Juri Buida – Nulluhrzug

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Juri Buida – Nulluhrzug

Die Siedlung Nummer 9 wird aufgebaut, irgendwo im weiten Sowjetgebiet, um den Nulluhrzug zu sichern. Täglich um Mitternacht kommt er vorbei, von den Siedlern beäugt fahren zwei Lokomotiven und hundert verrammelte Waggons durch ihre Station, die aus wenigen Häusern, einem Sägewerk, einer Bierstube und den notwendigen Instandhaltungen für die Gleise besteht. Wohin er fährt und was er transportiert, ist nicht bekannt. Das müssen die Menschen dort auch nicht wissen, sie haben eine spezifische Aufgabe zu erfüllen, für die mehr Information nicht erforderlich ist. Unter ihnen ist Iwan, genannt Wanja oder Don Domino, nach dem frühen Tod der Eltern aufgewachsen in den Institutionen des totalitären Staates und pflichtbewusster Diener, der keine Fragen stellt, die er nicht stellen soll und bis zum letzten Tag das tut, was man von ihm erwartet.

Juri Buidas kurzer Roman erschien in Russland schon vor fast 30 Jahren, kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion. Auch wenn diese schon der Geschichtsschreibung übergeben wurde, prägt sie doch den Charakter der Figuren und des Systems, in dem sie leben. Die Handlung ist begrenzte und überschaubar, ihre Deutung jedoch recht offen und wie das Nachwort von Julia Franck zeigt, weit über das konkret Erzählte hinausreichend. Sie spannt den Bogen vom Beginn zum Ende des 20. Jahrhunderts und sieht sowohl die industrielle Revolution wie auch die Industrie 4.0 in der Erzählung kritisch hinterfragt.

Auf der Erzählebene verbleibend präsentiert Buida ein deprimierendes Szenario, das den Menschen ihre Vergangenheit raubt und keine Zukunft verspricht. Die Kinder sterben entweder direkt oder hauen irgendwann ab. Der Mensch wird funktional als kleines Rädchen im System betrachtet, das entweder wie vorgesehen rundläuft oder ausgetauscht wird und ansonsten nicht weiter relevant ist.

Folgt man Julia Franck in der Betrachtung des Textes als Parabel auf die totalitäre Gesellschaft und überträgt man die Aussage auf die globalisierte Gegenwart, in der das Individuum kaum einen Prozess mehr überblicken kann, nur sein begrenztes Tätigkeitsfeld erfassen und bearbeiten kann, die komplexen Prozesse jedoch nicht mehr zugänglich sind, ist Buida auch 2020 so aktuell wie 1993. Im Raum steht jedoch die Frage, ob man ebenso wie in einem sozialistischen Unterdrückungsstaat die Gegebenheiten als gegeben und unveränderbar hinnehmen muss.

Eine düstere und sperrige Erzählung, die weit von Unterhaltungsliteratur entfernt ist, aber aufgrund des kafkaesken und doch realen Szenarios seinen Platz in der Literatur verdient hat und finden wird.