Martin Österdahl – Der Kormoran

Der Kormoran von Martin Oesterdahl
Martin Österdahl – Der Kormoran

Mitte der 1990er Jahre entwickeln sich in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion zunehmend demokratische Strukturen. Die anstehenden Wahlen werden die erste große Probe für die junge Republik sein. Vektor, Ein schwedischer Thinktank, beobachtet die Situation und bewertet die Lage, Max und Sarah von Stockholm aus, Paschie in Sankt Petersburg. Als letztere verschwindet, schwant ihren Kollegen bereits Schlimmstes, weshalb sich Max in die russische Metropole aufmacht. Eigentlich hat er dafür keine Zeit, denn gerade ist er einen entscheidenden Schritt weitergekommen bei der Frage, was 1944 geschehen ist und wie diese Ereignisse mit ihm und seiner Familien in Verbindung stehen. Doch er liebt Paschie und ihre Sicherheit hat Vorrang. Die letzte Nachricht der jungen Frau war kryptisch, was hat sie entdeckt? Max ahnt nicht, dass sie sich mit einem mächtigen Gegner angelegt hat, für den die neue Zeitrechnung noch nicht begonnen hat und dem zahlreiche Verbündete zur Verfügung stehen.

Martin Österdahls Thriller „Der Kormoran“ baut auf klassischen Mustern wie dem Ost-West-Konflikt, offenen alten Rechnungen und einer Armada von Geheimagenten, die den Staat unterwandern. Österdahl setzt diese jedoch geschickt ein und hat so einen überzeugenden und mitreißenden Roman geschaffen, der an Komplexität und Tempo schwer zu überbieten ist. Das Debüt des Historikers, der lange für das schwedische Fernsehen gearbeitet hat, ist der Auftakt einer Trilogie um Max Anger.

Im Wesentlichen treiben zwei Rätsel die Handlung des Thrillers voran: einerseits die privaten Ermittlungen Max Angers, die wesentlich mit den Ereignissen gegen Ende des zweiten Weltkrieges zu tun haben und immer wieder in Form von historischen Einschüben präsentiert werden und langsam erahnen lassen, welche Auswirkungen die alten Machenschaften auf die aktuelle Lage haben. Im Vordergrund steht jedoch ein großer russischer Plot, der sowohl politisch wie auch wirtschaftlich motiviert ist und sich modernster Technik bedient. Als Nebeneffekt wird hierbei die Fragilität der russischen Republik zu Ausgang des 20. Jahrhunderts deutlich, die grundlegend für die Entwicklungen nach der Jahrtausendwende waren. Beide Handlungsstränge werden glaubhaft miteinander verknüpft und sauber gelöst.

Insgesamt ein runder Thriller, der mit einem starken Protagonisten punktet und sich vor der großen skandinavischen Konkurrenz in keiner Weise verstecken muss. Die Tatsache, dass nicht nur persönliche Motive zu einer Serie von Morden führen, sondern ein komplexes Geflecht von Aspekten hinter dem Agieren der Figuren steht, das zudem historisch glaubhaft eingebettet wird, hebt ihn deutlich von der Masse der Neuerscheinungen im Genre ab.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

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Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

Eine Freundschaft, die sie schon ihr Leben lang begleitet: Oksana und Lena sind wie Zwillinge. Schon die Mütter waren befreundet und haben die Mädchen am selben Tag zur Welt gebracht. Aufgewachsen in nebeneinanderliegenden Plattbauwohnungen am Rande von St. Petersburg haben sie die letzten siebzehn Jahre alles in ihrem Leben geteilt. Doch plötzlich trennen sich ihre Wege: die dürre Lena wird trotz ihrer Glupschaugen als Model entdeckt und fliegt nach Shanghai, wo das glamouröse Modeldasein auf sie wartet. Oksana bleibt in der grauen Vorstadt, wo sie mithilfe eines geheimen Forums und einer obskuren Diät versucht, ein paar Kilos zu verlieren. Erstmals getrennt voneinander müssen sich die Mädchen in der Welt ohne die Freundin neu orientieren. Oksana findet in Mammut einen neuen Freund, Lena passt sich an die Bedingungen im harten Modelbusiness an.

Man braucht nicht lange, um sich in Wlada Kolosowas Roman rundum wohlzufühlen. Der Beginn der Erzählung mit den Rahmenbedingungen der absurden Leningrad-Diät ist schlichtweg köstlich. Auch wenn einem bei diesem Humor bisweilen der Atem wegbleibt, weil es nun doch arg grenzwertig ist, auf welches Vorbild die Forums-Besucher zurückgreifen, kann man sich nur zu gut vorstellen, dass junge Mädchen auf genau solche abstrusen Ideen kommen, um an Gewicht zu verlieren. Ungemein sympathisch dabei Oksana, die findet

„dass es ihr nicht schaden würde, zumindest ein bisschen magersüchtig zu sein: Sie hatte in ihrem Leben noch nie eine Diät länger als bis zum Abendessen durchgehalten.“

Der Autorin gelingt hier der Spagat ein ernstes Thema aufzugreifen – im Laufe der Handlung wird sich die Dramatik noch weiter zuspitzen – ohne dabei mahnend den Finger zu erheben oder eine rosarot verklärte heile Welt aufzubauen, in der der Wunsch nach Schlanksein und einem hübschen Äußeren nicht wichtig ist. Gerade indem sie die zweite Protagonistin zum Model macht und an ihr die gerne übersehenen negativen Seiten des Business aufzeigt, macht sie die Diskrepanz zwischen Realität und Wunschtraum noch deutlicher.

Neben den beiden wirklich liebenswerten Mädchen, die vor keine leichte Aufgabe beim Erwachsenwerden gestellt werden, können auch die anderen Figuren überzeugen. Der zunächst seltsame Mammut, dessen gutes Herz nicht gleich erkannt wird oder das mahnende Gewissen in Form der alten Baba Polja, die Details der St. Petersburger Belagerung erinnert, aber das fünf Minuten zuvor Gesagte schon vergessen hat.

Wlada Kolosowas größte Stärke ist jedoch der Witz und Humor, mit dem sie der trost- und perspektivlosen Vorstadt ebenso wie der heruntergekommenen Model-WG begegnet. Sie findet den richtigen Ton zwischen ironischer Distanz, die erforderlich ist, um die Gegebenheiten auszuhalten, und herzlicher Nähe, die man bei der liebevollen Figurenzeichnung in jeder Zeile erkennt. Ihre Beschreibungen des russischen Alltags lassen den Pragmatismus der Menschen erkennen, die Lage ist nicht gut, aber auch nicht hoffnungslos und so lange man etwas Ordentliches zu essen hat und die Liebsten um sich herum, ist das Leben eigentlich gar nicht so schlecht.

Kein Wohlfühlbuch für die Seele, aber ein Roman, der einem mit einem wohlig-zufriedenen Gefühl zurücklässt.

Ein herzlicher Dank geht an den Ullstein Buchverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.