Sayaka Murata – Earthlings

Sayaka Murata – Earthlings

Natsuki has never really fit in, her mother favours her sister and tells her constantly that she is a nuisance and good for nothing. When her teacher first touches her inappropriately, her mother does not only not believe her but accuses her of falsely allege misconduct. Thus, she keeps quiet, even when she is assaulted. Her way of coping with the situation is getting mentally detached, she has the impression of leaving her body which helps her to cope. Only her cousin Yuu can understand her, just like she herself, he lives in a complicated family and is convinced not to be an earthling since all the people around him behave strangely and don’t understand him. An incident forces this relationship to break up and to isolate Natsuki and Yuu, only after more than two decades will they meet again and their childhood experiences clearly left their marks on them.

“It’s handy having a dumpster in the house. In this house, that’s my role. When Dad and Mom and Kise get so fed up they can’t bear it any longer, they dump everything onto me.”

Reading Sayaka Murata’s novel really brought me to my emotional limits. Even before the actual abuse by her teacher, seeing the dysfunctional family and the mother’s inhuman behaviour towards her daughter is hard to endure. Also her sister who not only does not show any empathy but quite the contrary, actively contributes to Natsuki’s poor state. She is the typical vulnerable child highly at risk of falling prey to molesters. Being beaten by her parents, not experiencing any love or physical attachment, the fact that she is not believed and does not get any help when in need, sadly fits perfectly into the picture.

“Before I knew it, I had turned thirty-four, (…) Even after all the time, I still wasn’t living my life so much as simply surviving.”

It might seem strange that Natsuki as well as Yuu come to believe that they must be aliens and that they increasingly estrange from the humans around them. However, this is just a psychological trick played by their brain to help them to cope and quite understandable. From a psychological point of view, this is extremely authentically narrated.

“It was the out-of-body power. Before I knew what was happening, I had left my body the way I had the day of the summer festival and was watching myself.”

There is no relief when they grow up. The society they live in does not allow individuals to live according to their own conception but expects them to function for the majority’s benefit and not to step out of line. Finding a matching partner first bring Natsuki the possibility of fleeing her family, yet, it was to be expected that their small bubble was not meant to last.

An extremely sad read which definitely is not suitable for everyone. Nevertheless, I’d highly recommend it due to the authentic portray of the effect such experiences can have and to show that quite often victims do not find any help but are even blamed for what happens to them.

Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

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Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Keiko Furukura ist mit sich und ihrem Leben eigentlich im Reinen. Als Studentin hatte sie bereits in einem Konbini, einem 24-Stunden-Supermarkt, angefangen und auch 18 Jahre später arbeitet sie immer noch dort als Aushilfe. Ihr ganzes Leben richtet sich nach dem Takt des Markes, in ihrer Freizeit ruht sie sich aus, um für ihren Einsatz wieder fit zu sein und unzählige Chefs und neue Mitarbeiter hat sie kommen und gehen sehen, sie selbst wurde zum Gesicht ihres Marktes. Als sie Shiraha wiedertrifft, der als Aushilfe ihr Kollege war, wegen seiner zahlreichen Verfehlungen aber nach kurzer Zeit bereits wieder gehen musste, wird dies ihr Leben verändern. Sie nimmt den obdachlosen Mann mit in ihre kleine Wohnung, nicht ahnend, dass sie ihn nicht so einfach wieder loswerden würde und dass ausgerechnet dieser Taugenichts ihren Lebensentwurf ins Wanken bringen würde.

Aus westlicher Sicht mutet vieles in diesem Roman sehr befremdlich an, die Werte und Normen der japanischen Gesellschaft weichen doch sehr stark von den unseren ab und lassen einem mit Verwunderung auf sich manchen Dialog blicken. Dies ist jedoch auch der interessante und spannende Aspekt des Romans, der so einen Einblick in diese fremde Welt ermöglicht und das beleuchtet, was von außen nicht so offensichtlich ist.

Das erste, was einem irritiert, ist Keikos absolute Verbindung mit ihrer Arbeit. Dies kann an sich bei uns genauso vorkommen, doch sie ist nur eine Aushilfe, noch dazu in einem Supermarkt, wofür sie mit ihrem Universitätsabschluss völlig überqualifiziert ist. Dass sie so in dieser Arbeit aufgehen kann, ist nicht einfach nachzuvollziehen und vor allem, dass dies sich auch in einem solchen Maß auf ihr Privatleben ausdehnt, das sie explizit zur Regenerierung für ihre Arbeit gestaltet.

Der zweite verwunderliche Aspekt war für mich die gesellschaftliche Bewertung der Menschen. Es gibt akzeptable Lebensentwürfe, die sich aber für die beiden Geschlechter auch stark unterscheiden, alle anderen werden recht rigoros abgelehnt. Dass Keiko eine Arbeitsstelle hat und mit ihrem Einkommen ihr Leben offenbar problemlos bestreiten kann, ist dennoch wegen ihres Status als Aushilfe nicht hinnehmbar. Wäre sie verheiratet, würde dies wiederum akzeptiert werden. Die Definition über den Job und die Art der Anstellung als Grundlage für das gesellschaftliche Ansehen muten sehr befremdlich und für die heutige Zeit ausgesprochen rückständig an.

Am meisten jedoch hat mich verwundert, wie die eigentlich unabhängige Frau, die ihr Leben im Griff hat und im Reinen mit sich und ihrer Situation ist, so schnell unter dem Einfluss eines Mannes geraten kann, ihre eigenen Bedürfnisse verleugnet und sich ausnutzen lässt. Shiraha ist ein Schmarotzer, anders kann man es wohl kaum ausdrücken, doch sie lässt ihn gewähren, ordnet sich ihm in ihrer eigenen Wohnung unter und befolgt seine Anweisungen. Kurzzeitig scheint man die Motivation – das vorgeblich geregelte Leben an der Seite eines Mannes, was für eine Frau mit Mitte 30 der einzig akzeptable Zustand zu sein scheint – nachvollziehbar, doch sie kann diese Rolle gar nicht ausfüllen und scheitert im Prinzip vom ersten Tag an daran.

Ein insgesamt sehr japanischer Roman, der gesellschaftliche Mechanismen ebenso offenlegt wie den Arbeitsethos, der sich drastisch von unserer Work-Life-Balance Diskussion unterscheidet. Zwar sind die Figuren auch dort weitgehend Außenseiter, dennoch bieten sie ausreichend Projektionsfläche für einen kurzen Blick auf so manche schiefe Entwicklung.