Jo Nesbø – Macbeth

Macbeth von Jo Nesbo
Jo Nesbø – Macbeth

Schottland, 1970. In Fife herrscht Krieg, die Motorradgang der Norse Riders hat das Drogengeschäft gut im Griff, hinter ihnen steht der unheimliche Hecate, die dunkle Macht, die aus dem verborgenen heraus über die Stadt herrscht. Es gibt nur einen Mann, der sie wird aufhalten können: Inspector Macbeth und sein SWAT Team. Doch Macbeth ist selbst drogenabhängig und hat wenig eigenen Antrieb, seine Frau Lady ist es, die ihn pusht und der ihr eigener Erfolg mit ihrem Hotel und Casino nicht genügt. Sie beansprucht den Platz der Königin der Stadt und Macbeth soll zuerst den obersten Posten bei der Polizei übernehmen und dann Bürgermeister werden. Macbeth schafft seine Gegner nach einander aus dem Weg, clever befehligt er die Menschen um sich wie Spielfiguren – doch er hat sich verkalkuliert und im Geheimen baut sich eine Gegenwehr auf.

„Macbeth“ ist der siebte von den insgesamt acht geplanten Neuauflagen von Shakespeares Werken in der Hogarth Reihe. Wieder bekam ein großer Autor den Auftrag, den Klassiker in die Neuzeit zu transferieren und wie auch Tracy Chevalier hat Jo Nesbø sich für die 1970er entschieden, wenn er auch den Handlungsort in Schottland beibehielt. Dem norwegischen Krimimeister ist es dennoch gelungen, dem bekannten Stoff seine unverkennbare Marke aufzudrücken und es ist nicht leicht zu sagen, ob am Ende Shakespeare oder Jo Nesbø überwiegt.

Die Handlung ist komplex angelegt, folgt jedoch relativ stringent der Tragödie, so dass man, da die Namen der Figuren ebenfalls übernommen wurden, bereits weiß, wie es ausgeht, hier ist ganz eindeutig der Weg das Ziel. Überzeugend gelungen ist die Übertragung in die Stadt der Neuzeit, die von einer Rockerbande kontrolliert wird, in der der Drogenhandel floriert und seine eigenen Könige hervorbringt. Es sind immer noch die gleichen Laster wie schon zu Beginn der Menschheit an, die die Figuren antreiben: Hochmut, Zorn und Neid leiten ihr Handeln und bestimmen den Verlauf. Was vor 500 Jahren bei Shakespeare stimmte, ist heute noch genauso zutreffend.

Als Thriller hat der Roman alle wesentlichen Zutaten, die es braucht, um spannend zu sein: ebenbürtige Gegner, verstecke Doppelagenten, Sex und Liebe, alte Verbindungen, jede Menge Mord und Totschlag. Allerdings ist für mein Geschmack Nesbøs Macbeth ein wenig zu lang geraten, grade weil man den Ausgang kennt, wäre ein etwas stringenterer Zug Richtung Showdown wünschenswert gewesen, denn so entstehen doch vor allem im letzten Drittel einige Längen und bei den unzähligen detailliert ausgeführten Blutbädern hätten vielleicht auch auf das eine oder andere verzichtet werden können. Alles in allem, aber eine gelungene Umsetzung der Tragödie in einen Thriller.

Mehr Informationen zur Hogarth Shakespeare Reihe und Links zu den vorherigen Werken finden sich auf dieser Seite.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Tracy Chevalier – Der Neue

Der Neue von Tracy Chevalier
Tracy Chevalier – Der Neue

Osei kennt die Situation schon, denn regelmäßig muss seine Familie wegen des Diplomaten-Jobs des Vaters umziehen. Wieder einmal ist er der Neue an einer Schule. Und wieder einmal ist er nicht nur neu und kennt niemanden, sondern so wie auch auf den letzten Schulen wird er der einzige Schwarze sein und argwöhnisch beäugt werden. Im Washington der 1970er ist nicht zu erwarten, dass er mit offenen Armen empfangen wird. Doch er scheint sich geirrt zu haben, denn Dee, das hübscheste Mädchen der Schule ist freundlich und offen und nimmt sich seiner an. Das gefällt nicht jedem – Schüler wie Lehrer beobachten diese seltsame Freundschaft und noch am ersten Schultag gelingt es dem missgünstigen Ian, bekannte Mechanismen in Kraft zu setzen und durch geschickte Manipulation ein schlimmes Drama zu provozieren.

Tracy Chevalier hat sich, wie vor ihr schon Anne Tyler, Howard Jacobson oder Margaret Atwood, an der Hogarth Shakespeare Reihe beteiligt, die anlässlich des 400. Todesjahres des Barden große zeitgenössische Autoren aufrief, die bekannten Werke des Dichters in die Gegenwart zu verlagern und neu zu erzählen. In „Der Neue“ greift Chevalier die Tragödie um Othello auf, der als einziger Schwarzer unter den Intrigen Iagos im Veneziens um 1600 leiden muss.

Sowohl die grundlegende Figurenkonstellation – die verliebten Osei und Dee gegen den intriganten Ian und seinen Gehilfen Rod, die unerwartet von Dees Freundin das entscheidende Hilfsmittel im Kampf gegen den Außenseiter erhalten – hat Chevalier leicht erkennbar übernommen, ebenso wie die Namen, die ohne große Mühe der Vorlage Shakespeares zuzuordnen sind. Die Gliederung des Romans in fünf Kapitel, der zudem der klassischen Dramenstruktur folgt, ist eine gelungene Anspielung an das Original.

Das Setting ist jedoch gänzlich verschieden, vom beschaulichen Venedig verlegt die Autorin die Handlung in das weiße Washington der 70er Jahre und lässt etwa 12-jährige Schulkinder die Rollen übernehmen. Die klingt zunächst abstrus, es zeigt sich aber schnell, dass die menschlichen Beweggründe sich in den 400 Jahren nicht verändert haben und welche Kraft Neid, Missgunst und Rache auch nach so langer Zeit immer noch haben und dass sich trotz der zwischenzeitlichen Aufklärung und der gesetzlichen Gleichbehandlung in der Realität nur wenig in den Köpfen bewegt hat.

Eine Reihe von unglücklichen Entscheidungen gepaart mit einem ohne erkennbares Motiv bösartig handelnden Charakter sind die Triebfedern in der Geschichte um den schwarzen Außenseiter. Chevalier gelingt es überzeugend trotz der Nähe zu Othello, eine eigene Geschichte zu erzählen, die auch völlig losgelöst von der Tragödie funktioniert. Ihre Schulkinder agieren genau so, wie man es von Kindern in diesem Alter erwarten würde. Ihr zentraler Konflikt entzündet sich an einem Mäppchen und wirkt absolut glaubwürdig, ebenso wie alle Folgehandlungen, die sich hieraus ergeben. Auch in diesem jungen Alter haben sie schon eine Vorstellung von der Ordnung der Welt, die klar zwischen schwarz und weiß unterscheidet, und sie handeln bereits im vollen Bewusstsein, dass jede Entscheidung, die sie treffen, gewisse Folgen für ihr Ansehen in der Gruppe haben wird. Sie können sogar antizipieren, was geschehen wird, so vertraut sind sie mit den Charakterzügen ihrer Mitschüler. Das Kindsein hindert sie nicht daran, in dieselben Fallen zu treten wie auch Erwachsene.

„Der Neue“ konnte meine recht hohen Erwartungen voll erfüllen. Nach den letzten Adaptionen von Atwood und St Aubyn hingt die Messlatte hoch, aber Tracy Chevalier ist es ebenfalls gelungen aus einem alten Stoff eine neue Geschichte zu entwerfen, die von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zur Autorin und dem Buch finden sich auf der Seite des Verlags Random House.

Eine Übersicht über die bislang erschienenen Adaptionen und die Links zu meinen Rezensionen findet sich hier.

Edward St Aubyn – Dunbar

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Edward St Aubyn – Dunbar

Henry Dunbar has lead his whole life a successful businessman whose orders are carried out immediately and who is not only in charge but in control. But now he finds himself in a sanatorium somewhere in the British countryside, locked away and sedated by his doctors. His eldest daughters Abby and Megan and the family doctor Bob have complotted against him to take over the Dunbar imperium. With his roommate Dunbar decides to flee and to get his life back. His youngest daughter Florence has also gotten wind of the other daughters’ doings and is rushing for help. While the old man is roaming the unknown country in a fierce storm, the sisters and their accomplices are plotting how to get out of the mess best, each one is fighting the others with insidious plans and tricks. But the old man is stronger than anyone would have thought.

“Dunbar” is part of the Shakespeare Hogarth project in which famous authors have transferred the bard’s stories into our modern time in honour of the 400th anniversary of his death. One of the four major tragedies provides the basis for this modern madness: King Lear.

Edward St Aubyn clearly is one of the most gifted authors of our time. He masterly managed to create a gripping story in which the core conflict of Shakespeare’s play can clearly be seen, but which speaks for itself and is a great pleasure to read from the very first to the last page. First of all, the setting. Transferring the king’s household to a media mogul’s family is absolutely adequate for today, it’s not only about power, but much more about the stock market and money. That’s what drives many people nowadays and for which they are willing to sell their own grandmother – or their father as it is here.

Strongest are the characters in the novel. The stubborn old head of the family who cannot be broken by medication and a remote clinic, who develops superhuman survival forces if needed but who finally finds the wisdom of the elderly and can see when in his life he was wrong – that’s one side of the story. Yet, I had a lot more fun with the beastly sisters Abby and Megan, they both are that sly and cunning – it was just a great fun to read (“Oh, God, it was so unfair! That selfish old man was spoiling everything”, Megan complains about her father when she learns that he has fled and her carefully designed plot is about to crumble down). Admittedly, I did not feel too much compassion for their Victim Dr. Bob, who, he himself, also was not the philantropic doctor whom you wish for but much more a turncoat seeking for his own benefit.

A lively family vendetta which completely gets out of control perfectly framed by Edward St Aubyn’s gifted writing. Great dialogues alternate with extraordinary inner monologues – for me so far one of the best works of the Hogarth Shakespeare series.

 

Hogarth Shakespeare – The Story So Far

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In 1917, Virginia and Leonard Woolf founded the Hogarth Press so publish the best new works in literature. In 2012, the project was re-launched with the mission to have Shakespeare’s works retold by acclaimed authors. The following timeline above the project and its current state.

As a lover of the bard’s tragedies and comedies, I was of course curious to read the remakes. After half of the envisaged novels have been published, it is time to draw a first conclusion.

Jeanette Winterson – The Gap of Time

A wonderful novel which sticks quite close to the original plot but succeeds in transferring it to our days. What I admired most in it is the fact that it really shows that Shakespeare’s topics are universal, not only in place but also in time.

Find the complete review here: https://missmesmerized.wordpress.com/2016/10/30/jeanette-winterson-the-gap-of-time/

Howard Jacobson – Shylock Is My Name

I was a bit disappointed by this since I could not really relate to the characters and found most of it a rather confusing.

Find the complete review here (in German): http://miss-mesmerized.blogspot.de/2016/07/howard-jaconson-shylock-is-my-name.html

Anne Tyler – Vinegar Girl

I had so much fun reading this one, it is really hilarious what Anne Tyler made out of Shakespeare’s story.

Find the complete review here (in German): https://missmesmerized.wordpress.com/2016/10/21/anne-tyler-die-stoerrische-braut/

Margaret Atwood – Hag-Seed

My most beloved play, “The Tempest”, in a completely new shape which is in no way inferior to Shakespeare’s play.

Find the complete review here: https://missmesmerized.wordpress.com/2016/10/29/margaret-atwood-hag-seed/

All in all, apart from Jacobson, I loved the novels and admire the writers’ capacity of keeping the ghost of the story but making something new out of it which works in our time. I am looking especially forward to Jo Nesbo on “Macbeth” and Gillian Flynn on “Hamlet” which are to be published in the next years.

For more information, consult the Hogarth Shakespeare page: http://hogarthshakespeare.com/

Margaret Atwood – Hag-Seed

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Margaret Atwood – Hag-Seed

After many years as Artistic Director of the Makeshiweg Theatre Festival, Felix is finally about to have one of Shakespeare’s most famous and magical plays performed: The Tempest. This will be a show like no other before – but fate has another plan for him; or rather Tony, his assistant, who has to deliver the information of Felix being fired by the board, a treachery well played by the second in row. Felix withdraws to some far away place where he not only mourns the loss of his job, but also the loss of his beloved daughter Miranda to whom he still talks as if she were alive. One day, the chance of getting back to work arises: The Fletcher Correctional Centre has set up some correction scheme involving theatre and Felix is to become the new teacher. He makes the prisoners experience Shakespeare in a completely new way and the outcome is stunning. In his fourth year, he selects The Tempest to see it finally on stage – and with the magical play comes his chance of revenge.

Hag-Seed is a novel of the Hogarth series in which authors re-write Shakespeare’s plays and transfer them to our days. Margaret Atwood has chosen quite a clever way of doing so, she integrates Shakespeare’s play into her novel, but that is – of course – not all this wonderful author manages to do: we have the play in the play, and we have characters who themselves incorporate the roles of the play in their fictional lives. Felix is undoubtedly Prospero using all his power to steer the people around him and to manipulate reality. His daughter Miranda, albeit dead, parallels Shakespeare’s Miranda in a very clever way. Sal and Tony, Felix’ enemies in the theatre world, can easily be identified as Antonio and Alonso. And the prisoners act as spirits and goddesses performing for Prospero-Felix. Apart from the characters, there are so many parallels between the drama and the novel, it would go far beyond the scope of this review to name them all.

Finding the parallels and detecting how Margaret Atwood transformed the drama into a modern novel, is great fun, but even more so is reading the dialogues. It is rare to have so much pleasure and entertainment when reading a rather serious plot; Felix’ interaction with the guards is hilarious, his work with the prisoner-students and their questions against the background of their criminal records and experiences in a world far away from elitist theatres, are fascinating. I wonder if the approach Felix’ chooses might not actually be the perfect way to bring Shakespeare’s ghost closer to today’s youth and thus become a model for teachers.

We know how much is hidden in Shakespeare’s plays and I have the impression that there is so much more in Atwood’s novel which I did not see at the first reading. This is definitely a novel worth giving a second read to dig deeper into what she has created. Coming back to the idea of the Hogarth series, I liked Anne Tyler’s version of The Taming of the Shrew a lot, but Hag-Seed is simply a masterpiece.