Ferdinand von Schirach – Strafe

Strafe von Ferdinand Schirach
Ferdinand von Schirach – Strafe

Seit vielen Jahren schon ist Fernand von Schirach eine feste Größe im Literaturbetrieb und hat mit seinen Rechtsfällen eine eigene literarische Gattung geschaffen. „Strafe“ knüpft an seine beiden ersten Bücher „Verbrechen“ und „Schuld“ an und hat wieder einmal verschiedene Rechtsfälle in Form von Kurzgeschichten zum Inhalt. Zwölf Schicksale stellt von Schirach vor, die auch die Grenzen des Rechtssystems zeigen und nachvollziehen lassen, weshalb manchmal Unschuldige ins Gefängnis wandern und weshalb manchmal Schwerverbrecher auf freien Fuß kommen.

Der Autor ist kein klassischer Erzähler, sein Stil trägt deutlich die Handschrift des Juristen: klar, präzise, schnörkellos. Das mag nicht jedem gefallen, er bieten jedenfalls wenig Raum für analytische Sprachbetrachtung und vielschichtige Entschlüsselung des Textes. Dies ist auch gar nicht nötig, denn das, was der Autor mitzuteilen wünscht, liegt direkt vor einem und besticht eben durch die sachliche Darstellung, die keine Fragen offen lässt. Dies hindert einem jedoch keinesfalls daran, mit den Menschen Mitgefühl zu empfinden, zu leiden und sie auch bisweilen zu verachten.

Die Texte variieren in Länge und Perspektive, den einen oder anderen Fall glaube ich auch aus den Medien zu kennen, etwa die Geschichte um den Mann im Taucheranzug – das ist so skurril, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass die häufiger vorkommt. Am interessantesten und berührendsten fand ich die Fälle „Lydia“ um die Puppe, die zur Lebensgefährtin wird, und „Subotnik“, die zeigt, in welcher Zwickmühle sich Verteidiger wiederfinden können. Zwar kommen alle Geschichten nicht an das ethisch/moralisch nicht zu lösende Dilemma von „Terror“ heran, trotzdem liefern sie Einblicke in Grenzbereiche der Justiz, die einem ansonsten verborgen bleiben würden.

Håkan Nesser – Strafe

Nichts is so wie es scheint im beschaulichen Schweden…

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Hakan Nesser – Strafe

Unerwartet wird der Schriftsteller Max Schmeling von der Vergangenheit eingeholt. Schon viele Jahrzehnte war er nicht mehr in seiner schwedischen Heimatstadt, als ihn ein Brief eines Schulfreundes erreicht, der um einen Besuch bittet. Tibor Schittkowski, eigentlich kein wirklicher Freund, aber zweimal hat er Max das Leben gerettet und nun, kurz vor seinem Dahinscheiden aufgrund von ALS im Endstadium, bittet er ihn um Hilfe. Er hat seine Lebensgeschichte niedergeschrieben, aus den Seiten werde sich ergeben, was Max für ihn tun solle. Widerwillig beginnt Max wieder zu Hause zu lesen. Von Tibors Zeit nach der Schule, der Begegnung mit einer gemeinsamen Schulkameradin, in die auch Max verliebt war, und Tibors Zeit in einem spanischen Gefängnis, nachdem er einen Mord begangen hatte. Eine Sache in seinem Leben möchte er noch erledigen und Max scheint der richtige zu sein, um ihm hierbei zu helfen. Doch was so einfach scheint, hat einen ungeahnten Haken.

Viele Krimis habe ich von Håkan Nesser gelesen, weshalb ich nicht verwundert war, was er mit seinen Figuren anstellt. Was mich jedoch zunächst irritierte, war der Ko-Autorenschaft mit Paula Polanski, laut Verlag einer deutschen Publizistin, die jedoch unter Pseudonym schreibt und ihre Identität nicht preisgeben möchte. Im Laufe der Handlung erklärt sich die Mitautorin und mit schmunzeln muss man am Ende auf dieses Detail schauen. Nesser gelingt es immer wieder seine Leser zu überraschen und das auf ganz unterschiedliche und unerwartete Weise.

Die Handlung selbst wird geprägt von den beiden älteren Herren, die im fortgeschrittenen Alter auf ihr Leben zurückblicken, manches bedauern, anderes gelernt haben zu akzeptieren. Es sind die bekannten durchschnittlichen Schweden, die man in Nessers Roman so oft findet und deren Kinderjahre insbesondere einen nachhaltigen Einfluss auf ihre Persönlichkeit hatten. Die Kindheit und Jugend in den 1960er/70er Jahren sind für mich einmal mehr erzählerisch Nessers größte Stärke und hier folge ich ihm am liebsten. Doch auch sein Händchen für Krimis ist bemerkenswert und erreicht hier seinen Höhepunkt. Man kann kaum etwas zur Handlung schreiben, ohne schon vorwegzunehmen, was sich der Schwede ausgedacht hat. Es ist frappierend, wie er mit seinem Protagonisten und dem Leser spielt und wie sich die erschaffene Welt doch auch ganz anders darstellen kann.

Ein Buch mit Autorenduo und doppeltem Boden, Geschichte in der Geschichte, schlichtweg überzeugend konstruiert und mit einem überraschenden Ende, das alles, was man über „den typisch schwedischen Krimi“ zu wissen glaubte, über den Haufen wirft.