Jessie Burton – Die Geheimnisse meiner Mutter

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Jessie Burton – Die Geheimnisse meiner Mutter

Rose ist ohne Mutter aufgewachsen, als Kind phantasierte sie sich alle möglichen Szenarien zusammen, wo die sein könnte und weshalb sie ihre Tochter einfach verlassen hat. Auch ihr Vater erzählt nicht über die Zeit Anfang der 80er Jahre, wie es dazu kam, dass die Dinge so gelaufen sind. 34 Jahre später jedoch gibt er Rose zwei Bücher von Constance Holden mit der Info, dass diese ihre Mutter gekannt hatte und die letzte war, die Elise gesehen hat, bevor sie verschwand. Rose merkt schnell, dass es nicht einfach ist an die Autorin heranzukommen, durch einen Trick schleicht sie sich als Assistentin in das Leben der älteren Dame, die nach drei Jahrzehnten zum ersten Mal wieder schreibt. Vielleicht findet sie in diesem neuen Roman Antworten auf die vielen Fragen, die sie sich ihr Leben lang schon gestellt hat.

Jessie Burtons Geschichte schildert nicht nur die Suche nach den unbekannten Wurzeln, sondern auch die Suche nach sich selbst und der Frage, wer man eigentlich ist. Rose ist ganz typisch für ihre Generation, die zwar erwachsen ist und einen Studienabschluss hat, aber auch jenseits der 30 noch suchend durch das eigene Leben irrt und nicht weiß, was sie eigentlich von diesem erwartet: eine Beziehung, ein Kind, berufliche Erfüllung? Alles befindet sich in einem fragilen Zustand, weshalb sie sich umso mehr an die Vergangenheit klammert und hofft, durch das Finden ihrer Mutter auch die Antworten zu bekommen, die sie selbst nicht zu geben vermag.

Auf zwei Zeitebenen erleben wir einerseits die Gegenwart Roses und ihre Annäherung an Constance. Je enger die Verbindung zu der Autorin wird, desto weiter entfernt sie sich jedoch auch von ihrem Freund. Was vorher feine Risse in der Beziehung waren, werden plötzlich unüberwindbare Gräben. Der neue Roman scheint biografische Elemente zu enthalten, doch so richtig bringt auch er Rose in ihrer Suche nicht weiter und offen kann sie Constance nicht mit ihren Anliegen konfrontieren, immerhin hat sie sich unter falscher Identität in ihr Haus eingeschlichen. Ebenso wie viele Jahre später ihre Tochter ist auch die junge Elise ist von der Schriftstellerin fasziniert und bereit, alles für diese aufzugeben. Doch das Ungleichgewicht in ihrer Beziehung wird in der Ferne nicht durch die neuen Erfahrungen kompensiert, sondern nur noch offenkundiger und führt unweigerlich in die Katastrophe.

Erzählerisch überzeugt Jessie Burton, beide Handlungsstränge sind sauber gearbeitet und können jeder für sich durchaus begeistern. Allerdings ist bei mir der Funken nicht ganz übergesprungen. Die Faszination, die Constance Holden auf die beiden Frauen ausübt, hat sich mir nicht im gleichen Maße offenbart. Ich fand sie als jüngere und noch mehr als ältere Frau kalt und abweisend, eigentlich kein Mensch, der andere für sich gewinnt, denn an Zuneigung bietet sie wenig und Interesse scheint sie nur für sich selbst zu haben. Elise verfällt ihr als unbedarftes Mädchen, Rose ist eigentlich schon viel weiter im Leben, macht aber eher den Eindruck einer vielleicht 20-Jährigen, die noch keine Vorstellung davon hat, wo ihre Reise hingehen soll. Zwar hat Rose für sich am Ende den Eindruck deutlich weitergekommen zu sein, ich empfinde sie jedoch ähnlich planlos wie zu Beginn und kann nicht wirklich eine Entwicklung erkennen. Für diese Rückkehr zum Ausgangspunkt waren leider ein paar Schleifen zu viel erforderlich, die Geschichte hätte stringenter erzählt werden dürfen.

Sally Rooney – Gespräche mit Freunden

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Sally Rooney – Gespräche mit Freuden

Mit einundzwanzig liegt die große Welt noch vor einem. So auch vor Frances, Litersturstudentin und angehende Schriftstellerin aus Dublin. Gemeinsam mit ihrer Freundin Bobbi tritt sie bei Poetry Slams auf, sie werden bewundert, bejubelt. Aber das ist nur wegen Bobbi, die sofort jeden verzaubert mit ihrer Schönheit und Offenheit. Neben ihr bleibt Frances blass, denkt sie. Als die Fotografin Melissa ihnen anbietet, ein Porträt über sie zu machen, öffnet sich eine neue Welt für die junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen. Während die Uni in die Sommerpause geht, bewegen sich Bobbi und Frances sich plötzlich in der Welt der im Kunst- und Literaturbetrieb bereits Arrivierten. Scheu bewundert Frances diese Menschen, die sie um ihr Leben beneidet. Zurückhaltend und kühl erscheint sie, um ihre Unsicherheit und Selbstzweifel zu verdecken und doch interessiert man sich für sie, vor allem Nick, Melissas gutaussehender Ehemann, und völlig unvorbereitet wird Frances von ihren Gefühlen überrannt.

Die irische Autorin Sally Rooney gilt als der neue Star am Literaturhimmel, das Feuilleton bejubelt sie und ihr Debutroman war gleich für mehrere Preise nominiert. Man kann nur spekulieren, wie viel von ihrer Protagonistin Frances selbst in ihr steckt, viele Parallelen liegen auf der Hand und eines lässt sich ganz sicher sagen: sie ist eine der stärksten Stimmen ihrer Generation, und das, was sie mit ihrem Debut abliefert, schraubt die Erwartungen an die folgenden Werke hoch.

Einen Sommer und den Anfang des Herbstes begleitet die Geschichte Frances. Auch wenn die weiteren Figuren, Bobbi und vor allem auch das komplizierte Verhältnis von Melissa und Nick, durchaus auch viele interessante Aspekte liefern, so dreht sich doch allen nur um die Gedankenwelt der jungen Studentin. Viele Bücher gibt es, die die Unsicherheit einer jungen Frau, vor allem auch gegenüber älteren und selbstbewussteren Frauen, thematisieren. Rooney gelingt es aber insbesondere Frances‘ Gedankenstrudel einzufangen und dabei den Leser mitzunehmen. Man betrachtet sie nicht nur von außen, das Mädchen, das erst erwachsen werden und lernen muss, ihre Wirkung auf andere richtig einzuschätzen. Viel mehr hat man das Gefühl direkt in ihr zu stecken und die widersprüchlichen Emotionen mit ihr zu durchleben.

Es ist ein besonderer coming-of-age Roman, der insbesondere durch das Milieu ein ganz eigenes Flair entwickelt. Frances‘ Reflektiertheit steht ihr bisweilen im Weg, alles zu analysieren und zu hinterfragen, hält sie bisweilen vom Leben ab und treibt sie in einen gefährlichen Strudel. An dieser Stelle hat mich die junge Autorin ganz besonders überzeugt: ihr ist es gelungen, psychische Ausnahmezustände und auch manifeste Erkrankungen in einer ausgesprochen unaufgeregten Weise in die Handlung einzubauen, so dass diese nicht als Determinante der Figur erscheinen und diese dadurch nicht als bemitleidenswertes Opfer gezeichnet wird. Charakter und Persönlichkeit treten nicht hinter diese zurück, sondern nehmen sie als eine Facette auf.

Es genügen wenige Seiten und man wird von dem Sog, den der Roman entfaltet, mitgezogen. Ihr Stil ist ironisch bis metaphorisch und vor allem sehr reflektiert. Dazu bietet sie neben der Haupthandlung unzählige Themen und Denkanstöße, die die Breite ihres Repertoires nur noch weiter unterstreichen. Zweifelsfrei einer DER Romane 2019.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Seite der Random House Verlagsgruppe.