie wirklich aufklären lassen. Zugegebenermaßen hat mich die Auflösung letztlich auch nicht ganz überzeugt, dafür kam sie mir zu zufällig und wenig durch die Handlung davor motiviert daher. Ebenso fand ich den Nebenkriegsschauplatz um Cobbs frühere Patientin Julie nicht wirklich hilfreich für den roten Faden. Für mich ergaben sich keine weiteren hilfreichen Erkenntnisse zur Figur Cobbs aus dieser Nebenhandlung.

Insgesamt hat mir „Das Echo der Wahrheit“ deutlich besser gefallen als „Das Buch der Spiegel“, gewisse Parallelen in der Romankonstruktion bleiben nicht aus und scheinen ein wenig das Markenzeichen Chirovicis zu sein. Erzählton und Atmosphäre konnten mich vollends überzeugen, die so locker über die für mein Empfinden kleinen Schwächen in der Plotkonstruktion hinwegtrösten.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch und zum Autor finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.