Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

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Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Schon jung hat sie ihre Mutter verloren, die offenbar aufgrund von Depressionen den Freitod wählte. Jahrzehnte lang hat sie sich gefragt, was hinter der Geschichte der eigenen Mutter steckt, doch erst im fortgeschrittenen Alter begibt sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen. Diese Suche nach der Familie und der Vergangenheit hat sie in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ festgehalten.

Entstanden ist eine recht typische Geschichte einer Familie, die einst unter den Zaren zur gebildeten Oberschicht gehörte, sogar recht vermögend war, aber durch den Übergang zum Stalinismus nicht nur an sozialem Rang verlor, sondern einem Leben ausgesetzt war, auf das sie nicht vorbereitet war. Aber umgekehrt gab es in Natascha Wodins Familie auch starke Frauen, die sich den Obrigkeiten widersetzt haben und ihren Weg gingen, die clevere Entscheidungen getroffen haben, die sie im Leben voranbrachten.

Eine Geschichte einer Familie, wie man sie in Europa tausendfach findet. Geprägt von Verlust und Vertreibung, vom Neuanfang in der Fremde, der in jeder Generation aufs Neue begangen werden muss. Auch das Schicksal der Vertriebenen aus dem Osten, die oftmals hinter den jüdischen Opfern zurückstehen und deren Leid kaum Beachtung gefunden hat.

Auch wenn die Geschichte keine wirkliche Spannung hat, bleibt das Hörbuch doch über viele Stunden hinweg fesselnd und interessant. Natascha Wodin ermöglicht sehr persönliche und private Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die auf so manche Randnotiz der Geschichte ein anderes Licht werfen.

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Stephan Orth – Couchsurfing in Russland

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Stephan Orth – Couchsurfing in Russland

Stephan Orth macht sich auf, das östlichste Land Europas per Couchsurfing zu erkunden. Ziel ist nicht das klassische Touristen-Programm Moskau-Sankt Petersburg-Goldener Ring, sondern es sind die normalen Bürger des Landes, bei denen er wohnt und die ihm einen Einblick in ihren Alltag geben. Westliche Großstädte, südliche Provinzen und der ferne Osten – die Wege sind weit und beschwerlich, aber dafür wird er mit interessanten und skurrilen Einblicken belohnt. Wie wohnt es sich auf der annektierten Krim? Was sucht eine Hippie Gemeinde mit eigenem Jesus in der sibirischen Einöde? Kann man sich in Grosny überhaupt sicher fühlen? Fragen über Fragen nimmt er mit auf seine Reise und er findet Antworten, auf diese und auch auf noch ganz andere Fragen.

Das Russlandbild in Deutschland ist geprägt von zwei Dingen: ersten, der großen Weltpolitik, sprich Putin und all das, was man in hiesigen Breitengraden nicht gut findet, und zweitens irgendwelchen negativen Erfahrungen, die mit russischen Einwanderern gemacht wurden. Wenn man einmal selbst in dem Land war, ändert sich der Blick sehr schnell und Stephan Orth schafft es ebenfalls, eine ganz andere Perspektive auf das heutige Russland zu werfen und einiges zurechtzurücken.

Viele der Episoden leben vom lockeren Plauderton des Autors. Die gemachten Erfahrungen sind sicherlich auf seine Persönlichkeit zurückzuführen: weltoffen, wagemutig bis riskant, auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen. So gelingt es ihm auch ganz besondere Menschen zu entdecken, die etwas zu erzählen haben und über die zu lesen nicht nur interessant, sondern auch sehr unterhaltsam ist.

Natürlich lässt sich Politik nicht völlig ausblenden, immer wieder wird sie auch mit den Menschen thematisiert, was halten sie von Putin, wie wird der „einfache Bürger“ dort aber auch hier durch die Medien manipuliert, wie ist das Verhältnis von Russland zu Europa? Die Gastgeber haben unterschiedliche Antworten, manche Ansichten überraschen, andere erlauben einen ganz anderen Blick auf ein vermeintlich klares Thema wie die Krim-Annexion.

Was bleibt hängen am Ende des Buches? Russland ist groß. Viele Teilrepubliken mit ganz unterschiedlichen Bewohnern, die sich kaum ernsthaft unter einem Oberbegriff zusammenfassen lassen. Eine beschwerliche Art der Fortbewegung – auch wenn die Berichte über die Autotouren wirklich köstlich sind. Die russische Seele zu ergründen ist kein einfaches Unterfangen, sie ticken einfach anders als wir.

Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

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Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mit Anfang 30 fragt sich Mitja Vachedin, wer er eigentlich ist. Am besten passt die Metapher der Zahnpasta, die aus drei Schichten besteht, so ist nämlich auch er: eine Schicht russischer Kommunismus der 80er Jahre. Eine Schicht russischer Kapitalismus nach dem Zusammenbruch und dann noch einmal 10 Jahre in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Er lässt sein noch kurzes Leben episodenhaft Revue passieren: Die Kindheit, die aus endlos langen Sommern am See und der Datscha bestanden. Die Jugendjahre im chaotischen Leningrad, das plötzlich St. Petersburg hieß und wo alle versuchten, schnell Geld zu machen. Seine Zeit in Deutschland, zunächst umgeben von unzähligen Russen, die alle im Westen das Glück suchten und dann das Studium, das aber wiederum in ein Nichts führt.

Die Grundidee von Mitja Vachedins Buch ist nicht wirklich neu. Zahlreiche (auch anekdotische) Romane über russische Spätaussiedler sind in den letzten Jahren erschienen, am bekanntesten dürfte wohl Wladimir Kaminer sein, der inzwischen unzählige Bücher veröffentlicht hat, aber auch Alexandra Friedmanns „Besserland“ oder Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ nehmen diese Thematik auf. Was macht Mitja Vachedins Geschichte dann lesenswert?

Für mich waren seine Episoden deutlich nachdenklicher und weniger auf den humorigen Aspekt abzielend als vergleichbare Romane. Auch wenn das Leben in Russland vielerlei Entbehrungen erforderte, dies kommt sehr klar raus, wird es aber nicht als negativ empfunden, auch dort konnte ein Kind oder Jugendlicher Spaß haben und ganz normal wie auch im Westen mit den Freunden die Sommer verbringen und sich ausprobieren. Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht so sehr von den negativen Erlebnissen geprägt, was jedoch auch bei Vachedin zwischen den Zeilen herauskommt, ist der lange Zeit fehlende Kontakt tatsächlich zu Deutschen. Die ausgewanderten Russen oder Russlanddeutschen bleiben weitgehend unter sich und bilden eine ganz eigene Kultur heraus.

Vieles ist heiter und lädt zum Lachen ein ob der Absurdität, an vielen Stellen wird man jedoch auch nachdenklich, vor allem stellte sich für mich die Frage, inwieweit diese zerrissene Identität ursächlich für die wenig zielgerichtete berufliche Planung ist. Ein abgeschlossenes Studium und dann im Supermarkt Regale einräumen?

Mitja Vachedin erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, kein besonderes Leben, das sich von allen anderen abhebt. Und darin liegt seine Stärke: er findet das Interessante im Alltag, die banalen Situationen können entscheidend werden und sind es auch wert, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem gelingt es ihm, Stimmungen und Atmosphären zu transportieren, man kann seinen Figuren nachempfinden, wie es ihnen ergangen ist. Er hat das Buch seiner Familie gewidmet, diese ist das Band, das auch die Episoden zusammenhält und zu einem Ganzen werden lässt.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlags.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

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Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

Graf Alexander Rostov ist nach der Revolution zurückgekehrt ins geliebte Russland, obwohl von dem Land, das er einst kannte, nicht mehr viel übriggeblieben ist. Kaum angekommen wird er verhaftet und verurteilt, jedoch nicht zu Tode wie so viele andere Adlige, sondern zu Hausarrest im Moskauer Hotel Metropol. Dort wird er die nächsten Jahrzehnte verbringen und die Entwicklungen des Landes nahe des politischen Zentrums, aber doch in einer kleinen Enklave, genau beobachten. Mag das Leben sich außerhalb der Hotelmauern noch so sehr weiterentwickeln, Alexander Rostov bleibt der Gentleman, der er immer war. Trotz kommunistischer Herrschaft behält er den Habitus des Grafen und man begegnet ihm entsprechend, auch wenn er die Privilegien der Aristokratie formal schon längst ablegen musste. Neben dem Personal des Hotels sind es vor allem zwei Mädchen, die ihn im Laufe der Zeit begleiten. Zunächst Nina Kulikowa, die mit wachem Verstand und ziemlich einsam den Mikrokosmos und die Welt erkundet. Später deren Tochter Sofia, die Rostov nahezu wie seine eigene Tochter großzieht.

Amor Towles entführt den Leser in eine fremde, längst vergangene Welt. Auch wenn 1922 zu Beginn des Romans das russische Zarenreich längst begraben ist, lebt dies doch in seinem Protagonisten weiter. Alexander Rostov hat alles, was man von einem Adligen seines Standes erwarten würde: sein Habitus, seine Weltgewandtheit, seine Werte – eigentlich ist all dies völlig fehl am Platze im neuen Sowjetreich, aber man kann die Menschen innerhalb weniger Jahre kaum gänzlich umgewöhnen und so begegnen die Figuren Rostov wie sie auch vor der Revolution seiner sozialen Schicht begegneten. In seinen Erinnerungen lebt diese Zeit immer wieder auf und lässt so einen Blick auf das zaristische Sankt Petersburg zu. Jedoch ist es vor allem die stalinistische Herrschaft, die den Rahmen setzt und Rostovs ungewöhnliches Gefängnis manifestiert. Die Gäste tragen die Ereignisse von draußen ins Hotel, am Beispiel der Schauspielerin Anna wird die Not verdeutlicht, mit der man sich entweder anpassen musste oder die Träume von der Karriere ein schnelles Ende fanden. Die große Politik bleibt weitgehend vor den Türen des Hotels, doch immer wieder finden sich Anspielungen und auch offene Worte zum Umgang der Kommunisten mit dem Erbe des Landes.

Besonders sympathisch wird die Handlung jedoch, wann immer auch der Graf sich mit der jungen Nina oder ihrer Tochter Sofia einlässt. Ungewohnt und ungelenk im Umgang mit Kindern behandelt er sie wie Erwachsene und erliegt dem Charme der Mädchen sogleich. Respektvoll erzieht er sie und weckt ihre Neugier auf die Welt, seine eigenen Erfahrungen und Werte kann er völlig ungeplant und doch erfolgreich weitergeben und beide zu starken jungen Frauen heranwachsen lassen. Ebenbürtig diskutieren sie die großen und kleinen Geschehnisse und zeigen so eine Seite an Rostov, die unerwartet aber unheimlich liebenswürdig ist.

Getragen wird der Roman jedoch von einem Erzähler, der es sich nicht nehmen lässt in kleinen Spitzen zu kommentieren oder auch mal den Leser direkt zu adressieren. Ein lebendiger Plauderton lässt die Jahrzehnte wie im Flug vorübregehen und einem beim Lesen immer wieder schmunzeln. Die höfliche, zurückhaltende Art des Gentleman Rostov spiegelt sich im Erzählton wunderbar wieder, überdeckt aber nie völlig den darunter befindlichen scharfen Verstand, der analytisch und mit bemerkenswerter Beobachtungsgabe das Treiben im Hotel erfasst.

Mit „Ein Gentleman in Moskau“ hat Amor Towles einen wundervollen Roman geschaffen, in dem Handlung und Ton stimmig zusammenfinden. Eine Geschichte voller Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, der die wahre Größe eines Mannes mit Werten und einem großen Herzen oft bezaubernd in Worte fasst.

Emmanuel Carrère – Ein russischer Roman

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Emmanuel Carrère – Ein russischer Roman

Vielleicht ist es der Satz „Wenn ich Russisch lernen oder wiedererlernen würde, hätte ich den Schlüssel zu einer entscheidenden Veränderung in der Hand“, der am besten zusammenfasst, worum es in Emmanuel Carrères Buch „Ein russischer Roman“ geht. Er sucht nach seinen russischen Wurzeln, nach der Geschichte des verschollenen Großvaters, der einst aus Georgien fliehen musste, in Deutschland studierte, in Frankreich landete und in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwand. Eine ähnliche Geschichte eines Ungarn lässt den französischen Autor und Filmemacher ins russische Kotelnisch reisen, wo er nach Spuren eines Jahrzehnte lang verschollenen Mannes und nach der Geschichte seiner eigenen Familie forscht. Mit der anderen Sprache, die er einst von seiner Mutter lernte, eröffnet sich ihm auch eine neue Welt und ein neuer Blickwinkel, vor allem auf seine Beziehung zu Sophie, die in einer ganz anderen Welt als er lebt. Carrère, Sohn von Hélène Carrère d’Encausse, Vorsitzender der Académie Française, Autorin, Intellektuelle und Förderin seiner künstlerischen Ader. Sophie, bürgerliches Mädchen mit bescheidenen beruflichen Zielen in einem Schulbuchverlag. Zwei Jahre im Leben eines Mannes, die vieles in Frage stellen und entscheidende Veränderungen bringen.

Schon das Genre des Textes zu bestimmen scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Es gibt keine Handlung, die zu einem Zeitpunkt x beginnt und an Tag y endet. Es gibt auch keinen einen Handlungsort, sondern wir bewegen uns immer wieder zwischen Frankreich und Russland hin und her und reisen auch in diesen Ländern. Und worum es eigentlich geht? Die Familiengeschichte? Die Geschichte des verschollen geglaubten Ungarn? Die Liebesbeziehung zwischen Emmanuel und Sophie? Ein Befreiungsschlag von den bösen Geistern der Vergangenheit, die Emmanuel und Hélène regelmäßig heimsuchen? Die Fragen können nicht abschließend beantwortet werden. Vielleicht fasst eine Art Tagebuch am besten zusammen. Wir haben unterschiedliche Ideen und Gedanken, die den Autor beschäftigen, allerdings gibt es auch Sprünge, die Chronologie wird immer wieder durchbrochen. Auf jeden Fall ist es sehr persönlich und vieles ist in der Tat real und nicht erfunden, von dem er berichtet, wie beispielsweise der öffentliche Brief an seine Partnerin, der wie im Buch geschildert am 22. Juli 2002 in der Zeitung „Le Monde“ veröffentlicht wurde.

Definitorische Annäherung: der Larousse definiert den „Roman“ – immerhin im Titel des Wers genannt:

„un récit en prose d’une certaine longueur, dont l’intérêt est dans la narration d’aventures, l’étude de mœurs ou de caractères, l’analyse de sentiments ou de passions, la représentation du réel ou de diverses données objectives et subjectives.“

Prosatext von einer gewissen Länge – check. Erzählung eines Abenteuers – check. Studie der Sitten/Bräuche oder eines Charakters – check. Analyse von Gefühlen und Leidenschaften – check. Darstellung der Realität auf subjektive oder objektive Weise – check. Es ist wohl doch ein Roman, vielleicht sogar ein russischer, auf jeden Fall ein lesenswerter. Ich fand viele der angerissenen Themen für sich alleine spannend und hätte sich auch gerne stringenter verfolgt, aber gerade dieses Puzzlehafte, die Sprünge, zeichnen diesen Roman aus, in dem Carrère vieles verarbeitet und uns als Leser teilhaben lässt.

Martin Cruz Smith – Gorki Park

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Martin Cruz Smith – Gorki Park

Im Moskauer Gorki Park werden 1980 drei Leichen gefunden. Zwei Männer und eine Frau wurden erschossen, aber niemand hatte etwas gehört und vermisst wurden sie ebenfalls nicht. Arkadi Renko muss den Fall übernehmen, da sie schnell herausstellt, dass auch ein Ausländer unter den Opfern ist, erwartete er, dass der KGB recht schnell übernimmt. Dieser mischt sich zwar immer wieder in die Ermittlungen ein, zieht sie aber nicht an sich. Je mehr Renko herausfindet, desto mehr gerät auch er in Gefahr. Offenbar spielen zwei in der Sowjetunion bekannte Amerikaner eine nicht unwesentliche Rolle, aber auch der russische Polizeiapparat scheint nicht wirklich an einer restlosen Aufklärung interessiert zu sein.

Man fühlt sich inzwischen weit in die Vergangenheit versetzt, wenn man Martin Cruz Smith Roman liest. Die Ermittlungen werden weitgehen ohne technische Unterstützung geführt, lediglich Fingerabdrücke und Haaranalysen werden vorgenommen und die Rekonstruktion eines Gesichts wird schon zur höchsten Kunst erkoren. Schmunzeln musste ich auch, als der Protagonist zum Telegrafenamt fährt, um die Telefonzellen rund um die Wohnung einer Verdächtigen abhören zu lassen, denn über einen eigenen Telefonapparat verfügte sie noch nicht. In vielerlei Hinsicht ist der Roman ein Zeichen seiner Zeit, vor allem natürlich des Kalten Krieges und der Geheimdienste der beiden Großmächte.

Die Handlung selbst verstrickt typische Elemente der Sowjetzeit, insbesondere die Not der Menschen und ihr kreativer Umgang mit dieser mit wirtschaftlichen und politischen Interessen einzelner. So entwickelt sich der Fall von einem durchaus schon spektakulären Dreifachmord in eine internationale Verschwörung. Der Protagonist wird nicht nur durch seine Ermittlungstätigkeit charakterisiert, sondern auch durch sein Privatleben, das zwar nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber durchaus zeigt, wie fragil Partnerschaften sein konnten, wenn sich Chancen zum Aufstieg boten.

Interessant in diesem Fall auch das Nachwort. Bekannter als das Buch dürfte die Verfilmung sein, die ich zwar nicht gelesen habe, aber nachdem ich neulich die Drehorte in Finnland besuchte, Anlass zum Lesen des Buchs waren. Offenbar hat man das letzte Drittel modifiziert, um das Ansehen und die Verstrickung der amerikanischen Geheimdienste in einem anderen Licht erscheinen zu lassen als dies im Buch der Fall ist. Offenbar war dies 1983 etwas zu heikel, was das Buch aber umso interessanter macht.

Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

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Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

Die Kindheit und Jugend in der sowjetischen Provinz. Nastja hat es nicht leicht, mit Mutter und Großmutter wohnt sie in einer Holzhütte ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo im Garten. Die Zeit im Kindergarten dient der Abhärtung gegenüber den anderen Kindern, die hemmungslos mobben und prügeln und gegenüber den Erwachsenen, die ebenfalls nicht Halt machen vor dem, was man heute Misshandlung, Missbrauch und Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen nennen würde. Viel zu schnell werden die Kinder zu Jugendlichen und dort setzt sich der Prozess fort: der Kontakt zum anderen Geschlecht beginnt nicht mit der ersten zarten Liebe, sondern mit Exhibitionisten, Vergewaltigungen und Prostitution. Aber warum aufregen, so ist das Leben nun einmal. Schwangerschaftsabbrüche im Teenageralter sind ebenso normal wie zu viel Alkohol und das geschickte Ausnutzen der Schlupflöcher der Sowjetunion.

Anna Galkina hat einen bisweilen was poetischen, immer aber eingängigen, zwischen Ironie und Humor changierenden Erzählton, der sehr oft zu verniedlichen droht, was unter Betrachtung bei Tageslicht eine furchtbar brutale Realität ist. Ihre Schilderungen der Kindheits- und Jugenderfahrungen der jungen Protagonistin sind durchaus amüsant, doch immer wieder bleibt einem das Schmunzeln im Hals stecken, wenn einem bewusst wird, dass niemand solche Erfahrungen machen sollte. Es wird nicht analysiert, nicht kommentiert, lediglich berichtet mit einem eher naiv beobachtenden Ton, der es dem Leser überlässt, die Situation einzuordnen. Man mag es sich kaum vorstellen, sicherlich sind die einzelnen Episoden alle glaubwürdig und möglich, ob sie einer einzelnen Person in dieser Häufung widerfahren, ist eine andere Frage.

Ein Blick in das Russland der 80er Jahre, eine Welt, die es so nicht mehr gibt, die aber mindestens eine Generation von heute Erwachsenen geprägt und gezeichnet hat. Man erwartete offenbar nicht viel vom Leben, das folgende Jahrzehnt war weitaus hoffnungsvoller. Doch wo steht das Land heute? Die Autorin hat ihre Heimat verlassen, wie viele andere mit ihr. Doch kann man solche Geschichten wirklich hinter sich lassen? Und wie geht man mit dieser Vergangenheit bei einer aussichtslosen Zukunft um?

Alexandra Friedmann – Besserland

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Alexandra Friedmann – Besserland

Das Leben gegen Ende der 80er Jahre ist nicht leicht in Weißrussland. Trotzdem schlägt sich die Familie der kleinen Alexandra tapfer durch. Mit List wissen Vater und Mutter die Lücken des Sowjetsystems für sich zu nutzen und schaffen sich so ein ganz ordentliches Leben. Dann aber hören sie immer mehr Geschichten vom Westen, wie gut es den Menschen da geht und schließlich entsteht der Entschluss, die UdSSR zu verlassen. Amerika ist das Ziel, doch die Reise ist voller Tücken und in Österreich gestrandet wird plötzlich Deutschland – oder eher noch die Vorstellung von „Besserland“ – zum Ziel. Die Ankunft überfordert ihre Sinne, doch das neue Leben hält auch neue Herausforderungen für die Familie bereit. Ein gesunder Pragmatismus und ein ordentlicher Schuss Cleverness erleichtern das Leben in der neuen Heimat.

Alexandra Friedmann schildert vieles aus der Sicht der kleinen Alexandra, was einen naiv verklärten und zum Schmunzeln anregenden Blick erlaubt. Viele Situationen sind schier komisch, auch wenn sie in der Realität haarsträubend gewesen sein müssen. Mit treffsicheren Formulierungen gelingt ihr der schmale Grat zwischen augenzwinkerndem Verständnis und nicht tolerierbarem Verhalten. Unterhaltsam schildert sie den schwierigen und gefährlichen Weg ins gelobte Land, in dem dann doch nicht Milch und Honig fließen – auch wenn Nutella eine sensationelle Erfindung zu sein scheint. Man muss die Familienmitglieder einfach lieb haben und entwickelt vielleicht eine andere Sicht auf die Lage von russischen Emigranten. Aus leitender Position mit ordentlichem Diplom hier zur Putzfrau degradiert, das Häuschen für ein Bett in einer Turnhalle hinter sich lassen, eine fremde Sprache, die jede Kommunikation verhindert – kein leichtes Unterfangen. Zwischen den Zeilen lesen sich auch die Zweifel und Verzweiflung und ganz tiefgreifende Frage wie diejenige, welches die Muttersprache des Kindes sein wird und wie wichtig es ist, dass es beide Sprachen beherrscht.

Unterhaltsam, informativ und mit dem ironischen Titel keinesfalls verklärend oder anklagend – ein gelungener Blick auf die Sicht der Einwanderer.