Dirk Brauns – Die Unscheinbaren

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Dirk Brauns – Die Unscheinbaren

Fünfzig Jahre ist es her seit der Aufdeckung und Verurteilung seiner Eltern. Doch nun tritt man an Martin Schmidt heran, um ihn für ein Berliner Museum zu deren Spionagetätigkeit für den Westen zu befragen. Von seiner Mutter ist kein Beitrag zu erwarten, Hedda Schmidt ist auch mit über 90 noch eine eiserne Frau mit festen Grundsätzen. Viele Jahrzehnte hat er verdrängt, was damals geschah, doch nun stellt sich der inzwischen 68-Jährige seiner Vergangenheit und erhält auch Einsicht in die Akten von BND und Stasi. Er will verstehen, weshalb seine Eltern zu Spionen wurden, wie sie gearbeitet haben und wer sie letztlich verraten hat. Dabei taucht auch seine alte Liebe Angelika wieder auf, die er damals nach der Ausreise im Osten zurücklassen musste und die er seit diesen Tagen nicht mehr gesehen oder gesprochen hat. Vieles wird ihm klar bei seinen Nachforschungen, doch mit den Antworten treten auch die unangenehmen Gewissheiten zu Tage.

Dirk Brauns verarbeitet in seinem Roman die Geschichte seiner Familie; seine Großeltern waren es, die als Westagenten enttarnt und verurteilt wurden, seinen Vater und seinen Onkel lässt er in seiner Geschichte zu dem Einzelkind werden, das plötzlich alleine mit der ungeheuerlichen Situation fertigwerden muss. Die Grenze von Fakt und Fiktion verschwimmt und was letztlich Erfindung des Autors ist und was real in den Unterlagen der Geheimdienste existiert, weiß wohl nur Brauns selbst.

„Großmutter und er aber fühlten sich wie Schiffbrüchige nach einem Orkan. Sie fanden sich auf einer Insel wieder, die nur sie selbst als Insel erlebten. Nach logischen Kriterien beurteilt, war es auch keine Insel. Als hätte man ihnen, den Angehörigen von Staatsverbrechern, so etwas wie Robinson-Crusoe-Tabletten verabreicht, Psychopharmaka aus den Laboren der Abwehr. Die Wahrnehmung verzerrte sich. Sie waren wie durch Glaswände von den anderen getrennt.”

Neben den alles überlagernden Fragen, wie die Agenten in der DDR agierten, wie sie angeworben wurden und wie sie den Schein der Normalität aufrechterhalten konnten und selbst vor den Familienmitgliedern ihre Tätigkeiten verheimlichten, bietet der Roman noch eine ganze Reihe von anderen interessanten Aspekten. In erster Linie natürlich die Frage, was das Aufdecken einer so ungeheuerlichen Tat mit den Beziehungen anstellt; fassungslos betrachtet Schmidt das Verhalten seiner Eltern, denen vergleichbare Fälle bekannt gewesen sein müssen, bei denen die Agenten hingerichtet wurden. Für Kaffee und Strumpfhosen haben sie ihr eigenes und auch sein Leben riskiert?

Da er durch den Krebs bereits seit Jahren tot ist, kann der Vater keine relevante Rolle mehr einnehmen und die Mutter rückt umso stärker in den Mittelpunkt. Sie ist sicherlich auch die interessantere der Figuren:

„Sie sitzen am Tisch, warten gemeinsam auf Angelika. Die Zimmertemperatur fällt. Wie bei jedem seiner Besuche fällt die Zimmertemperatur. Sie fällt ins Bodenlose, in den Urgrund, den Frostboden der Schmidt-Familie, zu den dort gelagerten Pflichtgefühlen.”

Herzlichkeit und Zuneigung kannte sie nie gegenüber ihrem Sohn. Mehr als Pflichtgefühl konnte zwischen beiden nie entstehen. Schmidt erkennt, dass sie die treibende Kraft hinter der Spionage gewesen sein muss, doch als er hinter ihre Motive kommt, ist dies nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt noch etwas in ihrem Leben, das der Sohn nicht weiß, das aber nun endlich als Licht kommt und das wahre Ich hinter der nach außen unauffälligen braven Bürgerin zeigt.

Die Spurensuche ist sich trotz der psychischen Belastung für den Protagonisten leichtfüßig geschildert und gibt durchaus spannende Einblicke in einen wichtigen Teil der deutsch-deutschen Geschichte. Einzig die aufgewärmte Liebesgeschichte zwischen Schmidt und Angelika stört hier etwas, hier wäre für mich mehr von der Vater-Tochter-Beziehung, deren Komplexität erst am Ende offenkundig wird, deutlich interessanter gewesen.